Scope of defendant's right to reply in appeal proceedings

BGH 1 StR 530/09Bgh / I. Strafkammer12.05.2010Dismissed

Zusammenfassung

The BGH rejected the convicted person's Anhörungsrüge under § 356a StPO against its earlier order dismissing his revision. It held that no right-to-be-heard violation occurred, because no unheard facts or evidence were used and no relevant submission was overlooked. The court further stated that replies under § 349 Abs. 3 Satz 2 StPO are not forfeiture periods and may be used to elaborate a properly filed factual complaint, but not to raise or later substantiate procedural complaints. The request for appointment of new duty counsel was also refused; the existing appointed counsel remained effective in the Anhörungsrüge proceedings.

Regest

§ 356a StPO; rechtliches Gehör in der Anhörungsrüge gegen einen Revisionsverwerfungsbeschluss. Eine Anhörungsrüge ist unbegründet, wenn der Senat weder auf dem Verurteilten unbekannte Tatsachen oder Beweisergebnisse abgestellt noch entscheidungserhebliches Vorbringen übergangen hat; die bloße Nichtbefolgung der Rechtsauffassung des Beschwerdeführers begründet keine Gehörsverletzung (consid. 2). Die Frist zur Gegenerklärung nach § 349 Abs. 3 Satz 2 StPO ist keine Ausschlussfrist; in ihr können die Ausführungen zur ordnungsgemäß erhobenen Sachrüge ergänzt werden, nicht jedoch neue Verfahrensrügen erhoben oder nachträglich formgerecht begründet werden (consid. 4). Eine bereits im Strafverfahren bestellte Pflichtverteidigung wirkt im Verfahren nach § 356a StPO fort; die Beiordnung eines weiteren Verteidigers ist nur ausnahmsweise geboten (consid. 5).

Gesamter Gesetzestext

BGH — 1 StR 530/09, Beschluss

Entscheidungsdatum: 2010-05-12

Aktenzeichen: 1 StR 530/09

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 349 Abs 3 StPO, § 356a StPO

Vorinstanz: vorgehend BGH, 2. Februar 2010, Az: 1 StR 530/09, Beschlussvorgehend LG Dortmund, 30. Juni 2008, Az: 44 KLs 1/07 - 35 Js 57/01, Urteil

Spruchkörper: 1. Strafsenat

Titelzeile

Verwerfung der Revision ohne Hauptverhandlung: Umfang des Rechts des Angeklagten zur Gegenerklärung

Tenor

Die Anhörungsrüge des Verurteilten vom 5. März 2010 gegen den Senatsbeschluss vom 2. Februar 2010 wird auf seine Kosten zurückgewiesen.

Gründe

1 1. Der Senat hat die Revision des Verurteilten gegen das Urteil des Landgerichts Dortmund vom 30. Juni 2008 mit Beschluss vom 2. Februar 2010 gemäß § 349 Abs. 2 StPO als unbegründet verworfen. Am 5. März 2010 hat der Verurteilte gegen den Beschluss zu Protokoll der Geschäftsstelle gemäß § 356a StPO die Anhörungsrüge erhoben.

2 2. Die Anhörungsrüge ist jedenfalls unbegründet, denn es liegt keine Verletzung rechtlichen Gehörs vor. Der Senat hat bei seiner Revisionsentscheidung zum Nachteil des Verurteilten weder Tatsachen noch Beweisergebnisse verwertet, zu denen dieser nicht gehört worden wäre. Auch wurde weder zu berücksichtigendes Vorbringen übergangen noch in sonstiger Weise der Anspruch des Verurteilten auf rechtliches Gehör verletzt. Der Umstand, dass der Senat den Ansichten des Verurteilten nicht gefolgt ist, begründet keine Gehörsverletzung.

3 Auch soweit der Verurteilte geltend macht, der Senat habe bei Bescheidung seines Wiedereinsetzungsantrages zu Unrecht eine verschuldete Fristversäumung angenommen, zeigt er keine Verletzung seines Anspruchs auf rechtliches Gehör auf. Der von ihm in der Anhörungsrüge angesprochene Schriftsatz vom 25. Juli 2009 enthielt - neben der ohne ausreichende Begründung erhobenen Rüge der Verletzung formellen Rechts - lediglich die Sachrüge konkretisierende Angriffe gegen die Beweiswürdigung des Landgerichts mit überwiegend urteilsfremden Tatsachen. Diese Gesichtspunkte wurden vom Senat auf die fristgerecht erhobene Sachrüge hin berücksichtigt, ohne dass es insoweit der Wiedereinsetzung bedurft hätte. Soweit im Zusammenhang mit Verfahrensrügen die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand versagt wurde, hat sich der Senat ungeachtet der Frage, ob der Wiedereinsetzungsantrag zulässig erhoben worden war, auch mit der Begründetheit des Antrags auseinandergesetzt; er hat diese verneint.

4 Auch das Vorbringen des Verurteilten in den vom ihm in der Anhörungsrüge angesprochenen Schriftsätzen vom 13., 25. und 26. Januar 2010 hat der Senat bei der Revisionsentscheidung nicht übergangen. Bei diesen Schriftsätzen handelte es sich um Gegenerklärungen i.S.v. § 349 Abs. 3 Satz 2 StPO zur Antragsschrift des Generalbundesanwalts, die dem Verurteilten - wie er mit Schreiben vom 13. Januar 2010 selbst mitgeteilt hat - an diesem Tag zugegangen war. Soweit der Verurteilte meint, aus Formulierungen in dem beanstandeten Beschluss entnehmen zu können, sein Vorbringen in den fraglichen Schriftsätzen sei wegen Überschreitung der Revisionsbegründungsfrist nicht berücksichtigt worden, irrt er. Da es sich bei der Frist zur Gegenerklärung gemäß § 349 Abs. 3 Satz 2 StPO nicht um eine Ausschlussfrist handelt (vgl. Meyer-Goßner, StPO 52. Aufl. § 349 Rdn. 17), hat der Senat die Ausführungen des Verurteilten in den Gegenerklärungen, welche die ordnungsgemäß erhobene Sachrüge konkretisierten, ebenfalls berücksichtigt (vgl. zu der vom Verurteilten beanstandeten Formulierung auch Meyer-Goßner aaO). Das Recht zur Gegenerklärung i.S.v. § 349 Abs. 3 StPO ermöglicht indes nicht, weitere Verfahrensrügen zu erheben oder nachträglich formgerecht zu begründen (Meyer-Goßner aaO).

5 3. Der Senat ist an einer abschließenden Beschlussfassung über die Anhörungsrüge des Verurteilten nicht dadurch gehindert, dass der Vorsitzende den Antrag, dem Verurteilten einen neuen Pflichtverteidiger beizuordnen, abgelehnt hat. Diese Entscheidung war zutreffend. Dem Verurteilten war bereits im Strafverfahren Rechtsanwalt M. beigeordnet worden. Diese Pflichtverteidigerbestellung wirkte im Verfahren nach § 356a StPO fort (vgl. BGHR StPO § 356a Verteidiger 1). Neben dem bereits bestellten Verteidiger dem Verurteilten einen weiteren Verteidiger zu bestellen, war hier nicht geboten. Etwas anderes ergibt sich auch nicht daraus, dass Rechtsanwalt M. dem Verurteilten seine Rechtsauffassung mitgeteilt hatte, dass seines Erachtens eine Anhörungsrüge keinen Erfolg bringe. Denn die Prüfung der Erfolgsaussichten einer solchen Rüge gehört gerade zu den Aufgaben eines Pflichtverteidigers.

6 Der Schriftsatz des Verurteilten vom 3. Mai 2010 hat dem Senat vorgelegen.

Nack Wahl Hebenstreit

Jäger Sander

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