Was sind Sie? ... Archivarin? ... Im 21. Jahrhundert?
Ein fiktives Interview
von Bärbel Förster
In unserer Interviewreihe «Vom Aussterben bedrohte Berufe?» ist heute Evi Denz mein Gast. Sie ist Archivarin und damit Vertreterin eines Berufsstands, der gemeinhin eher der Vergangenheit denn der Gegenwart und schon gar nicht der Zukunft zugerechnet wird. Zur Vorbereitung auf das Interview habe ich in einem Roman folgende Zeilen gelesen:
«Für die neuen Studenten der Universität, an der ich arbeite, bin ich einfach Mr. Lane, der Aufseher mit dem grauen Schnurrbart im abgelegenen Mason Room. Für die höheren Semester hingegen bin ich eine Art Gott, unentbehrlicher Hüter heissbegehrter Schätze, an dem kein Weg vorbeiführt. Und in der nüchternen Rea- lität? Da bin ich der Archivar einer der angesehensten höheren Bildungsanstalten Amerikas, verantwortlich für eine Sammlung seltener Bücher und Manuskripte, für Notizen und Briefe toter Schriftsteller und anderer Berühmtheiten und für die Kartons mit einem Sammelsurium von Schriftstücken, Geschenken exzentrischer Ehemaliger. Dieses in einem ruhigen Seitenflügel der Zentralbibliothek unter- gebrachte Archiv gehört zu den besten seiner Art; und ich bin ihr Hüter.
Seit ich [ ... ] diese Stelle antrat, lebe ich in einer abgeschirmten Sphäre. Natürlich wurde ich auch hier mit Neuerungen konfrontiert, wie Mikrofiche, Computer und Telefax [ ... ]. Ich benutze diese Dinge, ja ich finde sie unterhaltsam, aber mit dem geistigen Leben haben sie nichts zu tun. Die echten Geisteswissenschaftler [ ... ] halten sich nicht lange mit den Keyboard-fixierten Jungbibliothekaren auf. Die kommen zu mir. In diesem Teil der Bibliothek weiss ich allein, wo was zu finden ist, in welchem Regal und in welcher Schublade. Ich könnte die Bücher im Dun- keln finden, würde sie an den gebrochenen Rücken erkennen, an der Struktur des Einbandes oder daran, wie schwer sie in der Hand liegen.
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Meine Arbeit befriedigt mich seit jeher. Wenn mich jemand nach einem unge- wöhnlichen Buch fragt, [ ... ] dann fühle ich mich wieder wie ein kleiner Junge, der im Sperrmüll nach Schätzen sucht [ ... ]. Natürlich gibt es auch Enttäuschungen, wenn etwas nicht am richtigen Platz steht oder ich nur meine Zeit verschwende. Bei Pseudo-Wissenschaftlern bin ich wenig entgegenkommend, aber jedem, der ein ernsthaftes Anliegen hat, helfe ich gern - auch Anfängern, die kaum mit dem Zettelkatalog zurechtkommen. Ich suche nach Anzeichen echter Entschlossenheit, nach dem hungrigen Ausdruck im Gesicht eines Menschen, der etwas Gedrucktes unbedingt finden muss. Mit Ausnahme einiger der ältesten und empfindlichsten Manuskripte darf jeder, der meine Kontrolle durchlaufen hat, die Sammlung ein- sehen und benutzen. Ich halte den Schatz nicht unter Verschluss.
Mit den nicht allgemein zugänglichen Materialien ist es allerdings etwas anderes. Hin und wieder bittet ein prinzipienloser Forscher darum, einen «kurzen Blick» auf die Dinge werfen zu dürfen, an die bis zu einem bestimmten Tag eigentlich nie- mand herandarf. Solche Dreistigkeit ärgert mich, auch wenn sie mich nicht mehr überrascht. Dann setze ich einen müden, unwilligen Blick auf und erkläre, dass manche Schenkungen mit rigorosen Auflagen versehen sind. Gegen sie zu ver- stossen ist eine Art Grabschändung. Ja, ich denke dabei unwillkürlich an Exhumie- rung, an das Ausgraben von Dingen, die ungestört ruhen sollten, die wächsern und leblos erscheinen, wenn man sie zu früh ans Tageslicht holt. Natürlich kleide ich es nie in diese Worte. Aber die Botschaft kommt an; jeder, der erwartet, dass ich die Schaufel zur Hand nehme und für ihn grabe, versteht sie.»1
Frage: Hinsichtlich Ihres Berufs hält sich das Bild des eher älteren, kauzigen und introvertierten Herrn, der an staubigen, abgelegenen, meist Kellern ähnelnden Örtlichkeiten- einsam arbeitet. Als Hüter fühlt er sich in erster Linie für den anvertrauten Schatz verantwortlich. Er beäugt Besucher seines Reichs äusserst reserviert und eher misstrauisch. Bei angemessenem Respekt lässt er sie an seinem zweifelsfrei umfassenden Wissen zunächst huldvoll teilhaben. Haben sie sich als würdige Kenner erwiesen beziehungsweise von der Ernsthaftigkeit ihres wissenschaftlichen Tuns Zeugnis abgelegt, wird er äusserst wortreich, ja fast eifrig in seinen Ausführungen. Woher stammen diese Vorstellungen eigentlich?
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Antwort: Die Archivbildungen des Mittelalters zur Wahrung der Rechte und Besitztitel der Institutionen gelten als Vorläufer unserer heutigen Archive. Die Sicherung der eigenen Rechte war der Ausgangspunkt für die Urkunden- archive der Fürsten und Grafen im 12. Jahrhundert, die ihre Lehnsbriefe, Verträge, Kauf-, Tausch- oder Familienurkunden in eisenbeschlagenen Tru- hen zusammen mit dem Schatz, entweder im Schlossturm aufbewahrten oder der Obhut ihres Hausklosters anvertrauten. Auch die städtischen Urkunden wurden zum Teil, wie die mittelalterlichen Tresekammern der Hansestädte zeigen, im Schutzraum der Kirche untergebracht. Mit dem Beginn des Ak- tenzeitalters im 16. Jahrhundert wurden die neu gegründeten Kanzlei- oder Aktenarchive nach und nach mit den Urkundenarchiven zusammengeführt. Die Französische Revolution begründete die historische Quellenfunktion der Archive, da von nun an nicht nur der rechtliche Beweiswert, sondern auch der historische, wissenschaftliche und künstlerische Wert der Dokumente für ihre Bewahrung im Archiv massgeblich wurde. Zudem wurden die Doku- mente nun allen interessierten Bürgern frei zugänglich.
An dieser Stelle endete die Karriere des Archivars als Hüter von Rechten, gleichgestellt dem Hüter des Schatzes. Auch die Örtlichkeiten für die Auf- bewahrung der Unterlagen veränderten sich: Archivzweckbauten entstanden. Der freie Zugang zu allen Unterlagen ist heute als Grundbedürfnis der Infor- mationsgesellschaft anerkannt. Und die Männer sind nicht mehr unter sich in den Archiven. Allen diesen Entwicklungen und Realitäten zum Trotz hat sich das mittelalterliche Bild des Schatzhüters bis heute erhalten. Es konzentriert alle Eigenschaften, die dem Archivar je eigen waren oder nachgesagt wurden und mit seinem Wissen sowie seiner Funktion, seinem Einfluss auf den Zugang zu (gesichertem und geheimem) Wissen zusammenhängen: einsam und kauzig, belesen und abgehoben, mächtig und manipulierend - ein Hüter, immer auf der Hut um des Schutzes seines wertvollen Schatzes willen.
Frage: Erinnert man sich in Literatur und Film an den Archivar, bedient man sich ebendieses Bildes wie eines historischen Gemäldes. Warum nimmt man Archivare (heute immer mehr auch Archivarinnen) so gern in die Galerie alter Meister auf und prägt so ein Bild in der Öffentlichkeit, das uns veran- lasst hat, den Archivarsberuf in unsere Interviewreihe aufzunehmen?
Antwort: Zunächst liegt es wohl und vor allem an dem Stoff, mit dem Archi- varinnen und Archivare in Verbindung gebracht werden, der Vergangenheit.
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Nicht gerade der Stoff, aus dem gemeinhin die Träume gemacht sind. Aller- dings durchaus der Stoff, der menschliche Erkenntnisse und Erfahrungen sichtbar werden lässt, wenn man diese denn erkennen will. Das Interesse daran ist zweifellos sehr unterschiedlich und vielschichtig, wie das 20. Jahr- hundert eindrücklich belegt.
Manchmal stelle ich mir die Frage, ob nicht vielleicht (bemerken Sie meine Vorsicht?) sogar ein Interesse besteht, durch diese «Klischeekomposition» die Vergangenheit als weltfremd und staubig erscheinen zu lassen. Um sie damit fremd und unwirklich werden zu lassen. Um sie nicht herankommen lassen zu müssen, sie nicht ernst nehmen zu müssen. Das Interesse einer Menschengeneration, die, wie alle Generationen zuvor (und wahrscheinlich auch danach), nur sehr bedingt vergangene Erfahrungen aufzunehmen bereit ist, um am Ende doch nur der eigenen Erfahrung zu trauen. Warum hält sich das Klischee derart hartnäckig? Weil es als international anerkanntes Kunst- werk «Nebulöse Vergangenheit» in der Galerie alter Meister öffentlich weg- gehängt und als personifizierte «Alte Zeit» im Lebendfigurenkabinett «Ar- chiv» besichtigt werden kann?
Frage: Und wie sehen Archivarinnen und Archivaren sich selbst? Wie gehen sie mit der doch verbreiteten Klischeevorstellung um?
Antwort: In einer Festschrift beschrieb eine Kollegin die Situation einmal so: «Keiner versteht mich und meinen Berufsstand, keiner bringt unserer Arbeit die Wertschätzung entgegen, die sie verdient und keiner versucht sich in unsere Lage zu versetzen, erkennt unsere wahre Bestimmung, unser wahres Wesen. Stunde für Stunde, Tag für Tag, Jahr für Jahr, und das seit Jahrhun- derten, wirken wir im Hintergrund und mühen uns mit all unserer Kraft, mit Kopf und Herz um die papier-, foto-, tonband-, film- und bitgewordene Ver- gangenheit [ ... ]. Wenn Sie sehen könnten, wie wir schlafwandlerisch durch die digitale Welt der Informationen [ ... ] surfen und präzise die Informationen herausfiltern, die König Kunde zu sehen wünscht [ ... ]. Aber [ ... ] Sie denken immer noch, wir wateten in Staub und Gilb, seien alte Geheimniskrämer und weideten uns an Ihrer Unwissenheit [ ... ]. Und endlich werden Sie unsere Ar- beit so sehen, wie wir Archivarinnen und Archivare sie schon seit langem
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sehen - vergangenheitsbewältigend, gegenwartsorientiert und zukunfts- weisend.»2
Der Archivar, die Archivarin fühlen sich in der Mehrheit als verkannte Genies. Um endlich als Genie erkannt zu werden, nehmen sie alle Heraus- forderungen mit Enthusiasmus und Freude an und versuchen allen Ansprü- chen zu genügen, die Gesellschaft, Verwaltung, Wissenschaft und Technik an sie stellen und überfordern sich damit masslos. Sie glauben endlich verstan- den zu haben, dass sie nur als Generalisten die Anerkennung bekommen, die ihnen als Spezialisten verwehrt geblieben ist. Auch sind sie auf die Zusam- menarbeit mit anderen nicht mehr wirklich angewiesen. Sie sind endlich erkannte Genies. Dafür verlassen sie ihre berufliche Mitte und nehmen die Auflösung der Konturen ihres Berufsbildes in Kauf.
Um aber auf das Klischee zurückzukommen: Archivare und Archivarinnen gehen nicht damit um, sie verabscheuen es. Aber ich behaupte, sie lieben es auch. Sie stehen allerdings nur zur Abscheu, die Liebe leugnen sie. Statt das besagte Klischee anzunehmen und nutzbar zu machen, bekunden sie und beweisen sich selbst, dass sie heute anders sein müssen, um der Zukunft mit all ihren Anforderungen gewachsen zu sein. Und sie merken nicht, dass sie sich dabei selbst verlieren. Denn, wenn es einen Beruf gibt, der historische Kontinuität verkörpert, dann ist es der Archivarsberuf mit allen «liebens- werten Eigenheiten». Und das kann und soll erkennbar und sichtbar bleiben. Es wird sogar erwartet.
Archivarinnen und Archivare bekennen sich nicht mehr wirklich zu ihrer Berufstradition, haben das Vertrauen in dessen Dynamik verloren. Dabei müssten sie sich doch nur auf das besinnen, was ihre eigentliche Profession ist; müssten wieder mehr berufliches Selbstvertrauen beweisen. Die Genese der Unterlagen zum Beispiel: wer, wenn nicht wir, soll sich damit beschäf- tigen, wer, wenn nicht wir, kann sich überhaupt damit beschäftigen, kennt diese Materie? Die Historikerinnen? Die Bibliothekare? Die Dokumenta- listinnen? Die Verwaltungswissenschaftler? Die Informatikerinnen? Nur wir selbst müssen für uns und unseren Berufsstand heute eintreten. Grenzen wir uns endlich wieder ab, ohne uns dabei einzugrenzen.
2 Förster, Bärbel, «Verkannte Genies», Festschrift 200 Jahre Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, 1998.
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Frage: Und was ist ihre eigentliche Profession? Archivarinnen und Archivare hatten und haben in der Regel eine solide historische Ausbildung, die es ihnen durchaus gestattet, sich der Berufsgattung der Historikerinnen und Historiker zugehörig zu fühlen. Warum wird man also Archivarin oder Archivar?
Antwort: Archivarinnen und Archivare sichern Nachvollziehbarkeit von staatlichem Handeln, von Tätigkeiten, die sich in Unterlagen widerspiegeln. Auch sie selbst sind, als im Auftrag des Staates Handelnde, verpflichtet, ihre eigenen Tätigkeiten nachvollziehbar werden zu lassen. Das gilt vor allem und in erster Linie für die Überlieferungsbildung und die archivische Systemati- sierung der ausgewählten Unterlagen. Das Wie und Warum, die Abläufe, Methoden und Grundsätze des Vorgehens, müssen erkennbar bleiben.
Analyse von und Auseinandersetzung mit vergangenem Tun durch Gestal- tung diskutierbarer Geschichtsbilder ist das Arbeitsfeld der Historikerinnen und Historiker, ihre Profession. Obwohl der Rohstoff beider Berufe das Ver- gangene ist, handelt es sich meiner Auffassung nach um zwei Berufsgattun- gen. Beide Berufe vermögen aber erst gemeinsam durch ihre spezielle Be- arbeitung des Rohstoffes «Vergangenheit» der Gegenwart Formen zu geben.
Die Frage, warum den Beruf des Archivars, der Archivarin zu wählen sei, muss sich jeder angehende oder praktizierende Archivar, jede angehende oder praktizierende Archivarin selbst stellen. Ihre Beantwortung entscheidet darüber, ob archivarisches Berufsverständnis vorhanden ist oder entwickelt werden kann.
Mir persönlich war es ein Anliegen, keine Geschichtsbilder gestalten zu müs- sen. Meine berufliche Aufgabe als Archivarin besteht darin, materialisiertes Handeln zu sichern und insofern nutzbar zu machen, dass der innere und äussere Zusammenhang der Handlungen erkennbar bleibt und nicht verloren geht. Um sie dann in Geschichtsbildern aus verschiedensten Blickwinkeln interpretieren zu können.
Frage: Und wie sehen das Ihrer Ansicht nach die Historikerinnen und Histo- riker? Betrachten sie Archivarinnen und Archivare als Vertreter von Staatsinteressen oder als gleichgesinnte Forscherinnen und Forscher? Der Historiker Georg Kreis formulierte einmal: Aus der Sicht der Historikerinnen
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und Historiker und der diesbezüglich nicht anderen Sicht der Staats- bürgerinnen und Staatsbürger erwartet man von den Hütern und Hüterinnen des Archivs, dass sie sich zum Anwalt demokratischer Interessen machen. Sie sind zwar auf der Seite des Staates und müssen sich im Rahmen der von den Volksvertretern und -vertreterinnen bestimmten Gesetze und Ordnungen bewegen. Es gibt aber überall Spielräume, und diese sollten zu Gunsten der Forschung, die stets auf der schwächeren Seite steht, genutzt werden. Weiter führt er aus: Und weil es den Wächtern nicht auszureichen scheint, ihre Be- sucher, zuweilen sogar aus dem Ausland, zu betreuen, nehmen sie zum Nutzen der Nation in wachsendem Masse gleich selbst gewisse Auswer- tungen der gespeicherten Aktivitäten vor. Und das ist gut so, zumal die Mannschaft weitgehend aus historischen Fachkräften besteht und man im übrigen, wie es schon im Alten Testament (5, Mos. 25) heisst, dem dreschen- den Ochsen das Maul nicht verbinden soll. Und dann schreibt er noch: Ich meine zu wissen, dass es aus der Sicht eines jeden Archivs zwei sich konkur- renzierende Albträume gibt. Szenario 1: Man hat gute Dokumente, und kei- ner interessiert sich dafür (und schreibt die Geschichte am Archiv vorbei). Szenario 2: Die Leute kommen zu Hauf, überschwemmen die ruhigen Hallen, überfordern die Kapazitäten und wollen sogar Dinge, die man nicht zeigen darf.3 Was halten Sie von dieser Aussage?
Antwort: Historikerinnen und Historiker bedienen sich ebenfalls des Klischeebildes und das vor allem in Bezug auf den Einfluss der Archivarinnen und Archivare auf den Zugang zu den Quellen. Aber nicht umsonst zeigt das Logo des Internationalen Archivrats einen Januskopf: Die Archivare und Archivarinnen sind zum einen dem geregelten Staat und zum anderen der freien Forschung verpflichtet. Sie sehen eine ihrer wichtigsten beruflichen Aufgaben darin, im Rahmen ihrer staatlichen Verankerung und der damit verbundenen Verantwortung, die Forschung zu unterstützen und tun dies um so lieber, als sie sich der Geschichte und allen, die sich mit ihr beschäftigen, besonders verpflichtet fühlen. «Allen Menschen recht getan, ist eine Kunst die niemand kann», auch die Archivarinnen und Archivare nicht. Und damit müssen und können sie selbstbewusst leben.
3 Kreis, Georg, «Vielleicht könnte man etwas lernen. Geschichte zwischen Archiv und Gesell- schaft», Festschrift 200 Jahre Schweizerisches Bundesarchiv, Bern, 1998.
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Und was die Albträume betrifft: Wenn Historikerinnen und Historiker die Geschichte am Archiv vorbeischreiben, warum sollen dann Archivarinnen und Archivare von Albträumen geplagt werden? Der Archivar, die Archi- varin muss, nachdem gute Sicherungsarbeit geleistet worden ist, dafür sorgen, dass die materialisierte Vergangenheit von der Gegenwart wahr- genommen wird, dass sie zum Nutzen aller, zur Nutzung durch alle zur Ver- fügung steht. Dafür braucht es Kenntnisse und Fähigkeiten, die auf die Wahrnehmung des Vergangenen ausgerichtete Auswertungen möglich macht. In diesem Sinne sind es durchaus «gewisse», sich von denen der Historikerinnen und Historikern unterscheidende Auswertungen. Es ist die vornehmliche Aufgabe des Archivars, der Archivarin, das Schreiben von Geschichte auf der Grundlage von Quellen zu ermöglichen, das heisst die Quellengrundlage zu sichern und die Quellen durch professionelle archiva- rische Auswertungen verfügbar zu machen. Für die, die ihr Recht wahr- nehmen, die Quellen befragen zu wollen.
Frage: Betrachtet man heute den archivarischen Ausbildungsbereich gibt es auf der einen Seite eine Informations- und Dokumentationsausbildung, die gemeinsam mit dem Bibliotheks- und Dokumentationsbereich durchgeführt wird und bisher nicht erkannte Gemeinsamkeiten mit diesen «Informations- berufen» manifestiert. Wertet man die Stellenangebote aus, in denen heute Informationsspezialisten gesucht werden, so stellt man fest, dass dort eher selten nach Archivaren gesucht wird. Die Bezeichnungen, die dort zu finden sind, lauten Informationsspezialist, Information Researcher, Wissens- manager, Content-Manager etc. Damit läuft man jedoch leicht Gefahr, dass es zu einer inhaltlichen Reduktion auf die Bereiche IT und/oder Telekommu- nikation kommt. Auch die Informationsabteilungen vieler Firmen haben Namen wie Business Information Center, Information Competence Center, Information Research Center. Damit möchte man einem veralteten Image entgehen oder zumindest ausweichen.
Die Mehrzahl der Ausbildungsprogramme in der Archivarsausbildung Euro- pas hat sich hin zu den Informationswissenschaften entwickelt, wenngleich die Komponente «Geschichte» auf Grund kultureller und politischer Überle- gungen lebendig bleibt. Die historischen Hilfswissenschaften sind zu Gun- sten der Informatik, beziehungsweise von «Verwaltungsmanagement» zu- rückgedrängt worden.
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Was wird nun aus den Archivarinnen und Archivaren? Folgendes Bild drängt sich mir auf: Der Esel des Buridan steht zwischen zwei gleich weit entfernten Heubündeln, und da er sich für keines entscheiden kann, verhungert er.
Antwort: Meiner Ansicht nach handelt es sich hier um eine Grundfrage ar- chivarischen Selbstverständnisses. Die Archivarinnen und Archivare hatten, haben und werden auch in Zukunft kein eindimensionales Berufsprofil haben. Aber es gab immer Schwerpunkte: den Archivregistrator des 16. und 17. Jahrhunderts, den Verwaltungsjuristen des 18. Jahrhunderts, den Histori- ker-Archivar, Archivar-Historiker und den Archivdokumentar des 19. und 20. Jahrhunderts. Alle hatten ein sehr breit gefächertes Wissen, um den Anforderungen des Berufsstands zu genügen. Von daher müssen die Archivarinnen und Archivare der Gegenwart ebenfalls ihre Schwerpunkte setzen, um den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht werden zu können, ohne sich dabei für ein eindimensionales Berufsbild entscheiden zu müssen.
Der letzten 200 Jahre eingedenk ging es den Archivarinnen und Archivaren vor allem darum, die Wertschätzung und Anerkennung ihres Berufsstands als Historiker, als Historikerin zu erlangen. Die Ursache für diese Hingabe zur Geschichtswissenschaft brachte die Französische Revolution: einen tiefen Einschnitt in der Ausrichtung des Berufs, der das Berufsverständnis des 19. und 20. Jahrhunderts entscheidend prägte und bis heute eine wichtige Rolle spielt. Die «Revolution» der Informationstechnologien in der Gegen- wart ist meiner Ansicht nach ein vergleichbar tiefer Einschnitt, der eine Neu- ausrichtung des Berufsbildes mit sich bringt. Allerdings sollte das nicht dazu führen, dass die Wertschätzung und berufliche Anerkennung nun über die Fähigkeiten als Informatikspezialist oder als Informationsbroker zu erlangen ist. Es geht darum, sich klar zu werden, was der Beruf dem Heute bieten kann, ohne sich in anderen Berufssbildern zu verlieren, die dem Heute eben- falls etwas anbieten. Gemeinsam mit unserem Angebot entsteht die not- wendige Vielfalt.
Vergegenwärtigt man sich das Motto des VI. Europäischen Archivtags in Florenz 2001 «Archive zwischen Vergangenheit und Zukunft» und das Motto des XIV. Internationalen Archivtags in Sevilla 2000 «Archive und die Infor- mationsgesellschaft im neuen Jahrtausend», stellt man das Fehlen der Ge- genwart fest. Der Blickwinkel beruflichen Selbstverständnisses ruht auf der Vergangenheit als etwas, das es zu überwinden gilt, um Zukunft zu haben,
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und auf der Zukunft als eigentlichem Ziel, sozusagen als Ersatz für die Ge- genwart. Gegenwart als (leider) unvermeidlicher (existierender) Übergang zwischen den eigentlichen Dimensionen. Aber weder die Zuflucht Vergan- genheit noch die Vision Zukunft können darüber hinwegtäuschen, dass Ar- chivarinnen und Archivare eine sehr gegenwärtige Verantwortung tragen: die Verantwortung für die Erhaltung ihres Berufsstands. Es geht darum, zu er- kennen, dass unsere eigentliche Profession unsere Existenz sichert, dass wir uns nicht zwischen zwei Heuhaufen entscheiden müssen, sondern dass wir unsere eigene Futterstelle haben. Wir müssen uns selbst versorgen: Theorien entwickeln, diese in der Praxis testen, verwerfen, neue entwickeln. Wir müssen unsere Profession in der Gegenwart nähren. Die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft gehört den Nachgeborenen.
Vielen Dank, Frau Evi Denz, für dieses Interview.
Résumé
Dans une interview fictive, l'auteure tente de comprendre comment l'archiviste conçoit son propre travail. Elle cherche à pouvoir retrouver, dans l'image de ce métier, les caractéristiques qui font que l'on peut aujourd'hui l'exercer avec assurance, compétence et être reconnu du public, sans devoir suivre des tendances, sans être enseveli par la jungle des fournisseurs d'informations. Partant des idées toutes faites et encore largement répandues que l'on a de la profession d'archiviste, l'auteure se demande ce que signi- fient ces clichés, quelle idée l'archiviste a de lui-même. Elle tente de situer les rapports existant entre les archivistes et les historiens, ainsi qu'entre les archivistes et les métiers actuels de l'information. Il s'agit de délimiter non d'isoler.
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Compendio
Attraverso un'intervista fittizia l'autrice tenta di comprendere come l'archivista concepisce il proprio lavoro, animata dal desiderio di ritrovare i contorni di una professione capace di garantire al giorno d'oggi un'archiviazione coscienziosa, competente e valida. E senza lasciarsi trascinare dai trend. E senza lasciarsi sommergere nella giungla dei fornitori di informazioni. Prendendo le mosse da quei cliché ancora largamente domi- nanti sul modo di concepire la figura professionale dell'archivista, vengono poste domande sul senso di queste rappresentazioni. Ma come concepisce oggi l'archivista la sua professione? Si tenta di comprendere i rapporti degli archivisti con gli storici e con le attuali professioni dell'informazione. Si tratta di tracciare delimitazioni, senza costrizioni.
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Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali
Was sind Sie? ... Archivarin? ... Im 21.Jahrhundert? Ein fiktives Interview
In
Studien und Quellen
Dans
Etudes et Sources
In
Studi e Fonti
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2001
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Förster, Bärbel
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