Forel mit Foucault
Rassismus als «Zäsur» im Diskurs von August Forel
Von Mirjam Bugmann und Philipp Sarasin
I. Einleitung
Der Westschweizer Psychiater Auguste beziehungsweise August Forel (1848-1931) - Klinikdirektor in Zürich, Gehirnanatom von internationalem Ansehen, Ameisenforscher und führender Sexualwissenschafter der ersten Generation - erscheint bis heute als eine schwierig zu wertende Person voller Ambivalenzen. Als Sozialist und Pazifist, am Schluss seines Lebens gar als Bahai, agitierte er zeitlebens für eine friedlichere Welt und für Völkerver- ständigung, kämpfte gegen sexuelle Vorurteile und für eine rationale Organi- sation der Gesellschaft. Als Psychiater liess er keinen Zweifel daran, dass eine bessere Welt auch eine eugenisch verbesserte Welt sein müsse, und als Ento- mologe erblickte er im Ameisenstaat gar das Modell einer geordneten Gemeinschaft schlechthin. Er war der Lehrer der deutschen Rassenhygieniker Alfred Ploetz und Ernst Rüdin und sprach sich zeitlebens gegen den Antise- mitismus aus. Die Frage, die sich angesichts solch offensichtlicher oder auch nur scheinbarer Widersprüche stellt, lautet nicht: Wer war Forel «eigentlich»? - eine Frage, die als biografische so lange offen bleibt, als keine verlässliche wissenschaftliche Darstellung seines Lebens und Werks vorliegt. Denn abge- sehen von dieser schmerzlichen Lücke ist die wichtigere Frage diejenige nach der Logik seiner Schriften: Wie, so ist zu fragen, funktionierte sein Diskurs?
Seit längerem wurde immer wieder die These vertreten, Forels Propagieren von eugenischen Massnahmen in vielen seiner Schriften sei mit der Shoah und mit den Euthanasie-Morden der Nationalsozialisten in Zusammenhang zu bringen; schon am 28. Juli 1945 brachte der Solothurner Anzeiger entsetzt
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Zitate aus Forels Bestseller Die Sexuelle Frage mit dem in Nazideutschland Geschehenen in Verbindung und warf die Frage nach der Mitschuld auf. Demgegenüber stellte Erwin J. Haeberle, der 1986 in der Neuen Zürcher Zeitung auf diesen Artikel hinwies, einen solchen Zusammenhang kategorisch in Abrede, indem er auf Forels persönlichen und dokumentierten Antirassis- mus wies und sich gegen die anachronistische Gleichsetzung der «unschul- digen» Wissenschaftssprache von Forels Zeit mit den «Nazigreueln» ver- wahrte; es gehe nicht an, dass man Forels Ideen «aus ihrem wissenschaftli- chen und historischen Kontext» reisse.2
Die Vorstellung, dass die Sprache um 1900, deren Forel sich bediente, «unschuldig» war, ist in den letzten beiden Jahrzehnten massiv bezweifelt worden. Erstens lässt sich auf einer sehr grundsätzlichen Ebene die Frage stellen, ob Sprache denn überhaupt je «unschuldig» sein kann und ob nicht umgekehrt Wirklichkeit immer durch Sprache nicht nur wahrgenommen, son- dern recht eigentlich konstruiert wird.3 Die Frage nach der Logik von Forels Diskurs zielt genau in diese Richtung: Welche Worte und Kategorien ver- wendet dieser Diskurs, wie organisiert er das von ihm hervorgebrachte Wis-
1 Forel, August, Die sexuelle Frage, München, 1905 (17. Aufl. 1942), S. 193.
2 Haeberle, Erwin J., «August Forel, der erste Schweizer Sexualwissenschaftler», Neue Zür- cher Zeitung, 19. Februar 1986, S. 69 (zitiert nach der englischen Version, veröffentlicht im Archiv für Sexualwissenschaft, http://www2.rz.hu-berlin.de/sexology/GESUND/ARCHIV/ FOREL.HTM).
3 Vgl. dazu weiterführend aus der neueren Literatur Maingueneau, Dominique, L'Analyse du Discours. Introduction aux lectures de l'archive, Paris, Hachette, 1991. Bono, James J., "Science, Discourse, and Literature", Literature and Science: Theory and Practice, hg. von Stuart Peterfreund, Boston, Northeastern University Press, 1990, S. 59-89. Goertz, Hans- Jürgen, Umgang mit Geschichte. Eine Einführung in die Geschichtstheorie, Reinbek b. Hamburg, Rowohlt, 1995. Golinski, Jan, "Language, Discourse and Science", Companion to the History of Modern Science, hg. von Robert Olby/G. N. Cantor et al., London, Routledge, 1996, S. 111-123. Scott, Joan W., "The Evidence of Experience", Questions of Evidence. Proof, Practice, and Persuasion across the Disciplines, hg. von James Chandler/Arnold I. Davidson/Harry Harootunian, Chicago, London, University of Chicago Press, 1994, S. 363-387 (zuerst in: Critical Inquiry, 17 [Summer 1991]). Landwehr, Achim, Geschichte des Sagbaren. Einführung in die Historische Diskursanalyse, Tübingen, edition discord, 2001. Handbuch Sozialwissenschaftliche Diskursanalyse, Bd. 1: Methoden und Theorien, hg. von Reiner Keller/Werner Schneider/Willy Viehöver, Opladen, Leske + Budrich, 2001. Žižek, Slavoj, Die Tücke des Subjekts, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 2001 (The Ticklish Subject, 1999). Sarasin, Philipp, Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 2003.
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sen, welche Grenzziehungen nimmt er vor und welche Verbindungen stellt er her? Damit lassen sich auch die Fragen nach den Effekten des Forel'schen Diskurses präziser stellen. Denn zweitens wurden in den letzten Jahren die Arbeiten Forels gerade im Hinblick auf ihre eugenischen Implikationen und deren Auswirkung von verschiedener Seite einer genaueren Prüfung unter- zogen. Schon 1988 rückten namentlich Peter Weingart et al. August Forel in die Entstehungsgeschichte der deutschen Rassenhygiene;4 neuere Studien zur Psychiatrie in der Schweiz und zu Forel im Speziellen haben gezeigt, wie sehr Forels eugenische Konzepte tatsächlich in die psychiatrische Praxis mündeten und etwa die in der Schweiz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ver- breitete Sterilisation von «Geisteskranken» zumindest ermöglichten und för- derten.3
4 Weingart, Peter/Kroll, Jürgen/Bayertz, Kurt, Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1988, S. 189-193, 203, 291.
5 Vgl. u. a. Eyl, Michael: «‹s'chunnt uf ds mal en Unggle füre wo dir nüt heit gwüsst dervo›: Namen und Fakten zur schweizerischen psychiatrischen Eugenik bis 1945», Ethik - Genetik - Behinderung: Kritische Beiträge aus der Schweiz, hg. von Christian Mürner, Luzern, Schweizerische Zentralstelle für Heilpädagogik, 1991, S. 75-92. Tanner, Jakob, «Diskurse der Diskriminierung: Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Rassismus in den schweizeri- schen Bildungseliten», Krisenwahrnehmungen im Fin de siècle: Jüdische und katholische Bildungseliten in der Schweiz, hg. von Michael Graetz/Aram Mattioli, Zürich, Chronos, 1997, S. 323-340. Germann, Urs, «‹Alkoholfrage> und Eugenik. Auguste Forel und der eugenische Diskurs in der Schweiz», traverse, 1997, 1, S. 144-154. Tanner, Jakob, «‹Keimgifte› und ‹Rassendegeneration›: Zum Drogendiskurs und zu den gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen der Eugenik», Itinera, 21, 1998, S. 249-258. Wecker, Regina, «Eu- genik - individueller Ausschluss und nationaler Konsens», Krisen und Stabilisierungen: Die Schweiz in der Zwischenkriegszeit, hg. von Beatrice Studer et al., Zürich, Chronos, 1998, S. 165-179. Idem, «Frauenkörper, Volkskörper, Staatskörper: Zu Eugenik und Politik in der Schweiz», Itinera, 20, 1998, S. 209-226. Aeschbacher, Urs, «Psychiatrie und ‹Rassenhygiene>>>, Antisemitismus in der Schweiz 1848-1960, hg. von Aram Mattioli, Zürich, Orell Füssli, 1998, S. 279-304, bes. S. 285-288. Sarasin, Philipp, «Eugenik und Familie: Ein neues Paradigma der ‹Gesundheit> zur Zeit der Jahrhundertwende», Familien- strukturen im Wandel, hg. von Joachim Küchenhoff, Basel, Friedrich Reinhard, 1998, S. 97 bis 114. Buess, Claudia, «Diagnose: ad Sterilisationem»: Die Konstruktion von Geschlecht im theoretischen Sterilisations- und Kastrationsdiskurs und in der institutionellen psychiatrischen Begutachtungspraxis der Heil- und Pflegeanstalt Friedmatt, 1920-1950, Basel, 1999 (Liz.). Imboden, Gabriela, «[ ... ] es ist damit zu rechnen, dass auch sie Erbträ- gerin dieser schweren psychopathischen Familienveranlagung ist», in «Eugenik im Basler Einbürgerungsgesetz», Geschlecht hat Methode, Beiträge der 9. Historikerinnentagung, Zürich, Chronos, 1999, S. 285-292. Jansen, Sarah, «Ameisenhügel, Irrenhaus und Bordell. Insektenkunde und Degenerationsdiskurs bei August Forel (1848-1931), Psychiater, Entomologe und Sexualreformer», Kontamination, hg. von Norbert Haas et al., Eggingen,
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Aus diesen Gründen scheint es durchaus angezeigt, sich genauer mit der Sprache Forels zu beschäftigen. Wir konzentrieren uns dabei in diesem Auf- satz auf einen zentralen Aspekt, ja recht eigentlich auf einen, so unsere These, «strategischen Zug» im Diskurs Forels: seine Rede über die Anderen. Wir möchten zeigen, dass die Bilder des Fremden, des Anderen in Forels Diskurs einen systematischen Stellenwert haben und nicht einfach einer sprachlichen Idiosynkrasie entspringen. Dabei wird deutlich werden, wie sehr diese Spra- che von einem rassistischen Phantasma strukturiert wird. Um diesen «strategi- schen Zug» in Forels Diskurs verständlich zu machen, werden wir argumen- tieren, dass dieser Rassismus am besten mit Michel Foucaults Konzept des Rassismus als «Zäsur» verstanden werden kann. Forel, so unsere These, ist mit Foucault zu lesen.
II. Bilder des Fremden. Eine erste Lektüre
August Forel äussert sich in seinen Texten sehr häufig über schwarze Men- schen, oder, wie er sagt, über «Neger». Dabei fällt sein Urteil vernichtend aus: Sie sind «geistig minderwertig», impulsiv und willensschwach.º Beson- ders ihr Sexual- respektive Fortpflanzungsverhalten ist für ihn Grund zur Beunruhigung, denn er sieht sie sich «kaninchenmässig» vermehren.7 In der Sexuellen Frage stellt er den Zusammenhang zwischen Intelligenz und Sexualität direkt her: Das Zusammengehen von «geistiger Minderwertigkeit» und «heftiger, ungezügelter Leidenschaft» stehe fest.8 Forel folgert, dass die Schwarzen nicht «kulturfähig» seien. Für ihn war es verlorene Liebesmühe, zu versuchen, «die Neger in relativ kurzer Zeit durch milde und gute Erzie-
Edition Klaus Isele, 2001 (Lichtensteiner Exkurse IV), S. 141-184. Huonker, Thomas, Anstaltseinweisungen, Kindswegnahmen, Eheverbote, Sterilisationen, Kastrationen: Fürsorge, Zwangsmassnahmen, «Eugenik» und Psychiatrie in Zürich zwischen 1890 und 1970, Zürich, 2002.
6 Forel, August, Malthusianismus oder Eugenik?, München, 1911, S. 8. Vgl. idem, «Zur Rassenfrage in den Vereinigten Staaten», Neue Zürcher Zeitung, 19. Juli 1910, S. 1.
7 Forel, A., Zur Rassenfrage (Anm. 6), S. 1.
8 Forel, A. (Anm. 1), S. 193.
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hung oder gar durch Blutmischung auf unsere Kulturhöhe ohne Gefahr für uns zu bringen».9
Die direkten Kontakte mit Schwarzen, die er während seiner dreimonatigen Reise nach Kolumbien im Jahr 1896 oder seiner Reise in die USA im Jahr 1899 hatte, führten nicht zu einer Meinungsänderung. Vielmehr bestätigten sie sein abschätziges Urteil, wie die Kommentare in seiner Autobiografie Rückblick auf mein Leben zeigen. Beim Zwischenhalt in Jamaika auf der Überfahrt nach Kolumbien kommt er beispielsweise zum Schluss: «Die Ord- nung der Insel ist musterhaft, wenigstens äusserlich. Die Neger taugen jedoch innerlich kaum mehr als anderswo.»10
A. Wucherungen
Fast ebenso häufig wie die Schwarzen taucht die «gelbe Rasse» in den Texten Forels auf. Zur «gelben Rasse» zählt er Japaner, Chinesen und Mongolen. Im Unterschied zu den Schwarzen gehören diese zu jenen «Rassen», «deren Kultur und deren Gehirn mit den unsrigen recht wohl konkurrieren können und die wir daher zur Kulturmenschheit zu rechnen haben».11 Dabei über- wiegt allerdings die Vorstellung der Konkurrenz: Forel betont die Fruchtbar- keit und die im Vergleich mit den Weissen «grössere Zeugungskraft» der «gelben Rasse» - das Ideal der Asiaten sei die «menschliche Kaninchen- zucht»12 -, was eine Gefahr für die de facto doch von den «Gelben» unterschiedenen «Kulturvölker» darstelle.13 Auf dem internationalen Kon- gress gegen den Alkoholismus in Budapest im September 1905 zeichnet Forel diesen Vorstellungen entsprechend ein düsteres Zukunftsbild für die «arische Rasse», die wegen übermässigem Alkoholkonsum ihrem Untergang entge- gengehe:
«Mit Bezug auf Charakterenergie, Arbeit, Ausdauer, respektive Intelligenz und Genügsamkeit ist uns die gelbe Rasse entschieden überlegen. [ ... ] Die Gelben
9 Forel, August, «Über Ethik», Die Zukunft, 53 (1899), S. 574-587, hier S. 580.
10 Forel, August, Rückblick auf mein Leben, Prag - Zürich - Wien, 1935, S. 184.
11 Forel, A., Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6), S. 7.
12 Forel, A. (Anm. 1), S. 455.
13 Forel, A. (Anm. 9), S. 579 f.
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brauchen viel weniger Komfort, viel weniger Nahrungsmittel, weniger Wohnraum als wir und leisten dennoch mehr. Dies genügt vollständig, um im friedlichen Konkurrenzkampf unsere Rasse zu vernichten.»14
Die grosse Fruchtbarkeit fremder «Rassen» - ob gelb oder schwarz - beunru- higt Forel sehr. So formuliert er in Die sexuelle Frage ein Postulat, das die «ausserordentlich schwierige und heikle Frage» aufnimmt, «wie die Kultur- menschheit der Gefahr zu begegnen habe, durch inferiore Menschenrassen infolge derer grosser Fruchtbarkeit überwuchert zu werden».15 Denn bei bestimmten «Rassen» steht für Forel fest, dass sie sich nicht friedlich ver- mischen können. Von ihnen droht Verdrängung und Vernichtung. Daraus folge, dass die Grenzen der «Kulturmenschheit» klar definiert werden müssen - nur innerhalb dieser Grenzen erstrecken sich die moralischen Pflichten der Gesellschaft, sonst gefährdet sie sich selbst. Die anderen «Rassen» hingegen seien teilweise «so fruchtbar und von so minderwertiger Qualität, dass, wenn man sie gutmütig und friedlich ohne Vorsicht sich unter uns vermehren liesse, sie uns bald ausgerottet haben würden». 16
Doch der Konkurrenzkampf und Verdrängungswettbewerb zwischen den «Rassen» ist nicht die einzige Form der Bedrohung der «Kulturmenschheit». Vielmehr wird, so Forel, durch Rassenmischungen der Weissen mit den Schwarzen und den Gelben die eigene, die weisse «Rasse» mit schlechten Keimen überschwemmt. Während sich im Tierreich die Arten «instinktiv» voneinander abgestossen fühlten,17 seien die menschlichen «Rassen» zwar prinzipiell untereinander mischbar, doch vor allem Verbindungen von «sehr weit auseinandergehenden Menschenrassen» ergäben eine «schlechte Bastar- denqualität». 8 Die Mulatten sind Forels bevorzugtes Beispiel: Sie seien eine «entschieden minderwertige und im Ganzen schwache, kaum lebensfähige Rasse». 19
14 Forel, August, «Alkohol und Geschlechtsleben», Separatabdruck aus Wiener klinisch- therapeutische Wochenschrift, 39 (1905), S. 15.
15 Forel, A. (Anm. 1), S. 519.
16 Idem, S. 440.
17 Idem, S. 167.
18 Idem, S. 37.
19 Idem, S. 37 f.
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B. Kulturbarbaren
Was für die Menschheit als Ganzes gilt, bedroht laut Forel auch die eigene Gesellschaft - hier erscheinen ihm verschiedene Menschen ebenfalls als «kulturunfähig» und als die Gesellschaft «schädigend». In diese Kategorie fallen neben geistig und körperlich Behinderten Alkoholsüchtige, Verbrecher und «Verbildete», dazu kommen in einer unscharfen Weise kranke Menschen; ihr gemeinsamer Nenner jedenfalls ist, dass sie sich nicht fortpflanzen sollen. So heisst es etwa in der Sexuellen Frage:
«Es ist vorerst leichter, hier negativ vorzugehen und diejenigen Typen zu bezeichnen, die sich nicht vermehren sollen. Als solche sind in erster Linie alle Verbrecher, Geisteskranke, Schwachsinnige, vermindert Zurechnungsfähige, bos- hafte, streitsüchtige, ethisch defekte Menschen zu bezeichnen. Diese bringen weitaus am meisten Unheil und am meisten schlimme Keime in die Gesellschaft. Auch die Narkosesüchtigen (Alkohol, Morphium etc.) schaden durch Blastophthorie [Keimverderbnis durch Alkohol], obwohl sie sonst oft tüchtig sind. [ ... ] Eine zweite Kategorie bilden die erblich zu Tuberkulose Neigenden, die körperlich Elenden, die Rhachitischen, Haemophilen, Verbildeten und sonst durch vererbbare Krankheiten oder krankhafte Konstitutionen zur Zeugung eines gesunden Menschenschlages unfähige Individuen.»20
1911 bezeichnet er in einem Vortrag jene Menschen, die «krankhaft leiden- schaftlich» und sehr impulsiv seien, generell als «minderwertig»,21 21 und in anderen Schriften ergiesst sich geradezu ein Schwall von Adjektiven über die Ausgegrenzten: Sie bilden den «Überschuss an siechen, verbildeten, blöden, geistig verschrobenen, verbrecherisch angelegten, faulen, verlogenen, eitlen, verschmitzten, geizigen, leidenschaftlichen, impulsiven, haltlosen Men- schen».22 Die Anderen werden als «Pest», «Schmarotzer» und «Schädlinge» bezeichnet, die nur «unglückliche, elende Würmer» in die Welt setzen und ihre «schlechten Keime» ausbreiten. Ihre Fortpflanzung wird zur unmo- ralischen Tat, da sie «Rasse» und Mitmenschen schadet.23 In seinem Artikel «Die Vereinigten Staaten der Erde» von 1914 schliesslich werden sie zu
20 Idem, S. 523.
21 Forel, A., Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6), S. 9.
22 Forel, August, Sexuelle Ethik, München, 1906, S. 18.
23 Idem, S. 17.
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«Kulturbarbaren», da sie trotz «hoher Kultur» die eigene Gesellschaft bedrohen.24
Die Attribute, mit denen Forel diese «Kulturbarbaren» versieht, können leicht gebündelt werden. Eine Kategorie ist die physische Versehrtheit, wenn er beispielsweise von «körperlich Elenden» und Menschen mit «krankhafter Konstitution» spricht. Eine weitere Kategorie sind die geistig oder psychisch Versehrten, die «schwachsinnigen» und Geisteskranken. Auffallend sind auch die Zuschreibungen, die auf eine unkontrollierte Psyche hindeuten, so zum Beispiel «impulsiv» und «haltlos». Eine weitere Kategorie weist auf den Bereich der Sexualität hin, wenn er von «Syphilitikern» und «sexuell Perver- sen»25 spricht, die Urteile «krankhaft leidenschaftlich» und «ungemein ero- tisch»26 fällt sowie die «kaninchenmässige Vermehrung» anführt. Ebenso wird deutlich, dass die «Kulturbarbaren» die Gesellschaft gefährden: sie bringen «Unheil und schlechte Keime». Die Benennungen als «Pest», «Schädlinge» und «Schmarotzer» machen sie zu parasitären Mitmenschen, die auf Kosten ihrer Umgebung leben.
Die Charakterisierungen der inneren und äusseren «Barbaren» gewinnen ihr Gewicht durch die Anlehnung an die starke Dichotomie von Natur und Kul- tur. Durch ihr zügelloses, leidenschaftliches und unkontrolliertes Wesen und ihre tiefe Intelligenz erscheinen die «Barbaren» als Gegenteil jeder Kultur. Sie sind nicht «kulturfähig», sondern bedrohen als schlechte Natur die «Kul- turmenschheit» buchstäblich von innen her, indem sie durch ihre Keime das Erbgut kontaminieren. Es sind vor allem drei Faktoren, die diesen Prozess laut Forel befördern: Erstens würden kulturelle Errungenschaften wie namentlich die moderne Hygiene und Medizin dazu führen, die Überlebens- und damit Fortpflanzungsmöglichkeiten der Schwachen und Kranken zu
24 Forel, August, «Die Vereinigten Staaten der Erde» (orig. 1914). Idem, Der Weg zur Kultur, Leipzig/Wien, 1924, S. 92-94.
25 Forel, August, Verbrechen und konstitutionelle Seelenabnormitäten. Die soziale Plage der Gleichgewichtslosen im Verhältnis zu ihrer verminderten Verantwortlichkeit, München, 1907, S. 12.
26 «[ ... ] körperlich und besonders geistig kranke oder abnorme Menschen sind sehr oft unge- mein erotisch [ ... ].» Forel, August, Ethische und rechtliche Konflikte im Sexualleben in und ausserhalb der Ehe, München, 1909, S. 36.
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verbessern.27 Zweitens vergiftet der Alkohol gemäss Forels Theorie der Blastophthorie unmittelbar die Erbanlagen und schädigt so die Nachkom- men.28 Und schliesslich wirke der moderne Krieg kontraselektorisch, weil die «Besten» auf den Schlachtfeldern stürben, während wiederum die Schwachen und Kranken zu Hause überlebten.29 Es sind genau diese drei Argumente, die vom Forel-Schüler Alfred Ploetz und den deutschen Rassenhygienikern ab 1895 zu einem paranoiden System des Ausschlusses der Anderen weiter- entwickelt werden.30
III. Rassismus als «Zäsur» (Foucault)
Es gibt keinen Grund daran zu zweifeln, dass es Forel und vielen seiner be- kannten und weniger bekannten Mitstreitern in der breiten, international ver- netzten gesellschaftsreformerischen Strömung zu Beginn des 20. Jahrhun- derts, die allein in Deutschland und in der Schweiz von finsteren Rassen- hygienikern bis zu Sigmund Freud, von den Vegetariern auf dem Monte Ve- rità bis zum Sexualwissenschafter Magnus Hirschfeld, vom Monisten Ernst Haeckel bis zur Feministin Helene Stöcker reichte, um die Reform der Ge-
27 Forel, A., Der Weg zur Kultur (Anm. 24), S. 126. Idem, Alkohol und Geschlechtsleben (Anm. 14), S. 5. Idem, «Rassenentartung und Rassenhebung», Die Umschau, 5, (1909), S. 93. Idem, Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6), S. 12 f. Idem, Hygiene der Nerven und des Geistes im gesunden und kranken Zustande, Stuttgart, 1922 (orig. 1903), S. 232.
28 Forel, August, «Fortschritt oder Rückschritt der Kultur? Zur Rassenhygiene des Menschen», Der Arbeitsnachweis, 2 (1915), S. 1-8, hier S. 7. Idem, Der Weg zur Kultur (Anm. 24), S. 126. Idem, Die Alkoholfrage als Kultur- und Rassenproblem, Bern, 1902. Idem, Alkohol und Geschlechtsleben (Anm. 14), S. 6. Idem, «Rassenentartung» (Anm. 27), S. 91. Idem, Die sexuelle Frage (Anm. 1), S. 27. Idem, Sexuelle Ethik (Anm. 22), S. 19. Allerdings gestand Forel 1924 ein, dass die Blastophthorie-These noch «sehr zweifelhaft» sei (vgl. Meier, Rolf, August Forel, 1848-1931, Arzt Naturforscher Sozialreformer. Eine Ausstellung der Universität Zürich im Herbst 1986, Zürich, 1986, S. 78/82).
29 Forel, A., Der Weg zur Kultur (Anm. 24), S. 125 f. Idem (Anm. 14), S. 5. Idem, Rassen- entartung (Anm. 27), S. 93. Idem, «Gedanken über Zuchtwahl», Vererbung und Geschlechtsleben, 1 (1926), S. 17. Idem, Hygiene der Nerven und des Geistes (Anm. 27), S. 232. Idem, Mensch und Ameise: ein Beitrag zur Frage der Vererbung und Fortschritts- fähigkeit, Wien, 1922, S. 53.
30 Vgl. Ploetz, Alfred, Die Tüchtigkeit unserer Rasse und der Schutz der Schwachen. Ein Ver- such über Rassenhygiene und ihr Verhältniss zu den humanen Idealen, besonders zum So- cialismus, Berlin, S. Fischer, 1895 (Grundlinien einer Rassen-Hygiene, I. Theil).
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sellschaft durch die «Verbesserung» des Menschen in einem ebenso biologi- schen wie moralisch-politischen Sinn ging. Von links bis rechts lassen sich daher in den Schriften all dieser Lebensreformer, Utopisten, Wissenschafter und Agitatoren eugenische Motive und Theorien feststellen. Forel bildet hier keine Ausnahme; seine Texte fügen sich vielmehr auf eine zweifellos sehr ak- zentuierte, keinesfalls aber untypische Weise, ja eher noch stilbildend und ex- emplarisch in ein breiteres Diskursumfeld ein.3 Nicht zufällig ist Forel in vie- len reformerischen Organisationen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts lei- tend tätig und ein gefragter Vortragsredner in ganz Europa. Daher ist die Frage zu wiederholen: Welche Rolle spielen in seinem Diskurs beziehungs- weise in seinem ganzen Diskursfeld, das zwar erklärtermassen eugenisch, je- doch nicht in einem engen, politisch festlegenden Sinn rassistisch sein wollte, jene auf die «Rasse» bezogenen Worte, Kategorien und Konnotationen, die bei Forel so überaus präsent sind? War das trotz allem bloss eine etwas kräf- tige façon de parler, oder hatten diese Worte eine bestimmbare Funktion?
31 Vgl. The Wellborn Science: Eugenics in Germany, France, Brazil and Russia, hg. von Mark B. Adams, New York, Oxford UP, 1990. Bergmann, Anna, Die Rationalisierung der Triebe. Rassenhygiene und Eugenik im Deutschen Kaiserreich, Frankfurt a. M., 1990. Carol, Anne, Histoire de l'eugénisme en France. Les médecins et la procréation XIXe-XXe siècle, Paris, Seuil, 1995. Grosse, Pascal, Kolonialismus, Eugenik und bürgerliche Gesellschaft in Deutschland 1850-1918, Frankfurt a. M./New York, Campus, 2000. Hamelmann, Gudrun, Helene Stöcker, der «Bund für Mutterschutz» und «Die Neue Generation», Frankfurt a. M., 1992. Herlitzius, Anette, Frauenbefreiung und Rassenideologie. Rassenhygiene und Eugenik im politischen Programm der «Radikalen Frauenbewegung» (1900-1933), Wiesbaden, 1995. Naturwissenschaften und Eugenik. Sozialhygiene und Public Health, hg. von Heidrun Kaupen-Haas/Christiane Rothmaler, Frankfurt a. M., Mabuse-Verlag, 1994. Klevenow, Annegret, Geburtenregelung und «Menschenökonomie». Die Kongresse für Se- xualreform 1921 bis 1930, Nördlingen, 1986 (Schriften der Hamburger Stiftung für Sozial- geschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 1). Kühl, Stefan, Die Internationale der Rassisten. Auf- stieg und Niedergang der internationalen Bewegung für Eugenik und Rassenhygiene im 20. Jahrhundert, Frankfurt a. M., Campus, 1997. Pichot, André, La société pure. De Darwin à Hitler, Paris, Flammarion, 2000. Robb, George, "The way of all flesh: Degeneration, eugenics, and the gospel of free love", Journal of the History of Sexuality, 1996, Bd. 6, 4, S. 589-603. Schwartz, Michael, Sozialistische Eugenik. Eugenische Sozial-technologien in Debatten und Politik der deutschen Sozialdemokratie 1890-1933, Bonn, Dietz, 1995 (Reihe Politik und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 42). Soloway, Richard, Demography and Degeneration. Eugenics and the Declining Birthrate in Twentieth-Century Britain, Chapel Hill/London, University of North Carolina Press, 1995.
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A. Biomacht
Michel Foucault griff die Frage nach dem Rassismus vor allem in der Zeit um die Abfassung und die Publikation von La volonté de Savoir 1976 auf und diskutierte sie im Kontext der, wie er sagte, modernen Biomacht beziehungs- weise Biopolitik; dasselbe Thema erörterte er in einer einflussreichen Vorle- sung vom 17. März 1976.32 Wir möchten Foucaults Argumentation noch ein- mal kurz in Erinnerung rufen. Foucault grenzt die moderne Biomacht ab gegen die alte Form der Macht (mit dem König an ihrer Spitze), die ihre Sou- veränität darin realisierte, «sterben zu machen oder leben zu lassen». Moderne Macht hingegen besteht nach Foucault in ihrem Kern darin, «leben zu ‹machen> und sterben zu ‹lassen›» beziehungsweise «in den Tod zu stos- sen».33 Als erste moderne Machtform erscheint dabei die seit dem 17. Jahr- hundert einsetzende Disziplinierung des Körpers; als zweite Machtform etab- liert sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts eine «nicht-disziplinäre Macht», die sich auf «das Leben der Menschen» anwenden lässt:
«[ ... ] sie befasst sich, wenn Sie so wollen, nicht mit dem Körper-Menschen, son- dern dem lebendigen Menschen, dem Menschen als Lebewesen, und letztendlich [ ... ] dem Gattungs-Menschen.»34
Diese modernste Form der Macht zielt nicht auf den einzelnen Körper ab, sondern macht die Bevölkerung und den Gesamtprozess ihrer physischen Reproduktion bis hin zur Reproduktion als Gattungswesen zum Gegenstand ihrer Interventionen. Dabei überschreiten Gesellschaften, so Foucault, dann «die ‹biologische Modernitätsschwelle»», wenn es «in ihren politischen Stra- tegien um die Existenz der Gattung selber geht».35 Das ist der zentrale Gedanke in Foucaults Konzept der Biopolitik: In der Moderne zielt die Regulierungsmacht auf die Produktion von Leben bis hin zur Herrschaft über das Leben überhaupt - darin sucht sie ihre Souveränität zu realisieren.
32 Foucault, Michel, Der Wille zum Wissen, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1977 (Sexualität und Wahrheit, Bd. 1 [Paris 1976]). Idem, In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975-1976), Frankfurt a. M., Suhrkamp, 1999.
33 Idem, In Verteidigung der Gesellschaft (Anm. 32), S. 278. Idem, Der Wille zum Wissen (Anm. 32), S. 165.
34 Idem, In Verteidigung der Gesellschaft (Anm. 32), S. 280.
35 Idem, Der Wille zum Wissen (Anm. 32), S. 170.
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B. Die Zäsur
Damit stellt sich eine Frage, die das Funktionieren jeder Macht betrifft: «Wie kann eine solche Macht töten [ ... ]?»36 Wie kann eine biopolitisch ausgerich- tete Macht Menschen töten, um ihre Ziele zu erreichen, falls sich die Tötung als notwendig herausstellen sollte? Woher nimmt sie die Kraft zum Mord, die Legitimation zur Vernichtung, die Überzeugung, dass jemand das Recht auf Leben verwirkt habe? Foucaults Antwort lautet, dass sich die Biomacht die Legitimation und die Energie zum Mord durch den Rassismus erkauft, und er unterscheidet dabei zwei Funktionen des Rassismus. Erstens und primär ist in seinen Augen Rassismus «ein Mittel, um in diesen Bereich des Lebens, den die Macht in Beschlag genommen hat, eine Zäsur einzuführen: die Zäsur zwischen dem, was leben, und dem, was sterben muss.»37 Die zweite Funktion des Rassismus besteht darin, dieses Töten zu ermöglichen: als Rassismus «kriegerischen Typs» macht er das eigene Leben vom Sterben beziehungs- weise Töten des Feindes beziehungsweise des Anderen abhängig. Dabei bedeutet «der Tod des Anderen nicht einfach mein Überleben in der Weise, dass er meine persönliche Sicherheit erhöht»; vielmehr geht es auch hier darum, dass «der Tod des Anderen, der Tod der bösen Rasse, der niederen (oder degenerierten oder anormalen) Rasse das Leben im allgemeinen gesün- der machen [wird]; gesünder und reiner».38 Rassismus ist also jene Funktion in einer Gesellschaft, die das Gesunde vom Kranken scheidet, und zwar in dem Masse, wie das «Gesunde» auf der Ebene des Volkskörpers gesucht wird; Rassismus ist eine Zäsur, eine Selektion, welche die als «krank», als «fremd», als «unrein» oder als «rassisch anders» vorgestellten Teile der Bevölkerung kennzeichnet und ausscheidet. Das impliziert nicht unbedingt die tatsächliche Tötung des Anderen, sondern beginnt schon bei der diskursi- ven und darauf aufbauend der sozialen Ausgrenzung beziehungsweise beim sozialen Tod dieser Menschen. Mit anderen Worten: Während die erste Funktion des Rassismus darin besteht, eine Zäsur einzuführen zwischen Gesundheit/Leben einerseits und Krankheit/Tod anderseits, liefert die zweite Funktion des Rassismus die für die Durchsetzung dieses Schnitts notwendige phantasmagorische Energie. Man muss sich den Anderen in rassistischen
36 Idem, In Verteidigung der Gesellschaft (Anm. 32), S. 294.
37 Idem, S. 295 (Hervorhebung durch uns).
38 Idem, S. 296.
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Kategorien vorstellen, um ihn verachtenswert zu finden und hassen zu können.
Uns scheint jedenfalls, dass August Forel am besten von Foucaults Konzept des Rassismus als Zäsur her zu verstehen ist. Seine diskursive - und in der Klinik Burghölzli praktische - Anstrengung, die «Kulturbarbaren» durch eine tiefe Zäsur von den «Gesunden» zu scheiden, scheint auf den ersten Blick nicht rassistisch im traditionellen Sinne des Begriffs zu sein, und ein solcher Verdacht scheint überdies von seiner Biografie und seinen persönlichen Ansichten und Haltungen widerlegt zu werden. Erst die Analytik Foucaults kann sichtbar machen, dass erstens die Zäsur, die Forel zwischen der «Kul- turmenschheit» und den Anderen unermüdlich vornahm, bei ihm und bei allen Eugenikern in der Zeit vor dem und um den Ersten Weltkrieg auf ein imagi- näres biologisches Substrat der wie auch immer vage definierten eigenen «Rasse» bezogen war. Zweitens vermag Foucaults Machtanalyse sichtbar zu machen, dass die eugenische Zäsur in jener «unschuldigen» Zeit, das heisst noch vor allen rassistischen Genoziden des 20. Jahrhunderts, ohne die Ener- gie eines rassistischen Imaginären kaum vorstellbar war. An sich wäre eine rein eugenische Zäsur ohne jede rassistische Aufladung denkbar (heute schei- nen wir uns in diese Richtung zu bewegen) - Forel aber gehört in eine Zeit, in der das als «krank», «minderwertig» oder «degeneriert» wahrgenommene Andere systematisch und diskursnotwendig mit rassistischen Konnotationen belegt wird. Seine «unqualifizierten», «unwissenschaftlichen», scheinbar bei- läufigen Bemerkungen über Schwarze und Gelbe gehören daher nicht zum Rand seines Diskurses, sondern bilden dessen phantasmagorischen Kern.
IV. Strategien der Ausgrenzung: Klassifizieren und Intervenieren bei Forel
Wir möchten im Folgenden den um diesen phantasmagorischen Kern herum strukturierten Diskurs Forels - beziehungsweise jenen Diskurs, in den sich Forel als einer der prominentesten Autoren einschrieb und den er entschei- dend vorantrieb - genauer analysieren. Dabei stehen die Begriffe «Rasse» und «Sexualität» im Zentrum, die zur Kategorisierung der Fremden und Anderen bei Forel besonders wichtig sind.
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A. Theorien der «Rasse»
Den Begriff der «Rasse» entlehnt Forel der biologischen Systematik, welche die menschliche Art in mehrere «Rassen» unterteilt; die Vorstellung von der Existenz verschiedener «Rassen» übernimmt er in einem anthropologischen und entwicklungsgeschichtlichen Sinn von Autoritäten wie - selbstverständ- lich - Charles Darwin, aber auch dem Zürcher Anthropologen Rudolf Martin (1864-1925), der mit seinem mehrfach aufgelegten Lehrbuch der Anthropo- logie Generationen von Anthropologen prägte." Forel bemerkt allerdings, dass im alltäglichen Sprachgebrauch mit dem Wort «Rasse» meist nicht die zoologische Unterart gemeint sei, sondern die «Gesamtheit der normalen, ge- sunden, charakteristischen, wohlausgebildeten Eigenschaften eines lebenden Typus».40 Daraus folge ein von der Anthropologie abweichender Gebrauch des Begriffs:
«Wenn man sagt: Dieser Hund, dieser Mann hat ‹Rasse› - so heisst es so viel wie: er ist schön, wohlausgebildet, gesund, normal, kein Bastard, kein verschwom- mener Mischling, kein krankhaft degeneriertes Wesen. In diesem Sinn, und nicht für die Unterart, wollen wir das Wort Rasse anwenden [ ... ].>>41
Durch diese umgangssprachliche Wendung beziehungsweise Verwendung des Begriffs wird es Forel möglich, das Attribut «Rasse» als Qualitätsmerkmal und als Norm einer bestimmten Gruppe einzusetzen, eine Norm, von der dann jede Abweichung als Qualitätsverlust an «Rasse» verstanden wird. Das mani- festiere sich direkt in ihren Keimen, denn «die ‹Rasse> [liegt] in den Keim- zellen, aus welchen ein Individuum stammt».42 Die Behinderten beispiels- weise werden auf diese Weise als Träger und Trägerinnen schlechter Keime wahrgenommen, die keine «Rasse» enthalten. Es gibt zudem milieubedingte Faktoren, die schlechte Keime und damit «Rassenentartung» produzieren: Al- koholkonsum und Geschlechtskrankheiten, ebenso eine «ungesunde Lebens- weise».43
39 Der Verweis auf Martins Lehrbuch findet sich bei Forel, A. in Der Weg zur Kultur (Anm. 24), S. 117.
40 Forel, A., Rassenentartung (Anm. 27) S. 91.
41 Idem.
42 Idem.
43 Idem.
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Auch mit dieser Form der Begriffsverwendung ist Forel indes nicht besonders konsequent. Die Träger «schlechter Keime» verlieren zwar ihre «Rassenzuge- hörigkeit» und gefährden die «Rasse», doch Forel verwendet meist den Be- griff der «Entartung», wenn es um diesen Qualitätsverlust im (anthropolo- gisch verstandenen) Rahmen der weissen «Rasse» geht. Explizit hingegen setzt er den Rassenbegriff zur Kennzeichnung angeblicher qualitativer Unter- schiede zwischen den verschiedenen «Menschenrassen». So entwirft er in der Sexuellen Frage die Entwicklungsgeschichte der Menschheit nach Dar- win'schem Muster und in den Kategorien der physischen Anthropologie: Das Gehirngewicht, die Gehirngrösse und der unterschiedliche Körperbau der «Pygmäen Stanleys, ([der] Akkas), [der] Weddas, selbst [der] Australier und [der] Neger»44 auf der einen Seite würden auf eine bloss weit entfernte Ver- wandtschaft mit der weissen «Rasse» deuten.43 Diese «sogenannten europäi- schen arischen Rassen» auf der anderen Seite seien ein Gemisch,4º das jedoch als Mischung keine Gefahr bedeute, da die einzelnen Komponenten zur «Kulturmenschheit» gehörten. Der Kampf gegen europäische Rassen- mischungen sei daher «vollendeter Unsinn»4 - ausserhalb der Grenzen Euro- pas aber drohe Gefahr durch Menschen, «die zwar zoologisch zur Species homo sapiens gehören, weil sie leider mit unsern Kulturmenschen noch Mischprodukte geben». 48
Man sieht, wie paradox und zugleich zwingend Forels Argument ist: Während sein gesamter Diskurs auf dem Rassenbegriff beruht, um überhaupt die Vor- stellung einer Zäsur plausibel zu machen, welche die Anderen ausgrenzt, braucht er den Begriff der Rasse für Europa nur mit dem distanzierenden Marker «sogenannt» und verwahrt sich gegen die Vorstellung eines Rassen- kampfes innerhalb Europas. Hier kann Forel getrost Antirassist sein - die «fremden Rassen» sind durch die Zäsur schon ausgegrenzt. Forel argumen- tiert auf eine verwirrende Weise immer zugleich innerhalb und ausserhalb «rassischer» Kategorien. Oder vielleicht genauer: Während seine bewussten
44 Forel, A., Die sexuelle Frage (Anm. 1), S. 35.
45 Forel, August, «Der Supranationale Friede», Holländische Nachrichten, Sondernummer, Haag, 1916, S. 3.
46 Idem, S. 2.
47 Forel, A., Der Weg zur Kultur (Anm. 24), S. 118.
48 Forel, A., Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6), S. 6.
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Argumente «nur» eugenisch sein wollen, ist sein Diskurs, beziehungsweise ist der Diskurs, in den er sich einschreibt, rassistisch. Bezeichnend dafür ist, dass Forel das breite anthropometrische Zahlenmaterial nicht benutzte, das damals unter anderen von Rudolf Martin zur Verfügung gestellt wurde, dass er sich dezidiert von den gängigen Rassentheorien distanzierte: «Auf die dogmati- schen Anschauungen eines Gobineau oder Vacher de Lapouge», schreibt er 1908 im Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie, «gehe ich hier nicht ein; es ist zu viel Phantasterei dabei».49 Forels Paradoxie ist mit Foucault zu lesen: Forel «ist» zugleich Rassist und Antirassist, weil es ihm auf einer intentionalen, argumentativen Ebene weniger um Rassenreinheit als um Gesundheit geht. Das Konzept der Rasse dient dazu - und zwar nicht einfach als «Instrument», sondern als Diskursmuster, ja als unverzichtbares, seine gesamte Wahrnehmung strukturierendes Phantasma - die Zäsur zu fordern, den Schnitt zu denken und das Messer zu führen.
B. «Entartung» und Identität
Ganz im Sinn der systematischen Zoologie und Botanik nach Linné verwen- dete Forel den Begriff der «Art». Als Homo sapiens bildet die Menschheit eine Art, welche wiederum in Unterarten oder «Rassen» unterteilt ist.50 Die Worterweiterung «Entartung» verweist mit dem Präfix «Ent-» auf einen Bereich ausserhalb der «Art» und auf den Verlust bestimmter Kriterien der «Art». Im Brockhaus aus dem Jahr 1895 findet sich das Lemma «Ausartung, Entartung, Zurückartung»," das «Entartung» als einen Rückschlag oder Ata- vismus auf eine frühere Entwicklungsform beschreibt, allerdings auf Kultur- pflanzen und Tiere beschränkt. Der Eintrag aus dem Jahr 1929 unterscheidet unter dem Lemma «Degeneration, Entartung» drei verschiedene Arten: die dem Sinn von 1895 entsprechende, auf das Tier- und Pflanzenreich beschränkte Anwendung, an zweiter Stelle die auf die «Rassenhygiene» bezo- gene, an dritter Stelle die auf Gewebe und Zellen angewandte. Der zweite Aspekt ist hier interessant: er bezeichnet eine «auf Veränderung der Erbmasse
49 Forel, August, «Gelbe und weisse Rasse. Ein praktischer Vorschlag», Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie, 2 (1908), S. 249-251, hier S. 250, Anm. Im Anhang der Sexuellen Frage bespricht Forel das Werk von Vacher de Lapouge, Les sélections sociales, Paris, 1896, noch weit gehend positiv. Vgl. Forel, A. (Anm. 1), S. 583 f.
50 Vgl. Forel, A., Rassenentartung (Anm. 27), S. 89.
51 Brockhaus' Konversations-Lexikon, 2. Bd., Leipzig/Berlin/Wien, 1895, S. 140.
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beruhende Minderwertigkeit, eine dadurch bedingte Verschlechterung der Art (Genus), zum Beispiel einer Rasse, in körperlicher und geistiger Hinsicht».52 Beim Menschen sei die Degeneration meist Ursache einer Schädigung der Keimzellen, und die Vererbung spiele eine wesentliche Rolle. Der Brock- haus-Eintrag von 1929 entspricht der Verwendung des Begriffs «Entartung» durch Forel. Der Begriff «Entartung» taucht bei ihm in textlicher Nähe zur «Art» auf und verweist auf die Anderen, die bestimmte «Rassenmerkmale» - oder eben Artmerkmale - nicht mehr mit sich bringen: «minderwertige Indi- viduen, die zwar zur Art gehören, aber in ihren Rasseneigenschaften, wie man sich ausdrückt, degeneriert, das heisst entartet sind».53
Zwar gehören die Anderen noch zur Art, die Semantik des Worts verweist jedoch auf eine Begrenzung der Art und darauf, dass die «Entarteten» ausser- halb dieser Grenzziehung zu finden sind. Die zoologische Zugehörigkeit wird von innen her durch einen Signifikanten ausgehöhlt, der sie ihrer Mitglied- schaft zu der menschlichen Art beraubt.
Die Anderen werden im wortwörtlichen Sinn entmenschlicht und aus der Art des Homo sapiens ausgeschlossen. Diese Entmenschlichung sieht der Histori- ker Hans-Walter Schmuhl als eine der Folgen «rassischer Überformung gesellschaftlicher Bruchlinien».34 Eine als «Rasse» stigmatisierte Minderheit könne so aus der menschlichen Gattung ausgegrenzt werden - «als Parasit, Ungeziefer oder Krebsgeschwür»." Dieser Prozess der Entmenschlichung lässt sich auch in den Texten Forels verfolgen, denn die Anderen sind nicht nur «entartet», sondern sie werden zu «Untermenschen», «Schmarotzern» und «Schädlingen», welche die Gesellschaft «verpesten».36 Das entomologische Vokabular ist dem passionierten Ameisenforscher (wie anderen Eugenikern) in die Rede gerutscht und öffnet den semantischen Raum für die Gleich-
52 Idem, 4. Bd., Leipzig, 1929, S. 466.
53 Forel, A., Rassenentartung (Anm. 27), S. 91 (Hervorhebung im Original).
54 Vgl. Schmuhl, Hans-Walter, «‹Rassen› als soziale Konstrukte», Politische Kollektive. Die Konstruktion nationaler, rassischer und ethnischer Gemeinschaften, hg. von Ulrike Jureit, Münster, 2001, S. 163-179, hier S. 175.
55 Idem, S. 175.
56 Siehe z. B. Forel, A. Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6), S. 14, 27, oder idem (Anm. 22), S. 19.
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setzung «entarteter» Menschen und Insekten.57 Die Verwendung des Begriffs «Schädlinge» für unerwünschte und ausgegrenzte Menschen bringt für die heutige Leserin Konnotationen mit sich, die bis zu den Gaskammern in Auschwitz reichen. Mit dieser Konsequenz konnte Forel seine Verwendung nicht denken, und doch hallt in diesem Zusammenhang seine 1909 gestellte Frage nach: «Wen soll man nicht züchten (ausmerzen)?»58
Beim Operieren mit den Begrifflichkeiten «Rasse», «Art» oder «Entartung» geht es um Grenzziehungen. Die Grenzen sollten stabil und undurchlässig sein. Der spezifisch «rassischen» Markierung solcher gesellschaftlichen Bruchlinien ordnet Schmuhl bestimmte Bedingungen zu." So geht dem Zuschreibungsprozess ein starkes Machtgefälle voraus, das sich im Zuschrei- bungsprozess als Definitionsmacht manifestiert. August Forel hatte als erfolg- reicher Wissenschafter und Psychiater die Möglichkeit, sich Gehör zu ver- schaffen, und sein Sprechen erschien als legitim und autoritativ. In einem diskursanalytischen Sinn kann man vom passenden «Ort des Aussagens»60 sprechen, den Forel innehatte. Ebenso waren Forel die Regeln und Techniken des Diskurses zugänglich. Er kannte die Logik der wissenschaftlichen Rede, welche seine Aussagen einem bestimmten disziplinären Feld zuschrieb.61
Die Abgrenzungen des Anderen und Fremden funktionieren immer im Zusammenhang mit Selbstzuschreibungen. Die dominante Gruppe mit ihrer Zuschreibungs- und Definitionsmacht bestimmt, was «normal» und was als abweichend und nicht normal markiert wird. Die Anderen dienen als Hinter- grundfolie, vor der die positiven Eigenschaften der dominanten Gruppe abge- hoben und die Einheit und Identität der eigenen Gruppe konstruiert werden können.62 Den Ausgegrenzten wird ein bestimmter Platz zugewiesen, der
57 Vgl. Jansen, S. (Anm. 5), S. 141-184.
58 Forel, A., Rassenentartung (Anm. 27), S. 122.
59 Vgl. Schmuhl, H .- W. (Anm. 54), S. 173 f.
60 Vgl. Mainguenau, Dominique, L'Analyse du discours. Introduction aux lectures de l'archive, Paris, 1991.
61 Vgl. Foucault, Michel, Die Ordnung des Diskurses, Frankfurt a. M., 1996 (Orig. L'ordre du discours, Paris, 1972), S. 22-25.
62 Vgl. dazu etwa Singer, Mona, Fremd. Bestimmung. Zur kulturellen Verortung von Identität, Tübingen, 1997, S. 30.
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durch ihre Unterlegenheit legitim erscheint. Forel sieht seine Interventionen vor diesem Hintergrund gerechtfertigt: Die Fremden und Anderen versagen in ihrer Kulturanpassung, sie werden den geforderten Standards nicht gerecht. Als Behinderte, Prostituierte und andere sozial Deviante verspielen die Ande- ren ihre Zugehörigkeit zur eigenen Gesellschaft und zur Menschheit, sie «ent- arten». Sind die Anderen gar «Neger», verpassen sie den Anschluss an die «Kulturmenschheit»; für sie ist längerfristig kein Platz mehr vorgesehen: «Endlich die menschlichen Rassenfragen. Welche Rassen sind für die Weiter- entwicklung der Menschheit brauchbar, welche nicht? Und wenn die nied- rigsten Rassen unbrauchbar sind, wie soll man sie allmählich ausmerzen?»63
Solche Sätze gehören zwar zur bösartigen, dunkeln, exterminatorischen Form des Rassismus tout court; sie sind das schwarze Loch im Zentrum von Forels Diskurs. Doch die diskursive Anstrengung, die eigenen Fremden, die Anderen innerhalb der «Kulturmenschheit» auszuschliessen, nimmt in den Texten Forels einen weitaus bedeutenderen Platz ein. Da die Grenze zu ihnen weni- ger klar ist, erscheinen sie gefährlicher - daher wird diese Grenze «ethnisiert» beziehungsweise «rassifiziert», denn «erst eine Biologisierung des Identitäts- konstrukts garantiert die Unüberschreitbarkeit der Grenze».64 Das Merkmal der «rassischen» Zugehörigkeit verschärft diese Grenzziehung merklich, die Behinderten tragen ihr «Entartungszeichen» in sich und geben dieses Kains- zeichen an ihre unerwünschten Nachkommen weiter. Darüber will Forel spre- chen, und doch scheint das nicht einfach zu sein. Trotz der scheinbar überle- genen Diskursstrategie der Biologisierung verrät Forels Sprache seine exzes- sive Anstrengung, die eigenen Fremden auszugrenzen. Seine Signifikanten- kette ist kaum zu stoppen: rachitisch, tuberkulös, siech, dumm, moralisch defekt, willensschwach, krankhaft leidenschaftlich, impulsiv, boshaft, streit- süchtig, haltlos [ ... ]. Einer Zuschreibung folgt atemlos die nächste, wie wenn dadurch die vorangegangene stabilisiert, der Begriff fixiert werden könnte - und damit die Identität erstarren würde. Doch die Fixierung findet nicht statt. Die vielen Adjektive umkreisen vielmehr einen Identitätskern, der sich nicht genau bestimmen lässt. Und sie verkörpern mit ihren Assoziationen all das, was «wir» nicht sind oder nicht sein wollen: die Anderen.
63 Forel, A. (Anm. 10), S. 158.
64 Titzmann, Michael, «Aspekte der Fremdheitserfahrung. Die logisch-semiotische Konstruk- tion des ‹Fremden> und des
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C. Sexualität und Biopolitik
Es hat sich schon bei der ersten Charakterisierung der Texte Forels im zwei- ten Kapitel gezeigt, dass bestimmte Themen bevorzugt zur Beschreibung der Fremden und Anderen dienten. Dabei spielte der Topos der unkontrollierten Sexualität eine zentrale Rolle, welche die Verwandtschaft von «wilden Barba- ren» und «Kulturbarbaren» beweise. Diese Vorstellung der exzessiven Sexu- alität der «Minderwertigen» gehörte zum Kernbestand des rassistischen Den- kens. Auch George Mosse hat darauf hingewiesen, dass nicht nur Schwarze und Juden immer wieder auf diese Weise stigmatisiert wurden:
«[ ... ] die Geisteskranken, Homosexuellen und Gewohnheitsverbrecher teilten das Stigma, ihre Leidenschaften - von sexueller Begierde bis hin zu mörderischer Wut - nicht zügeln zu können.»65
Gerade die Figuren des triebhaften Aussenseiters und des triebhaften Schwar- zen zeigen, wie der Rassismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts an ältere Diskurse anknüpfte und sich mit neuen Argumenten anreicherte. Die exzes- sive Sexualität der Schwarzen war ein Topos, der sich über Jahrhunderte fest- geschrieben hatte.66 Für Forel war klar, dass diese exzessive Leidenschaft zu den «Rasseneigentümlichkeiten» der Schwarzen gehörte,67 und er bestätigte diese rassistischen Diskursmuster, wenn er das Stigma der Triebhaftigkeit auf die «Schwarzen» im Innern - die Prostituierten, die Juden, die Behinderten und die Kriminellen - übertrug. Die Sexualität der Anderen entspricht nicht der Norm und wird pathologisiert: die Prostituierten sind «krankhaft sexuell erregbar»,68 die Behinderten sind «krankhaft leidenschaftlich»69. Das bedeutet auch, dass die gelebte Sexualität der Fremden kein Ausdruck von Liebe und Zuneigung sein kann. Liebesgefühle waren der zivilisierten Norm vorbehal-
65 Mosse, George L., Die Geschichte des Rassismus in Europa, Frankfurt a. M., 1996, S. 11 (Orig. Towards the Final Solution, A History of European Racism, New York, 1978).
66 So betonte schon das klassische Altertum die Sinnlichkeit und die Schamlosigkeit der Schwarzen. Vgl. Poliakov, Léon, Der arische Mythos. Zu den Quellen von Rassismus und Nationalismus, Hamburg, 1993, S. 158 f. (Orig. Le Mythe aryen, 1971). Poliakov referiert die Ergebnisse von Jordan, Winthrop D., White over Black. American Attitudes Toward the Negro, 1550-1812, Chapel Hill, University of North Carolina Press, 1968.
67 Forel, A. (Anm. 1), S. 193.
68 Idem, S. 300.
69 Forel, A., Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6), S. 9.
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ten, sprich dem weissen, bürgerlichen Mann und seiner Gattin. Die Trieb- haftigkeit der Ausgegrenzten verunmöglichte höhere Gefühle: "[ ... ] there is one thing that savages do not do in sexological representations: they never make love."" Der Sexualwissenschafter Forel kommt für die arabische Welt zum gleichen Schluss: Liebe ist für die Araber gleich «Geschlechtstrieb».71
Konkreter, ja gefährlicher erschien Forel allerdings ein anderer Charakterzug im Sex der Anderen und der Fremden. Er diagnostiziert in der analogi- sierenden Weise, die seinen Diskurs prägt, zugleich die «grosse Fruchtbar- keit» der «inferioren Menschenrassen» und die «kaninchenmässige Vermeh- rung» der Anderen innerhalb der eigenen Gesellschaft.12 So schreibt er im Zusammenhang seiner Polemik gegen die neomalthusianische Propaganda zur Empfängnisverhütung:
«Solche Neomalthusianer rechnen auch nur mit Quantitäten und nicht mit Quali- täten und stellen merkwürdig naive Rechnungen auf [ ... ] und merken nicht, dass bei der Art ihres Vorgehens nicht nur die Neger und die Chinesen, sondern auch unter unseren eigenen Völkern die blödesten und rohesten Schichten sich am wenigsten um ihre starren Maximen kümmern [ ... ]. Die Nord-Amerikaner und die Neuseeländer, bei welchen der Neomalthusianismus sehr verbreitet ist, lassen infolgedessen ein bedenkliches Sinken der Geburtszahl und der besseren Arbeits- kräfte wahrnehmen, während bei den Ersteren Neger und Chinesen wuchern.»73
Wie wir im Kapitel II gesehen haben, hat die ausgeprägte Fortpflanzungs- fähigkeit, die Forel den Anderen und Fremden zuspricht, ein gefährliches Potenzial: Die Barbaren kontaminieren das Erbgut der «Kulturmenschheit» durch ihre schlechten «Rassenmerkmale», wie sie in ihren Keimen angelegt sind. In der programmatischen Schrift Die Vereinigten Staaten der Erde wird die textliche Nähe zwischen den «rassisch» Fremden und den eigenen Ande- ren besonders deutlich, wenn Forel im Kapitel «Die Eugenik oder mensch-
70 Carter, Julian, "Normality, Whiteness, Authorship. Evolutionary Sexology and the Primitive Pervert", Science and Homosexualities, hg. von Vernon A. Rosario, New York/London, 1997, S. 155-176, hier S. 159 (Hervorhebung im Original).
71 Forel, A. (Anm. 1), S. 151.
72 Idem, S. 440, 519. Idem, Ethische und rechtliche Konflikte (Anm. 26), S. 36. Idem, «Zur Rassenfrage» (Anm. 5), S. 1. Idem, Malthusianismus oder Eugenik? (Anm. 6), S. 8, 19, 27. Idem, Der Weg zur Kultur (Anm. 24), S. 127.
73 Forel, A. (Anm. 1), S. 456.
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liche Zuchtwahl» sein eugenisches Programm vorstellt: Er fordert die «Vertil- gung der schlimmsten Keime und [ ... ] die Vermehrung der guten [Keime]»74 im Innern der Gesellschaft, und - mit Verweis auf die «Kolonialfrage» - zugleich die «Sterilisierung der schlechten Rassen».7 Auch wenn nicht klar ist, was das in der Praxis hätte heissen sollen, wird doch deutlich, dass das Wohl des überindividuellen «Volkskörpers» nicht nur durch Abwendung der «Degeneration» im Innern geschützt werden musste, sondern auch gegen die von aussen drohende Gefahr der «Rassenmischung», wie sie sich in den besonders «degenerierten» «Mulatten» zeige. Am bedrohlichsten in dieser Hinsicht allerdings erschien Forel nicht die Vermischung mit Schwarzen, sondern die «rassenbedrohende» Vermischungsgefahr, die von der «mongo- lischen Rasse» ausging. 76
Die Zuschreibung der exzessiven Sexualität an all diese «Minderwertigen» implizierte allerdings ein heikles Problem. Forel stellte sich die Frage, wie mit dem Sex der «Anderen» und der «Fremden» umzugehen sei. Das war keine nebensächliche Schwierigkeit, wie eine erneute Erinnerung an ein foucaultsches Konzept deutlich zu machen vermag. Dieser hat bekanntlich mit dem Begriff der «Bio-Politik» das Problem der Sexualität in einer sehr grundsätzlichen Weise aufgeworfen. Der Sex ist aus dieser Perspektive das Scharnier, in dem Bevölkerungspolitik und die Disziplinierung der Individuen ineinander greifen, ja, «der Sex eröffnet den Zugang sowohl zum Leben des Körpers wie zum Leben der Gattung».77 Daher setzt Biopolitik beim Sex an - bei der Regulierung der individuellen Sexualität als der in der Moderne kon- kurrenzlosen «Chiffre der Individualität»78 wie auch bei der Regulierung des Lebens ganzer Bevölkerungen, vor allem ihres Fortpflanzungsverhaltens79. Aus diesem Grund stellte sich auch für Forel, der nicht zufällig Die Sexuelle Frage als sein Hauptwerk publizierte, die eigentliche gesellschaftspolitische
74 Forel, A., Der Weg zur Kultur (Anm. 24), S. 126.
75 Idem, S. 127. Vgl. auch idem, Zur Rassenfrage (Anm. 6), S. 1.
76 Forel, A., «Über Ethik» (Anm. 9), S. 580. Idem, Die sexuelle Frage (Anm. 1), S. 520. Idem, «Alkohol und Geschlechtsleben» (Anm. 14), S. 14.
77 Foucault, M., Der Wille zum Wissen (Anm. 32), S. 174.
78 Idem, S. 174.
79 Vgl. dazu Sarasin, Philipp, «Die Erfindung der ‹Sexualität› von der Aufklärung bis Freud. Eine Skizze», SOWI, 2/2002, S. 34 44.
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Frage, auf die es ihm ankam, grundsätzlich als eine sexuelle: Wie ist die Fort- pflanzung zu regulieren? Wie kann die Fortpflanzung der «Wertvollen» ange- regt, jene der «Minderwertigen» unterbunden werden? Das war ein zentrales Problem: Ist denjenigen, deren Fortpflanzung nicht erwünscht ist, der Sex zu verbieten und Keuschheit zu predigen, so wie dies die Sittlichkeitsvereine taten?80 Forel war nicht dieser Ansicht, sondern propagierte die konsequente Trennung von Sexualität und Fortpflanzung der «Minderwertigen». Menschen, die keine Kinder haben sollen, müssten empfängnisverhütende Mittel gebrauchen. Sie könnten ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigen, «ohne fürchten zu müssen, dass sie damit die Welt mit unglücklichen, unbrauch- baren Krüppeln bereichern helfen».81 Gleichzeitig befürwortete Forel Sterilisation und Kastration, um diese Menschen an der Fortpflanzung zu hindern. In den 1890er-Jahren führte er solche Eingriffe auch an Patienten und Patientinnen am Burghölzli durch und verhehlte seine eugenischen Absichten nicht: «Damals war es Mode, Hysterische therapeutisch zu kastrie- ren und ich nahm diese Mode als Vorwand für mein Vorgehen, das in Wirk- lichkeit nur einen sozialen Zweck hatte.»82 «Sozial» bedeutet hier: eugenisch.
Dem kontrollierten Sex der «Minderwertigen» mit seinen Verhütungsmitteln und Sterilisationen auf der einen Seite entsprach konzeptionell der prokrea- tive und verantwortliche Sex der Gesunden. Mit seiner Idee einer «richtig» gelebten Sexualität und des «richtigen» Sexualpartners appellierte Forel an die Verantwortung der Individuen - konkret der Leserinnen und Leser seiner Sexuellen Frage. Diese Verantwortung allerdings wog schwer: Das Paar, das sich im (Ehe-)Bett zusammenlegte, trug nicht nur für seine eigene physische und mentale Gesundheit die Verantwortung, sondern auch für die Gesundheit der kommenden Generationen.83 Forel verpflichtete mit seinem «Gebot der sexuellen Moral» die Eltern darauf, ihre Interessen hinter die des «Volkskör-
80 Vgl. dazu Puenzieux, Dominique/Ruckstuhl, Brigitte, Medizin, Moral und Sexualität. Die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten Syphilis und Gonorrhöe in Zürich 1870-1920, Zürich, Chronos, 1994.
81 Forel, A., Die sexuelle Frage (Anm. 1), S. 419.
82 Idem, S. 382.
83 Vgl. Planert, Ute, «Der dreifache Körper des Volkes: Sexualität, Biopolitik und die Wissen- schaft vom Leben», Geschichte und Gesellschaft, 26 (2000), S. 539-576, hier S. 575. Sarasin, Philipp, Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765-1914, Frankfurt a. M., Suhrkamp, 2001, S. 433-451.
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pers» zu stellen: «Du sollst durch deinen Sexualtrieb und durch deine sexuel- len Taten weder den Einzelnen, noch vor allem die Menschheit schädigen, sondern das Glück beider fördern.»84 Neben den düsteren Zukunftsbildern einer degenerierten Gesellschaft erscheinen bei Forel daher auch die Bilder einer «gesunden» Zukunft. Sein Utopia war, dies hier nur nebenbei, ganz in entomologischen Grössen organisiert:85 Der menschliche Egoismus sollte endlich zu Gunsten eines bienenfleissigen und ameisenemsigen Altruismus verschwinden.86 Diese Zukunft schien für Forel mittels einer eugenisch nor- mierten Fortpflanzung durchsetzbar - und beförderte so genannt «minder- wertige» Menschen und «minderwertige Rassen» in eine dysgenische Ver- gangenheit.
V. Fazit
Wir haben in diesem Aufsatz zu zeigen versucht, dass August Forel keine «unschuldige» Sprache sprach. Wir haben argumentiert, dass seine un- übersehbar rassistische Sprache nicht einfach eine schrullige Besonderheit eines zuweilen etwas kantigen Menschenfreundes darstellte, sondern vielmehr ein sehr präzises Instrument war: Der Rassismus diente Forel dazu, eine Zäsur herzustellen, wie Foucault sagt, eine Zäsur zwischen dem, was leben soll, und dem, was sterben muss. Forel trennte sehr genau und sehr energisch zwischen der «Kulturmenschheit» und den Andern, das heisst den «Barbaren» innerhalb des grundsätzlich positiv gewerteten europäischen «Rassengemisches», sowie den Fremden, das heisst den ebenso grundsätzlich als bedrohlich empfunde- nen farbigen «Rassen». Aus diesem Grund konnte Forel Antirassist und Ras- sist zugleich sein: Während er mit Blick auf Europa «nur» eugenisch argu- mentierte, fügten sich seine Aussagen zu den nichteuropäischen Völkern nahtlos ein in die dunkelsten Diskurse des exterminatorischen Rassismus, der dem europäischen Kolonialismus wie ein Schatten folgte. In den Texten Forels wurde an den Rändern Europas eine Zäsur markiert, die sich exempla- risch mit den Schreckbildern von sexuell exzessiven und kulturunfähigen Schwarzen auflud. Exemplarisch: Denn genau diese Geste der Zäsur wieder-
84 Forel, A., Die sexuelle Frage (Anm. 1), S. 444.
85 Vgl. Jansen, S. (Anm. 5).
86 Vgl. Forel, A., Die sexuelle Frage (Anm. 1), S. 441.
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holte Forel innerhalb der «Kulturmenschheit», um aus ihr jene Teile heraus- zuschneiden, die er als «minderwertig» qualifizierte. Dieser eugenische «Traum» einer «gesunden Gesellschaft» scheint vom plumpen Rassenhass weit entfernt, ja geradezu wissenschaftlich begründet zu sein - und doch zeigt die Analyse der Texte Forels, dass jener tiefe Schnitt, den sein diskursives Messer ebenso geschickt führt, wie er Hirnschnitte zu vollziehen und Kastra- tionen anzuordnen wusste, ohne Rassismus im engen Sinn des Begriffs gar nicht zu denken gewesen wäre.
Résumé
Le psychiatre romand Auguste Forel (1848-1931) est resté jusqu'à ce jour une figure «difficile» et pleine de contradictions. Son engagement de pacifiste et sa lutte contre les préjugés sexuels sont une des facettes de sa personnalité, son projet de société eugéniste en est une autre.
Le présent article se concentre sur la logique de son discours: quels mots et quelles catégories emploie-t-il lorsqu'il parle de peuples non-européens? Quelles démarcations marque-t-il à l'intérieur de sa propre société? Les au- teurs tentent de montrer que le langage d'Auguste Forel n'est pas «innocent». L'argumentation est la suivante: le langage de Forel indubitablement raciste n'est pas simplement le résultat de l'excentricité d'un philanthrope au carac- tère parfois un peu rugueux, mais plutôt un instrument très précis: le racisme de Forel sert à trancher, comme le dit Michel Foucault, à provoquer une cou- pure entre ce qui doit vivre et ce qui doit mourir. Forel tranche avec beaucoup de précision et d'énergie entre l'humanité civilisée («Kulturmenschheit») et les autres, c'est-à-dire les «barbares», à l'intérieur du «mélange des races» européen, perçu comme fondamentalement positif, et les étrangers, c'est-à- dire les «races» de couleur ressenties fondamentalement comme une menace.
C'est pour cette raison que Forel a pu être antiraciste et raciste à la fois: alors qu'il utilisait des arguments «purement» eugéniques pour l'Europe, ses décla- rations relatives aux peuples non-européens s'ajustent parfaitement aux dis- cours les plus sombres de ce racisme exterminateur qui suit le colonialisme européen comme son ombre.
Dans les textes de Forel, on distingue aux limites de l'Europe une coupure qui acquiert un caractère exemplaire à travers les visions d'horreur de Noirs pri-
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sonniers d'une sexualité excessive et fondamentalement incultes. Exemplaire en ce sens que Forel a répété cette même opération de coupe à l'intérieur de l'humanité civilisée pour en retrancher les parties qu'il qualifie «d'inférieurs». Ce «rêve» eugénique d'une «société saine» paraît très éloigné du racisme primitif et semble même scientifiquement fondé.
L'analyse des textes de Forel montre toutefois que cette coupure profonde que le scalpel de son discours réalise aussi habilement que lorsqu'il procédait à des interventions sur un cerveau ou qu'il prescrivait une castration, ne serait pas envisageable sans racisme, au sens le plus étroit du terme.
Compendio
Lo psichiatra romando Auguste Forel (1848-1931) è considerato fino ad oggi come una figura «difficile» e piena di contraddizioni. Il suo impegno come pacifista e la sua lotta contro pregiudizi sessuali sono un aspetto della sua personalità, la sua concezione di una società retta da principi eugenici ne è un altro.
Il presente contributo si concentra sulla logica del suo discorso: quali parole e categorie usa Forel quando scrive sui popoli extraeuropei? Quali demarca- zioni vengono stabilite all'interno della propria società? Tentiamo di mostrare come il linguaggio usato da Auguste Forel non fosse «innocente», come la sua lingua visibilmente razzista non fosse unicamente la bizzarra caratteristica di un filantropo con un carattere un po' spigoloso, bensì un preciso strumento: il razzismo di Forel mirava a stabilire, come dice Foucault, una cesura, un discrimine fra ciò che può vivere e ciò che deve morire.
Forel distingueva in modo molto preciso e molto energico fra l'umanità ci- vilizzata («Kulturmenschheit») e gli altri: cioè da una parte i «barbari» all'interno di un «miscuglio di razze» europeo, percepito in modo fondamen- talmente positivo, e dall'altra gli altri popoli, cioè le «razze» di colore, viste fondamentalmente come una minaccia.
Per tale motivo Forel poteva essere contemporaneamente antirazzista e razzi- sta: mentre in rapporto all'Europa egli argomentava «solo» con idee euge- niche, le sue formulazioni sui popoli extraeuropei si congiungevano senza soluzione di continuità ai discorsi più oscuri del razzismo con mire stermina-
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trici, che accompagnò come un'ombra il colonialismo europeo. Nei testi di Forel veniva disegnata una cesura ai margini dell'Europa, che acquisiva un carattere esemplare attraverso le visioni angoscianti dei neri prigionieri di una sessualità eccessiva e fondamentalmente incapaci di civiltà. Esemplari, poichè Forel riproduceva precisamente questa operazione di cesura all'interno dell'«umanità civilizzata», per separarla da quelle parti che egli qualificava come «inferiori».
Questo sogno eugenico di una «società sana» sembra molto distante dal razzi- smo grossolano, e appare addirittura motivato scientificamente. Tuttavia l'analisi dei testi di Forel mostra come il taglio profondo, che il suo bisturi discorsivo effettuava tanto abilmente quanto sapeva prescrivere interventi sul cervello e castrazioni, non è pensabile senza il razzismo in senso stretto.
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Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali
Forel mit Foucault. Rassismus als "Zasur" im Diskurs von August Forel
In
Studien und Quellen
Dans
Etudes et Sources
In
Studi e Fonti
Jahr
2003
Année
Anno
Band
29
Volume
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Autor
Bugmann, Mirjam; Sarasin, Philipp
Auteur
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Seite
43-70
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Ref. No
80 000 320
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