Hessischer Verwaltungsgerichtshof 3. Senat, 2024-02-14, 3 B 1614/23

3 B 1614/23Verwaltungsgericht / 3. Abteilung14.02.2024

Regest

Die Ausländerbehörde kann durch einen statusfeststellenden Verwaltungsakt in Form einer Feststellung des Nichtbestehens der Freizügigkeit klarstellen, dass ein drittstaatsangehöriger Ausländer nicht (mehr) freizügigkeitsberechtigt ist, ohne einen möglichen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltskarte nach § 3a FreizügG/EU im Rahmen des Ermessens zu berücksichtigen. Verfahrensgang vorgehend VG Darmstadt, 25. Oktober 2023, 6 L 509/23.DA, Beschluss

Gesamter Gesetzestext

Hessischer Verwaltungsgerichtshof 3. Senat — 3 B 1614/23 — Beschluss

Entscheidungsdatum: 2024-02-14

Aktenzeichen: 3 B 1614/23

ECLI: ECLI:DE:VGHHE:2024:0214.3B1614.23.00

Dokumenttyp: Beschluss

Normen: § 1 Abs 2 Nr 3 Buchst c) FreizügG/EU, § 2 Abs 4 Satz 1 FreizügG/EU, § 3a Abs 1 Nr 3 FreizügG/EU, § 60a Abs 2 S 1 AufenthG

Leitsatz

Die Ausländerbehörde kann durch einen statusfeststellenden Verwaltungsakt in Form einer Feststellung des Nichtbestehens der Freizügigkeit klarstellen, dass ein drittstaatsangehöriger Ausländer nicht (mehr) freizügigkeitsberechtigt ist, ohne einen möglichen Anspruch auf Erteilung einer Aufenthaltskarte nach § 3a FreizügG/EU im Rahmen des Ermessens zu berücksichtigen.

Verfahrensgang

vorgehend VG Darmstadt, 25. Oktober 2023, 6 L 509/23.DA, Beschluss

Tenor

DieBeschwerdedesAntragstellersgegendenBeschlussdesVerwaltungsgerichtsDarmstadtvom25.Oktober2023 - 6L509/23.DA - wirdzurückgewiesen.

DerAntragstellerhatdieKostendesBeschwerdeverfahrenszutragen.

DerStreitwertwirdauchfürdasBeschwerdeverfahrenauf2.500,00Eurofestgesetzt.

Gründe

1 Dieam7.November2023eingegangeneBeschwerdedesAntragstellersvom25.Oktober2023,mitdererbeantragt,

denangefochtenenBeschlussdesVerwaltungsgerichtsDarmstadt(Az.:6L509/23.DA)dahingehendabzuändern,dassdieaufschiebendeWirkungderKlagevom28.Februar2023gegendenBescheidderAntragsgegnerinvom 25.Januar2023hinsichtlichderZiffern1.)und2.)derVerfügungwiederherzustellen,hilfsweisedenBeschwerdeführerweiterhinzudulden,

istunzulässig, soweitsieaufdieWiederherstellungderaufschiebendenWirkungderKlagehinsichtlichderZiffer2.)derVerfügungderAntragsgegnerinvom25.Oktober2023gerichtetist.DenninsoweitfehltesbereitsaneinerinhaltlichenAuseinandersetzungmitdenGründenderverwaltungsgerichtlichenEntscheidung.

2 ImÜbrigenistsiezulässig,insbesonderestatthaft.

3 SiehatjedochinderSachekeinenErfolg.

4 MitderBeschwerdeverfolgtderAntragsteller,einnigerianischerStaatsangehöriger,seinenvordemVerwaltungsgerichterfolglosenAntragweiter,dieaufschiebendeWirkungseinerbeimVerwaltungsgerichtanhängigenKlagegegendieFeststellungdesNichtbestehensdesRechtsaufEinreiseundAufenthaltgemäß§2Abs.4Satz1FreizügG/EUinderFassungvom20.April2023(BGBl.INr.106,inKraftabdem25.April2023)wiederherzustellen.HilfsweiseistdieBeschwerdeaufdenErlasseinereinstweiligenAnordnungaufAufsetzungderAbschiebungimHinblickaufeinebeabsichtigteEheschließungmiteineritalienischenStaatsangehörigengerichtet.

5 DasBeschwerdevorbringen,aufdessenÜberprüfungderSenatbeschränktist(§146Abs.4Satz6VwGO),rechtfertigtkeineAufhebungoderAbänderungdeserstinstanzlichenBeschlusses.DasVerwaltungsgerichthatdenAntragzuRechtmitdemangefochtenenBeschlussvom25.Oktober2023abgelehnt.

6 Nach§146Abs.4Satz3VwGOmussdieBeschwerdeeinenbestimmtenAntragenthalten,dieGründedarlegen,ausdenendieEntscheidungabzuändernoderaufzuhebenist,undsichmitderangefochtenenEntscheidungauseinandersetzen.MangeltesaneinemdieserErfordernisse,istdieBeschwerdenach§146Abs.4Satz4VwGOalsunzulässigzuverwerfen.

7 DieBeschwerdebegründungmuss,umdemDarlegungsgebotdes§146Abs.4Satz3VwGOzugenügen,erkennenlassen,auswelchenrechtlichenund tatsächlichenGründendiegerichtlicheAusgangsentscheidungunrichtigseinsollundgeändertwerdenmuss(VGHMannheim,Beschlussvom21.Juni2023 - 13S473/23 -, jurisRn.3;OVGBremen,Beschlussvom28.April2023 - 1B77/23 -, jurisRn.7;OVGMünster,Beschlussvom8.Juli2004 - 12B1233/04 -, jurisRn.3m.w.N.).DieserforderteinePrüfung,SichtungundrechtlicheDurchdringungdesStreitstoffsunddamiteinesachlicheAuseinandersetzungmitdenGründendesangefochtenenBeschlusses(VGHMannheim,Beschlussvom21.Juni2023,a.a.O.;VGHMünchen,Beschlussvom30.November2022 - 11CS22.2195 -, jurisRn.14).DerBeschwerdeführermussnichtnurdiePunktebezeichnen,indenenderBeschlussangegriffenwerdensoll,sondernauchangeben,auswelchenGründenerdieangefochteneEntscheidungindiesemPunktfürunrichtighält.HierfürreichteinebloßeWiederholungdeserstinstanzlichenVorbringensohneEingehenaufdiejeweilstragendenErwägungendesVerwaltungsgerichts,außerinFällenderNichtberücksichtigungoderdesOffenlassensdesfrüherenVortrags,grundsätzlichebensowenigauswiebloßepauschaleoderformelhafteRügen(VGHMannheim,Beschlussvom21.Juni2023,a.a.O.).LässtderBeschwerdeführereinetragendeBegründungdesVerwaltungsgerichtsunangefochten,sohaternichtdargelegt,weshalbdieEntscheidungzuändernseinsoll(VGHKassel,Beschlussvom25.Juli2023 - 3B403/23 -, unveröffentlicht;VGHMannheim,Beschlussvom12.April2002 -7S653/02-,jurisRn.6).

8 DieBeschwerderechtfertigtkeineAbänderungdesangegriffenenBeschlussesdesVerwaltungsgerichtsDarmstadtinBezugaufdieAblehnungdesvorläufigenRechtsschutzeshinsichtlichderFeststellungdesNichtbestehensdesRechtesaufEinreiseundAufenthaltgemäß§2Abs.4Satz1FreizügG/EU(vormals:§2Abs.7 Satz1FreizügG/EU)durchBescheidvom25.Januar2023.

9 SoweitderAntragstellermitseinerBeschwerdegeltendmacht,erseiaufgrundderbevorstehendenEheschließungmiteineritalienischenStaatsangehörigenalsnahestehendePersonimSinnedes§3aAbs.1Nr.3FreizügG/EUzubehandeln,führtdiesnichtzurRechtswidrigkeitderVerlustfeststellungnach§2Abs.4Satz1FreizügG/EU.AuchwenndieVerlobtedesAntragstellersentgegendenAusführungendesVerwaltungsgerichtsDarmstadtitalienischeStaatsangehörigeistundausweislichdermitSchriftsatzvom20.Oktober2023vorgelegtenGehaltsnachweiseseitApril2019beiderFirmaBalsArbeitnehmerinbeschäftigtwird,erweistsichdieVerlustfeststellungnichtalsermessensfehlerhaft.

10 DieVoraussetzungeneinerVerlustfeststellungnach§2Abs.4Satz1FreizügG/EU,liegenvor,wasmitderBeschwerdeauchnichtinfragegestelltwird.BeruhtdieAnnahmedesVorliegensderFreizügigkeit - wiehier - aufeinerTäuschungshandlung,sohandeltdieAusländerbehördebeidemEntzugderRechtsstellungdurchErlasseinerVerlustfeststellungnurdannermessensfehlerhaft,wenneinbesondererAusnahmefallvorliegt(DieneltinBergmann/Dienelt,14.Aufl., §2FreizügG/EURn.174m.w.N.;VGHKassel,Beschlussvom27.Januar2020 - 7A1466/17.Z - n.v.Rn.20;).

11 EsbestehenkeineBedenken,wenndieAusländerbehördedurcheinenstatusfeststellendenVerwaltungsaktinFormeinerVerlustfeststellungklarstellt,dasseindrittstaatsangehörigerAusländer - wiederAntragsteller - nicht(mehr)aufgrundeinerEheschließungmiteinerUnionsbürgerinfreizügigkeitsberechtigtist,ohneeinenmöglichenAnspruchaufErteilungeinerAufenthaltskartenach§3aFreizügG/EUimRahmendesErmessenszuberücksichtigen(OK-MNet,§2FreizügG/EU,AbschnittK.IV.,Stand:20.Januar2024,Rn.36).DieVerlustfeststellungführtzueinerKlarstellungderzukünftigenRechtsstellung.DerAntragstelleristnachErgehenderVerlustfeststellungnichtmehraufgrundUnionsrechtsoriginärfreizügigkeitsberechtigt,sondernihmkannnuraufgrunddes§3aAbs.1 FreizügG/EUeinAufenthaltsrechtdurchErteilungeinerAufenthaltskarteverliehenwerden.DabeihandeltessichumjeweilseigenständigeRegelungsgegenstände.DiesenWechseldesaufenthaltsrechtlichenStatuskanndieAusländerbehördeimRahmendesohnehinintendiertenErmessens(soDieneltinBergmann/Dienelt,14.Aufl.,§2FreizügG/EURn.174;BreckwoldtinGK-AufenthG,Stand:Juni2022,§2FreizügG/EURn.284)vornehmen,ohneermessensfehlerhaftzuhandeln.NachAuffassungdesbeschließendenSenatsistdaherdieFrage,obderAntragstellertrotzTäuschungüberdasBesteheneinerehelichenLebensgemeinschaftmiteinerUnionsbürgerineinenAnspruchaufErteilungeinerAufenthaltskarteausGründendes§3aFreizügG/EUhat,nichtinzidentimRahmenderErmessensausübungeinerEntscheidungüberdieVerlustfeststellungnach§2Abs.4Satz1FreizügG/EUzuprüfen.DieseAnspruchsgrundlageistvielmehralsGegenstandeineszubescheidendenBegehrensaufNeuerteilungeinerAufenthaltskarteanzusehen(OK-MNet,§2FreizügG/EU,AbschnittK.IV.,Stand:20.Januar2024,Rn.35).

12 DasVerwaltungsgerichthateinenAnordnungsanspruchdesAntragstellersaufvorübergehendeAussetzungderAbschiebung(Duldung)nach§60aAbs.2Satz1AufenthGwegenderunterdenSchutzdesArt.6Abs.1GGfallendenEheschließungsfreiheitzuRechtverneint.NachderRechtsprechungdesSenatssetztdiesvoraus,dassdieEheschließungimBundesgebietunmittelbarbevorsteht(VGHKassel,Beschlussvom26.September2018 - 3B1320/18 -, unveröffentlicht).Diesistdannanzunehmen,wenndieEheschließungbeimzuständigenStandesamtangemeldetistundalleerforderlichenUnterlagenvorgelegtundgeprüftwordensind,sodassdasStandesamteinen(zeitnahen)TerminzurEheschließungbereitsbestimmthatoderjederzeitbestimmenkönnte.AlleindieVorlagedererforderlichenUnterlagen(imSinnevon§12Abs.2PStG)reichtregelmäßignochnichtaus,weilsichdarannochdieinhaltlichePrüfungderVoraussetzungenunddamitdesFehlensvonEhehindernissennach§13Abs.1Satz1undAbs.4Satz1PStGanschließt.AnvollständigenUnterlagenfehltesauch,wenndieerforderlicheUrkundenüberprüfungimHerkunftslandnochnichtabgeschlossenist(sieheauchz.B.VGHMünchen,Beschlussvom17.November2023 - 10CE23.1912 -, jurisRn.5;Beschlussvom 10.August2023 - 10CE23.1340 -, jurisRn.4;VGHMannheim,Beschlussvom14.November2023 - 11S1623/23 -, jurisRn.5).

13 WiederAntragstellerselbsteinräumt,istdieUrkundenüberprüfungbishernichtabgeschlossen;offenbaristauchnichtabsehbar,wievielZeitdiesnochinAnspruchnehmenwird.Daherkannnichtangenommenwerden,dassbereitsallenotwendigenUnterlagenvorgelegtundgeprüftsindundsomitdieEheschließungunmittelbarbevorsteht.

14 DieKostenentscheidungberuhtauf§154Abs.2VwGO.

15 DieFestsetzungdesStreitwertsfürdasBeschwerdeverfahrenberuhtauf§47Abs.1,§53Abs.2Nr.1und2,§52Abs.1und2GKGundfolgtderFestsetzungindererstenInstanz.

16 DieserBeschlussistunanfechtbar(§152Abs.1VwGO,§68Abs.1Satz5i.V.m. §66Abs.3Satz3GKG).

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