Mutual assistance to Latvia despite disputed prosecutorial competence

UK050002Obergericht09.04.2005Dismissed

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

E. appealed against the Zurich district prosecutor's final mutual assistance order in favor of Latvia, arguing that coercive measures such as the compelled production of bank documents required a separate admissibility showing and that the Latvian prosecutor lacked competence. The Zurich High Court rejected the appeal. It held that, as Latvia is bound by the EUeR and has designated the prosecutorial office as a judicial authority for the investigation stage, Swiss authorities need not examine whether Latvian procedural law was complied with in the foreign investigation. The requested state therefore had to grant assistance.

Omnilex-Regeste

Art. 24, Art. 15 Ziff. 6 EUeR; Art. 64, Art. 76 lit. c IRSG; mutual assistance to EUeR contracting states and coercive measures. Where the requesting state has designated the competent authority under Art. 24 EUeR and the request is made within the phase covered by that declaration, Swiss authorities must grant assistance without requiring a separate admissibility certificate under Art. 76 lit. c IRSG. The requested state has no cognizance to review the foreign authority's conduct under the requesting state's criminal procedure; such issues are reserved to the foreign legal order. The purpose of the admissibility certificate is to prevent enforcement of coercive measures abroad that could not be compelled at home, but this requirement does not apply in the same way to EUeR contracting states.

Gesamter Gesetzestext

Obergericht des Kantons Zürich Geschäfts-Nr. UK050002/U1/ml III. Strafkammer Mitwirkend: Obergerichtspräsident Dr. R. Klopfer, Vorsitzender, die Oberrichter lic. iur. P. Hodel und lic. iur. P. Marti sowie die juristische Sekretärin lic. iur V. Girsberger Beschluss vom 9. April 2005 in Sachen E. Rekurrentin vertreten durch Rechtsanwalt (...) gegen Staatsanwaltschaft I des Kantons Zürich, Abteilung B, Gartenhofstr. 17, Postfach, 8036 Zürich, Rekursgegnerin betreffend Rechtshilfe für Lettland Rekurs gegen die Schlussverfügung Nr. 2 der Bezirksanwaltschaft IV für den Kanton Zürich vom 30. November 2004, REC (...)

Aus den Erwägungen: IV. 1.(...) b)Streitig bleibt (...), ob die ersuchende Behörde auf dem Wege der Rechtshilfe in der Schweiz Massnahmen unter Anwendung prozes- sualen Zwangs (vgl. Art. 64 IRSG) erwirken kann, weil solche im Zeit- punkt des Rechtshilfe-Ersuchens auch nach lettischem Recht zulässig sind, oder ob dies zu verneinen ist. Das Bundesamt für Justiz hatte auf Anfrage der Bezirksanwaltschaft IV für den Kanton Zürich am 13. Fe- bruar 2004 darauf hingewiesen, dass eine Erklärung i.S. von Art. 76 lit. c IRSG, wonach der ersuchende Staat seinen Anträgen auf Durch- suchung von Personen oder Räumen, Beschlagnahme oder Heraus- gabe von Gegenständen eine Bestätigung beizufügen habe, dass diese Zwangsmassnahmen nach seinem Recht zulässig seien, von Vertragsstaaten des EUeR nicht verlangt werden dürfe, da eine solche Bestätigung in der Liste des Art. 14 EUeR nicht genannt werde (act. 5/1.39 und 5/1.40, m. Hinw. auf ZIMMERMANN, La coopération judiciaire internationale en matière pénale, Berne 1999, S. 122 N 164 in fine und n. publ. BGE vom 18. April 1996 E. 2 [act. 5/1.46]). Nach den zitierten Erwägungen des Bundesgerichts hat der ersuchte Staat die Rechtshilfe zu gewähren, wenn die in Art. 24 EUeR bezeichnete Behörde darum ersucht; ist dies nicht der Fall, ist zu prüfen, ob die Rechtshilfe gestützt auf Art. 76 lit. c IRSG erteilt werden kann (vgl. auch BGE 121 II 153). Da die Republik Lettland Mitglied des Europäi- schen Übereinkommens über die Rechtshilfe in Strafsachen (EUeR) vom 20. April 1959 (SR0.351.1) ist, bestimmt sich die Zuständigkeit der ersuchenden lettischen Behörde nach Staatsvertragsrecht. In der Er- klärung zu Art. 24 EUeR bezeichnete die Republik Lettland die Ge- richte, das Büro des Staatsanwalts und die Polizei als "Justizbehörden" im Sinne des Übereinkommens, wobei die Rechtshilfe-Ersuchen in

Anwendung von Art. 15 Ziff. 6 EUeR "während des Ermittlungsverfah- rens (enquête préliminaire) bis zur Anklageerhebung" durch das In- nenministerium bzw. "bis zum Vorbringen des Falles vor Gericht" durch das Büro des Generalstaatsanwalts und "während des Gerichtsverfah- rens" durch das Justizministerium zu übermitteln sind. (...) f)Im Ergebnis steht fest, dass die Staatsanwaltschaft zur zwangsweisen Anordnung der Herausgabe von Kontounterlagen und Transaktions- belegen gemäss § 63 Teil 1 Abs. 1 lit. a des lettischen Bankengesetzes bzw. § 109 der lettischen Strafprozessordnung unter der Voraus- setzung ermächtigt ist, dass ein "Strafverfahren eröffnet" wurde. Die diesbezüglichen Auskünfte der staatlichen Stellen der Republik Lett- land lassen keinen eindeutigen Schluss zu, ob diese Voraussetzung erfüllt ist, jedoch stimmen die Rechtsauskünfte, welche die General- staatsanwaltschaft gegenüber der Bezirksanwaltschaft IV des Kantons Zürich als der nach Art. 24 EUeR zuständigen Behörde in den beiden Schreiben vom 19. März 2004 und 20. Juli 2004 abgegeben hat, über- ein: (...) Da das "Büro des Generalstaatsanwalts" bzw. das "Bureau du Procureur Général" gemäss dem klaren Wortlaut der Erklärung Lett- lands zu Art. 24 EUeR während des Ermittlungsverfahrens bis zum Vorbringen des Falls vor Gericht (pendant la phase d’instruction, avant que l’affaire ne soit présentée devant un tribunal) ermächtigt ist, Rechtshilfe-Ersuchen zu stellen, ist die Rechtshilfe aufgrund dem von ihr selbst kohärent dargestellten Verfahrensstadium zu erteilen. Eine Ausweitung der Kognition des ersuchten Staates auf die Rechtmässig- keit des Vorgehens der Generalstaatsanwaltschaft aus Sicht der letti- schen Strafprozessordnung ist im Geltungsbereich des Europäischen Übereinkommens über die Rechtshilfe in Strafsachen (EUeR) abzuleh- nen (vgl. vorne E. IV.1b). Es wird Sache der innerstaatlichen lettischen Justiz sein zu beurteilen, ob in der Strafuntersuchung Beweismittel wi- derrechtlich erhoben wurden, die deshalb nicht verwertbar sind, oder ob dies nicht der Fall ist. Der Zulässigkeitsnachweis i.S. von Art. 76 lit. c IRSG, der verhindern soll, dass der ersuchende Staat auf dem

Rechtshilfeweg Zwangsmassnahmen erhältlich machen kann, welche er auf seinem eigenen Territorium nicht durchsetzen könnte (vgl. BGE 123 II 161 E. 3b), soll von den Staaten, die Mitglieder des Europarats sind und als solche das Europäische Übereinkommen über die Rechtshilfe in Strafsachen (EUeR) unterzeichnet haben, nicht erbracht werden müssen. Diese Privilegierung gegenüber allen anderen Staaten rechtfertigt sich durch die Zielsetzung des Europarats, die Rechtsstaat- lichkeit sicherzustellen, und die Verpflichtung der Mitgliedstaaten, die Europäische Menschenrechtskonvention einzuhalten (vgl. VILLIGER, Handbuch der EMRK, 2. A. Zürich 1999, § 1 lit. B). (...) Demnach beschliesst das Gericht: 1. Der Rekurs wird abgewiesen. 2.-5. (...) 6.(Die Verwaltungsgerichtsbeschwerde gemäss Art. 97 ff. des Bundesrechts- pflegegesetzes (OG) wurde von der I. Öffentlichrechtlichen Abteilung des Bundesgerichts mit Urteil vom 20. Oktober 2005 (1A.145/2005) abgewiesen, soweit darauf eingetreten wurde.)

Schlagwörter

mutual assistancecoercive measuresbank recordscompetenceEuropean Convention on Mutual Assistanceforeign prosecutionadmissibility certificate

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether coercive mutual assistance may be granted to Latvia without a separate proof of admissibility under Art. 76 lit. c IRSG

Extrahierter Entscheid

Yes. In the EUeR context, a separate admissibility certificate is not required from EUeR contracting states; the request is granted if the competent authority under Art. 24 EUeR is involved.

Extrahierte Begründung

Latvia is a party to the EUeR and has designated its prosecutorial office as a judicial authority for the pre-indictment phase. The requesting office acted consistently within that phase, and the requested state may not review the lawfulness of the Latvian investigation under Latvian criminal procedure.

Kernrechtsfrage

Whether the Latvian prosecutorial authority was competent to request assistance at the relevant procedural stage

Extrahierter Entscheid

Yes. The Bureau of the General Prosecutor was authorized during the investigation stage until the case is brought before court.

Extrahierte Begründung

The Latvian declaration to Art. 24 EUeR expressly entrusts the prosecutorial office with requests during the inquiry phase before presentation to a court; the material submitted did not justify a broader review by the Swiss authority.

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