RVJ / ZWR 2020
61
Verfahren - KGE (öffentlichrechtliche Abteilung) A1 19 103 vom
4. November 2019
Zulässigkeit einer Beschwerde gegen die Verweigerung des Staatsrats
ein Gemeindereglement zu homologieren
Wird der Erlass homologiert, so ist der genehmigte Erlass Anfechtungsobjekt und nicht
der Genehmigungsentscheid. Wird die Homologation verweigert, wird der Genehmi-
gungsentscheid jedoch im Verhältnis zur Gemeinde als Verwaltungsakt qualifiziert
(E. 1.1).
Die Gemeinde kann sich gegen die Nichtgenehmigung kommunaler Erlasse im Verfah-
ren der Einzelaktanfechtung mit der Rüge der Autonomieverletzung wehren (Art. 156
Abs. 1 GemG; E. 1.1 und 1.2).
Recevabilité d'un recours contre le refus du Conseil d'État d'homolo-
guer un règlement communal
En cas d’homologation d’un acte législatif, c'est cet acte approuvé qui peut faire l'objet
d’un recours et non la décision d'homologation. Si l'homologation est refusée, la
décision d'homologation est en revanche qualifiée d’acte administratif à l'égard de
l’autorité communale (consid. 1.1).
L’autorité communale peut contester le refus d’approbation d’actes législatifs
communaux en invoquant, dans le cadre d’une procédure de recours contre cet acte
individuel, une violation de son autonomie (art. 156 al. 1 LCo ; consid. 1.1 et 1.2).
Erwägungen
1. Die Behörde prüft ihre Zuständigkeit (Art. 7 Abs. 3 des Gesetzes
über das Verwaltungsverfahren und die Verwaltungsrechtspflege vom
setzungen von Amtes wegen (Art. 80 Abs. 1 i.V.m. Art. 44 ff. VVRG;
Alfred Kölz/Isabelle Häner/Martin Bertschi, Verwaltungsverfahren und
Verwaltungsrechtspflege des Bundes, 3. A., 2013, N. 695 und N. 939).
Beim Fehlen einer Prozessvoraussetzung kann das Kantonsgericht
mangels prozessualer Zulässigkeit nicht auf die Beschwerde eintreten.
1.1
Unter Vorbehalt anders lautender gesetzlicher Bestimmungen
beurteilt das Kantonsgericht Verwaltungsgerichtsbeschwerden gegen
letztinstanzliche Verfügungen der Verwaltungsbehörden in Verwal-
tungssachen (Art. 72 VVRG). Gegen Verfügungen über die Genehmi-
gung von Erlassen ist nach Art. 75 Abs. 1 lit. a VVRG die Verwaltungs-
62
RVJ / ZWR 2020
gerichtsbeschwerde unzulässig. Eine Ausnahme von diesem Grund-
satz besteht jedoch beispielsweise auf dem Gebiet des Raumplanungs-
rechts (Art. 37 Abs. 4 des Ausführungsgesetzes zum Bundesgesetz
über die Raumplanung vom 23. Januar 1987 [kRPG; SGS/VS 701.1]).
Eine Verwaltungsgerichtsbeschwerde ist zudem in den in Artikel 75 und
76 VVRG genannten Fällen zulässig, wenn das Bundesrecht ein oberes
Gericht als unmittelbar dem Bundesgericht vorangehende Instanz
verlangt (Art. 77a VVRG).
Die Rechtsnatur des Genehmigungsentscheids ist in der Lehre
umstritten. Wird der Erlass homologiert, so ist der genehmigte Erlass
Anfechtungsobjekt und nicht der Genehmigungsentscheid. Gemäss
der herrschenden und überzeugenden Ansicht der Lehre stellt der
Genehmigungsentscheid einen Bestandteil des Rechtssetzungsver-
fahrens mithin eine innerstaatliche und grundsätzlich nicht anfechtbare
Angelegenheit dar, wird jedoch im Verhältnis zur Gemeinde als Ver-
waltungsakt qualifiziert (Jürg Bosshart/Martin Bertschi, in: Alain Griffel
[Hrsg.], Kommentar VRG, 3. A., Zürich/Basel/Genf 2014, §19 N. 80;
Markus Müller, in Christoph Auer/Markus Müller/Benjamin Schindler
[Hrsg.], VwVG, 2. A., Zürich/St. Gallen 2019, N. 56 zu Art. 5 VwVG;
Atilio R. Gadola, Der Genehmigungsentscheid als Anfechtungsobjekt
in der Staats- und Verwaltungsrechtspflege, in: AJP/PJA 1993 S. 295).
Die Gemeinde kann sich gegen die Nichtgenehmigung kommunaler
Erlasse im Verfahren der Einzelaktanfechtung mit der Rüge der Auto-
nomieverletzung wehren (Heinz Aemisegger/Kari Scherrer Reber,
Basler Kommentar, 3. A., Basel 2018, N. 42 zu Art. 82 BGG; Jürg
Bosshart/Martin Bertschi, a.a.O., §19 N. 80; BGE 116 Ia 221 E. 3c;
BGE 135 II 38 E. 4.6). Art. 156 Abs. 2 des Gemeindegesetzes vom
Erlasse und Entscheide der Aufsichtsbehörde, welche die Gemeinde-
autonomie verletzen, mit Beschwerde ans Kantonsgericht angefochten
werden können. Die Verweigerung der Homologation des Gemeinde-
reglements bildet daher in casu ein Anfechtungsobjekt und eine
Beschwerde beim Kantonsgericht ist folglich grundsätzlich zulässig.
1.2 Gemeinden und ihre Verbände sind zur Beschwerde an das Kan-
tonsgericht berechtigt, sofern sie durch eine Verfügung berührt sind und
ein schutzwürdiges Interesse an deren Aufhebung oder Abänderung
haben (Art. 156 Abs. 1 GemG; Art. 80 Abs. 1 lit. a i.V.m. Art. 44 Abs. 1
lit. a VVRG; Urteile des Kantonsgerichts A1 16 174 vom 10. März 2017;
A1 16 116 vom 23. Juni 2017 E. 1.1; A1 16 5 vom 14. Oktober 2016;
RVJ / ZWR 2020
63
ZWR 2013, S. 9 E. 1). Das Interesse eines Beschwerdeführers gilt als
schutzwürdig, wenn seine tatsächliche oder rechtliche Situation durch
den Ausgang des Verfahrens unmittelbar beeinflusst werden kann, d.h.
wenn er durch das Beschwerdeverfahren einen materiellen oder
ideellen Nachteil von sich abwenden oder aus diesem einen prak-
tischen Nutzen ziehen kann (vgl. zum Ganzen BGE 142 II 80 E. 1.4.1;
125 I 7 E. 3c; 123 II 376 E. 2; 121 II 176 E. 2a, je mit Hinweisen).
Wird eine Autonomieverletzung geltend gemacht, ist für das Eintreten
auf die Beschwerde entscheidend, ob die Gemeinde vom angefoch-
tenen Entscheid in ihrer Eigenschaft als Trägerin hoheitlicher Gewalt
berührt ist. Ob die beanspruchte Autonomie tatsächlich besteht, ist
keine Frage des Eintretens, sondern der materiellen Beurteilung.
Dasselbe gilt für die Frage, ob die Autonomie im konkreten Fall verletzt
wurde (vgl. Urteil des Bundesgerichts 1C_141/2014 vom 4. August
2014 E. 1.2; BGE 136 I 404 E. 1.1.3; 135 I 43 E. 1.2 je mit Hinweisen;
Urteile des Kantonsgerichts A1 16 174 vom 10. März 2017; A1 11 4
vom 4. März 2011 E. D; ZWR 2008, S. 85 E. 3).
1.3 Der Staatsrat verweigerte mit seinem Entscheid die Homologation
des Gemeindereglements, welches daher nicht in Kraft getreten ist. Die
Beschwerdeführerin erhebt Beschwerde wegen Verletzung der
Gemeindeautonomie. Die Gemeinde macht geltend, gemäss Art. 2
Abs. 2 GemG dürfe sie Reglemente erlassen, sofern die Gesetzgebung
die Materie nicht oder nicht abschliessend regle oder sie zur Recht-
setzung ausdrücklich ermächtige (Art. 2 Abs. 2 GemG). Die Gemeinde
ist vorliegend in ihrer Eigenschaft als Trägerin hoheitlicher Gewalt
berührt und hat ein schutzwürdiges Interesse an der Aufhebung des
Entscheids.
(…)