Repeated inpatient addiction treatment order impermissible after cumulative sentencing

BGH 3 StR 406/10Bgh / III. Strafkammer25.11.2010Partially Granted

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The Federal Court partially upheld the defendant’s revision against the Wuppertal Regional Court. The conviction for importing narcotics in a non-negligible quantity and the prison sentence remained intact. However, the court held that a renewed order of inpatient addiction treatment was impermissible because the new offense had been committed before the earlier measure-ordering judgment; in such a situation, subsequent cumulative sentencing rules prevail over Section 67f StGB. The related pre-execution order also fell away. The defendant had to bear the costs of the appeal.

Omnilex-Regeste

§ 64 StGB, § 67f StGB, § 55 Abs. 2 StGB; repeated order of inpatient addiction treatment after prior measure in earlier proceedings and subsequent cumulative sentencing. If the new offense was committed before the earlier judgment ordering the measure, a fresh order of inpatient addiction treatment is not permissible where the earlier measure has already been maintained under § 55 Abs. 2 StGB; the principles of subsequent cumulative sentencing take precedence over § 67f StGB (consid. 3). The statutory conditions for the measure may still exist, but they justify only maintenance of the existing order, not a second, additional measure order. Consequential orders on pre-execution of the sentence fall away if they become devoid of practical significance (consid. 5).

Gesamter Gesetzestext

BGH — 3 StR 406/10, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2010-11-25

Aktenzeichen: 3 StR 406/10

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 55 Abs 2 StGB, § 64 StGB, § 67f StGB

Vorinstanz: vorgehend LG Wuppertal, 14. Dezember 2009, Az: 30 KLs 36/09, Urteilvorgehend LG Wuppertal, 14. August 2009, Az: 30 KLs 36/09, Urteil

Spruchkörper: 3. Strafsenat

Titelzeile

Strafverfahren: Mehrfache Anordnung der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt

Tenor

  1. Auf die Revision des Angeklagten wird das Urteil des Landgerichts Wuppertal vom 14. Dezember 2009 im Maßregelausspruch dahin geändert, dass lediglich die im Urteil des Landgerichts Wuppertal vom 14. August 2009 angeordnete Unterbringung in einer Entziehungsanstalt aufrechterhalten wird sowie die erneute Anordnung dieser Maßregel und der im Hinblick darauf angeordnete Vorwegvollzug eines Teils der Gesamtfreiheitsstrafe entfallen.

  2. Die weitergehende Revision wird verworfen.

  3. Der Beschwerdeführer hat die Kosten seines Rechtsmittels zu tragen.

Gründe

1 Das Landgericht hat den Angeklagten wegen Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge unter Einbeziehung mehrerer Freiheitsstrafen aus anderen Urteilen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und sechs Monaten verurteilt, die in einer Vorverurteilung angeordnete Unterbringung in einer Entziehungsanstalt aufrechterhalten, die Maßregel nach § 64 StGB erneut angeordnet und einen Vorwegvollzug der Freiheitsstrafe von drei Monaten festgesetzt. Die hiergegen gerichtete, auf sachlichrechtliche Beanstandungen gestützte Revision des Angeklagten hat den aus der Entscheidungsformel ersichtlichen Teilerfolg.

2 Während die Nachprüfung des Urteils zum Schuld- und Strafausspruch keinen Rechtsfehler zum Nachteil des Angeklagten erbracht hat, hält die (erneute) Maßregelanordnung nach § 64 StGB rechtlicher Überprüfung nicht stand.

3 Das Landgericht hat rechtsfehlerfrei festgestellt, dass bei dem Angeklagten die Voraussetzungen der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt auch zum Zeitpunkt seiner Entscheidung noch vorliegen. Es hat deshalb zutreffend die im Urteil des Landgerichts Wuppertal vom 14. August 2009 angeordnete und im Urteil des Landgerichts Düsseldorf nach § 55 Abs. 2 StGB aufrechterhaltene Maßregel erneut aufrechterhalten. Für eine zusätzliche Anordnung der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt bestand indes kein Raum, weil die jetzt abgeurteilte Tat vor der früheren, die Maßregel anordnenden Verurteilung des Angeklagten begangen wurde. In diesem Fall haben die Grundsätze der nachträglichen Gesamtstrafenbildung Vorrang vor der Regelung des § 67f StGB (st. Rspr.; BGH, Urteil vom 10. Dezember 1981 - 4 StR 622/81, BGHSt 30, 305; Beschluss vom 8. November 1991 - 2 StR 401/91; Urteil vom 11. September 1997 - 4 StR 287/97, BGHR StGB § 64 Anordnung 4).

4 Für seine gegenteilige Entscheidung hat sich das Landgericht auf den Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 30. März 1992 (4 StR 108/92, NStZ 1992, 432) bezogen. Der Bundesgerichtshof hat darin ausgesprochen, die Anordnung der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt sei bei Vorliegen der Voraussetzungen des § 64 StGB "auch dann zwingend" anzuordnen, "wenn die Maßregel schon in einem früheren Verfahren angeordnet worden ist". Dieser Entscheidung lag indes gerade kein Fall einer nachträglichen Gesamtstrafenbildung zugrunde. Im Übrigen ist diese Rechtsprechung, soweit sie eine "zwingende Anordnung" verlangt (ebenso BGH, Urteil vom 11. September 1997 - 4 StR 287/97, BGHR StGB § 64 Anordnung 4; Urteil vom 12. September 2001 - 3 StR 313/01; Beschluss vom 5. September 2006 - 3 StR 305/06, NStZ-RR 2007, 38), durch das Gesetz zur Sicherung der Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus und in einer Entziehungsanstalt vom 16. Juli 2007 (BGBl. I S. 1327) ohnehin überholt, da seither die Maßregelanordnung im Ermessen des Gerichts steht. Sie hat nur noch Bedeutung für die Fälle, in denen das Gericht unter Ausübung seines Ermessens die Maßregel anordnet.

5 Die vom Landgericht neu angeordnete Maßregel hatte deshalb zu entfallen. Gleiches gilt für die vom Landgericht getroffene Entscheidung über einen teilweisen Vorwegvollzug der Gesamtfreiheitsstrafe. Diese ist vorliegend ohne praktische Bedeutung, da sich der Angeklagte bereits mehr als die zur Vorwegvollstreckung bestimmten drei Monate in Untersuchungshaft befunden hat. Der Senat braucht deshalb nicht zu entscheiden, wie in Fällen zu verfahren wäre, in denen nachträglich eine so hohe Gesamtfreiheitsstrafe gebildet wird, dass eine nach § 67 Abs. 2 Satz 2 und 3 StGB bemessene, am Halbstrafenzeitpunkt orientierte Anordnung des Vorwegvollzugs zu einer Herausnahme des Angeklagten aus dem Maßregelvollzug führen müsste. Er neigt dazu, darin eine der Konstellationen zu sehen, in denen entgegen der Regel des § 67 Abs. 2 Satz 2 StGB auf eine Entscheidung über einen Vorwegvollzug verzichtet werden kann.

Becker Pfister von Lienen

Sost-Scheible Hubert

Schlagwörter

addiction treatmentcumulative sentencingmeasure orderpre-executionrevisionnarcotics offense

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the renewed order of inpatient addiction treatment under Section 64 StGB was lawful after a prior order had already been maintained in earlier proceedings.

Extrahierter Entscheid

The renewed order had to be set aside because the offense now being sentenced was committed before the earlier judgment ordering the measure; in that situation rules on subsequent cumulative sentencing take precedence over Section 67f StGB.

Extrahierte Begründung

Although the statutory conditions for treatment still existed, there was no room for a second order. The earlier measure had already been maintained, and a fresh order would conflict with the principles governing subsequent cumulative sentencing.

Kernrechtsfrage

Whether the ordered partial pre-execution of the prison sentence could stand.

Extrahierter Entscheid

It was set aside together with the renewed measure order, because it had no practical significance in view of the defendant’s already served pre-trial detention exceeding three months.

Extrahierte Begründung

Since the defendant had already spent more than the time designated for pre-execution in custody, the order had no practical effect.

Kernrechtsfrage

Whether the remainder of the revision succeeded against the conviction and sentence.

Extrahierter Entscheid

The revision failed in all other respects; no legal error to the defendant’s detriment was found as to guilt and sentence.

Extrahierte Begründung

The review of the conviction and sentence revealed no reversible error apart from the measure issue.

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