Die Russlandschweizer ohne Schutz?
Die IKRK-Mission in Moskau als «verdecktes Konsulat» 1921-1938
Von Jean-François Fayet und Peter Huber
Wer in der Zwischenkriegszeit als Schweizer in die Sowjetunion emigrierte, galt bei den Behörden als suspekt und lief Gefahr, in der neuen Heimat, dem «Vaterland der Werktätigen», zu scheitern und bei einer eventuellen Rück- kehr in die Schweiz auf keinerlei Verständnis zu stossen. Heinrich Rothmund, der Chef der Polizeiabteilung im Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepar- tement (EJPD), verwies 1936 gegenüber einem heimgekehrten Russland- schweizer auf die Praxis,
«dass Landsleute, welche erst nach der russischen Revolution und auf ihr eigenes Risiko nach Russland ausgewandert sind, grundsätzlich nicht in die Hilfsaktion des Bundes für notleidende kriegs- oder revolutionsgeschädigte Auslandschweizer einbezogen werden können»1.
Auswanderer nach Sowjetrussland fielen schon allein darum aus dem Rah- men, weil der Trend seit der Oktoberrevolution klar in die Gegenrichtung verlief und in den ersten Jahren den Charakter einer Massenflucht angenom- men hatte: von den rund 8000 Russlandschweizern kehrten allein bis 1922 zwischen 5000 und 6000 der Sowjetunion den Rücken; dieser «politisch be- dingte Massenschub» flachte Mitte der 1920er-Jahre ab, führte aber nichts-
1 Schweiz. Bundesarchiv (BAR) E 2015 -/1, Russlandschweizerbureau (RSB), Bd. 111, Dossier Märki, Rothmund an E. Märki, 2. Dezember 1936.
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destotrotz bis zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs zum fast vollständigen Verschwinden der Schweizerkolonien.2
Unser Augenmerk richtet sich in einem ersten Schritt auf die wenigen hundert Schweizerinnen und Schweizer, die ab 1922 in die Sowjetunion auswanderten und den sich im Umbruch befindenden Schweizerkolonien auf dem Land und in den Städten ein völlig neues Profil gaben. Doch die neuen landwirtschaft- lichen Kooperativen, die kollektiv ausgewanderten Uhrenarbeiter sowie die wissenschaftlichen Fachkräfte in der Metropole Moskau konnten sich ange- sichts der innersowjetischen politischen Verhärtung ab Ende der 1920er-Jahre nicht halten und mussten zum überwiegenden Teil und unverhofft Rückreise- pläne schmieden. In einem zweiten Schritt möchten wir auf ein bisher wenig beachtetes Phänomen hinweisen, nämlich das Bestehen einer IKRK-Mission in Moskau, die angesichts des Fehlens diplomatischer Beziehungen zwischen Bern und Moskau von 1921 bis 1938 als «verdecktes Konsulat» der Schweiz fungierte. «Bern» duldete im Gegenzug auf helvetischem Boden den sowje- tischen Rotkreuzdelegierten Serge Bagozki, der seinen offiziellen Kompe- tenzbereich weit überschritt, jedoch mit keinerlei Sanktionen der helvetischen Behörden rechnen musste.3
I. Schweizerkolonien in Sowjetrussland
In den vergangenen Jahren ist eine Reihe von Arbeiten erschienen, welche die Schweizer Auswanderung ins Zarenreich umfassend darstellen und interpre-
2 Goehrke, Carsten, «Schweizer in Russland. Zur Geschichte einer Kontinentalwanderung», Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Bd. 48, 1998, S. 289-324. Voegeli, Josef, Die Rückkehr der Russlandschweizer 1917-1945, Zürich, 1979, unveröffentlichte Lizenziats- arbeit.
3 Wir stützen uns im Wesentlichen auf vier Archivbestände: BAR E 2015 -/1, Bd. 1-181. Archiv IKRK (IKRK-Genf), «Mission W. Wehrlin», MIS 54, Bd. 1-79. Zentrum zur Aufbe- wahrung historisch-dokumentarischer Sammlungen, Moskau (IKRK-Moskau), «Mission W. Wehrlin», F. 1496. Staatsarchiv der Russischen Föderation (GARF), «WOKS», F. 5283. Zu den unterbrochenen diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Sowjet- union vgl. die Literaturübersicht in Gehrig-Straube, Christine, Beziehungslose Zeiten. Das schweizerisch-sowjetische Verhältnis zwischen Abbruch und Wiederaufnahme der Bezie- hungen (1918-1946) aufgrund schweizerischer Akten, Zürich, Hans Rohr, 1997, S. 596- 604. Zur IKRK-Mission vgl. auch Praz, Jean-Daniel, La mission Wehrlin du CICR à Moscou (1920-1938), Freiburg, 1996, unveröffentlichte Lizenziatsarbeit.
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tieren. Dass das Gleiche auf die Sowjetzeit zutreffe, kann man schwerlich be- haupten.4 Am ehesten informiert sind wir über das Strukturprofil der Schweizerkolonie ganz zu Beginn der Sowjetära, als der politisch-ideolo- gische Umbruch den relativen Wohlstand und die berufliche Karriere der Schweizer gefährdete. C. Goehrke weist darauf hin, dass die Schweizer nicht nur Nischen besetzten, «für die sie spezifische Kenntnisse mitbrachten wie die Bündner Zuckerbäcker, die Tessiner Steinbauspezialisten, die Berner Käser, die französischsprachigen Erzieherinnen, die Neuenburger Uhrmacher und die Basler Mathematiker»; sie waren auch in vielen anderen Berufs- gattungen präsent, für die sie aus der Heimat eine Qualifikation mitbrachten - so im kaufmännisch-technisch-industriellen Bereich, bei den Ärzten, Wissen- schaftlern, Pädagogen und Theologen.' M. Lengen eruierte auf Grund des Archivs der «Vereinigung der Russland-Schweizer» die Berufsgruppen, der die Russlandschweizer 1917 angehört hatten. Zahlenmässig an der Spitze fin- den wir die Erzieher und Lehrer, welche die Vertreter kaufmännischer Berufe überflügelten und zusammen 53% der erwerbstätigen Russlandschweizer ausmachten. Anteile im Bereich von 10% und 15% erreichten die haupt- sächlich durch die Käser vertretenen Angehörigen landwirtschaftlicher Berufe und die Ingenieure und Techniker des industriell-technischen Sektors «Ma- schinen/Energie/Transport». Die erwähnten vier Berufsgruppen umfassten mehr als drei Viertel aller Russlandschweizer und verwiesen die übrigen Sektoren in den Bereich der Bedeutungslosigkeit.6 Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der grosse Block der Erzieher und Lehrer (Hauslehrer, Gouvernanten, Kindermädchen) eher von den Romands, insbesondere Frauen, gebildet wurde, die keine grösseren Ersparnisse zu tätigen vermochten und daher weit gehend der vermögenslosen Unterschicht zuzurechnen ist. Da de- ren Brotgeber dem Sowjetregime eher feindlich gesinnt, verfolgt und/oder zur Auswanderung gezwungen waren, verlor auch dieses grosse Kontingent der
4 Den Startschuss zu einer Serie von Dissertationen und Lizenziatsarbeiten zum Thema gab der Band von Bühler, Roman; Gander-Wolf Heidi; Goehrke, Carsten et al., Schweizer im Zarenreich. Zur Geschichte der Auswanderung nach Russland, Zürich, Hans Rohr, 1985. Einen Überblick über die produzierten Arbeiten geben Goehrke, Carsten, Tobler, Hans et al., «Zustand und Aufgabe schweizerischer Wanderungsforschung», Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Bd. 37, 1987, S. 303-332. Goehrke, C. (Anm. 2).
5 Goehrke, C. (Anm. 2).
6 Lengen, Markus, «Ein Strukturprofil der letzten Russlandschweizer-Generation am Vor- abend des Ersten Weltkrieges», Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Bd. 48, 1998, S. 360-390.
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Russlandschweizer seine Einkommensgrundlage und verliess in den Jahren 1918-1922 das revolutionäre Russland.
Auf die Massenrückkehr folgten bis 1929 sechs Jahre mit insgesamt lediglich 300 Rückwanderungen in die Schweiz - zur gleichen Zeit dürfte eine gleiche Anzahl Schweizer, zumeist Kommunisten, nach Sowjetrussland übersiedelt haben, womit sich die Wanderungsbilanz nahezu ausgleicht. Mit dem Ende der «Neuen Ökonomischen Politik» (NEP) und dem Beginn der Zwangs- kollektivierung (1929/30) schwoll die Rückwanderung erneut an und betraf erstmals nicht nur die alteingesessenen Russlandschweizer wie jene der land- wirtschaftlichen Kolonie Zürichtal auf der Krim, sondern auch kommunisti- sche Immigranten der ersten Stunde, die ab 1923 Landkooperativen in Nowa Lawa und in Tjoplowka gegründet hatten.7 In den folgenden Abschnitten A bis C stellen wir drei Typen von Russlandschweizern vor, die aus dem Um- kreis der kommunistischen oder sozialdemokratischen Partei stammten und auf dem Lande, in Moskau oder dann in Kujbyschew und Penza erfolglos versuchten, ihre Ideen dauerhaft zu verwirklichen.
A. Das Scheitern landwirtschaftlicher Kooperativen (1924-1929)
Die Idee zur Gründung eines Musterguts im revolutionären Russland ist eng mit der Person des Zürcher kommunistischen Nationalrats Fritz Platten ver- bunden, der in der jungen Kommunistischen Partei der Schweiz (KPS) an- eckte, dank guter Beziehungen zu der russischen Führung aber die geeignete Person war, einem Auswanderungsprojekt zum Durchbruch zu verhelfen.8 Bereits im August 1920 schrieb er in dieser Angelegenheit erstmals an Lenin:
«Es gelangen sehr viele Gesuche um Auswanderungserlaubnis nach Russland an mich. Einzeln aber auch Gruppenweise wollen die Berufsarbeiter hinüber. Bis jetzt gab ich ablehnenden Bescheid, da wohl zur Aufnahme dieser Leute noch
7 Statistik in Voegeli, J. (Anm. 2), S. 110-112. Zur Kolonie Zürichtal vgl. Rauber, Urs, «Zürichtal - ein Schweizer Dorf auf der Krim», Tages-Anzeiger Magazin, 20. Mai 1978, S. 6-13. Vgl. auch Collmer, Peter, Die besten Jahre unseres Lebens. Russlandschweizer- innen und Russlandschweizer in Selbstzeugnissen, 1821-1999, Zürich, Chronos, 2001.
8 Biografie Fritz Plattens (1883-1942) in Huber, Peter, Stalins Schatten in die Schweiz. Schweizer Kommunisten in Moskau: Verteidiger und Gefangene der Komintern, Zürich, Chronos, 1994, S. 275-293.
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keine Vorbedingungen getroffen sind. Wie soll ich mich zu diesen Gesuchen stellen?»9
Im Februar 1923 weilte er zu Gesprächen in Moskau und bat G. J. Sinowjew, «verschiedene Projekte zu studieren» und mit «behördlichen Instanzen in Fühlung zu treten» . Eines der vier Projekte war der Aufbau einer Molkerei- genossenschaft und die «Heranzüchtung von gutem Rassevieh». Ein zweites Projekt, das vom Moskauer Sowjet begutachtet werden solle, sei ein «Bau- unternehmen», um die «gewerbliche Industrie mit Aufträgen zu versehen, der Wohnungsnot zu steuern». Eine dritte Variante sah vor, «schweizerische Uh- renfabrikanten zur Erstellung einer Uhrenfabrik» zu veranlassen. Realisiert wurde schliesslich das vierte Projekt, «eine Massenansiedlung» im Wolga- gebiet.'' In den Jahren 1923/24 emigrierten 113 Schweizerinnen und Schwei- zer, Mitglieder der «Vereinigung der Auswanderer nach Russland» (VAR), in mehreren Schüben ins südliche Russland und bauten in Nowa Lawa und Tjoplowka zwei Musterkommunen auf. Die meisten Auswanderer gehörten der KPS an und stammten vornehmlich aus städtischen Verhältnissen, waren Facharbeiter, Schreiner, Schlosser, Wagner, Schweisser usw. Die ersten ent- täuschten Rückwanderer trafen bereits im Februar 1925 wieder in der Schweiz ein.
Wir beschränken uns auf die Aussagen zweier Frühheimkehrer, die sich in einem Gespräch gegenüber der eher sowjetfeindlichen «Vereinigung der Russland-Schweizer» äusserten. Der Knecht K. Casanova und der Mechani- ker K. Jegge bemängelten die liederliche «Vorbereitung» und die Boden- verhältnisse, «obgleich Herr Platten vor Abschluss des Vertrages einen Agro- nomen zur Prüfung derselben geschickt hatte». Die Geschäftsleitung der Siedlung in Nowa Lawa liege in den Händen des ehemaligen Schaffhauser Stadtrats Adolf Sauter sowie von Paul Rüegg und Frederik Anneveldt, alle «ohne Sachkenntnis in landwirtschaftlichen Fragen». Platten befinde sich
9 Russisches Staatsarchiv für Sozialgeschichte und politische Geschichte (RGASPI), 495-274, «Lieber Genosse Lenin!», sig. Platten, 15. August 1920, Kaderakte F. Platten. Zur Ge- schichte der Landkommunen vgl. Schneider, Barbara, Schweizer Auswanderer in der Sow- jetunion. Die Erlebnisse der Schweizer Kommunarden im revolutionären Russland (1924- 1930), Schaffhausen, 1985.
10 RGASPI, 495-91-48, «Lieber Gen. Sinowjew», Moskau 26. Februar 1923.
11 Idem. Vgl. auch BAR J. 1. 11, Nachlass Platten, Briefverkehr Plattens mit der «Vereinigung der Auswanderer nach Russland».
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«fast immer auf Reisen» oder in Moskau, vermöge jedoch das Unternehmen mit dem ihm eigenen Charme zusammenzuhalten:
«Es soll bei den Versammlungen zu recht stürmischen Szenen, ja, zu Prügeleien gekommen sein; doch gelang es, nach Aussage meiner beiden Gewährsmänner, der Rede- und Überzeugungskunst Fritz Plattens nach seiner Heimkehr von einer Reise bisher noch immer, die Leute zu beruhigen durch neue Hoffnungen und Verheissungen.»
Die beiden enttäuschten Schweizer waren dennoch «des Lobes voll» über die Gastfreundschaft, «Gutmütigkeit und natürliche Intelligenz des russischen Bauern»12. 12
Als Gründe für das Fiasko der eher politisch motivierten Auswanderung ins ländliche Russland kommen verschiedene Faktoren in Frage. Ausser einem ersten Dürrejahr, der mangelnden Fachkenntnis und der Unfähigkeit, den Sprung zum Leben in einer Kommune auf Anhieb zu schaffen, muss wohl die Person Plattens genannt werden, der, «mehr Träumer als Realist», den Fi- nanzbedarf beim Aufbau von Musterbetrieben auf den abgewirtschafteten Gütern unterschätzt hatte.13
Mehr Erfolg hatte in den Jahren 1927-1929 das Mustergut Waskino 75 Kilometer südlich von Moskau, das von einem Drittel der ursprünglich 113 Auswanderern ins Leben gerufen wurde. Den übrig gebliebenen, moti- vierten Kommunarden gelang es dort offenbar, mit mehr Krediten als zuvor und mit dem nötigen Know-how ein Gut aufzubauen, das nicht nur wirt- schaftlich erfolgreich war, sondern auch Besucher von weit her anzog. Im Herbst 1929, im Zuge der einsetzenden Kollektivierung, wurde das Gut auf höheren Befehl hin einem neu gegründeten Sowchos zugeschlagen und in der Folge ruiniert. 14
12 BAR E 2015 -/1, Bd. 112, Dossier Platten, Der Chef des Eidgenössischen Politischen Departements (EPD), Abteilung für Auswärtiges, Brief an Dinichert, 17. Februar 1925. Das Archiv der Vereinigung der Russland-Schweizer (VRS) befindet sich heute in der Osteuropa- Abteilung der Universität Zürich (Prof. C. Goehrke). Kernstück des Russlandschweizer- Archivs (RSA) bildet die EDV-Kartei der Russlandschweizer.
13 Zu diesem Schluss kommen B. Schneider und C. Goehrke. Vgl. Schneider, B. (Anm. 9), S. 103. Goehrke, C. (Anm. 2), S. 308.
14 Schneider, B. (Anm. 9), S. 84-93.
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Spätestens 1930 war somit das Experiment definitiv und für alle gescheitert. Nach den bereits erwähnten Frührückkehrern im Jahr 1925, die ihr Heil in der sofortigen Remigration gesucht hatten, dürfte bis 1934 etwa die Hälfte der Teilnehmer an dem landwirtschaftlichen Siedlungsprojekt wieder in der Schweiz eingetroffen sein.15 Es lassen sich drei Szenarien herausschälen, die nachfolgend in geraffter Form anhand je einer Person entwickelt werden:
Ausreise in den Westen vor 1936 nach Beschäftigung in Moskau (Fall Hürlimann)
Integration in die sowjetische Gesellschaft (Fall Else Christen-Weber)
Verhaftung zur Zeit des «grossen Terrors» (Fall Anneveldt)
Hürlimann Karl (1904-1979, Tod in Zürich)
Der ledige Büroangestellte weilte 1924 als 20-Jähriger für nur ein Jahr in Nowa Lawa, das er als Sprungbrett für sein weiteres Fortkommen benutzte. 1926 war er Übersetzer in Moskau, wo er zur Verlängerung des Passes beim IKRK-Vertreter Wehrlin vorsprach, der nach Genf berichtete:
«M. Hürlimann qui, avec une méfiance apparente, dont je ne m'expliquais pas la cause, répondait à mes questions, ne m'a pas expliqué pourquoi il avait quitté la colonie [ ... ]. M. Hürlimann ne m'a pas dit s'il pense partir ou non, mais il m'a questionné sur la possibilité de recevoir les visas turc et polonais, il faut croire qu'il a l'intention de se rapatrier.»16
Bis 1930 studierte er politische Ökonomie in Moskau und schrieb - politisch desillusioniert - in die Schweiz:
«Solange ein Trotzki, ein Radek, ein Rakowsky, ein Smilga in Sibirien sitzen, so- lange ist das widerwärtige Geschwätz über die Parteieinheit, die angeblich wie- derhergestellt worden sei, eine blöde Heuchelei, solange ist die innerparteiliche Frage nicht gelöst. [ ... ] Wir müssen halt nachplappern, was bleibt uns anderes übrig, fürs Denken haben wir ja Instanzen.»
15 Idem, S. 109-113.
16 BAR E 2015 -/1, Bd. 112, Dossier Platten, Brief Wehrlin, zit. in Brief Posnanskis an EPD, 4. Februar 1926.
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1931 konnte er nach Berlin ausreisen, um bei der sowjetischen Handels- vertretung zu arbeiten. Bereits 1932 kehrte er nach Zürich zurück.17
Else Christen-Weber (1900-1955, Tod in Moskau)
Von Beruf Hausfrau, blieb sie mit ihrem Mann bis 1927, das heisst bis zur Auflösung des Projekts in Nowa Lawa. Beide wechselten auf einen Getreide- sowchos in der Wolgadeutschen Republik, lebten dann in Chabarowsk (Ost- sibirien), ab 1937 in Podolsk (bei Moskau), wo der Mann als Chefmechaniker in einer Traktorenwerkstätte arbeitete. * Da ihr Mann gut verdiente und beide «von den Schilderungen der Sowjetpresse über die Wirtschaftskrise und die Arbeitslosigkeit in der Schweiz beeindruckt» waren, schlugen sie die mögli- che Rückreise in die Schweiz aus und wurden Sowjetbürger.19 Nach dem Tod ihres Mannes in den Reihen der Roten Armee (1943) fristete Else Christen- Weber ein kärgliches Leben als Wasserpumpenaufseherin auf einem Sowchos bei Moskau. 1955 erhielt sie die Erlaubnis zur Rückkehr in die Schweiz, starb aber zwei Tage vor dem Abflug an Herzversagen.20
Friedrich Anneveldt (1883-1937, Tod bei Archangelsk)
Ursprünglich Schriftsetzer, blieb er mit seiner Familie bis 1927 in Nowa Lawa. 1928 zog er nach Pokrowsk (seit 1931: Engels), in die Hauptstadt der Republik der Wolgadeutschen, wo er als Setzer in der Druckerei der Nach- richten arbeitete, die später von den politischen «Säuberungen» besonders erfasst wurde.21 Im Juni 1936 wurde er wegen «Agitation und antisowje- tischer Tätigkeit» durch ein Militärgericht zu einer 18-monatigen Freiheits- strafe und vor Ablauf der Strafe wegen «konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit» zu weiteren fünf Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Im September
17 Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich (SSA), Nachlass Brupbacher, Ar. 101, MFC 16, Hürlimann an Brupbacher, 21. November 1928.
18 BAR E 2015, Bd. 105, Dossier Christen, Wehrlin an IKRK, 4. Oktober 1937.
19 BAR E 2001 (E) -/1, Bd. 22, Dossier Christen, Bericht Flückigers an EPD, 4. September 1946.
20 BAR E 2001 (E) 1970/217, Bd. 127, Dossier Platten, Edouard de Haller an EPD, 13. April 1957.
21 SSA, Beer-Jergitsch, Lilli, 18 Jahre in der UdSSR, Wien, 1978, unveröffentlichtes Ma- nuskript. BAR E 2001 (E) 1970/217, Bd. 127, Dossier Platten, Gesandtschaft an EPD, 30. September 1947.
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1937 wurde er in einem Lager der Region Archangelsk auf Beschluss einer Troika hin erschossen.22
B. Fachkräfte in der Metropole Moskau
Ein zweiter Typus von Schweizer Auswanderern suchte seit Mitte der 1920er- Jahre in der Metropole Moskau mit ihren staatlichen Institutionen ein Fort- kommen. Wohl am besten erforscht sind die ungefähr 80 Parteikommunisten, die für kürzere oder längere Zeit im Moskauer Apparat der Komintern und in ihren Schulen arbeiteten beziehungsweise studierten und zum grössten Teil bis 1938 den Weg zurück in die Schweiz fanden.23 Unser Augenmerk gilt nachfolgend den Sowjetunionjahren einiger Architekten, Schauspieler, Juris- ten und Naturwissenschaftler, bot doch die im Umbruch stehende Sowjet- union gerade diesen Berufsgruppen eine Zeit lang interessante Arbeitsfelder.
Zur Zeit des ersten Fünfjahresplans (1928-1932) arbeiteten vier Schweizer Architekten an Projekten in der Sowjetunion. Le Corbusier zog sich 1932 - nach der Ablehnung seiner Pläne für den «Sowjetpalast» - in den Westen zurück. Der Basler René Mensch, der am Bauhaus in Dessau studiert und in der Sowjetunion in der Architektenbrigade «Rotfront» gewirkt hatte, reiste 1933 aus. Einzig Hannes Meyer und Hans Schmidt harrten länger aus.24
Hannes Meyer gilt als der bedeutendste Schweizer Vertreter des Funktiona- lismus in der Architektur des Neuen Bauens. Sein Weg in die Sowjetunion war durch berufliche Schwierigkeiten in der Schweiz und durch die Entlas- sung als Bauhaus-Direktor in Dessau im Jahr 1930 bestimmt.23 Die Schweizer Gesandtschaft in Deutschland wurde im November 1930 auf Meyers Wegzug nach Moskau aufmerksam, nachdem er sein Dienstbüchlein eingesandt hatte. In die Schweiz schrieb er, seine Brigade habe «drei grosse Städte (etwa wie
22 Antwort des KGB an die Autoren, Moskau, 14. April 1992.
23 Huber, P. (Anm. 8).
24 Zu Le Corbusier (1887-1965) und seinem zwiespältigen Verhältnis zur Schweiz vgl. Cohen, J. L., Le Corbusier et la mystique de l'URSS. Théories et projets pour Moscou 1928-1936, Brussel, 1990. Zu H. Schmidt (1893-1972) vgl. Huber, P. (Anm. 8), S. 91-92.
25 Hannes Meyer 1889-1954. Architekt. Urbanist. Lehrer, hg. vom Bauhaus-Archiv, Berlin, 1989, S. 98-124.
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Zürich und Genf) auf den Brettern im Entwurf». Meyer arbeitete zudem am Bebauungsplan von Gross-Moskau, wo die vor der Zwangskollektivierung geflüchteten und von der rasanten Industrialisierung benötigten Massen in neuen Agglomerationen aufgefangen werden sollten.26 Meyers Pläne erlitten 1935 Schiffbruch, da die Behörden der traditionellen Stadtgliederung den Vorzug gaben. Eines seiner letzten Projekte war die Planung der jüdischen Stadt Birobidschan im fernen Osten. Als er im November 1934 wegen der Passverlängerung beim IKRK-Vertreter Wehrlin vorsprach, gab er sich als «professeur à l'Académie d'Architecture, récemment fondée à Moscou» aus.27 Obwohl Meyer die nationale Ausrichtung in der Sowjetarchitektur bis zu einem gewissen Punkt akzeptierte und am Funktionalismus Abstriche vor- nahm, wurden ihm ab 1935 keine führenden Bauaufgaben mehr zugeteilt. Im Juni 1936 reiste er in die Schweiz zurück und äusserte sich in einem privaten Brief bitter enttäuscht über die Entwicklung in der Sowjetunion:
«Aber ich bin ein Westeuropäer, eine Kreuzung von Allemanne und Hugenotte, und ich kann kaum etwas Nationales zur Sovietarchitektur beitragen. [ ... ] Warum unterschlägt man die Rolle der Ausländer bei der Kader-Bildung und Formation junger sowjetischer Architekten? Diese Herrschaften, die heute am meisten gegen uns schreien, waren 1930/1931 zu einem guten Teil meine Schüler oder Assis- tenten. [ ... ] Das ist doch nur alles der Ausfluss ein und derselben Fremden- feindlichkeit.»28
In der Öffentlichkeit und gegenüber Parteimitgliedern bekannte er sich stramm zur Sowjetunion. Seine avantgardistischen Ideen im Bereich der Ar- chitektur konnte er in der Schweiz der unmittelbaren Vorkriegszeit ebenfalls nicht verwirklichen, weshalb er 1939 nach Mexiko auswanderte.29
Robert Trösch dürfte der einzige Schweizer Schauspieler sein, der einen mehrmonatigen Ausbildungskurs in der Sowjetunion absolvierte. Als Nach- wuchsschauspieler konnte er im Jahr 1934 in den Studios der «Meschrabpom- Film» in Moskau arbeiten und schrieb:
26 Schweizer Städtebauer bei den Sowjets, hg. von der KPS, Basel, 1932, Brief vom Juli 1932, S. 20-21. BAR E 2200.66 -/3, Bd. 202, Dossier «Andere Russlandschweizer», Gesandt- schaft an Konsulat Riga, 25. November 1930.
27 BAR E 2015 -/1, Bd. 130, Dossier Meyer, Wehrlin an Posnanski, 27. November 1934.
28 Hannes Meyer 1889-1954 (Anm. 25), Brief an N. J. Kolli, 29. Juli 1937, S. 98-124.
29 BAR E 2001 (E) 1969/121, Bd. 51, Dossier Meyer, Nachforschungen Gesandtschaft.
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«Die Ateliers waren denkbar einfach eingerichtet. Neben den raffiniert ausgestat- teten europäischen und amerikanischen Aufnahmeräumen wirkten sie wie grosse Lagerhäuser.»30
Zur Zeit von Tröschs Aufenthalt sollen 2000 Mitarbeiter in diesen Film- studios gearbeitet haben. Die mit Münzenbergs Vertriebsnetz im Westen zu- sammenarbeitende Filmfabrik - auch «Rotes Hollywood» genannt - steuerte einen zu unabhängigen Kurs. Seit dem Herbst 1935 liefen Bestrebungen, die vor allem mit westlichen Emigranten arbeitenden Filmstudios dem Einfluss Münzenbergs zu entziehen und der russischen Staatspartei unterzuordnen. Trösch erlebte in Moskau noch die freiere Phase. Nach seiner Rückkehr ar- beitete er 1936 am Schauspielhaus und wurde 1938 durch seine Rolle im Film Füsilier Wipf bekannt, dem erfolgreichsten Schweizer Film der Zwischen- kriegszeit, einem eigentlichen Ideenkatalog der geistigen Landesvertei- digung.31 31
Als der Zürcher Rechtsanwalt Otto Wyss 1930 nach Moskau auswanderte, at- testierte ihm die KPS vor der Abreise: «Er hat nie im geringsten gegen die Partei Stellung genommen, im Gegenteil er blieb seinen Ansichten treu und stand der Partei bei.» Eine Bewerbung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Marx-Engels-Institut scheiterte 1928 an seinen Lohnforderungen.32 1930 er- hielt Wyss eine Stelle an der Rechtsabteilung der «Kommunistischen Aka- demie», die vom bedeutendsten sowjetischen Rechtstheoretiker, E. Paschukanis, geleitet wurde. Paschukanis arbeitete am neuen Strafrecht und sass 1935 mit Bucharin und Radek in der Kommission, welche die neue sowjetische Verfassung entwarf. Wyss arbeitete unter Paschukanis an einem Buch über die Sowjetunion, Staatsaufbau, Wirtschaft und gesellschaftliches Leben.33 Ab 1932 unterrichtete er zusätzlich an der Universität des Westens, nebst der Leninschule die wichtigste Kaderschule für ausländische Kommu- nisten. An seinen Freund Brupbacher schrieb er nach Zürich: «[ ... ] und noch
30 Trösch, Robert, «Ein schweizerischer Filmkünstler in Moskau», Schweiz-Sowjetunion, Nr. 3, 1945, S. 24-27. R. Trösch (1911-1986) starb in der DDR.
31 Dumont, Hervé, Histoire du cinéma suisse, Lausanne, 1987, S. 215 f.
32 SSA, Ar. 101.30.12, Nachlass Brupbacher, Brief an Wyss, 27. November 1928. RGASPI, 495-274, Kaderakte Wyss, Brief KPS an Komintern, 10. Januar 1930.
33 RGASPI, 495-274, Kaderakte Wyss, Brief, 19. August 1931. SSA, Ar. 101.30.12, Nachlass Brupbacher, Anfrage Wyss an Brupbacher, 15. August 1931.
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schwerer kann ich mir eine materielle und geistige Existenzmöglichkeit in der Schweiz für mich denken.»34 Im Februar 1937, wenige Wochen nach der Ver- haftung Paschukanis', entging Wyss selbst knapp einer Verhaftung, war dem Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD) doch ein äusserst negativer Bericht über ihn übergeben worden.33 Im Oktober 1937 traf er in Zürich ein und sprach bei Brupbacher vor. Dieser notierte in sein Tagebuch:
«Otto Wyss war in SU 7 1/2 Jahr. Ist heimgeschickt als Ausländer: Frist 10 Tage. Er habe sich abschätzig geäussert über Artikel über den abgesetzten Juristen Paschukanis, darauf sofort seiner Stelle als Lehrer enthoben. [ ... ] Wyss will nicht bei uns reden, da er wieder nach SU zurück will.»36
Wyss blieb in der Schweiz, eröffnete im folgenden Jahr in Basel ein Advo- katurbüro und trat am Ende des Zweiten Weltkriegs der Partei der Arbeit (PdA) bei.37
Der Mathematiklehrer Jakob Wildhaber kam 1924 nach Nowa Lawa, be- nutzte aber wie andere Auswanderer mit höherer Bildung den Aufenthalt in der ländlichen Gegend, um in den städtischen Zentren nach einer anderen Tä- tigkeit Ausschau zu halten. Nach nur sechs Monaten verliess er Nowa Lawa und unterrichtete Mathematik am technischen Institut in Marxstadt an der Wolga.38 Wildhaber machte zwischen 1931 und 1935 Karriere als wissen- schaftlicher Mitarbeiter am Moskauer Marx-Engels-Institut. Er entzifferte Marx-Manuskripte. Der Mitarbeiterstab dieses Instituts, das mit der Heraus- gabe der Werke Marx' und Engels' betreut war, war kurz zuvor im Zuge des Menschewiki-Prozesses von den alten Mitarbeitern «gesäubert» worden, so dass Wildhaber nachrücken konnte. Nebenbei widmete er sich einer Tätigkeit, die ihm später möglicherweise das Leben kostete: «Ausarbeitung einer eige- nen Entdeckung über artillerist. Berechnungen. Arbeit abgeschlossen und im
34 SSA, Ar. 101.30.12, Nachlass Brupbacher, beide Briefe ohne Datum.
35 Betr. Anfrage Otto Wyss, 16. Februar 1937. RGASPI, 495-274, Alichanow an Korniljew (NKWD), 19. Februar 1937, Kaderakte Wyss.
36 SSA, Ar. 101.10.13, Nachlass Brupbacher, Eintrag 27. Oktober 1937. BAR E 2015 -/1, Bd. 131, Dossier Wyss, Polizei-Inspektorat Basel-Stadt, 7. Oktober 1937.
37 SSA, Ar. 101.30.12, Wyss an Brupbacher, 27. September 1938.
38 BAR E 4260 (C) 1974/34, Bd. 170, Dossier «Pässe für Schweizer in Russland», Konsul Streiff an EPD, 4. August 1931. BAR E 2015 -/1, Bd. 117, Dossier Wildhaber.
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Verteidigungskommissariat SU für praktische Ausnützung abgegeben.»39 Im Frühjahr 1936 reiste Wildhaber - er war inzwischen Sowjetbürger geworden - aus unbekannten Gründen nach Engels und unterrichtete dort an einer Mit- telschule. Den letzten Brief erhielt die Mutter in Sargans im Januar 1938. Sie alarmierte das IKRK, dessen zwei Briefe an die Adresse in Engels jedoch mit dem Vermerk «zurück, verreist» retourniert wurden. Wildhaber gilt als ver- schollen.40 Falls es zur Verhaftung eines Grundes bedurfte, hatte der NKWD mit Wildhabers militärischen Forschungen schnell ein Verdachtsmoment zur Hand.
C. Das Experiment der Uhrenarbeiter 1937/38
Die kollektive Auswanderung von 72 Personen aus dem Jurabogen - Frauen und Kinder mit eingerechnet - wäre ohne den Initiativgeist des jüdischen Uhrmachers Wolf Pruss aus Weissrussland, der 1925 im Zeichen der NEP aus dem Schweizer Exil in die Sowjetunion zurückgefunden hatte, nicht zu Stande gekommen.4 Im Rahmen des ersten Fünfjahresplans (1928-1932) be- reisten mehrere sowjetische Wirtschaftsdelegationen die Schweiz und ver- suchten vergeblich, Apparaturen zum Aufbau einer russischen Uhrenproduk- tion einzukaufen. Auch W. Pruss weilte im Sommer 1930 einen Monat im Jura und verhandelte mit Unternehmern, die bereit waren, Präzisionsinstru- mente zu liefern. Die Schweizerische Uhrenkammer habe jedoch im letzten Moment eingegriffen und das Geschäft vereitelt. Nach Moskau schrieb Pruss: «Denn sie wissen, dass wir vorhaben, eine eigene Industrie aufzubauen.»42
39 RGASPI, 495-274, Lebenslauf, Moskau, März 1936.
40 BAR E 2015 -/1, Bd. 117, Dossier Wildhaber, Brief Frau Wildhabers an IKRK, 14. Novem- ber 1938, und EPD an Frau Wildhaber, 4. April 1939.
41 Der Nachlass W. Pruss wurde von Dora Pruss aufgearbeitet und dem Musée de l'horlogerie in Genf übergeben. Biografische Angaben zu W. Pruss (1883-1937) und Dora Pruss (geb. 1917) in Huber, P. (Anm. 8), S. 308-309. Einige Dokumente aus russischen Archiven wur- den veröffentlicht in Fleury, Antoine und Tosato-Rigo, Danièle, Suisse-Russie. Contacts et ruptures. Documents tirés des Archives du Ministère des Affaires étrangères de Russie et des Archives fédérales suisses, Bern, 1994, S. 431-434, 469-471, 485-490. Vgl. auch Huber, Peter, «Helvetisches Know-how für Sowjetrussland. Das Experiment der Schweizer Uhrenarbeiter in der Sowjetunion 1937/38», traverse, 1995, Nr. 3, S. 89-99.
42 Nachlass W. Pruss, «Über die Auslandsreise» [1930]. Zur Haltung von Behörden und In- dustriellen vgl. Perrenoud, Marc, «Mouvements migratoires et mouvement ouvrier neuchâ-
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Angesichts der Haltung der Uhrenkammer und der Bundesbehörden, die gegen einige verhandlungsbereite Industrielle gar ein Verfahren einleiteten, musste der sowjetische Trust für Präzisionsindustrie mit veralteten Apparaten aus den USA Vorlieb nehmen. Pruss wurde 1932 Berater der «1. Uhren- fabrik», sein Sohn Isaak Lehrer an der angegliederten Lehrwerkstätte.43
Als die Bestellungen der sowjetischen Ministerien zur Zeit des zweiten Fünf- jahresplans (1933-1937) die Kapazitäten überschritten, beschloss das Volks- kommissariat für Schwerindustrie den Bau zweier neuer Uhrenfabriken. Diesmal gelang es den Sowjets, modernste Geräte schweizerischer Herkunft zu importieren. Auf welchen Wegen der Boykott der Schweizer umgangen werden konnte, geht aus den Dokumenten nicht hervor. Die guten Beziehun- gen von Wolf Pruss zu Uhrenindustriellen dürften den Ausschlag gegeben haben, dass die beiden neuen Betriebe in Kujbyschew und Penza mit Schwei- zer Maschinen und 26 Spezialisten aus dem Jurabogen produzieren konnten. 44
Was Pruss auf sowjetischer Seite in Bewegung brachte, wäre ohne das Zutun des Bieler Stadtschreibers und Berner SP-Grossrats Otto Marti im Sand ver- laufen. Marti gründete im Krisenjahr 1935 den Umsiedler-Bund, der bald ge- gen 1000 Mitglieder vereinigte und sich folgendes Ziel setzte:
«Auswanderung und Kolonisation in grösserem Verbande unter Erhaltung des kulturellen Standes und unter Sicherung der wirtschaftlichen Existenz auf dem Boden der Gemeinwirtschaft.»
Als das Eidgenössische Auswanderungsamt im März 1936 durch eine Zei- tungsmeldung erfuhr, dass neuerdings die Sowjetunion als Aufnahmeland ins Auge gefasst werde, verlangte es von Marti nähere Auskünfte. Dieser argu- mentierte, nach der negativen Antwort der traditionellen Emigrationsländer Argentinien und Brasilien bleibe nur die Sowjetunion übrig, deren «gemein- wirtschaftliches System bedeutende Erleichterungen» gewähre.43 Im Mai
telois dans les années 1930. Le cas de l'émigration des horlogers vers l'URSS», Revue Histo- rique Neuchâteloise, no 1-2, 2001, S. 35-54.
43 Idem, «Die Berufsschule der Uhrenfabrik Nr. 1», 8. November 1933.
44 Idem, W. Pruss an Baranov [1935]; «Notizen» von W. Pruss [1935].
45 BAR E 2175 -/1, Bd. 30, Brief Marti, 8. März 1936. Die Umsiedlung, offizielles Organ des Umsiedler-Bundes, 1 (Juli 1936).
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1936 arrangierte Wolf Pruss eine erste Reise Martis nach Moskau, der im August eine zweite folgte, die in einen Vorvertrag mit dem Volkskommis- sariat für Schwerindustrie mündete. Marti sprach von gegen 250 arbeitslosen Uhrenfachleuten, die demnächst zwei neue Betriebe in Russland in Schwung bringen sollten. 46
Ab Oktober 1936 bereiteten die Bundesbehörden gesetzliche Massnahmen gegen das Auswanderungsprojekt vor. Auf Antrag einiger Uhrengemeinden präsidierte Bundesrat Obrecht eine Sondersitzung des Bundesamts für In- dustrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA), «en vue de retenir en Suisse les spécia- listes chômeurs qui seraient susceptibles d'accepter des offres à l'étranger». Im Winter 1936/37 führte eine sowjetische Handelsdelegation auf franzö- sischem Gebiet an der Schweizer Grenze Gespräche mit auswanderungs- willigen Uhrenarbeitern, was in der Presse Schlagzeilen machte. Der Bund titelte «Ein bernischer Grossrat als Sowjetagent», das Bieler Tagblatt über- schrieb einen Artikel mit «Die Sowjetagenten in Morteau und Annemasse». 47 Der militärische Untersuchungsrichter Hauptmann Gloor leitete ein Verfahren ein, da er Marti und die sowjetische Delegation der Anwerbung von Spanien- freiwilligen verdächtigte.48 Laut Bundesanwaltschaft fanden die Gespräche und der Vertragsabschluss mit den arbeitslosen Uhrenarbeitern des Um- siedler-Bundes in den französischen Grenzstädten Annemasse, Morteau und St-Louis statt - was Marti gegenüber Hauptmann Gloor bedauerte:
«Ich persönlich hätte es lieber gesehen, wenn diese Besprechungen in der Schweiz stattgefunden hätten, aber die Russen hatten Bedenken, da sie sich infolge Fehlens der diplomatischen Beziehungen in der Schweiz ziemlich schutzlos glaubten.»
Bis Mitte Januar 1937 hatten die Sowjets 110 Kandidaten auf ihr berufliches Können geprüft und schliesslich 20 Verträge unterzeichnet.49
46 Idem, 2 (Oktober 1936).
47 Bieler Tagblatt, 21. Januar 1937. Der Bund, Nr. 30, 19. Januar 1937. BAR E 2175 -/1, Bd. 30, Sitzung BIGA, 21. Oktober 1936, zit. in Brief an Auswanderungsamt, 23. Oktober 1936. Perrenoud, M. (Anm. 42).
48 BAR E 4320 (B) 1990/266, Bd. 6, Berichte der Basler, Zürcher und Genfer Polizeidienste.
49 Idem.
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Einhellig lobten verschiedene Auswanderer die im Vertrag festgeschriebenen hohen Löhne und Wohnbedingungen, die in keinem Verhältnis zum prekären Leben der russischen Arbeitskollegen standen. Die Schweizer Uhrmacher kamen in den Genuss von materiellen Vorteilen, wie sie die Sowjetregierung in diesen Jahren allen ausländischen Spezialisten anbot." Als Stolperstein erwies sich für die Auswanderer die Vertragsdauer. Obwohl der Vertrag nur auf ein Jahr lautete - Marti schrieb ursprünglich von bis zu fünf Jahren -, rechneten die Auswanderer mit einer Dauerstellung.31
Im Februar 1937 verschärfte der Bundesrat die gesetzlichen Vorschriften über die Auswanderung. Marti meinte, «dass mit ungleicher Elle gemessen» werde, «und dass weniger das Interesse der Uhrenindustrie, als vielmehr der Hass gegen Sowjetrussland den Ausschlag gebe». Der Bundesbeschluss unterwarf neu Auswanderungen in europäische Länder der Bewilligungspflicht; ausser- dem bekam der Bundesrat das Recht, Auswanderungsverträge, in denen die ausländische Instanz die Reisekosten übernahm, zu annullieren. Es wäre je- doch vereinfacht, nur den «Hass gegen Sovietrussland» als Motiv für diese Verschärfung anzuführen. Mindestens das von H. Roggen geleitete Russland- schweizerbüro verfolgte aufmerksam die Entwicklung in Russland. Man war überzeugt, dass ahnungslose Auswanderer mit leeren Versprechungen in die Irre geführt würden.32 Der Umsiedler-Bund passte sich den neuen Gegeben- heiten an, indem die Mitglieder die Reisekosten trugen und der Verein keine neuen Mitglieder mehr aufnahm sowie das Erscheinen des Mitteilungsblatts einstellte.53
Dem ersten Auswandererzug vom 1. April 1937, bestehend aus 57 Erwach- senen und Kindern,34 folgte Tage später ein zweiter, der sich ebenfalls auf Kujbyschew und Penza verteilte. Schon nach wenigen Wochen kam es in bei- den Kolonien zu Streitereien. In den Augen der KPS, die am Projekt nicht beteiligt war, lag der Fehler bei Marti, der politisch unzuverlässige Arbeiter
50 BAR E 2015 -/1, Bd. 143, Bericht (31. März 1938, 10 Seiten) von H. Roggen.
51 Die Umsiedlung (Anm. 45), 2 (Oktober 1936), 3 (Dezember 1936).
52 O. Marti, «Eine Richtigstellung», Bieler Tagblatt, 21. Januar 1937. Zur Gesetzesänderung vgl. Fleury, A. und Tosato-Rigo, D., (Anm. 41), S. 469-471.
53 BAR E 2175 -/1, Bd. 30. Vgl. letzte Mitteilung vom 10. Februar 1937.
54 BAR E 2175 -/1, Bd. 30, Angaben Reisebüro Kuoni an Polizeikomm., Zürich, 7. April 1937.
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rekrutiert habe. Der KPS-Vertreter in Moskau, Mayer, schrieb kurz vor dem Abbruch des Experiments an Dimitrov, den Generalsekretär der Komintern:
«Die Leute arbeiteten bis heute in Penza und Kujbyschew unter materiell sehr guten Bedingungen. Sie haben einen Monatslohn von 1000 bis 1400 Rubel. Jede Familie eine kostenlose, moderne 3-Zimmerwohnung, ein eigenes Lebensmittel- und Kleidermagazin etc. Es kamen Leute mit der Einstellung herüber, 1 bis 2 Jahre in der UdSSR zu arbeiten, um einige tausend Franken auf die Seite zu legen, nachher wieder zurückzufahren und eigene Geschäfte aufzumachen. Es be- finden sich unter den Leuten grosse Egoisten und wie es im dortigen Uhren- machergebiet vom Jura viele gibt, anarchistische Wirrköpfe und Arbeiter- aristokraten.»55
Ausschlaggebend für die überraschende Heimkehr war weniger der Grad der inneren Zerstrittenheit als der Wechsel in der sowjetischen Haltung in Bezug auf die ausländischen Spezialisten. Die Zeit, als die Ausländer zuhauf in den Dienst der Sowjetindustrie gestellt wurden, war 1937 vorüber und machte einer Politik Platz, die im Fremden und in den mit ihnen verkehrenden Sow- jetbürgern Spione oder «Schädlinge» sah.56
Vor diesem politischen Hintergrund müssen die 1937/38 geäusserten Gründe für den Abbruch des Projekts gewichtet werden. Martis Ansicht nach, der sein Auswanderungprojekt nicht kritisieren wollte, mussten die Rivalität unter den Schweizern und der «bürokratische Verwaltungsapparat Russlands» zum Scheitern des an sich guten Projekts geführt haben. Im November 1937 legte er das Amt als Leiter des Umsiedler-Bundes nieder und widmete sich fortan ausschliesslich seiner Anwaltspraxis. Eine Bilanz im Bieler Express schloss er mit den Worten:
«[ ... ] so scheinen die meisten der Zurückgekehrten das selber verschuldet und für den Schweizer Namen wenig Ehre eingelegt zu haben.»57
55 RGASPI, 495-74-561, Brief, 26. Februar 1938.
56 «Beschluss des Sekretariats der Komintern über die politische Emigration» (7. März 1936), in Huber, Peter, «Kominternorgane als Vorreiter der Repression», Exil, Nr. 2, 1983, S. 78- 95.
57 «Eindrücke aus dem Soviet-Paradies», Express, 17. August 1938. BAR E 4320 (B) 1990/266, Bd. 6, Zirkular Marti, 30. November 1937.
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Die Uhrenarbeiter ihrerseits sahen sich im Frühjahr 1938, nach einem Jahr Arbeit in der Sowjetunion, um die reibungslose Weiterführung der Arbeits- verträge betrogen. Die über Moskau Rückreisenden suchten dort den IKRK- Vertreter Wehrlin auf. Aus den vielen Klagen sei die Folgende zitiert: «Sie hätten dort [in Kujbyschew] wohl neue Arbeitsverträge eingehen können, wären dabei aber finanziell schlechter gestellt worden, womit sie nicht einver- standen waren.»38 Nur eine Uhrenarbeiterfamilie suchte sich den Verbleib in der Sowjetunion - bei wesentlich schlechteren materiellen Bedingungen - mit dem Antrag auf die sowjetische Staatsbürgerschaft zu erkaufen.39
Einige der Uhrenarbeiter entgingen knapp der Verhaftung - ihre Stellung als Spezialisten mit Schweizer Pässen oder Nachlässigkeit des NKWD dürfte sie gerettet haben. Ein Bericht des KGB hält fest:
«Nachforschungen des NKWD im Jahre 1940 ergaben, dass kein Schweizer ver- haftet wurde, obwohl man zweimal die Verhaftung von drei (Cornu, Kohler, Zimmermann) verlangt hatte. Diese drei galten von der trotzkistisch-faschisti- schen Ideologie am stärksten infisziert. Weitere drei standen im Verdacht, für fremde Nachrichtendienste zu arbeiten (Sandoz, Scholl, Rüffli), was nun bewiesen ist. Es ist ungewöhnlich, dass sie nicht verhaftet wurden.»60
Keiner der Heimkehrer erwähnte bei Gesprächen mit den Behörden, welche die Rückwanderer aushorchten, Verhaftungen; offensichtlich lebten die Schweizer abgeschottet von den Russen und konnten das Ausbleiben des einen oder anderen nur schwerlich mit Verhaftungen in Zusammenhang brin- gen. Ins Gedächtnis eingebrannt blieb ihnen hingegen, dass die Grenzbeamten im letzten Augenblick fast alle ihre Ersparnisse konfiszierten:
«In Negoreloje, der sowjetisch-polnischen Grenzstation, wurden ihnen die Pelze abgenommen, die sie sich gekauft hatten, um wenigstens einen Teil des Ersparten hinüberzubringen, da sie ausser 50 Dollar kein Geld mitnehmen durften.»61
58 BAR E 2015 -/1, Bd. 143, Brief Wehrlin, 22. März 1938.
59 Idem, Brief Wehrlin, 9. April 1938.
60 Privatarchiv D. Pruss, Moskau, «Aus dem Dossier I. Pruss», ohne Datum. Isaak Pruss (geb. 1907 in Bern), am 11. November 1937 verhaftet, am 11. April 1938 erschossen. W. Pruss (geb. 1883 in Witebsk), im August 1937 in Moskau verhaftet, am 8. Dezember 1937 er- schossen (Privatarchiv D. Pruss, Moskau, Bescheid des KGB, 21. Dezember 1988, 28. Februar 1989).
6! BAR E 2015 -/1, Bd. 143, Bericht Roggen, 31. März 1938.
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II. Die Entsendung von Woldemar Wehrlin (1921) und der «Horchposten» Serge Bagozki in Bern (1921-1937)
Sowohl die Angehörigen der «alten» Schweizerkolonien aus der Zeit des Zarenreichs als auch die neuen Zuwanderer eher kommunistischen Zuschnitts konnten seit 1921 über Wehrlin in Moskau Ausreiseformalitäten abwickeln und konsularische Dienste im weitesten Sinne in Anspruch nehmen. Noch zur Zeit des Ersten Weltkriegs verfügte das IKRK über keinen Vertreter in Russ- land. Die oft festgestellte Übernahme von IKRK-Chargen durch helvetische Politiker wollte es, dass der Schweizer Gesandte in St. Petersburg, Edouard Odier, zugleich Vizepräsident des IKRK war und im Frühjahr 1918 ange- sichts des Zerfalls der russischen Rotkreuzorganisation den Russland- schweizer E. Frick, der seit 1914 als Freiwilliger für das Russische Rote Kreuz gearbeitet hatte, zum IKRK-Delegierten bestimmte.62 Frick verliess Russland im Oktober 1918, worauf das IKRK erfolglos versuchte, einen neuen Delegierten ins revolutionäre Russland zu entsenden. Erst im Oktober 1921, unmittelbar nach der Anerkennung der neuen russischen Rotkreuzorga- nisation durch das IKRK, konnte die Genfer Institution Wehrlin als Dele- gierten in Moskau akkreditieren.63 Dessen Aufgabenbereich bestand in den ersten Jahren vor allem in der Rückführung der deutschen und österreichi- schen Kriegsgefangenen aus Sibirien. Zu dieser klassischen Hilfstätigkeit des IKRK gesellte sich bald ein Bereich, der den traditionellen Rahmen seines Aufgabenbereichs sprengte und das Vakuum ausfüllte, das nach dem Bruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und der Revolutions- regierung entstanden war. Hans Roggen, der ab 1934 das Russlandschweizer- büro im EPD als Einmannbetrieb leitete, hielt über die Arbeit des IKRK-De- legierten Wehrlin fest:
«Im Laufe der Zeit befasste er sich auch mit Angelegenheiten der Russland- schweizer, die sich an ihn wandten. Die Tätigkeit für diese Landsleute nahm bald beträchtlich zu, so dass der Delegation eine ziemlich grosse Arbeit erwuchs. Die
62 Die Initiative von Frick wurde im Mai 1918 vom IKRK gebilligt. Bugnion, François, Le CICR et la protection des victimes de la guerre, Genève, CICR, 2000, S. 286.
63 Idem, S. 293. Der Lausanner Arzt George Montandon, der 1919-1920 auf einer IKRK-Mis- sion in Sibirien weilte, hatte nicht den Status eines offiziellen Delegierten.
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Sowjetbehörden duldeten die Hilfeleistung für die Schweizer, weil Herr Wehrlin in allen Dingen sehr vorsichtig war.»64
Wehrlin vermittelte notleidenden Russlandschweizern in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Konsulat in Riga Lebensmittelpakete, die Angehörige in der Schweiz in Auftrag gegeben hatten. Nebst dieser elementaren Hilfstätigkeit für zumeist seit Jahrzehnten in Russland lebende Schweizer-Bürger nahm Wehrlin die konsularischen Belange wahr. Die in der Sowjetunion lebenden Schweizer sandten ihre Pässe zur Verlängerung an Wehrlin, der die Doku- mente an das Konsulat in Riga oder an die Gesandtschaft in Warschau wei- terleitete.65 Der IKRK-Delegierte war in den Jahren 1921-1938 ein unent- behrliches Glied in der Übermittlung von Korrespondenz, die nach Aussagen von Roggen vom Russlandschweizerbüro folgendermassen funktionierte:
«Die gesamte Korrespondenz zwischen der Delegation und dem Komitee in Genf wurde durch den polnischen Kurier nach Warschau befördert, was den Behörden natürlich ebenfalls bekannt war. Von dort wurde sie durch unsere Gesandtschaft nach Genf weitergeleitet und vom Komitee, soweit es sich um Angelegenheiten der Russlandschweizer handelte, der Abteilung für Auswärtiges zugestellt. Die Anweisungen für die Behandlung der Geschäfte gingen in Form von neutralen Notizen auf dem gleichen Wege an die Delegation in Moskau zurück.»66
Wehrlin fungierte somit nebenbei als Vertreter der konsularischen Interessen der Schweiz in der Sowjetunion. Sicher ist, dass das IKRK von der Eidgenos- senschaft jährliche Beiträge an die daraus erwachsenden Unkosten aus dem Kredit zur Unterstützung und Heimschaffung von Russlandschweizern er- hielt.67 Bis 1930 widmete sich Wehrlin hauptsächlich seinem ursprünglichen Auftrag, der Rückführung von Kriegsgefangenen und Versprengten.68 In spä-
64 BAR E 2015 -/1, Bd. 116, Dossier Wehrlin, «Notiz», sig. Roggen, 10. Juni 1946. Roggens Vorgänger war R. Bosshardt (1873-1934). Reimann, Maximilian, Quasi-konsularische und schutzmachtähnliche Funktionen des IKRK ausserhalb bewaffneter Konflikte, Zürich, 1971, S. 7-60.
65 BAR E 2200.66 -/3, 36a, «Postpakete 1933-1934», 36c 1, «Bürgerrechtsbestätigung, Heim- schaffung». Praz, J .- D. (Anm. 3).
66 BAR E 2015 -/1, Bd. 116, Dossier Wehrlin, «Notiz», sig. Roggen, 10. Juni 1946.
67 Idem. Vgl. auch Praz, J .- D. (Anm. 3), S. 152-154.
68 1930 unternahm er einen neuen, jedoch erfolglosen Versuch, ehemalige deutsche und österreichische Kriegsgefangene ausfindig zu machen (IKRK-Genf, Bmis/60/31/32). Fayet, Jean-François, «En attendant la fin de la guerre: la [sur]vie des soldats et des civils allemands
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teren Jahren nahm sein zeitlicher Aufwand für Angelegenheiten von Schweizer Bürgern ständig zu. Das IKRK-Mitglied Suzanne de Ferrière be- richtete 1935 an einer Sitzung der Commission des Missions, von den 1400- 1500 von Wehrlin betreuten Personen seien 1250 schweizerischer Abstam- mung. Wehrlin rapportierte anlässlich eines Besuchs in Genf, die Delegation verwende mehr als die Hälfte ihrer Zeit für Russlandschweizer.69
Die Korrespondenz mit dem Schweizer Konsul Louis Streiff in Riga und dem IKRK in Genf führte Wehrlin in eigener Regie.7º Die Berichte ans IKRK in Genf sandte er fast ausnahmslos an Nicole Posnanski, die in der Zwischen- kriegszeit innerhalb des Personensuchdiensts die Sowjetunion und die Nansen-Pässe betreute. Sie war es, die der Abteilung für Auswärtiges im EPD - und somit Hans Roggen vom angegliederten Russlandschweizerbüro - Ko- pien von Wehrlins Briefen über Schweizer in der Sowjetunion zukommen liess.71
Noch nicht völlig geklärt sind die Gründe, warum die sowjetischen Behörden das «getarnte Konsulat Wehrlin» gewähren liessen, obwohl sowjetische Stel- len spätestens nach einigen Jahren merkten, dass sich der IKRK-Delegierte immer stärker mit Diensten für die Schweizerkolonie abgab. Einen plausiblen Erklärungsansatz lieferte Roggen. In einer Notiz unterstrich er das vorsichtige Auftreten Wehrlins in Moskau und rückte einen zweiten Grund für dessen Duldung in Moskau in den Vordergrund:
«[ ... ] weil die Anwesenheit des von der Bersin-Mission im November 1918 zu- rückgebliebenen Dr. S. Bagozki, der gewissermassen als Horchposten galt, in Bern ebenfalls geduldet wurde.»72
détenus en Russie pendant la Première Guerre mondiale», Guerres et Paix. Mélanges en l'honneur de Jean-Claude Favez, Genève, Georg, 2000, S. 147-162.
69 Fleury, A., (Anm. 41), S. 458-465, Brief M. Huber an G. Motta, 23. Mai 1935.
70 L. Streiff liess Lebensmittel in Riga für jene Personen einkaufen, die sich bei Wehrlin gemel- det hatten. Die Rechnung übernahmen zumeist Verwandte in der Schweiz. Vgl. BAR E 2200.66 -/3, Bd. 36a «Postpakete für Russland 1932-1933».
71 Vgl. z. B. BAR E 2015 -/1, Bd. 129, Dossier «IKRK», 22. Dezember 1937.
72 BAR E 2015 -/1, Bd. 116, Dossier Wehrlin, «Notiz», 20. Juni 1946. Zur Ausweisung von J. A. Bersin (1881-1941) vgl. Fleury, Antoine und Tosato-Rigo, Danièle, «A propos de la re- présentation diplomatique soviétique à Berne (mai-novembre 1918: un nouvel éclairage à la lumière des rapports de Jan Berzine», traverse, 1995, Nr. 3, S. 29-45. S. Bagozki (1879-
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Der Arzt Serge Bagozki kam 1918 als offizieller Vertreter des Russischen Roten Kreuzes in die Schweiz und fungierte nach der Ausweisung der sowje- tischen Mission unter Jan A. Bersin bis 1937 de facto als einziger sowjeti- scher Vertreter in der Schweiz. Die Bundesanwaltschaft unterwarf ihn einer engen Kontrolle. Trotz Verdachtsmomenten sah der Bundesrat von einer Ausweisung ab. Ähnlich wie Wehrlin in Moskau kümmerte sich Bagozki in den ersten Jahren um die Heimführung seiner Landsleute in die Sowjetunion. Seit Mitte der 1920er-Jahre widmete er sich vorwiegend der kulturellen und politischen Propaganda.73 In seiner Eigenschaft als Arzt und russischer Rot- kreuzvertreter hielt er viele Vorträge und publizierte über das Gesundheits- wesen in der UdSSR.74 Bagozki übernahm immer mehr die Rolle eines Vertreters der Sowjetischen Gesellschaft für kulturelle Verbindungen mit dem Ausland (WOKS).7 So vertrieb er deren Bulletin, lud schweizerische Persön- lichkeiten in die Sowjetunion ein, figurierte im Patronatskomitee mehrerer sowjetfreundlicher Ausstellungen und organisierte den Empfang sowjetischer Kulturschaffender - so etwa 1929 anlässlich der Reise von Sergej Eisenstein, Eduard Tissé und Grigori Alexandrow durch die Schweiz und zum Congrès du Cinéma indépendant in La Sarraz (VD). Bagozki war Mitbegründer und stiller Förderer einer ganzen Reihe von sowjetfreundlichen Organisationen, die bei den Schweizer Behörden auf einer schwarzen Liste standen.76
1953), von Beruf Arzt, 1905-1910 in der Verbannung in Sibirien. 1914 Einreise in die Schweiz. 1915-1918 Vorsteher der Liga schweizerischer Hilfsvereine für die politischen Ge- fangenen in Russland. 1918 Rückkehr nach Russland, wo er einige Monate im Kommissariat für Volksaufklärung, Abteilung für Schulhygiene, tätig ist. Bereits im August 1918 kommt er in die Schweiz zurück, um von hier aus russischen Kriegsgefangenen Hilfe zukommen zu lassen. Im November 1918 entgeht er knapp der Ausweisung. 1937 Rückruf nach Moskau, wo er als Berater der russischen Rotkreuzorganisation und in späteren Jahren als Herausge- ber der medizinischen Teile der Sowjetenzyklopädie arbeitet. Vgl. BAR J. 1. 60, Teilnach- lass Bagozki sowie «Bagozki», Institute for the Study of the USSR (Hg.), Who was who in the USSR, Metuden, 1972.
73 Vgl. Getmanova, N. und Kusmin, M. S., «Sovetsko-svejcarskie kulturnye i nautchnye svjazi (1917-1937)», Voprosy Istorii, Nr. 5, 1985, S. 33-40.
74 Vgl. etwa Bagotsky, Serge, La protection de l'enfance en URSS, Berne, Société russe de la Croix-rouge, 1924.
75 GARF, «WOKS», F. 5283, op. 6, d. 836-845. BAR E 21, Nr. 10510 «Erhebungen betr. Agitation des russ. Roten Kreuzes» und BAR E 21, Nr. 8819 «A. Eltschjan».
76 Erwähnt seien: Société d'Etudes documentaires sur la Russie contemporaine, 1924 in Lau- sanne gegründet, an der massgebend der Arzt G. Montandon mitwirkte; Société culturelle de
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Der Schleier über Bagozkis geheimen Tätigkeit - von ihm selbst zurückhal- tend als «Informationsarbeit» bezeichnet - kann erst seit der Öffnung sowje- tischer Archive teilweise gelüftet werden. In regelmässigen Abständen sandte er aus Bern Berichte über das Bild der Sowjetunion in den Volksschichten und bei den Behörden." Bagozki wollte ein Kontaktnetz zu Industriellen knüpfen, um - wie er 1926 schrieb - «Druck auf den Bundesrat und die bür- gerliche Presse» auszuüben. Das 1936 gegründete «Komitee zur Förderung der Handelsbeziehungen Schweiz - Sowjetunion», das Industrielle, Füh- rungskräfte der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz und der Gewerk- schaften in sich vereinigte, verdankt sein Entstehen ebenfalls der Werbetätig- keit Bagozkis.78
Der stillschweigenden Duldung dieser Tätigkeit waren jedoch von Seiten der Bundesbehörden Grenzen gesetzt. Als Bagozki im Namen des Russischen Roten Kreuzes und 1934 im Auftrag der Sowjetregierung in Bern ein Haus kaufen wollte, deckte Bundesrat Motta den ablehnenden Entscheid der Berner Justizdirektion. Der Vorsteher des EPD argumentierte,
«dass mangels einer Anerkennung der Sowjetregierung diese Regierung bezie- hungsweise ihre Organe nicht als legitimiert anerkannt werden können, in der Schweiz für den sowjetischen Staat Grundeigentum zu erwerben.»
rapprochement avec l'URSS, 1930 in Genf in Kreisen der Freidenker gegründet; Les Amis de l'URSS, 1931 in Genf von L. Nicole gegründet und mit dem Bund der Freunde der Sow- jetunion in der Deutschschweiz fusioniert; Das Neue Russland und Schweizerische Gesell- schaft zur Verbesserung der kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen mit der Sowjet- union, im Februar 1932 mit dem Beistand der Sowjetischen Gesellschaft für kulturelle Ver- bindung mit dem Ausland (WOKS) vom Schriftsteller R. J. Humm und dem Lehrer W. Roshardt gegründet. Weniger bekannt waren das Théâtre d'Art prolétarien, die Amis du film nouveau sowie die Gruppe «Plan», welche Persönlichkeiten aus dem wirtschaftlichen Leben umfasste, die dem System der Planwirtschaft Interesse entgegenbrachten. Näheres zu all diesen Gruppierungen: Fayet, Jean-François, «La VOKS: entre culture, politique et lobbying diplomatique», Les relations culturelles de la Suisse, Ille cycle romand d'histoire (2001), 2002 (im Druck).
7 Zum Beispiel GARF, 5283-6-837, Bericht Bagozki [1924].
78 GARF, 5283-6-934. Cerutti, Mauro, «Politique ou commerce? Le Conseil fédéral et les rela- tions avec l'Union soviétique au début des années trente», Studien und Quellen, Nr. 7, Schweiz. Bundesarchiv, Berne, 1981, S. 126.
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Zudem bestünde - so Motta - in der Schweiz eine grosse Anzahl von «Scha- denersatzansprüchen heimgekehrter Russlandschweizer», was «höchst un- erwünschte politische Nachwirkungen» nach sich ziehen würde.79
Im Herbst 1936, wenige Wochen nach dem ersten Moskauer Schauprozess, reiste der sowjetische Rotkreuzvertreter aus unbekannten Gründen in sein Heimatland zurück. Der Eidgenössischen Fremdenpolizei liess er mitteilen, «qu'il ira à Moscou avec sa femme et son fils le 20 sept. pour assister à une conférence de la Croix rouge de l'URSS». Laut Akten der Bundesanwalt- schaft betrat er nie mehr Schweizer Boden, obwohl er vor der Abreise ein Rückreisevisum eingegeben und erhalten hatte. H. Roggen vom Russland- schweizerbüro datierte die endgültige Rückkehr Bagozkis in die Sowjetunion hingegen auf den Mai 1937, worauf der IKRK-Vertreter in Moskau prompt mit der Verlängerung seiner Aufenthaltsbewilligung hingehalten worden sei.80 Folgte Bagozki wie viele Sowjetfunktionäre im Ausland einem Rückruf nach Moskau, wo er in der Terrorphase unverhofft der langjährigen Spionage an- geklagt wurde? Sicher ist, dass er mit dem Leben davonkam und nach dem Zweiten Weltkrieg für sowjetische Institutionen in Moskau arbeitete.81 Das Russische Rote Kreuz schickte keinen neuen Vertreter nach Bern. Wir ver- muten, dass die Sowjetunion mit dem Eintritt in den Völkerbund (1934) das Interesse an Bagozki in Bern verlor und bis 1939 in Genf, am Sitz des Völ- kerbunds und des Internationalen Arbeitsamts, nun Personal - zum Teil mit diplomatischer Immunität - besass, das Kontakte knüpfen und als Anlauf- stelle dienen konnte.82
79 BAR E 2001 (C) -/3, Bd. 7, Motta an Justizdirektion, 24. Februar 1934.
80 BAR E 2015 -/1, Bd. 26, Dossier «Liquidation der Delegation Moskau», Notiz Roggen, 25. Oktober 1937. BAR E 21 8597, Eintrag im Dossier Bagozki, 16. September 1936.
81 Das IKRK anerkannte die sowjetische Rotkreuzorganisation am 15. Oktober 1921. Zu G. Lodyschenski, der später für Théodore Auberts Entente internationale contre la Ille Inter- nationale arbeitete, vgl. Gattiker, Annette, L'affaire Conradi, Bern, 1975, S. 212-213.
82 Zu erwähnen ist der in Genf geborene W. Sokolin, ab 1931 Mitarbeiter der sowjetischen Bot- schaft in Paris und ab 1937 Untergeneralsekretär des Völkerbunds in Genf. Zu W. Sokolin (1896-1984) vgl. Huber, P. (Anm. 8), S. 451-452.
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III. Aufgabenbereiche von Woldemar Wehrlin
In der gleichen Zeitspanne (1921-1936), während der sich Bagozki als Ver- treter des Russischen Roten Kreuzes in der Schweiz einer grossen Bewe- gungsfreiheit erfreute, konnte der IKRK-Vertreter Wehrlin in Moskau fast ungestört die konsularischen Belange der Schweiz wahrnehmen. Wehrlin reiste im Herbst 1921 als ständiger Delegierter des IKRK nach Moskau; es dürfte kein Zufall sein, dass das IKRK zum selben Zeitpunkt die sowjetische Rotkreuzorganisation - und somit Bagozki in der Schweiz - anerkannte und die Beziehungen zu einer zweiten, aus exilrussischen Kreisen um G. Lodyschenski bestehenden Organisation in Genf abbrach. Die Duldung Bagozkis durch die Behörden ging Hand in Hand mit der sowjetischen Ak- zeptierung des IKRK-Delegierten Wehrlin. 83 Der diplomatisch versierte Wehrlin hatte in den ersten Jahren seines Aufenthalts wenig Unannehmlich- keiten mit den sowjetischen Behörden. Erstmals bekam er 1929 Schwierig- keiten. In einem Brief an N. Posnanski in Genf sprach er Jahre später von einer «odieuse démarche de menace et de chantage»; diese Einschüchterung kam von Seiten des Russlandschweizers Boris von Steiger, der für das sowje- tische Aussenministerium arbeitete und 1937 erschossen wurde.84 1932 be- schuldigten die sowjetischen Behörden Wehrlin, bereits eingebürgerten ehe- maligen Ausländern Pässe ausgestellt zu haben. Wehrlin verwahrte sich gegen diesen Vorwurf und konnte die sowjetischen Stellen besänftigen. Nach der Ermordung des Leningrader Parteigewaltigen S. M. Kirow im Dezember 1934, der eine nochmalige Abkühlung des innenpolitischen Klimas folgte, nahmen die Nadelstiche zu. Wehrlin meldete aus Moskau, das bisher vor sei- nen Auslandsreisen anstandslos ausgehändigte Rückreisevisum sei ihm dies- mal verweigert worden: «[ ... ] je ne peux aucunement risquer de partir, sans être sûr de pouvoir rentrer.» Er fügte hinzu:
«[ ... ] je crois utile d'ajouter que mes relations personnelles continuent d'être les plus correctes et, depuis Noël, j'ai plusieurs fois rencontré les représentants des autorités d'ici dans les réceptions des Ambassades, (chez les Anglais, Italiens et autres), et ces messieurs étaient des plus courtois avec moi.»
83 Vgl. Anm. 81.
84 BAR E 2015 -/1, Bd. 115, Dossier von Steiger, Wehrlin an Posnanski, 25. Mai 1937.
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Wehrlin musste sieben Monate auf das Visum warten.85 Er hatte nach eigenen Worten den Einstieg in die diplomatische Gesellschaft Moskaus anfangs der 1930er-Jahre nur dank der Protektion der französischen, englischen, italieni- schen und deutschen Botschaft geschafft; die sowjetischen Organe hätten ihm diesen Status verweigern wollen:
«[ ... ] à mon accès dans ces milieux s'est dans son temps fortement opposé le Commissariat des Affaires Étrangères, véritablement hanté par l'esprit de boycot- tage, ainsi que les organes de la Sûreté.»86
Wehrlin besass im Stadtzentrum ein Arbeitszimmer, wo er zwischen 11 Uhr und 13 Uhr Auskünfte gab und Anliegen entgegennahm. Da die in der Sow- jetunion lebenden Schweizer Bürger alle zwei bis drei Jahre ihre Pässe er- neuern liessen, gewann Wehrlin einen Einblick in die Schweizerkolonie. Von seinen Berichten an das Konsulat in Riga und an das IKRK in Genf ging je- weils eine Kopie an das Russlandschweizerbüro im EPD. Als Wehrlin 1931 in die Schweiz reiste, sprach er im EPD und in der Polizeiabteilung des EJPD vor. H. Rothmund hielt in einem Bericht an die Bundesanwaltschaft fest:
«Ein dieser Tage direkt von Moskau gekommener schweizerischer Vertreter des IKRK hat uns bestätigt, dass auch die schweizerischen Kommunisten dort durch- wegs als Ausländer behandelt werden und Pässe benötigen; sie legen übrigens durchaus Gewicht auf deren Besitz, weil sie sich den Ausgang ins Freie nicht ver- schliessen wollen.»87
Das Misstrauen Rothmunds und gewisser kantonaler Passstellen gegenüber allen Schweizern in der Sowjetunion war stark. Die Geduld mehrerer Schwei- zer, denen der Pass erwiesenermassen abhanden gekommen war, wurde arg auf die Probe gestellt. Der Kunsthistoriker Erwin Schaffner musste über ein Jahr lang auf den neuen Pass warten, da die Polizeiabteilung des EJPD und das Polizeikommando des Kantons Aargau die Passausstellung mit einer ab- sonderlichen Begründung blockierten. Der Adjunkt der Polizeiabteilung, Max Ruth, schrieb an das EPD:
85 BAR E 2015 -/1, Bd. 116, Dossier Wehrlin, Wehrlin an Clouzot, 8. Januar 1935.
86 BAR E 2015 -/1, Bd. 115, Dossier von Steiger, Brief an Posnanski, 25. Mai 1937.
87 BAR E 4260 (C) 1974/34, Bd. 170, Dossier «Pässe für Schweizer in Russland», Brief an Bundesanwaltschaft, 16. April 1931. BAR E 2015 -/1, Bd. 130, Dossier Hofmaier, Wehrlin an E. Hofmaier, 5. Oktober 1935.
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«Dessen Polizeikommando [Kt. Aargau] erklärt, es widerstrebe ihm, Leuten Pässe auszustellen, die gegen unser Heimatland mit allen ihnen zur Verfügung stehen- den Mitteln gearbeitet haben und als Anhänger der moskowitischen Weltanschau- ung für die Schweiz nur Hohn und Spott übrig hatten. - Wir haben ähnliche Be- denken und fragen uns ausserdem, was die Leute wohl mit den Schweizerpässen zu machen gedenken und bezweifeln sehr, ob sie solche nötig haben. Russland dürfte die beiden doch längst in sein Bürgerrecht aufgenommen haben.»88
Die Abteilung für Auswärtiges und Wehrlin - der um seine Meinung ange- gangen wurde - versuchten vergeblich, mässigend einzuwirken. Nach 13 Mo- naten übergaben das Polizeikommando Aargau und die Polizeiabteilung das Dossier Schaffner dem EPD, das dem Konsulat in Riga die Ausstellung eines neuen Passes für Schaffner empfahl. Als Wehrlin Schaffner den Pass in Moskau endlich überreichen konnte, entlud sich dessen Zorn gegen den IKRK-Delegierten. Wehrlin schrieb nach Genf: «Il est allé même jusqu'à avancer qu'il aura recours à ses amis pour qu'une interpellation fut déposée au Parlement et puis il s'est lancé dans une diatribe politique et sociale tout à fait déplacée.» Wehrlin will ihn beruhigt haben, «en lui citant la pratique administrative d'ici vis à vis des permis de séjour»89.
IV. Die Qual der Wahl: Sowjetbürger werden oder Ausweisung (1936)
Seit 1936 erhielt Wehrlin den Besuch von Dutzenden von Schweizern, die das Land innerhalb von zwei Wochen zu verlassen hatten. Im Vorfeld der Schauprozesse und im Zuge der Verdächtigungen gegen Ausländer stellten die Sowjetbehörden die Ausländer aller Nationalitäten vor die Wahl, entwe- der ein Gesuch um Aufnahme in das Sowjetbürgerrecht zu stellen oder die Ausweisung zu gewärtigen. Wehrlin schrieb in einem Memorandum nach Genf:
«[ ... ] des mesures ont été prises pour diminuer au possible le nombre des étran- gers résidant en URSS, y compris ceux qui y étaient domiciliés depuis longue date, voire même nés dans le pays. [ ... ] Par conséquent on s'efforce de faire dis-
88 BAR E 2015 -/1, Bd. 114, Dossier E. Schaffner, M. Ruth an EPD, 13. August 1930.
89 Idem, Dossier E. Schaffner, Wehrlin an Posnanski, 18. Februar 1935.
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paraître cette catégorie d'étrangers, ou, par naturalisation imposée, ou, les derniers temps surtout depuis le renforcement de vigilance, par voie d'expulsion.»90
Viele Schweizer fügten sich dem Druck. Sie deponierten ihren Pass beim NKWD und bewarben sich um das sowjetische Bürgerrecht. Mindestens drei Sowjetbürger mussten das Begehren unterstützen. Diese zeigten jedoch im- mer weniger Neigung, für Ausländer zu bürgen, die im Handumdrehen als unerwünschte Elemente taxiert werden konnten. Die Einbürgerungsprozedur nahm sechs Monate bis ein Jahr in Anspruch. Viele Begehren wurden ab- schlägig beantwortet, worauf der Gesuchsteller in kurzer Frist ausreisen musste. So darf es nicht verwundern, dass die Zahl der Rückwanderungen in die Schweiz 1937 massiv anstieg und Werte erreichte, die seit 1922 - dem Ende der Massenflucht - nicht mehr üblich waren.91
Viele Schweizer optierten von Beginn an für die Rückkehr und liessen ihre Papiere beim IKRK-Delegierten in Ordnung bringen. Bezüglich E. Märki, der seit 1923 in der Sowjetunion arbeitete, meldete Wehrlin nach Genf:
«Il y a d'ici quelque temps, il a été proposé à M. Märki d'accepter la nationalité soviétique ce qui est, paraît-il, de rigueur pour chaque communiste étranger. Selon les dires du susnommé il s'y est refusé, ayant trop de liens avec sa patrie; le ré- sultat en fut la non-prolongation du permis de séjour et l'obligation de quitter l'URSS.>>92
Ende 1936 traf Märki mittellos in der Schweiz ein und fand für einige Monate bei seiner Schwester Unterkunft. Ein Gesuch an die Eidgenossenschaft um eine einmalige Beihilfe scheiterte, da Märki in den Jahren nach der russischen Revolution ausgewandert war und somit in die Kategorie jener Russland- schweizer fiel, die «grundsätzlich nicht in die Hilfsaktion des Bundes für notleidende kriegs- oder revolutionsgeschädigte Auslandschweizer einbezo- gen werden können»93.
90 BAR E 2015 -/1, Bd. 129, Dossier IKRK, Brief an Clouzot, 13. September 1937.
91 J. Voegeli berechnete, gestützt auf Angaben des RSB, folgende Rückwandererzahlen: 1936: 19; 1937: 75; 1938: 148; 1939: 18. Vgl. Voegeli, J. (Anm. 2), S. 17.
92 BAR E 2015 -/1, Bd. 111, Dossier Märki, Brief vom 7. Oktober 1936.
93 Idem, Dossier Märki, Rothmund an E. Märki, 2. Dezember 1936.
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Auf Wehrlins Büro sprachen in diesen Jahren auch Schweizer vor, die vor- schnell auf den Schweizer Pass verzichtet, das sowjetische Bürgerrecht ange- nommen und sich somit eine Rückkehr in die Schweiz verbaut hatten. Der Zürcher Fabrikarbeiter Paul Berroth - um einen besonders tragischen Fall zu nehmen - war 1931 mit der Unterstützung der Internationalen Roten Hilfe und mit einem gefälschten Schweizer Pass nach Moskau geflüchtet, da er nach einer politisch motivierten Schlägerei mit einer mehrmonatigen Gefäng- nisstrafe rechnen musste.94 Berroth wurde Sowjetbürger, hegte aber spä- testens 1936 Rückkehrabsichten und wandte sich an Wehrlin, der ihm beim Ausstieg aus der sowjetischen Staatsbürgerschaft helfen wollte und in die Schweiz schrieb:
«Actuellement, M. Berroth possède un passeport soviétique et, désirant se rapa- trier, sollicite l'établissement d'un document national en vue de présenter une demande pour sa libération de la sujétion soviétique.»95
Die Schweizer Behörden sandten eine Bürgerrechtsbestätigung und liessen durch die Gesandtschaft in Warschau einen provisorischen Pass ausstellen, den Berroth auf dem Büro des IKRK in Moskau jedoch nie abholte. Die Er- klärung lieferte Monate später der Heimkehrer Eduard Moser, ein Freund Berroths in Moskau. Er sprach im EPD vor und ersuchte um «Hilfeleistung» für Berroth, der «in der Sowjetunion im Gefängnis sitze».96
V. Der Rückzug der IKRK-Mission aus der Sowjetunion (1938)
Im Sommer 1937 fasste das IKRK den Beschluss, die Delegation in Moskau im Juli 1938 aufzulösen. Diesem Entscheid waren vergebliche Bemühungen vorausgegangen, von der Eidgenossenschaft eine massive Erhöhung der Sub- ventionen für die IKRK-Delegation in Moskau und die Dienststelle von N. Posnanski in Genf zu erlangen. Das IKRK argumentierte, die Delegation arbeite fast ausschliesslich für Schweizer Interessen. Das EPD bezweifelte die
94 Idem, Bd. 104, Dossier Berroth, Rapport Insp. Hess, 7. August 1939. Berroth wurde zu einer unbedingten Haftstrafe von drei Monaten verurteilt.
95 Idem, Dossier Berroth, Wehrlin an Posnanski, 15. Dezember 1936.
96 BAR E 2015 -/1, Bd. 130, Dossier Moser, «Notiz über Vorsprache», 1. Juni 1937.
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vorgelegten Zahlen und wollte in Zukunft lediglich die Hälfte der Gesamt- kosten übernehmen. Zudem verwies es auf die kontinuierlich gestiegenen Zu- schüsse, wobei die leere Bundeskasse keinen weiteren Anstieg erlaube.97 Einiges deutet darauf hin, dass der Rückzug des IKRK aus Moskau selbst bei einem Nachgeben der Eidgenossenschaft nur noch eine Frage der Zeit gewe- sen wäre. Die Auflösung der Delegation kam sowjetischen Druckversuchen entgegen und entsprach einer neuen Prioritätensetzung in Genf. Der Abes- sinienkonflikt und der Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs schufen neue Tätigkeitsfelder. Der ursprüngliche zentrale Auftrag der Moskauer Delega- tion, die Heimführung der Kriegsgefangenen, war beinahe erfüllt. IKRK-Prä- sident Max Huber schrieb bereits 1935 an Bundesrat Motta:
«Cette délégation prend de plus en plus, en fait, le caractère d'une agence qui ac- complit des fonctions d'un Consulat suisse et qui ne s'occupe que subsidiairement des derniers prisonniers hongrois et yougoslaves, attardés en Sibérie.»
Der IKRK-Sekretär Sidney H. Brown tönte bei einer Vorsprache im EPD zu- dem an, von sowjetischer Stelle sei bereits der Vorwurf gekommen, das IKRK verletze mit der Weiterführung der Delegation in Moskau seine Prinzi- pien und diene einseitig schweizerischen Interessen. Weiter meinte Brown: «Le C. I. C. R. doit examiner si la suppression de son bureau de Moscou ne serait pas recommendable pour éviter le reproche de s'être prêté à une sorte de camouflage dans un intérêt suissse.»" Nach dem freiwilligen Abzug Bagozkis aus der Schweiz im Mai 1937 war für die Sowjetunion die still- schweigende Vereinbarung aus dem Jahr 1921 hinfällig geworden, die der Sowjetunion einen «Horchposten» in der Schweiz und der Schweiz in Moskau einen «Consul de Suisse sans le titre» erlaubt hatte. Wehrlins Schwierigkeiten mit der Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis nahmen von diesem Zeitpunkt an zu." Im Juli 1938, wenige Tage vor seiner Heim- kehr nach Genf, sandte Wehrlin den 265 noch bei ihm gemeldeten Schwei- zern in der Sowjetunion ein letztes Zirkular mit dem Hinweis, «bis auf weite- res alle [ ... ] Korrespondenz über Fragen, die in die Kompetenz der erwähnten Delegation fallen, an die Adresse des IKRK in Genf» zu senden. Auf
97 BAR E 2015 -/1, Bd. 26, Dossier «Liquidation der Delegation Moskau», Motta an IKRK, 2. Juli 1937. Idem, Notiz, sig. Roggen 2. Juli 1937. Idem, M. Huber an Motta, 18. Juni 1937.
98 Idem, «Notiz über die Vorsprache des IKRK-Sekretärs Sidney H. Brown im EPD», 11. Juli 1935. M. Huber an Motta, 23. Mai 1935.
99 Idem.
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Wehrlins Liste figurierte auch Fritz Platten, der seit wenigen Wochen ver- haftet war. 100
In den Jahren nach der Auflösung der IKRK-Mission ging die Anzahl der Rückwanderer in die Schweiz kontinuierlich zurück und erreichte 1942 das Rekordtief von vier Heimkehrern. Grund für das Versiegen des Rückreise- stroms war - so glauben wir - weniger das Fehlen einer zuvor vorhandenen Anlaufstelle in Moskau als die Weltlage und die Zusammensetzung der Rest- kolonie: nach dem letzten Rückwandererschub der Jahre 1937/38 blieb vor allem ältere Leute und allein stehende oder mit Russen verheiratete Frauen, die durch ihre spezielle Lage stark an Russland gebunden waren. Eine der letzten Heimkehrerinnen vor der Kriegswende von Stalingrad war im No- vember 1942 die Genferin Germaine Perret-Gentil, die seit 1934 in einem Verlag und bei TASS in Moskau gearbeitet hatte.102 Noch im Sommer 1942 sandte ihr Vater über das IKRK das folgende Telegramm nach Moskau: «Sans nouvelles toi ni Jeanette depuis un an, suis inquiet votre sort. Te prie répondre urgence et même voie à ce message.» Eine Antwort blieb aus - möglicherweise wegen der Kriegslage.13 Im November 1942 meldete der Vorsteher des EPD, Bundesrat Pilet-Golaz, vorsorglich dem EJPD:
«Notre Légation à Ankara nous informe qu'une compatriote, Mme. Perret-Gentil, d'origine neuchâteloise, est récemment rentrée de Russie, où elle a vécu de longues années. Elle attend ses visas pour revenir en Suisse. Ses opinions parais- sent extrémistes. C'est la raison pour laquelle j'ai cru devoir vous transmettre ce renseignement.»
Im Januar 1943 konnte sie in die Schweiz einreisen und blieb während Jahren von der Bundesanwaltschaft überwacht, vermutete diese doch zu Unrecht, die Heimkehrerin sei im Auftrag des sowjetischen Nachrichtennetzes «Rote Ka- pelle» in die Schweiz gesandt worden.104
100 BAR E 2015 -/1, Bd. 26, Liste in «Neue Organisation für die Schweizer in Russland».
101 BAR E 2015 -/1, Bd. 180, Dossier «Adressen der Schweizer in der Sowjetunion», Notiz, sign. H. Roggen, 24. April 1946. Voegeli, J. (Anm. 2), S. 114.
102 Zu G. Perret-Gentil (1911-1955) vgl. Biografie in Huber, P. (Anm. 8), S. 308.
103 BAR E 2015 -/1, Bd. 130, Dossier Perret, Telegramm, 21. Juli 1942.
104 Idem, Brief Polizeidienst, 4. Juli 1945, Aktennotiz, 27. März 1955. RGASPI, 495-274, Kaderakte Perret-Gentil.
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VI. Schlussbetrachtungen
Als 1946 nach 28 Jahren die «beziehungslosen Zeiten» zwischen Bern und Moskau mit der Eröffnung einer Gesandtschaft in Moskau dem Ende ent- gegengingen, erfuhr das Personal zu seiner Überraschung durch rückreisewil- lige Russlandschweizer, dass bis 1938 eine Art Konsulat bestanden habe. Nicht nur die Mission Wehrlin - auch die in Moskau hinterlassenen Archive gerieten in Vergessenheit.1 Heute sind sie ein unentbehrlicher Bestandteil sowohl für die Geschichte der Schweizerkolonie in der Sowjetunion als auch der Absichten der Eidgenossenschaft und des IKRK gegenüber Sowjet- russland. Es scheint sich zu bestätigen, dass sich das IKRK am Ende des Ersten Weltkriegs unvorhergesehen mit mächtigen humanitären Hilfsunter- nehmen des Völkerbunds (Nansen-Mission) und amerikanischer Gruppierun- gen konfrontiert sah und im Sommer 1921 einen Platz in Moskau nur mit der Anerkennung der neuen russischen Rotkreuz-Organisation und von dessen Vertreter in der Schweiz, Bagozki, erkaufen konnte. Die Eidgenossenschaft ihrerseits wollte mit der Schweizerkolonie in Sowjetrussland in Kontakt blei- ben und liess Bagozki in der Schweiz freie Hand, selbst als dieser - ähnlich wie Wehrlin in Moskau - den ursprünglichen Kompetenzbereich weit über- schritt. Diese Interessenallianz, die den Russlandschweizern, dem IKRK und der Sowjetunion gleichzeitig Vorteile brachte, ging 1937/38 in die Brüche und wurde stillschweigend gekündigt.
Vermutungen ranken sich um die Person Wehrlins. Die Jahre 1939 bis 1943 verbrachte er als Privatmann in Paris. Als er sich 1943 erneut beim EPD empfahl, meinte Roggen auf eine Anfrage von Abteilungsleiter Bonna:
«Wehrlin scheint, wie ich zu hören glaubte, sehr gute Beziehungen zu den deut- schen Besatzungsbehörden in Paris zu unterhalten, worauf auch sein anstands- loses Hin- und Herreisen hindeutet. [ ... ] Jedenfalls bin ich aus ihm weniger denn je klug geworden, denn auf meine Frage, was er in den letzten vier Jahren ge- trieben habe, antwortete er ausweichend.»106
105 IKRK-Moskau «Mission W. Wehrlin», Bestand F. 1496. Vgl. dazu Fayet, Jean-François und Huber, Peter, «Les archives sur la mission W. Wehrlin à Moscou», Revue internationale de la Croix-Rouge, vol. 86, (2002), im Druck.
106 BAR E 2015 -/1, Bd. 116, Dossier Wehrlin, Roggen an Bonna, 18. Januar 1946.
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Falls Roggens Vermutungen über Wehrlins Pariser Jahre unter Deutscher Okkupation zutreffen, stünde Wehrlin in der Tradition des Lausanner Arztes G. Montandon, der 1919-1920 auf einer IKRK-Mission in Sibirien weilte, in späteren Jahren unter dem Regime von Vichy indes zu einem Vorreiter der Rassenlehre wurde. 107
Résumé
Les personnes ayant émigré en Union soviétique constituaient déjà un groupe à part en ce sens que, depuis la Révolution d'octobre, la tendance était clairement inverse: sur les 8000 Suisses vivant en Russie, environ 6000 lui avaient tourné le dos en 1922. Cette tendance s'était légèrement affaiblie au milieu des années 20 mais, à la veille de la Seconde Guerre mondiale, les communautés suisses de Russie avaient presque complètement disparu.
La majeure partie des rapatriés de la première heure (1917-1922) était des «éducateurs» et des «professeurs» (précepteurs, gouvernantes, nourrices), principalement des Romands, notamment des femmes, et appartenaient pour la plupart à la classe inférieure dépourvue de biens. Etant donné que leurs employeurs étaient plutôt hostiles au régime soviétique et qu'ils furent per- sécutés et/ou contraints de s'exiler, ces Suisses de Russie perdirent leur emploi et quittèrent l'Union soviétique avant 1922.
Le flux inverse, celui des émigrants vers l'Union soviétique, était composé de quelque 300 Suisses communistes ou sociaux-démocrates qui fondèrent des coopératives agricoles et travaillèrent en tant qu'enseignants ou chercheurs à Moscou ou en tant qu'employés du secteur de l'horlogerie en province. Ces Suisses prosoviétiques, hormis quelques exceptions, quittèrent le pays entre 1935 et 1938, car les étrangers n'y étaient plus considérés que comme des espions potentiels ou des parasites.
107 Zu George Montandon vgl. Billig, Joseph, «Les archives de G. Montandon», Institut d'Etudes des questions juives, Archivführer des «Centre de documentation juive contempo- raine», Bd. 3, Paris, S. 185-205. W. Wehrlin wurde im April 1943 in einer kurzfristigen Mission nach Teheran entsandt und starb 1979 in Paris (Bürgergemeinde Bischofszell, 30. Juni 1992).
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Dans une deuxième partie, nous évoquons la mission du CICR qui, au vu de l'absence de relations diplomatiques en Berne et Moscou, constitua, de 1921 à 1938, le consulat officieux de Suisse à Moscou.
Ce n'est qu'en octobre 1921 que le délégué W. Wehrlin put prendre ses fonc- tions, immédiatement après la reconnaissance de la nouvelle organisation russe de la Croix-Rouge par le CICR. Wehrlin était notamment chargé du ra- patriement des prisonniers de guerre allemands et autrichiens. A cette tâche classique de la Croix-Rouge s'ajouta bientôt celle de l'assistance aux Suisses de Russie.
Les autorités soviétiques laissèrent le «consul» Wehrlin tranquille, bien qu'elles remarquèrent que le délégué du CICR effectuait toujours plus de tâches consulaires pour les Suisses. Il existait entre Berne et Moscou une sorte d'accord tacite, l'Union soviétique disposant en contrepartie d'une antenne à Berne en la personne de S. Bagozki, lui aussi délégué de la Croix- Rouge. Celui-ci servait de facto de représentant de l'Union soviétique en Suisse et y prit sous son aile les cercles prosoviétiques.
En 1937, l'Union soviétique rappela Bagozki; entre-temps, elle disposait d'un autre point d'appui, à Genève cette fois-ci, en tant que membre de la Société des Nations. En 1938, le CICR, en accord avec la Confédération, rappela à Berne le «Consul de Suisse sans le titre» Wehrlin, l'ancienne grande com- munauté de Suisses de Russie étant devenue «quantité négligeable».
Compendio
L'emigrazione verso l'Unione sovietica era a quel tempo in netta contro- tendenza al flusso di ritorno che si era instaurato dopo la Rivoluzione d'ottobre: degli 8000 Confederati che vi erano emigrati, 6000 le voltarono le spalle entro il 1922, dopodiché i rientri diminuirono senza però arrestarsi del tutto, fino a che alla vigilia della Seconda Guerra mondiale non si contarono pressoché più colonie svizzere in Unione sovietica.
I rimpatriati della prima ora (1917-1922) erano soprattutto «educatori/trici» e «insegnanti» (istitutori/trici, governanti, bambinaie), prevalentemente persone
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di sesso femmine originarie della Svizzera romanda e appartenenti per lo più agli strati più poveri della società. Entro il 1922 fecero ritorno in Svizzera anche i loro benestanti datori di lavoro, che per la loro ostilità verso il regime sovietico vennero perseguitati o costretti da quest'ultimo a lasciare il paese.
A questi si contrapposero circa 300 svizzeri di fede comunista o socialde- mocratica, che emigrarono in Unione sovietica per fondare cooperative agri- cole, per lavorare a Mosca nel campo della ricerca e dell'insegnamento o per contribuire allo sviluppo dell'industria orologiera in provincia. Salvo poche eccezioni, anche loro dovettero lasciare il paese tra il 1935 e il 1938, in quanto gli stranieri erano ormai considerati possibili spie o «corpi nocivi».
Occorre senz'altro rinviare anche al ruolo della sede del Comitato inter- nazionale della Croce rossa (CICR) a Mosca, che in mancanza di rapporti diplomatici tra Berna e Mosca funse dal 1921 al 1938 da «consolato segreto». Il delegato W. Wehrlin poté iniziare il suo lavoro solo nell'ottobre del 1921, quando la nuova Croce rossa russa venne riconosciuta dal CICR. Compito principale di Wehrlin fu quello di organizzare il rimpatrio dei prigionieri di guerra tedeschi ed austriaci. A questa tipica attività del CICR si aggiunse ben presto l'assistenza agli svizzeri residenti nell'Unione sovietica.
Pur notando che Wehrlin dedicava sempre più tempo all'assistenza consolare degli svizzeri, le autorità sovietiche non intervennero. Tra Berna e Mosca esisteva infatti una specie di accordo tacito. L'Unione sovietica poteva così disporre dal 1921 al 1937 a Berna di una «antenna» nella persona del proprio delegato della Croce rossa S. Bagozki, che di fatto funse da rappresentante sovietico in Svizzera e fornì sostegno agli ambienti filosovietici proscritti.
Nel 1937 l'Unione sovietica richiamò Bagozki in patria, in quanto ormai disponeva di una base a Ginevra quale membro della Società delle nazioni. Il CICR dal canto suo, d'intesa con la Confederazione, ritirò nel 1938 da Mosca Wehrlin, «Consul de Suisse sans le titre», poiché la nutrita colonia svizzera era ormai diventata una «quantité négligeable».
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Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali
Die Russlandschweizer ohne Schutz? Die IKRK-Mission in Moskau als "verdecktes Konsulat" 1921-1938
In
Studien und Quellen
Dans
Etudes et Sources
In
Studi e Fonti
Jahr
2002
Année
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Band
28
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Fayet, Jean-François; Huber, Peter
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