Improper adverse inference from defendant’s initial silence

BGH 3 StR 196/14Bgh / III. Strafkammer28.05.2014Annulled

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The Federal Court of Justice allowed the defendant’s revision against a Düsseldorf Regional Court judgment convicting him of aggravated robbery and dangerous bodily harm. The trial court had considered it decisive that the defendant raised his alibi only late in the proceedings and used this to question his credibility. The BGH held that this was impermissible: no adverse inference may be drawn from an accused’s initial silence or late statement. Because the trial court had expressly given this factor decisive weight, the conviction could not stand. The judgment, including the findings, was set aside and the case remanded to a different criminal chamber, with costs reserved.

Omnilex-Regeste

§ 136 Abs. 1 S. 2, § 243 Abs. 5 S. 1 StPO; § 261 StPO; no adverse inference from an accused’s initial silence. The accused’s freedom to decide whether to make a statement excludes any evaluation of the reasons for remaining silent and any conclusion detrimental to the defense from the mere fact of silence, whether continuing or initial. Only a partial silence within an otherwise substantive statement may, in principle, be subject to evidentiary assessment. If the trial court gives decisive weight to the timing of the first statement, the error may taint the conviction and require reversal if a different assessment of guilt cannot be excluded (consid. 2-3).

Gesamter Gesetzestext

BGH — 3 StR 196/14, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2014-05-28

Aktenzeichen: 3 StR 196/14

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 136 Abs 1 S 2 StPO, § 243 Abs 5 S 1 StPO, § 261 StPO

Vorinstanz: vorgehend LG Düsseldorf, 20. Dezember 2013, Az: 3 KLs 18/13

Spruchkörper: 3. Strafsenat

Titelzeile

Strafverfahren: Würdigung eines anfänglichen Schweigens eines Angeklagten

Tenor

Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Düsseldorf vom 20. Dezember 2013 mit den Feststellungen aufgehoben.

Die Sache wird zu neuer Verhandlung und Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsmittels, an eine andere Strafkammer des Landgerichts zurückverwiesen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den Angeklagten wegen schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung zu der Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Die auf die Rüge der Verletzung materiellen Rechts gestützte Revision des Angeklagten hat Erfolg. Das angefochtene Urteil kann keinen Bestand haben, weil sich die Beweiswürdigung als rechtsfehlerhaft erweist.

2 Bei der Würdigung der Einlassung des für die Tatzeit am 1. März 2012 ein Alibi geltend machenden Angeklagten war für die Kammer "von entscheidender Bedeutung", dass er dieses erst zu einem sehr späten Zeitpunkt im Verfahren vorbrachte, was nicht nachvollziehbar sei. Damit hat das Landgericht in unzulässiger Weise aus dem anfänglichen Schweigen des Angeklagten für diesen nachteilige Schlüsse gezogen. Diesem steht es frei, ob er sich zur Sache einlässt (§ 136 Abs. 1 Satz 2, § 243 Abs. 5 Satz 1 StPO). Der unbefangene Gebrauch dieses Schweigerechts wäre nicht gewährleistet, wenn der Angeklagte die Prüfung und Bewertung der Gründe für sein Aussageverhalten befürchten müsste. Deshalb dürfen weder aus der durchgehenden noch aus der anfänglichen Aussageverweigerung nachteilige Schlüsse gezogen werden (st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 26. Oktober 1965 - 5 StR 515/65, BGHSt 20, 281, 282 ff.; Beschluss vom 7. Dezember 1983 - 3 StR 484/83, StV 1984, 143).

3 Da dem Urteil entnommen werden kann, dass der Angeklagte erstmals in der Hauptverhandlung überhaupt Angaben machte, liegt auch kein Fall eines - der Würdigung grundsätzlich zugänglichen (vgl. BGH, Urteil vom 11. Januar 2005 - 1 StR 478/04, NStZ-RR 2005, 147, 148) - teilweisen Schweigens vor, so dass der dargelegte Rechtsfehler auf die Sachrüge hin zu beachten ist (vgl. BGH, Beschluss vom 17. Juli 1996 - 3 StR 248/96, NStZ 1997, 147). Auf diesem beruht das Urteil auch. Da die Kammer dem prozessualen Verhalten des Angeklagten ausdrücklich entscheidende Bedeutung beigemessen hat, kann der Senat nicht ausschließen, dass das Landgericht zu einer anderen Überzeugung bezüglich der Täterschaft des Angeklagten gelangt wäre, wenn es dessen Einlassung rechtsfehlerfrei gewürdigt hätte.

Becker Pfister Hubert

Mayer Gericke

Schlagwörter

right to silenceadverse inferencecredibility assessmentalibicriminal appealevidentiary reasoning

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether adverse inferences may be drawn from an accused’s initial silence or late first statement.

Extrahierter Entscheid

No. The trial court improperly treated the defendant’s late disclosure as decisive and thereby drew prohibited adverse conclusions from his silence.

Extrahierte Begründung

An accused is free to decide whether to make a statement. The protected right to remain silent would be undermined if the court could evaluate the reasons for not speaking earlier and use the silence against the accused. No partially silent statement was present; the defendant had only made statements for the first time at trial.

Kernrechtsfrage

Whether the conviction could stand despite the evidentiary error.

Extrahierter Entscheid

No. The error in evaluating the defendant’s silence affected the judgment because the trial court expressly gave the procedural conduct decisive weight and a different factual finding on guilt could not be excluded.

Extrahierte Begründung

Because the chamber attached decisive significance to the defendant’s procedural behavior, the appellate court could not rule out that a legally proper assessment would have led to a different view of authorship.

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