- Juni 1983 N816Dringliche Interpellation Oehler
Gewaltsverzichtserklärungen schloss die Sowjetunion in
den Jahren 1931 und 1932 weiter mit Estland, Lettland und
Litauen ab. Im Sommer 1940 rückte Russlands Armee in die
drei baltischen Staaten ein.
Auch Polen hatte die Sowjetunion feierlich in einem Vertrag
die Integrität seiner Grenzen garantiert. Am 17. September
1939 tiel Russland den gegen die Nazis kämpfenden Polen
in den Rücken. «Die Rote Armee erfüllt ehrenhaft ihre
grosse Befreiungsaufgabe", hiess es im Tagesbefehl.
Die fünf Verträge mit Polen, Finnland und den baiischen
Staaten wurden getreu der These Lenins gebrochen, derzu-
folge Vereinbarungen mit nichtsozialistischen Staaten
durch äussere Umstände verursachte Verzögerungen auf
dem Weg zur Beseitigung des kapitalistischen Systems
seien.
Achtung vor Neutralen? Der tschechische General Jan
Sejna, der bis 1968 in der tschechischen Armee und beim
WAPA eine führende Rolle spielte, sich aber am Sturz von
Dubcek nicht beteiligen wollte, äussert sich in seinem letz-
tes Jahr erschienenen Buch «We will burn You» auch über
die Rolle der Neutralen im sowjetischen Machtkakül. Die
Neutralen seien zwar nicht paktgebunden, aber eingebettet
ins kapitalistische System. Der Sozialismus sei hier nicht
mit friedlichen Mitteln zu erreichen, insbesondere nicht in
der Schweiz, wo die Arbeiterschaft - man höre - «aristokra-
tisch» sei; es dominierten die Facharbeiter, und es sei bei
ihnen noch weniger auszurichten als bei der Mittelschicht.
Bis 1963 sahen die sowjetischen Operationspläne die
Respektierung der Neutralität Schwedens, Österreichs und
der Schweiz vor. Dann aber liess der russische Verteidi-
gungsminister Malinowskj wissen, Neutralität sei eine
«reaktionäre Einstellung», und hielt fest: «In der bevorste-
henden Schlacht zwischen Kapitalismus und Sozialismus
kann keiner neutral sein. Es wäre ein Verrat an der Arbeiter-
klasse für jeden Kommandanten, einen kapitalistischen
Neutralen zu anerkennen.»
Im Falle der Besetzung der Bundesrepublik sei zu verhin-
dern, dass die besiegten «Faschisten» in die Schweiz flüch-
teten, man müsse einmarschieren, «um ihre Neutralität zu
retten». Ähnliches hörten wir doch in den dreissiger Jahren
vom grossdeutschen Führer...
Solange - ich komme zum Schluss - Russland dera"t aufrü-
stet und die «Entspannung» hierzu missbraucht, solange
dort Führer herrschen, die an den Greueln der Stalinzeit
beteiligt waren - wenn auch «nur» als Schreibtischtäter -,
solange die Sowjetunion die «friedliche Koexistenz» miss-
braucht, um sich in die inneren Belange anderer Länder ein-
zumischen und Spionage zu treiben, solange kann ihren
Friedensbeteuerungen - leider - kein Glaube geschenkt
werden.
Und es ist Wachsamkeit am Platz - wie es Herr Müller for-
dert - gegenüber Trojanischen Pferden. Und was einen Teil
der schweizerischen Friedensbewegung betrifft: Trojani-
schen Eseln ist nicht zu helfen.
Im übrigen: Ich bin gerne bereit, mich voll und ganz der
Friedensbewegung anzuschliessen - unter einer Vorausset-
zung allerdings -: dass sie sich auch in der Sowjetunion
und in anderen Diktaturen entfalten kann. In den bösen
imperialistischen USA kann sie das ...
Präsident: Der Interpellant hat sich von der Antwort des
Bundesrates befriedigt erklärt. Das Wort wird nicht mehr
verlangt. Die Interpellation Müller-Balsthal ist damit erledigt.
#ST# 83.433
Dringliche Interpellation Oehler
Spionage. Nowosti-Schliessung
Interpellation urgente Oehler
Espionnage. Fermeture de l'agence Novosti
Wortlaut der Interpellation vom 7. Juni 1983
Für verschiedene ausländische Staaten gehört die Spiona-
getätigkeit in unserem Land zu einem festen Bestandteil
ihrer Arbeit. In den vergangenen Jahren haben sich nament-
lich Vertreter bestimmter Ostblockstaaten sehr um unser
Land, dessen Institutionen und damit auch um unsere
Bevölkerung «gekümmert». Im Zusammenhang mit der
Schliessung der sowjetischen Presseagentur Nowosti erge-
ben sich Fragen, deren Beantwortung über die Tagesaktua-
lität dieses, für die Sowjetunion peinlichen Vorfalls Bedeu-
tung haben.
- Warum informierte der Bundesrat die Öffentlichkeit nicht
von sich aus umfassend über die Hintergründe der von ihm
angeordneten Schliessung des Berner Ablegers von Nowo-
sti?
- Wie stellt sich der Bundesrat zur Tatsache, dass sich
massgebliche Kreise der schweizerischen Friedensbewe-
gung trotz verschiedener Aufforderungen nicht von der
unerlaubten Tätigkeit der sowjetischen Nachrichtenagentur
Nowosti distanziert haben?
Müssen daraus Rückschlüsse über eventuelle weitere Ver-
flechtungen oder mindestens über verbale Sympathiekund-
gebungen gegenüber den von Nowosti verbreiteten Ideen
gezogen werden?
- Wie erklärt der Bundesrat die zweite Peinlichkeit in die-
ser Angelegenheit, dass diese umfassende Information
über eine Indiskretion just - dem Vernehmen nach - über
eine nicht adäquate Behandlung der amtlichen Unterlagen
durch eines seiner Mitglieder erfolgte?
- Seit der Eröffnung des Genfer Büros der sowjetischen
Nachrichtenagentur Nowosti am 13. Dezember 1965 hat
bereits einmal ein in der einschlägigen Literatur als KGB-
Mitarbeiter aufgeführter Nowosti-Mann freien Zugang ins
Bundeshaus erhalten. Warum hatte der Bundesrat in die-
sem Fall nichts unternommen?
- Man spricht von einer Hundertschaft erkannter Ost-
spione in unserem Land. Warum greift die Landesregierung
nicht durch, sondern lässt diese Leute gewähren?
- Was gedenkt der Bundesrat zu tun, um über eine mögli-
che Reduktion des Personals auf Botschaften, insbeson-
dere des Ostblocks, die Spionagetätigkeit zu verunmögli-
chen, mindestens aber zu erschweren?
- Teilt der Bundesrat die Auffassung, dass mit der sehr
grosszügigen Behandlung der Verteidigungsattaches aus
den Ostblockstaaten diesen ihre mögliche Spionagetätig-
keit wesentlich erleichtert wird? Wäre hier nicht mehr Vor-
sicht als Nachsicht angebracht?
Texte de l'interpellation du 7juin 1983
Pour divers Etats étrangers, l'espionnage dans notre pays
est partie intégrante de leurs activités. Au cours des der-
nières années, des représentants de certains pays de l'Est
surtout, se sont beaucoup «intéressés» à notre pays, à ses
institutions et donc, à notre population également. La fer-
meture de l'agence de presse soviétique Novosti pose un
certain nombre de questions, et les réponses à celles-ci
revêtent une importance qui dépasse le caractère d'actua-
lité de cet incident fâcheux pour l'Union soviétique.
- Pourquoi le Conseil fédéral n'a-t-il pas pris de lui-même
l'initiative d'informer complètement l'opinion publique sur
les raisons qui l'ont amené à ordonner la fermeture du
bureau Novosti à Berne?
Interpellation du groupe PdT/PSA/POCH
817
N 20 juin 1983
2. Quelle est la position du Conseil fédéral face à l'attitude
de milieux influents du Mouvement suisse pour la paix, qui
ne se sont pas distancés des activités illicites de l'agence
de presse soviétique Novosti, en dépit de mises en
demeure répétées? Faut-il en déduire qu'il pourrait exister
d'autres imbrications ou du moins d'autres marques de
sympathies verbales envers les idées propagées par
Novosti?
3. Comment le Gouvernement explique-t-il le deuxième
point embarrassant de cette affaire, à savoir que cette infor-
mation détaillée a été diffusée à la suite d'une indiscrétion
ou, semble-t-il, à la suite d'un traitement inadéquat de
documents officiels par l'un des Conseillers fédéraux?
4. Depuis l'ouverture du bureau Novosti à Genève, le
13 décembre 1965, une personne de l'agence, connue
comme étant membre du KGB, avait déjà une fois eu libre
accès au Parlement fédéral. Pourquoi le Conseil fédéral
n'avait-il rien entrepris dans ce cas?
5. Dans notre pays, une centaine d'espions de l'Est
auraient, paraît-il, été identifiés. Pourquoi le Gouvernement
ne prend-il pas des mesures énergiques et les laisse-t-il
faire?
6. Quelles dispositions le Conseil fédéral compte-t-il pren-
dre pour mettre fin aux activités d'espionnage, ou du moins
les entraver, éventuellement par le biais d'une réduction
des effectifs, dans les ambassades, en particulier dans
celles des pays de l'Est?
7. Le Conseil fédéral n'est-il pas d'avis que le traitement
particulièrement complaisant dont bénéficient les attachés
militaires des pays de l'Est facilite, le cas échéant, leurs
activités d'espionnage? En l'occurrence, la prudence ne
serait-elle pas plus de mise que l'indulgence?
#ST# 83.439
Interpellation der Fraktion der PdA/PSA/POCH
Vorwürfe
an die schweizerische Friedensbewegung
Interpellation du groupe PdT/PSA/POCH
Accusations
contre le Mouvement suisse pour la paix
Interpellanza del gruppo PdL/PSA/POCH
Accuse ai movimenti per la pace svizzeri
Wortlaut der Interpellation vom 7. Juni 1983
Im Zusammenhang mit den Massnahmen gegen die sowje-
tische Nachrichtenagentur Nowosti hat das Eidgenössische
Justiz- und Polizeidepartement gegen die schweizerische
Friedensbewegung direkt oder indirekt schwere Beschuldi-
gungen erhoben. Es hat ihr vor allem vorgeworfen, von
Organisationen ausländischer Mächte manipuliert zu sein.
Wie aus den veröffentlichten Dokumenten hervorgeht, stüt-
zen sich die Beschuldigungen auf keine konkreten
Beweise. Die ganze Angelegenheit wirft übrigens, vor allem
im Zusammenhang mit der anonymen Verteilung des
Berichts der Bundesanwaltschaft, nicht wenige Fragen auf.
Die Unterzeichner fragen den Bundesrat:
- Warum hat man, obwohl der Bericht der Bundesanwalt-
schaft vom 28. Dezember 1982 stammt, mit den viel disku-
tierten Massnahmen bis zum 24. April zugewartet?
- Aufgrund welcher Elemente und Beweise war es mög-
lich, der schweizerischen Friedensbewegung direkt oder
indirekt vorzuwerfen, sie werde von Organisationen auslän-
discher Mächte als Werkzeug benutzt?
- Warum sind die angeschuldigten Schweizer, wie aus
allem, was bekanntgeworden ist, hervorgeht, nicht befragt
oder angehört worden?
- Wir erklärt er sich die anonyme Verteilung des Doku-
ments der Bundesanwaltschaft vom 28. Dezember 1982?
Durch wen ist sie erfolgt?
- In diesem Fall sind gegen schweizerische Organisatio-
nen, Personen und Bewegungen, die erlaubte und verfas-
sungskonforme Tätigkeiten ausüben, ungerechtfertigte Ver-
dächtigungen ausgesprochen worden. Meint er nicht, die
angewandten Methoden gefährdeten die Individualrechte
und seien deshalb zu verurteilen?
Texte de l'interpellation du 7juin 1983
Dans le cadre des mesures prises contre l'agence de
presse soviétique Novosti, le Département fédéral de jus-
tice a porté, directement ou indirectement, de graves accu-
sations contre le Mouvement suisse pour la paix. Il a en par-
ticulier prétendu que celui-ci est manipulé par des organisa-
tions étrangères. Or, il résulte des documents publiés que
ces accusations ne reposent sur aucune preuve véritable.
Du reste, toute l'affaire, notamment la distribution clandes-
tine du rapport du Ministère public de la Confédération,
soulève un certain nombre de questions.
Les soussignés prient le Conseil fédéral de dire:
- Pourquoi, bien que le rapport du Ministère public soit du
28 décembre 1982, on a attendu jusqu'au 24 avril 1983 pour
prendre les mesures susmentionnées?
- Sur la base de quels éléments et de quelles preuves il a
été possible d'accuser, directement ou indirectement, le
Mouvement suisse pour la paix d'être manipulé par des
organisations étrangères?
- Pourquoi, d'après ce qui a été porté à la connaissance
du public, les citoyens suisses impliqués n'ont été ni inter-
rogés ni entendus?
- Comment il explique la diffusion clandestine du docu-
ment du 28 décembre 1982 émanant du Ministère public de
la Confédération, et qui en est responsable?
- S'il n'estime pas que les méthodes adoptées dans
l'affaire précitée, qui a fini par faire peser des soupçons
injustifiés sur des ressortissants, des organisations et des
mouvements suisses ayant des activités légales et
conformes aux dispositions constitutionnelles, doivent être
condamnées en tant que dangereuses pour le respect des
droits des citoyens.
Testo della interpellanza del 7 giugno 1983
Nel quadro delle misure prese contro l'agenzia di stampa
sovietica Novosti il Dipartimento federale di giustizia ha
rivolto, direttamente o indirettamente, pesanti accuse ai
movimenti per la pace svizzeri. Li ha in particolare accusati
di essere manipolati da organizzazioni di potenze estere.
Le accuse, da quanto risulta dai documenti resi pubblici,
non si basano su nessuna prova concreta. Del resto tutta la
questione, in particolare con la distribuzione clandestina del
rapporto del pubblico ministero federale, solleva non pochi
interrogativi.
I sottoscritti chiedono al Consiglio federale di dire:
- perché, benché il rapporto del pubblico ministero sia del
28 dicembre 1982, si è atteso fino al 24 aprile 1983 per pren-
dere i noti provvedimenti?
- sulla base di quali elementi e prove è stato possibile
sostenere, direttamente o indirettamente, l'accusa ai movi-
menti per la pace svizzeri di essere strumentalizzati da
organizzazioni di potenze estere?
- perché, a quanto risulta da quanto reso pubblico, gli
svizzeri chiamati in causa non sono stati interrogati o ascol-
tati?
- come spiega e da parte di chi è avvenuta la diffusione
clandestina del documento del 29 dicembre 1982 del mini-
stero pubblico federale?
- se non ritiene che i metodi adottati nel caso in questione
Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften
Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées
Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali
Dringliche Interpellation Oehler Spionage. Nowosti-Schliessung
Interpellation urgente Oehler Espionnage. Fermeture de l'agence Novosti
In
Amtliches Bulletin der Bundesversammlung
Dans
Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale
In
Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale
Jahr
1983
Année
Anno
Band
III
Volume
Volume
Session
Sommersession
Session
Session d'été
Sessione
Sessione estiva
Rat
Nationalrat
Conseil
Conseil national
Consiglio
Consiglio nazionale
Sitzung
09
Séance
Seduta
Geschäftsnummer
83.433
Numéro d'objet
Numero dell'oggetto
Datum
20.06.1983 - 14:30
Date
Data
Seite
816-817
Page
Pagina
Ref. No
20 011 478
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