Appeal value includes ancillary claims that became principal claims

BGH VIII ZB 62/10Bgh / Civil Chamber 811.01.2011Granted

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The plaintiff appealed against the dismissal of his civil appeal as inadmissible. The Regional Court had held that the value of the subject matter did not reach EUR 600. The Federal Court of Justice held that, for the appeal value, ancillary claims must be counted where they have become principal claims in the appeal because the corresponding main claim is no longer disputed. The remaining principal claim plus the relevant portion of pre-litigation lawyer's fees exceeded the threshold, so the appeal was admissible. The challenged order was set aside and the matter remitted to the Regional Court.

Omnilex-Regeste

§ 4 Abs. 1 ZPO, § 511 Abs. 2 Nr. 1 ZPO; appeal value and ancillary claims that have become principal claims: Claims originally pleaded as ancillary are to be included in determining the value of the subject matter of the appeal if, in the appellate proceedings, the main claim to which they relate is no longer pending. In that event, the ancillary claims have detached from the main claim and are to be valued independently. Pre-litigation attorney's fees may therefore increase the appeal value to the extent they relate to the portion of the main claim still or previously adjudicated in the proceedings. A refusal to admit an appeal on an incorrect calculation of the threshold unjustifiably impairs access to the appellate instance and violates effective legal protection (consid. 3-6).

Gesamter Gesetzestext

BGH — VIII ZB 62/10, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2011-01-11

Aktenzeichen: VIII ZB 62/10

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 4 Abs 1 ZPO, § 511 Abs 2 Nr 1 ZPO, § 522 Abs 1 S 4 ZPO, § 574 Abs 1 S 1 Nr 1 ZPO, Art 2 Abs 1 GG, Art 19 Abs 4 GG

Vorinstanz: vorgehend LG Frankfurt, 15. Juli 2010, Az: 2-17 S 48/10, Beschlussvorgehend AG Bad Homburg, 25. März 2010, Az: 2 C 1258/09 (18)

Spruchkörper: 8. Zivilsenat

Titelzeile

Bemessung der Rechtsmittelbeschwer: Berücksichtigung der mit der Berufung weiterverfolgten Nebenforderungen und Zulässigkeit der Rechtsbeschwerde wegen fehlerhafter Berechnung der Wertgrenze

Tenor

Auf die Rechtsbeschwerde des Klägers wird der Beschluss der 17. Zivilkammer des Landgerichts Frankfurt am Main vom 15. Juli 2010 aufgehoben.

Die Sache wird zur erneuten Entscheidung, auch über die Kosten des Rechtsbeschwerdeverfahrens, an das Berufungsgericht zurückverwiesen.

Beschwerdewert: bis 900 Euro.

Gründe

I.

1 Der Kläger nimmt den Beklagten im Rahmen einer mietrechtlichen Auseinandersetzung auf Zahlung von 1.580 Euro nebst Zinsen sowie Erstattung vorprozessualer Anwaltskosten in Höhe von 229,55 Euro in Anspruch. Nachdem gegen den Beklagten ein Teilanerkenntnisurteil über 308,31 Euro ergangen ist, hat das Amtsgericht den Beklagten im Schlussurteil zur Zahlung weiterer 749,86 Euro nebst Zinsen verurteilt; im Übrigen hat das Amtsgericht die Klage abgewiesen. Der Kläger hat Berufung eingelegt, mit der er den abgewiesenen Teil der Hauptforderung (521,83 Euro nebst Zinsen), Zinsen auf den nicht mehr streitgegenständlichen Teil der Hauptforderung (18,42 Euro) und die vorgerichtlichen Anwaltskosten (229,55 Euro) weiterverfolgt. Das Landgericht hat die Berufung mit der Begründung als unzulässig verworfen, dass sie die Wertgrenze des § 511 Abs. 2 Nr. 1 ZPO nicht erreiche. Dagegen wendet sich der Kläger mit der Rechtsbeschwerde.

II.

2 Das Rechtsmittel ist zulässig und begründet.

3 1. Die Rechtsbeschwerde ist statthaft (§ 574 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, § 522 Abs. 1 Satz 4 ZPO) und zulässig, weil die Sicherung einer einheitlichen Rechtsprechung eine Entscheidung des Rechtsbeschwerdegerichts erfordert (§ 574 Abs. 2 Nr. 2 ZPO). Die Annahme des Berufungsgerichts, die Berufung sei im Hinblick auf die Wertgrenze des § 511 Abs. 2 Nr. 1 ZPO unzulässig, verletzt den Kläger in seinem aus dem Rechtsstaatsprinzip abzuleitenden Verfahrensgrundrecht auf Gewährung wirkungsvollen Rechtsschutzes. Dieses Verfahrensgrundrecht verbietet es den Gerichten, den Parteien den Zugang zu einer in der Verfahrensordnung eingeräumten Instanz in unzumutbarer, aus Sachgründen nicht zu rechtfertigender Weise zu erschweren (st. Rspr.; vgl. BGH, Beschluss vom 4. Juli 2002 - V ZB 16/02, BGHZ 151, 221, 227 mwN).

4 2. Die Rechtsbeschwerde hat auch in der Sache Erfolg. Die Berufung der Beklagten kann nicht mit der vom Berufungsgericht gegebenen Begründung als unzulässig verworfen werden. Entgegen der Auffassung des Berufungsgerichts übersteigt der Wert des Beschwerdegegenstandes der Berufung die Wertgrenze von 600 Euro (§ 511 Abs. 2 Nr. 1 ZPO).

5 a) Das Berufungsgericht hat verkannt, dass mit der Berufung weiterverfolgte Nebenforderungen im Sinne von § 4 Abs. 1 ZPO bei der Rechtsmittelbeschwer zu berücksichtigen sind, soweit sie Hauptforderungen geworden sind; das ist der Fall, wenn und soweit der Hauptanspruch, auf den sich die Nebenforderungen beziehen, nicht mehr Gegenstand des Rechtsstreits ist. Danach sind im vorliegenden Fall die mit der Berufung weiterverfolgten vorprozessualen Rechtsanwaltskosten (teilweise) und die gesondert geltend gemachten Zinsen auf den nicht mehr streitgegenständlichen Teil der Hauptforderung werterhöhend zu berücksichtigen (vgl. Senatsbeschluss vom 21. September 2010 - VIII ZB 39/09, juris Rn. 4 mwN zu vorprozessualen Anwaltskosten).

6 b) Von der ursprünglich geltend gemachten Hauptforderung ist Gegenstand des Berufungsverfahrens nur noch der nicht zugesprochene Teilbetrag in Höhe von 521,83 Euro. Die ursprünglich insgesamt als Nebenforderung geltend gemachten vorprozessualen Anwaltskosten in Höhe von 229,55 Euro, die sich auf den Gegenstandswert der ursprünglichen Hauptforderung beziehen, haben sich in der Berufungsinstanz, soweit sie den durch die erstinstanzlichen Urteile zugesprochenen Teil der Klageforderung (insgesamt 1.058,17 Euro) betreffen, als Hauptforderung verselbständigt (vgl. Senatsbeschluss vom 21. September 2010 - VIII ZB 39/09, aaO). Daraus ergibt sich, dass sich der Wert des Beschwerdegegenstandes - über die in die Berufungsinstanz gelangte restliche Hauptforderung von 521,83 Euro hinaus - durch die anteiligen vorprozessualen Rechtsanwaltskosten, die auf den in erster Instanz zugesprochenen Teil der ursprünglichen Hauptforderung entfallen, jedenfalls auf mehr als 600 Euro erhöht. Mithin ist die Berufung zulässig (§ 511 Abs. 2 Nr. 1 ZPO), ohne dass es noch auf die darüber hinaus gesondert geltend gemachten Zinsen in Höhe von 18,42 Euro ankommt.

Ball Dr. Frellesen Dr. Milger

Dr. Fetzer Dr. Bünger

Schlagwörter

appeal valueancillary claimslawyer's feesadmissibilitylegal protectionremittal

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the value of the appellate subject matter exceeded EUR 600 under § 511(2) No. 1 ZPO.

Extrahierter Entscheid

Yes. The appellate value exceeded the threshold once the relevant ancillary claims were taken into account.

Extrahierte Begründung

The appellate court wrongly ignored ancillary claims that had become principal claims in the appeal because the underlying main claim was no longer part of the dispute. The remaining principal amount plus the relevant portion of pre-litigation lawyer's fees exceeded EUR 600.

Kernrechtsfrage

Whether pre-litigation lawyer's fees and interest on a no-longer-contested part of the claim count toward the appeal value.

Extrahierter Entscheid

Yes, insofar as ancillary claims have become principal claims because the related main claim is no longer in dispute.

Extrahierte Begründung

Claims originally asserted as ancillary are to be included in the value of the subject matter when they have detached from the main claim in the appellate proceedings; this applied to the lawyer's fees and the interest claimed on the no-longer-controversial part of the principal claim.

Kernrechtsfrage

Whether the dismissal of the appeal as inadmissible could stand.

Extrahierter Entscheid

No. The dismissal infringed the right to effective legal protection because access to the appellate instance was made unreasonably difficult.

Extrahierte Begründung

A court may not deny access to an available remedy in a manner not justified by objective reasons. Since the threshold was in fact reached, the appeal was admissible.

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