Compensation for unlawful delay in criminal proceedings

BGH 4 StR 391/14Bgh / Criminal Chamber 412.02.2015Modified

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The BGH upheld the conviction of aiding robbery but found that the revision proceedings were unlawfully delayed after the original files were lost and the case was only reconstructed much later. For this state-caused delay of about 18 months, the court granted compensation by deeming three months of the one-year prison sentence served. No further sentence reduction was required because the sentence was relatively mild and suspended. The defendant had to bear the costs of the remedy.

Omnilex-Regeste

Art. 6 Abs. 1 Satz 1 EMRK; compensation for excessive delay in criminal proceedings; the compensation is not to be equated with the duration of the delay, but is to be assessed according to the circumstances of the individual case as a comparatively small fraction of the punishment. If, after conviction, the file is lost and the appellate proceedings are thereby delayed for a considerable period, the delay must be taken into account ex officio on the factual appeal. The court may itself determine the compensation by analogy to § 354 Abs. 1a sentence 2 StPO; a further mitigation of the sentence is not required if the compensation sufficiently offsets the violation (consid. 3-5).

Gesamter Gesetzestext

BGH — 4 StR 391/14, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2015-02-12

Aktenzeichen: 4 StR 391/14

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: Art 6 Abs 1 S 1 MRK

Vorinstanz: vorgehend LG Bochum, 26. November 2012, Az: 8 KLs 16/12

Spruchkörper: 4. Strafsenat

Titelzeile

Rechtsstaatswidrige Verzögerung eines Strafverfahrens: Bemessung der Kompensation

Tenor

  1. Die Revision des Angeklagten gegen das Urteil des Landgerichts Bochum vom 26. November 2012 wird mit der Maßgabe als unbegründet verworfen, dass von der verhängten Freiheitsstrafe drei Monate als vollstreckt gelten.

  2. Der Beschwerdeführer hat die Kosten des Rechtsmittels zu tragen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den Angeklagten mit Urteil vom 26. November 2012 wegen Beihilfe zum Raub zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt und die Vollstreckung der Strafe zur Bewährung ausgesetzt.

2 Die Revision, mit der der Angeklagte allgemein die Verletzung materiellen Rechts rügt, erzielt lediglich wegen einer nach Erlass des angefochtenen Urteils eingetretenen Verfahrensverzögerung einen Teilerfolg; im Übrigen ist sie unbegründet im Sinne des § 349 Abs. 2 StPO.

3 1. Das Verfahren ist nach Erlass des angefochtenen Urteils unter Verstoß gegen Art. 6 Abs. 1 Satz 1 MRK zunächst dadurch in rechtsstaatswidriger Weise verzögert worden, dass die Originalakten seit dem 22. März 2013 in Verlust geraten sind und erst im Juni/Juli 2014 teilweise rekonstruiert werden konnten, nachdem der Verteidiger sich nach dem Stand des Revisionsverfahrens erkundigt hatte. Nach Begründung der Revision durch den Verteidiger mit Schriftsatz vom 4. Februar 2013 hätten die Akten dem Generalbundesanwalt bei ordnungsgemäßem Verfahrensgang alsbald danach vorgelegt werden müssen. Tatsächlich sind die Akten dort erst am 25. August 2014 eingegangen. Nachdem auf Veranlassung des Generalbundesanwalts weitere, für die Durchführung des Revisionsverfahrens notwendige Unterlagen beim Landgericht und bei der Staatsanwaltschaft beschafft worden waren, konnten die Akten dem Bundesgerichtshof schließlich am 4. Dezember 2014 vorgelegt werden. Dadurch hat sich nach Ablauf der Revisionsbegründungsfrist insgesamt eine Verzögerung von etwa eineinhalb Jahren ergeben, die auf die Sachrüge hin von Amts wegen zu berücksichtigen ist (st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 16. Juni 2009 - 3 StR 173/09, BGHR StGB § 46 Abs. 2 Verfahrensverzögerung 20 mwN).

4 2. a) Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs ist die Kompensation nicht mit dem Umfang der Verzögerung gleichzusetzen, sondern hat nach den Umständen des Einzelfalles grundsätzlich einen eher geringen Bruchteil der Strafe zu betragen (vgl. nur Senatsbeschluss vom 7. Juni 2011 - 4 StR 643/10, BGHR MRK Art. 6 Abs. 1 Satz 1 Verfahrensverzögerung 41 mwN). In Übereinstimmung mit dem Antrag des Generalbundesanwalts in seiner Zuschrift vom 16. Januar 2015 erscheint dem Senat im vorliegenden Fall eine Kompensation von drei Monaten angesichts der insgesamt eingetretenen Verzögerung von etwa eineinhalb Jahren als angemessen. Diese Kompensation kann der Senat in entsprechender Anwendung von § 354 Abs. 1a Satz 2 StPO selbst aussprechen (BGH, Beschluss vom 6. März 2008 - 3 StR 376/07, NStZ-RR 2008, 208, 209; Beschluss vom 3. November 2011 - 2 StR 302/11, NStZ 2012, 320, 321).

5 b) Eine neben die Kompensation wegen rechtsstaatswidriger Verfahrensverzögerung tretende Berücksichtigung der seit Tatbegehung vergangenen Zeit bei der Strafzumessung und infolgedessen die Aufhebung des Strafausspruchs ist mit Blick auf die verhängte Freiheitsstrafe von einem Jahr und die getroffene Bewährungsentscheidung nicht geboten, zumal sich der Angeklagte, soweit aus den teilrekonstruierten Sachakten ersichtlich, nicht in Untersuchungshaft befand.

Sost-Scheible Roggenbuck Franke

Mutzbauer Quentin

Schlagwörter

criminal appealdelaycompensationfile losssuspended sentencecosts

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the criminal proceedings suffered an unreasonable delay in violation of Art. 6(1) ECHR after the judgment below

Extrahierter Entscheid

Yes. The missing original files and the late reconstruction caused a delay of about one and a half years attributable to the state.

Extrahierte Begründung

After the revision was filed, the case file should have been forwarded promptly, but the originals were lost and only partly reconstructed much later, so the delay had to be considered ex officio.

Kernrechtsfrage

What compensation is appropriate for the unlawful delay

Extrahierter Entscheid

Three months of the prison sentence are deemed served.

Extrahierte Begründung

Compensation is not tied mechanically to the length of delay but should usually be a smaller fraction of the sentence; three months was deemed appropriate for an overall delay of about 18 months.

Kernrechtsfrage

Whether the sentence itself had to be set aside because of the delay and lapse of time since the offense

Extrahierter Entscheid

No. Additional mitigation of the sentence was not required and the sentencing disposition remained in place apart from the compensation.

Extrahierte Begründung

Given the one-year suspended sentence and the absence of pre-trial detention, a further adjustment of the sentence was not necessary.

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