IV proceedings without prior notice violate hearing rights

IV.2006.00725Sozialversicherungsgericht20.06.2007Granted

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The Zurich Social Insurance Court upheld the appeal against an IV office decision granting only a half pension. It held that, under the new IV procedure effective from 1 July 2006, the office was required to issue a prior notice before rendering a final pension decision. Because no such notice procedure had been conducted, the insured person's right to be heard was seriously violated. The court annulled the decision, remanded the matter for a proper notice procedure and a new pension ruling, and ordered the respondent to pay CHF 400 in court costs.

Omnilex-Regeste

Art. 57a IVG, Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 42 ATSG; omission of the mandatory pre-decision notice procedure in invalidity insurance constitutes a serious violation of the right to be heard. Where the new IV procedure applies and the administration decides directly without prior notice, the defect is not ordinarily curable on appeal; the contested decision must be annulled and the matter remitted for completion of the notice procedure and a new decision (consid. 1-2). Under Art. 69 Abs. 1bis IVG, the unsuccessful party bears the costs.

Gesamter Gesetzestext

IV.2006.00725

Sozialversicherungsgericht

des Kantons Zürich

III. Kammer

Sozialversicherungsrichter Faesi, Vorsitzender

Sozialversicherungsrichterin Annaheim

Sozialversicherungsrichterin Daubenmeyer

Gerichtssekretärin Tettamanti

Urteil vom 21. Juni 2007

in Sachen

S.___

Beschwerdeführerin

vertreten durch die Mutter A.___

gegen

Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle

Röntgenstrasse 17, Postfach, 8087 Zürich

Beschwerdegegnerin

Sachverhalt:

1. Mit Verfügung vom 5. Juli 2006 sprach die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, S.___, geboren 1984, bei einem Invaliditätsgrad von 50 % eine halbe Rente zu (Urk. 8/104 = Urk. 2).

2. Gegen diese Verfügung erhob die Versicherte, vertreten durch ihre Mutter, mit Eingabe vom 6. September 2006 direkt beim hiesigen Gericht Beschwerde und liess die Zusprechung einer Invalidenrente, die den tatsächlichen Gegebenheiten entspreche, beantragen (Urk. 1). Die IV-Stelle schloss in der Beschwerdeantwort vom 12. Oktober 2006 auf Abweisung der Beschwerde (Urk. 7), worauf der Schriftenwechsel mit Verfügung vom 13. Oktober 2006 geschlossen wurde (Urk. 10).

Auf die Ausführungen der Parteien und die eingereichten Unterlagen wird, soweit erforderlich, in den Erwägungen eingegangen.

Das Gericht zieht in Erwägung:

1.

1.1 Nach Art. 49 Abs. 1 des Bundesgesetzes über den Allgemeinen Teil des Sozialversicherungsrechts (ATSG) hat der Versicherungsträger über Leistungen, Forderungen und Anordnungen, die erheblich sind oder mit denen die betroffene Person nicht einverstanden ist, schriftlich Verfügungen zu erlassen. Die Verfügungen werden mit einer Rechtsmittelbelehrung versehen und sind zu begründen, wenn sie den Begehren der Parteien nicht voll entsprechen (Art. 49 Abs. 3 ATSG).

Gegen Verfügungen kann innerhalb von 30 Tagen bei der verfügenden Stelle Einsprache erhoben werden (Art. 52 Abs. 1 ATSG). Die innert angemessener Frist zu erlassenden Einspracheentscheide sind zu begründen und mit einer Rechtsmittelbelehrung zu versehen (Art. 52 Abs. 2 ATSG).

1.2 In Abweichung von Art. 52 Abs. 1 ATSG sind der Gesetz- und der Verordnungsgeber im Bereich der Invalidenversicherung per 1. Juli 2006 zum Vorbescheidverfahren zurückgekehrt, wie es bereits vor dem Inkrafttreten des ATSG gegolten hatte (BBl 2005 III 3084 f.).

Nach Art. 57a Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung (IVG) in der seit dem 1. Juli 2006 in Kraft stehenden Fassung teilt die IV-Stelle der versicherten Person den vorgesehenen Endentscheid über ein Leistungsbegehren oder den Entzug oder die Herabsetzung einer bisher gewährten Leistung mittels Vorbescheid mit. Die versicherte Person hat Anspruch auf rechtliches Gehör im Sinne von Artikel 42 ATSG.

Die von den kantonalen IV-Stellen erlassenen Verfügungen sind sodann - in Abweichung von Art. 52 und 58 ATSG - ohne vorgängiges Einspracheverfahren direkt beim Versicherungsgericht am Ort der IV-Stelle anfechtbar (Art. 69 Abs. 1 lit. a IVG in der seit dem 1. Juli 2006 in Kraft stehenden Fassung).

Nach den Schlussbestimmungen der Gesetzesänderung vom 16. Dezember 2005 (Massnahmen zur Verfahrensstraffung; AS 2003 2006 Ziff. II) gilt das bisherige Recht für die im Zeitpunkt des Inkrafttretens der Änderung von der IV-Stelle erlassenen, aber noch nicht rechtskräftigen Verfügungen (lit. a); bei der IV-Stelle hängigen Einsprachen (lit. b); beim kantonalen oder Eidgenössischen Versicherungsgericht oder bei der Rekurskommission für AHV- und IV-Angelegenheiten hängigen Beschwerden (lit. c).

1.3 Gemäss Art. 29 Abs. 2 BV sowie Art. 42 ATSG haben die Parteien Anspruch auf rechtliches Gehör. Das rechtliche Gehör dient einerseits der Sachaufklärung, andererseits stellt es ein persönlichkeitsbezogenes Mitwirkungsrecht beim Erlass eines Entscheids dar, welcher in die Rechtsstellung einer Person eingreift. Dazu gehört insbesondere deren Recht, sich vor Erlass des in ihre Rechtsstellung eingreifenden Entscheids zur Sache zu äussern, erhebliche Beweise beizubringen, Einsicht in die Akten zu nehmen, mit erheblichen Beweisanträgen gehört zu werden und an der Erhebung wesentlicher Beweise entweder mitzuwirken oder sich zumindest zum Beweisergebnis zu äussern, wenn dieses geeignet ist, den Entscheid zu beeinflussen (BGE 129 II 504 Erw. 2.2, 127 I 56 Erw. 2b, 127 III 578 Erw. 2c, 126 V 131 Erw. 2b; zu Art. 4 Abs. 1 aBV ergangene, weiterhin geltende Rechtsprechung: BGE 126 I 16 Erw. 2a/aa, 124 V 181 Erw. 1a, 375 Erw. 3b, je mit Hinweisen).

1.4 Das Recht, angehört zu werden, ist formeller Natur. Die Verletzung des rechtlichen Gehörs führt ungeachtet der Erfolgsaussichten der Beschwerde in der Sache selbst zur Aufhebung der angefochtenen Verfügung. Es kommt mit anderen Worten nicht darauf an, ob die Anhörung im konkreten Fall für den Ausgang der materiellen Streitentscheidung von Bedeutung ist, d.h. die Behörde zu einer Änderung ihres Entscheides veranlasst wird oder nicht (BGE 127 V 437 Erw. 3d/aa, 126 V 132 Erw. 2b mit Hinweisen).Nach der Rechtsprechung kann eine - nicht besonders schwer wiegende - Verletzung des rechtlichen Gehörs als geheilt gelten, wenn die betroffene Person die Möglichkeit erhält, sich vor einer Beschwerdeinstanz zu äussern, die sowohl den Sachverhalt wie die Rechtslage frei überprüfen kann. Die Heilung eines - allfälligen - Mangels soll aber die Ausnahme bleiben (BGE 127 V 437 Erw. 3d/aa, 126 I 72, 126 V 132 Erw. 2b, je mit Hinweisen).

2.

2.1 Aus den IV-Akten (Urk. 8/1-106) geht hervor, dass vor In-Kraft-Treten der Gesetzesänderung per 1. Juli 2006 keine Verfügung der Beschwerdegegnerin über den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin ergangen ist. Es gelangt deshalb das neue Recht zur Anwendung (vgl. lit. a der Schlussbestimmungen). Den Akten kann auch entnommen werden, dass die Beschwerdegegnerin das in Art. 57a IVG zwingend vorgeschriebenen Vorbescheidverfahren nicht durchgeführt hat, sondern direkt mit Verfügung vom 5. Juli 2006 (Urk. 8/104 = Urk. 2) über das Rentenbegehren der Beschwerdeführerin entschieden hat. Diese Vorgehensweise der Verwaltung stellt eine schwerwiegende Verletzung des rechtlichen Gehörs dar, welche einer Heilung grundsätzlich nicht zugänglich ist. Nach der Rechtsprechung kann die Verletzung der Anhörungspflicht schon dann schwerwiegend sein, wenn ein nach Erlass des Vorbescheids ergangenes Begehren um Aktenedition oder eine Stellungnahme zum Vorbescheid unberücksichtigt geblieben ist, indem auf die vorgebrachten Einwendungen nicht eingegangen wurde (BGE 124 V 182 Erw. 2). Umso schwerwiegender ist es, wenn - wie im vorliegenden Fall - überhaupt kein Vorbescheidverfahren durchgeführt und ohne Gewährung des rechtlichen Gehörs eine Verfügung erlassen wird (vgl. Urteile des Eidgenössischen Versicherungerichts vom 7. August 2000 in Sachen T, I 184/00, und vom 24. Juli 2002 in Sachen G., I 584/01). Dass die juristisch unerfahrene Beschwerdeführerin sodann nicht ausdrücklich die Verletzung des rechtlichen Gehörs gerügt hat, kann auch nicht einem Verzicht auf die Durchführung eines formell korrekten Verfahrens gleichgestellt werden. Neben der zwingend vorgeschriebenen Anhörungspflicht stehen auch die Entlastung der Verwaltungsrechtspflegeorgane sowie die Kostenlosigkeit des Vorbescheidverfahrens - im Gegensatz zur Kostenpflicht des Gerichtsverfahrens - einem Verzicht auf dasselbe entgegen.

2.2 Die angefochtene Verfügung vom 5. Juli 2006 (Urk. 2) ist deshalb in Gutheissung der Beschwerde aufzuheben und die Sache an die Beschwerdegegnerin zurückzuweisen, damit diese ein Vorbescheidverfahren durchführe und hernach über den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin neu verfüge.

3. Gestützt auf Art. 69 Abs. 1bis IVG in der seit 1. Juli 2006 in Kraft stehenden Fassung ist das Verfahren für die unterliegende Beschwerdegegnerin kostenpflichtig. Die Kosten sind unter Berücksichtigung des gesetzlichen Rahmens (Fr. 200.-- bis Fr. 1'000.--) ermessensweise auf Fr. 400.-- festzusetzen.

Das Gericht erkennt:

1. Die Beschwerde wird in dem Sinne gutgeheissen, dass die angefochtene Verfügung vom 5. Juli 2006 aufgehoben und die Sache an die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle, zurückgewiesen wird, damit diese ein Vorbescheidverfahren durchführe und hernach über den Rentenanspruch der Beschwerdeführerin neu verfüge.

2. Die Gerichtskosten von Fr. 400.-- werden der Beschwerdegegnerin auferlegt. Rechnung und Einzahlungsschein werden der Kostenpflichtigen nach Eintritt der Rechtskraft zugestellt.

3. Zustellung gegen Empfangsschein an:

  •  Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, IV-Stelle
    
  •  A.\_\_\_
    
  •  Bundesamt für Sozialversicherungen
    

sowie an:

  •  die Gerichtskasse (nach Eintritt der Rechtskraft)
    

4. Gegen diesen Entscheid kann innert ** 30 Tagen** seit der Zustellung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 82 ff. des Bundesgesetzes über das Bundesgericht, BGG). Die Frist steht während folgender Zeiten still: vom siebten Tag vor Ostern bis und mit dem siebten Tag nach Ostern, vom 15. Juli bis und mit 15. August sowie vom 18. Dezember bis und mit dem 2. Januar (Art. 46 BGG).

Die Beschwerdeschrift ist dem Bundesgericht, Schweizerhofquai 6, 6004 Luzern, zuzustellen.

Die Beschwerdeschrift hat die Begehren, deren Begründung mit Angabe der Beweismittel und die Unterschrift zu enthalten; der angefochtene Entscheid sowie die als Beweismittel angerufenen Urkunden sind beizulegen, soweit die Partei sie in Händen hat (Art. 42 BGG).

Schlagwörter

disability insuranceright to be heardprior notice procedureremandcourt costsprocedural defect

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the IV office's direct pension decision without a prior notice procedure violated the right to be heard.

Extrahierter Entscheid

Yes. Because the new IV procedure required a prior notice before the final decision, the office's direct ruling breached the insured person's hearing rights.

Extrahierte Begründung

The new law applied because no prior decision existed before 1 July 2006. The mandatory pre-decision notice procedure under the IV Act was omitted entirely, which amounted to a serious procedural defect not normally curable on appeal.

Kernrechtsfrage

Whether the challenged pension decision should be set aside and the matter remanded for a proper pre-decision procedure and new ruling.

Extrahierter Entscheid

Yes. The decision had to be annulled and remitted to the IV office for completion of the notice procedure and a new pension decision.

Extrahierte Begründung

A serious violation of the right to be heard leads to annulment. The case was returned so the administration could conduct the required procedure and then decide again on pension entitlement.

Kernrechtsfrage

Whether court costs should be imposed on the losing IV office.

Extrahierter Entscheid

Yes. The respondent had to bear the court costs, set at CHF 400.

Extrahierte Begründung

Under the amended IV rules, the losing party in this type of appeal bears costs, and the amount was fixed within the statutory range in the court's discretion.

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