Ursprünge der schweizerischen Entwicklungshilfe
Spuren des Entwicklungshilfegedankens in der Auslandhilfe privater Hilfswerke während der Krisen- und Kriegsjahre 1918-1947
Von Jörg Weidmann
«Auch Entwicklungshilfe entwickelt sich»1
Die Anfänge der schweizerischen Auslandhilfe, vor allem im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, weisen Spuren der heutigen Entwicklungshilfe auf, obwohl der Begriff «Entwicklungshilfe» vor einem halben Jahrhundert noch nicht existierte. Eine Aufarbeitung des karitativen Wirkens von Schweizern zugunsten von Opfern des Krieges soll Klarheit bringen, ob in dieser beinahe schon mystifizierten «Humanitären Tradition» wirklich die Grundlage der privaten Entwicklungshilfe liegt, wie oft behauptet wird. Kon- kret drängt sich folgende Fragestellung auf: Bedeutete die Auslandhilfe der Krisen- und Kriegsjahre den Anfang der Entwicklungshilfe, bzw. trug diese Hilfe rückblickend bereits den Kern der Entwicklungshilfe in sich? Die Ant- wort liegt in der Suche nach den Spuren des Entwicklungshilfegedankens, in der Suche nach Motiven, Ansätzen und Konzepten.
Anhand der Entwicklung von drei privaten Trägern der Auslandhilfe - Schweizerisches Arbeiterhilfswerk (SAHW), Caritas und Hilfswerk der Evangelischen Kirchen der Schweiz (HEKS) - möchte ich herausarbeiten, ob der von ihnen durchlaufene Weg wirklich «gradlining und zielstrebig, ja ge- radezu organisch gewachsen zu sein scheint», wie Regina Kägi-Fuchsmann meint2. Neben der Tätigkeit dieser Hilfswerke wird auch die Rolle des Bun- des im Rahmen der Aktionen der Schweizer Spende beleuchtet. Die aussen- politische Isolation nach dem Zweiten Weltkrieg, das angeschlagene Image der Schweiz und die innenpolitische Diskussion über eine gesamtschweizeri- sche Hilfe spiegeln nicht zuletzt auch die politische Dimension der Ausland- hilfe. Die Quellenlage erwies sich als ausserordentlich schwierig. So existie-
1 Swissaid 1948-1972. Von der Nachkriegs- und Flüchtlingshilfe zur Entwicklungshilfe. Ein Bericht über 25 Jahre schweizerische Hilfstätigkeit im Ausland, S. 4.
2 Regina Kägi-Fuchsmann: Vom Werden der schweizerischen Entwicklungshilfe, in: Schwei- zerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, H. 1/2, Zürich Jan./Febr. 1966, S. 1.
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ren die Archive des HEKS und der Caritas erst seit 1970! Die Schweizerische Landesbibliothek (SLB) und das Archiv des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) leisteten mir aber grosse Dienste.
Die Anfänge
Die Frage nach den frühen Anfängen der Auslandhilfe lässt sich nicht schlüs- sig beantworten. Vor dem Ersten Weltkrieg waren private Hilfsorganisatio nen, abgesehen von einigen Einzelfällen wie die Hilfe an Armenier, vorwie- gend im Inland mit Aufgaben der Volkswohlfahrt beschäftigt. Jörg Kistler legt den Beginn der humanitären Tradition mit dem Wiener Kongress von 1815 fest. Neben der formellen Anerkennung der schweizerischen Neutrali- tät, der Nichteinmischung in fremde Interessen ausserhalb des eidg. Territo- riums und dessen Respektierung, wurde «gleichzeitig auch die Grundlage für die Ausdehnung der Hilfstätigkeit» geschaffen und somit «die Rechtfertigung des eigenen Abseitsstehens durch die Uebernahme einer Vermittler- und Hel- ferrolle» erreicht3. 1863 entstand in Genf das «Comité international de se- cours aux militaires blessés», das 1880 zum heute geläufigen «Comité inter- national de la Croix Rouge» (IKRK) wurde. Die «Konvention zur Verbesse- rung des Loses der verwundeten Soldaten der Armeen im Feld»4 von 1864 schützte vorerst nur die Angehörigen von Armeen. Laut Françoise Borry ist das IKRK «der geistige Vater des humanitären Völkerrechts», das die recht- liche Basis der Hilfe in Krisen- und Kriegszeiten bietet. Es würde den Rah- men dieser Arbeit sprengen, über die unumstritten wichtige Rolle des IKRK und seinem Bezug zur Schweiz weiter zu berichten5.
Der Erste Weltkrieg brachte mit der technischen Revolution der Waffenar- senale eine Zäsur: die Zivilbevölkerung erlitt in grossem Umfang materielle
3 Jörg Kistler: Das politische Konzept der schweizerischen Nachkriegshilfe in den Jahren 1943-1948, Diss. Univ. Bern 1980, S. 5.
4 Erst 1906 erfolgte die ausdrückliche völkerrechtliche Erwähnung der nationalen Hilfsgesell- schaften als notwendige Organe. 1929 - nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, der erstmals in grossem Umfang die Zivilbevölkerung betraf - begann sich das IKRK der «vordringlichen Frage des Schutzes der Zivilbevölkerung gegenüber den Kriegsopfern» an- zunehmen. Der daraus resultierende «Entwurf von Tokio» (1934) wurde nicht ratifiziert, und der Schutz der Zivilbevölkerung blieb während des Zweiten Weltkrieges ohne rechtliche Ba- sis. 1949 gelangten vier Konventionen, darunter das «Genfer Abkommen zum Schutze von Zivilpersonen» als völkerrechtliche Neuschöpfung zur Ratifizierung. Hilfsgütern soll freier Durchgang gewährt werden (Abk. IV, Art. 23) und Hilfsgesellschaften dürfen nicht in ihrer Arbeit behindert werden (Abk. IV, Art. 30/143). Das humanitäre Völkerrecht ist Teil des Kriegsrechts. Vgl. Wörterbuch des Völkerrechts, Bd 1, S. 646 ff.
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und physische Schäden. Die Schweiz war vom Krieg verschont geblieben, ausserhalb dieser Insel herrschte aber Chaos, Zerstörung und Verwüstung. Die Dankbarkeit für die Verschonung von diesem Krieg löste in der Folge eine Welle von Hilfeleistungen an das Ausland aus. Als Impuls gilt die Inter- pellation von Nationalrat Josef Jäger vom 18. Dezember 1918, welche die Eidgenossenschaft veranlasste, drei Eisenbahnzüge mit Nahrungsmitteln ins krisengeschüttelte Wien zu senden. Daraus entstand die privat getragene Hilfe für Wien. Unzählige private Hilfskomitees und Aktionen folgten, es soll eine «geradezu verwirrende Buntheit»6 geherrscht haben: «Schweizer Hilfsaktion für ungarische Kinder»7, «Hilfsaktion für die russisch Hungern- den»8 und die «Schweizer Hilfsaktion für Deutschland»9, um nur einige zu nennen.
Während der Krise in den dreissiger Jahren wiederholten sich entsprechende Bemühungen. Als Fallbeispiel sei der Bericht der «Hilfsaktion für schweize- rische und einheimische schwer notleidende Kinder und Familien in Öster- reich» von 1934/35 herausgegriffen. Die bescheidenen finanziellen Möglich- keiten setzten der Aktion von vorneherein enge Grenzen. Trotz Aufrufen in Zeitungen und «unermüdlicher Hilfe und Sammlung» der Mitglieder waren die Mittel der Hilfsaktion bald erschöpft. Mit 2'792 Franken für ein halbes Jahr unterstützte die Aktion Einzelpersonen, Familien und Institutionen wie Klöster und Schulen mit direkter Geldzahlung oder Naturalien in Form von Kleidern und Lebensmitteln. Zudem ermöglichte sie Kinderspeisungen vor Ort. Das Komitee stand in den betreffenden Notgebieten mit Vertrauensleu- ten in Kontakt; in Eisenerz (Österreich) war beispielsweise der «für die Ak- tion stets sehr tätige Kaplan Schöller» engagiert. Hier zeigte sich auch die christlich-karitative Triebfeder der Hilfe; das «weitherzige Gebot christlicher Liebe» sollte die Hilfe leiten. Sie war räumlich breit gestreut - Graz, Donau- witz, Steyr, Wien und Eisenerz - aber in den jeweiligen Orten sehr punktuell auf ausgesuchte Hilfeempfänger ausgerichtet. Auffallend ist das Nebenein- ander, die gegenseitige Unterstützung und Ablösung verschiedener Hilfsak- tionen wie die «Internationale Vereinigung für Kinderhilfe» mit Sitz in Genf
5 Françoise Borry: Entstehung und Entwicklung des Humanitären Völkerrechts, Genf 1982, S. 12; weiterführend Hans Haug: Rotes Kreuz. Werden, Gestalt, Wirken, Bern 1966.
6 A. Siegfried: Internationale Hilfstätigkeit nach dem Krieg 1914/18, in: Nachkriegshilfe, Sepa- ratdruck aus: Schweiz. Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, H. 7, Zürich 1944, S. 324; Oscar Bosshardt: Die Schweizer Hilfsaktion für die hungernde Stadt Wien, Bern 1921.
7 Tätigkeitsbericht, 15.6.1923, SLB V Schweiz 1466.
8 Aufruf, SLB V Schweiz 1466.
9 Bericht 1923-25, SLB V Schweiz 1463.
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und lokaler Organisationen wie die «Zentralstelle für Kinderschutz und Ju- gendfürsorge» in Wien10.
Die Auslandhilfe der Zwischenkriegszeit war geprägt von einer Abstinenz des Bundes. Die Interpellation Jäger blieb ein Einzelfall, und nach dieser Aktion zeigte der Bund kein Interesse mehr; immerhin gewährte er gewisse Begünstigungen bei der Bahn, Post und im administrativen Bereich11. Unter den Hilfswerken bestanden bis Mitte der dreissiger Jahre wenige bis gar keine formalen institutionellen Beziehungen. Siegfried spricht in diesem Zu- sammenhang von einem «allzu föderalistischen Aufbau»12, der Schwierig- keiten und Doppelspurigkeiten mit sich brachte. Transport und Verteilung der Hilfsgüter erfolgten unkoordiniert. Unter den Hilfswerken herrschte eine strenge Arbeitsteilung; jedes stammte aus einem bestimmten sozialen und ideologischen Milieu, wo es seine Spendengelder sammelte, die es wieder an Hilfeempfänger aus dem gleichen Umfeld verteilte: Schweizer Lehrer sammelten für notleidende Lehrer im Ausland, Schweizer Katholiken für notleidende Katholiken im Ausland und Schweizer Sozialisten für notlei- dende Sozialisten im Ausland.
Diese Zersplitterung der Kräfte und die Feststellung, dass die Hilfe nicht als Werk der Schweiz, sondern als solche privater Kreise wahrgenommen wurde, führten dazu, dass sich Gruppen mit ähnlichen Zielen und Vorstellungen all- mählich zusammenschlossen. Eher technische Funktionen übte das bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg entstandende «Schweizerische Hilfskomitee für die hungernden Völker» aus; während Gruppen von Eisenbahnern, Stu- denten usw. Gelder sammelten, besorgte es den Transport und die Verteilung der Güter13. Auffallend ist die Kurzlebigkeit dieser frühen Aktionen. Die Or- ganisationen wurden spontan gegründet, aus direkter oder indirekter Betrof- fenheit. Versickerte der Geldzufluss oder schien eine Aufgabe abgeschlossen zu sein, löste sich die Organisation wieder auf. Erst Mitte der dreissiger Jahre kristallisierten sich grössere, besser organisierte Hilfswerke heraus, die in der Lage waren, eine permanente Hilfstätigkeit aufrechtzuerhalten oder sogar zu intensivieren.
Hilfe im Ausland erfolgte durch die Abgabe von Kleidern und Lebensmitteln und die Einrichtung von «Schweizerküchen» zur Speisung der Ärmsten, sel-
10 Tätigkeit Winter 1934/35, SLB V Schweiz 1462, S. 1, 2, 13, 4, 5.
11 A. Siegfried (wie Anm. 6), S. 325.
12 Kägi-Fuchsmann (wie Anm. 2), S. 21.
13 Bericht über die Tätigkeit, 1919-1921, SLB V Schweiz 1477.
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tener durch Direktzahlungen. Unterstützt wurden Einzelpersonen, Familien und Kollektive. Die Zusammenarbeit mit lokalen Institutionen oder Einzel- personen wurde angestrebt, um ihnen Aufgaben der Erfassung der Hilfeemp- fänger und Verteilung der Güter zu übertragen. Oft finden sich solche Ver- bindungen im kirchlichen Milieu. Kirchliche Gemeinden als soziales Netz und mit entsprechenden Kontakten boten sich geradezu für solche Aufgaben an.
Die drei «Grossen»
Der Schweizerische Caritas-Verband formierte sich bereits 1901, gemäss Statuten als Zusammenfassung der karitativen Kräfte der katholischen Kir- che. Die straff organisierte katholische Kirche profitierte nicht nur von der Gründung des Deutschen Caritas-Verbandes 1897. Sie konnte auch auf eine längere Tradition fürsorgerischen Wirkens im Inland zurückblicken. Die Auslandhilfe blieb aber noch lange marginal. Als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg richtete die Caritas 1919 ein eigenes Büro ein, nachdem sie lange Zeit unter der Obhut des katholischen Volksvereins gestanden hatte14. Erst 1935 erhielt die Caritas ihre Mündigkeit, als die Schweizer Bischofskonfe- renz den Verband «formell zum offiziellen Organ der Schweizer Katholiken für das Gesamtgebiet der Caritas»15 erklärte, dem Vertreter des katholischen Volksvereines, des katholischen Frauenbundes und des Zentralverbands christlich-sozialer Organisationen vorstanden. Der spanische Bürgerkrieg wurde zur ersten Bewährungsprobe der neuen Organisationsstruktur. 1944 setzte der Vorstand einen Ausschuss ein, der die Nachkriegshilfe organisie- ren sollte. Die Bischofskonferenz stimmte am 27. Januar 1945 den Plänen zu und munterte die Katholiken auf, «durch eifriges Gebet dem Herrgott für die Erhaltung unseres Vaterlandes zu danken und durch tatkräftige Nächstenliebe zum Wiederaufbau einer christlichen Welt beizutragen». Bis am Ende kam die Hilfe aber nur der christlich-katholischen Welt zugute. Aus der Konzep- tion der Hilfe lässt sich das Ziel, mittels materieller Hilfe katholisches Ge- dankengut zu verbreiten, nachweisen. In den geistigen Gütern liege die Zu- kunft Europas, denn «Menschen in Not sind leicht verderblichen Einflüssen ausgesetzt, an denen es in der Nachkriegszeit nicht fehlt». Neben Einflüssen wie Schwarzhandel und Korruption könnte auch der atheistische Kommu- nismus gemeint gewesen sein.
14 Im Dienste der Caritas, Luzern 1952, S. 51.
15 Victor Conzemius: Streiflichter zur Geschichte der Caritas Schweiz, S. 2, in: 75 Jahre Caritas Schweiz, Luzern 1976.
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Die Caritas ging nach einem Zwei-Stufenplan vor: Ein Kriegsgeschädigter galt aufgrund seiner Not als verzweifelt, lethargisch und hatte möglicher- weise sogar seinen Glauben an Gott verloren. Auf der Grundlage des Chri- stentums sollte ihm ein neuer Lebensweg eröffnet werden, damit er den Sinn des Daseins wieder fand und sich selber helfen konnte. «Sie sollen selbst merken, wieviel Kraft sie damals schöpfen konnten und wie die Religion dem Menschen hilft, tüchtig, selbstlos und einsatzbereit im Leben zu ste- hen»16. Die Hilfe setzte direkt beim betroffenen Individuum an; quasi als Gegenleistung gliederte sich dieses wieder in den Kirchenapparat ein.
Konkret führte Caritas Kinderaktionen (Speisungen, Säuglingsaktionen, Hy- gieneaktionen) durch, unterstützte Krankenhäuser, Schulen und Heime finan- ziell und materiell, richtete Nähstuben und Werkstätte ein; zusätzlich erfolgte eine massive Lebensmittelhilfe. Nicht zuletzt legte Caritas sehr viel Gewicht auf das kulturelle und seelsorgerische Arbeitsgebiet: Bücherhilfe und die Einrichtung eines internationalen Instituts für Friedensarbeit an der Univer- sität Freiburg sind nur einige Beispiele. Ausländische Caritas-Verbände übernahmen, wie Briefwechsel zeigen, einen Teil der Arbeit im Notgebiet. Eine solche Kooperation bot sich an, da die personelle Infrastruktur der Kir- che in den Kriegsländern noch bestand. Daneben kamen auch Schweizer- equipen zum Zuge: Fürsorgerinnen, Lehrer oder Pfarrer. Dieses Personal übernahm vorübergehend den Aufbau oder die Leitung eines Projekts, bis Caritas den Einheimischen selbst die Verantwortung übertrug.
Der Verein «Schweizerisches Arbeiterhilfswerk» (SAHW) entstand Ende Mai 193617, um Mehrspurigkeiten in den Fürsorgeeinrichtungen der Sozial- demokratischen Partei der Schweiz (SPS) und dem Schweizerischen Ge- werkschaftsbund (SGB) zu vermeiden18. Das SAHW vereinigte zahlreiche bestehende Hilfswerke aus der organisierten Arbeiterschaft und reagierte damit auf «das trostlose Durcheinander, das heute in der bürgerlichen priva- ten Wohlfahrt herrscht»19. Gemeinsame, koordinierte Aktionen der Arbeiter- schaft sollten dem systematischen Aufbau einer proletarischen Fürsorgeein- richtung dienen. Die Wurzeln des SAHW liegen in den frühen dreissiger Jah- ren. Sozialistische Frauengruppen reagierten damals auf die Wirtschaftskrise in der Schweiz und in Österreich. Die Länge der Krise und eine ungenügende Planung führten 1932 zur Arbeiterkinderhilfe, aus der schliesslich unter der
16 Schweizer Bischofskonferenz, Freiburg 27.1.1945, zit. nach Nadia Ilyin: Nachkriegshilfe des Schweizerischen Caritasverbandes, Diplomarbeit Frauenschule Luzern 1948, S. 9, 10, 18.
17 Protokoll der konstituierenden Versammlung SAHW, 29.5.1936, SAr. (SAHW) Ar.20.101.
18 Statuten SAHW, Mai 1936, SAr. (SAHW) Ar.20.301.
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Federführung von SPS und SGB mit Mithilfe der Natur- und Kinderfreunde das SAHW resultierte. Gewerkschaften und weitere Organisationen aus der Arbeiterbewegung schlossen sich bald an; das SAHW wurde so zur Dachor- ganisation gewerkschaftlicher, kultureller und sportlicher Arbeiter-Organisa- tionen.
Das SAHW entstand vor einem eindeutigen politisch-ideologischen Hinter- grund. So erwähnte Kägi-Fuchsmann den «propagandistischen Zweck der geleisteten Arbeit». Die Genossin Amanda Gossweiler legte die Karten offen auf den Tisch: «Wenn wir eine Hilfsaktion anstreben, dann wollen wir auch damit Propaganda machen, soll als sozialistisch abgestempelt sein»20. Noch deutlicher - mit Bezug auf die Krise der europäischen Demokratie - um- schrieb eine Schrift von 1948 die Ziele des SAHW: «Stärkung der Solidarität aller Werktätigen; Kampf gegen jede Form von Totalitarismus; Hilfe den aufrechten und selbstlosen Kämpfern gegen jegliche Unterdrückung; Hilfe an allen Opfern des Kampfes für Freiheit und Demokratie.»21 Nach dem Enga- gement im spanischen Bürgerkrieg zeigte die Diskussion um die Nachkriegs- hilfe erneut die ideologische Tragweite der Aktionen: «Derjenige, der den hungernden Menschen der Nachkriegszeit die Milch bringt, will ihnen auch die neuen Gedanken bringen. Es kann uns nicht gleichgültig sein, welche Gedanken gebracht werden.»22 Das SAHW wollte die im Krieg zerschlage- nen Arbeiterorganisationen wieder aufbauen und stärken, gewerkschaftliche und politische Wiederaufbauarbeit leisten. Eine gesunde Arbeiterschaft galt als Garant für Stabilität. Der UN-Hilfsorganisation für Wiederaufbau, der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA), warf das SAHW vor, in Europa bloss für die Alliierten neue Märkte erschliessen und ein «gutes Geschäft» machen zu wollen23.
Das SAHW hat für die Nachkriegshilfe ein klares Konzept vorzuweisen. Ne- ben der materiellen Hilfsbedürftigkeit stellte es auch eine geistige fest. Be- wusste Solidaritätsaktionen zu Gunsten der Arbeiterschaft sollten Anknüp- fungspunkte bieten, wobei eine «Kultivierung des Selbstmitleids» vermieden werden sollte. Deshalb setzte nach einer ersten Soforthilfe (Kleider- und Le- bensmittelsendungen, in grossem Umfang als «Colis Suisse»-Aktion betrie- ben) die «Hilfe zur Selbsthilfe» ein. Die Selbsthilfe nahm konkrete Formen
19 Protokoll der Gründungssitzung des SAHW, 25.4.1936, SAr. (SAHW) Ar.20.101.
20 Protokoll der konstituierenden Versammlung des SAHW, 29.5.1936 (wie Anm. 18).
21 15 Jahre Schweizer Arbeiterhilfswerk, Zürich 1948, S. 5, SLB V Schweiz 214.
22 Die Probleme der Nachkriegszeit, undatiert, SAr. (SAHW) Ar.20.412.
23 Nachkriegsfragen, undatiert, SAr. (SAHW) Ar.20.412.
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an: Es wurden entsprechende Landwirtschaftsgeräte und Samen anstelle von Lebensmitteln geliefert. Nach Italien entsandte das SAHW beispielsweise Betonmaschinen für die Wiederherstellung von Entwässerungssystemen und betrieb somit eine «konstruktive Aufbauhilfe»24.
Pioniercharakter hatten kleine Barackendörfer, die das SAHW u.a. in Rimini erstellte. Ausgestattet mit sozialen Einrichtungen wie Schulen, Kinderhorten, Werkstätten, Produktionsbetrieben und sanitären Anlagen, sollten sie die Keime einer späteren Stadtentwicklung bilden, gedacht als Modell für ein Leben in Gemeinschaft und Solidarität25. Die sanitäre Hilfe beschränkte sich auf die Ausrüstung von Spitälern und die Einrichtung von Ambulatorien. Im Rahmen der Aktionen mit erzieherischen, längerfristigen Zielen richtete das SAHW Heime und Schulen ein, rüstete sie mit Lehrmaterial aus und förderte die Ausbildung von Lehrpersonal. Organe und Komissionen des SAHW lei- teten die Verteilung der Güter und die Aufbauprojekte. Nach Abschluss der Aktionen übernahmen lokale Behörden oder Arbeiterverbände deren Leitung.
Als letztes der drei «Grossen» wurde Ende 1945 das Hilfswerk der Evangeli- schen Kirchen der Schweiz (HEKS) gegründet. Die späte Gründung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Vorstand des Schweizerischen Evan- gelischen Kirchenbundes (SEK) bereits 1943 anregte, eine Kommission, be- stehend aus protestantischen Hilfsvereinen, für die kirchliche Hilfs- und Wiederaufbauarbeit einzusetzen26. Bald überstieg die Grösse der Aufgabe die Möglichkeiten der Kommission, und so stellte diese 1945, im Einver- ständnis mit dem Vorstand des SEK, einen vollamtlichen Sekretär ein. Dieser strebte eine «Konzentration und Koordination aller Kräfte»27 an und noch im gleichen Jahr entstand unter dem Namen HEKS eine dauerhafte und eigen- ständige Institution. Auf diese Weise konnte «jede Doppelspurigkeit vermie- den werden»28. Das HEKS, Organ des SEK und getragen von den evangeli- schen Kantonalkirchen29, repräsentierte den gesamtschweizerischen Charak- ter der protestantischen Hilfe - nicht zuletzt auch als Gegenpol zur etablierten katholischen Caritas.
24 SAHW Jahresbericht 1945/1946, S. 10.
25 15 Jahre Schweizer Arbeiterhilfswerk, S. 59, 46.
26 SEK Vorstandsprotokoll, 8.11.1945, S. 250 und 9.9.1943, S. 79, SEK-Ar.
27 Jahresbericht HEKS 1945/46, S. 2, HEKS-Ar.
28 1945-1954, 10 Jahre HEKS. Zürich 1955, S. 18, SLB V Schweiz 1486.
29 Zudem auch das Hilfswerk für die Bekennende Kirche Deutschlands, die Aide aux Enfants protestants, die Hollandhilfe, das Schweiz. Hilfswerk für den Evangelischen Osten u.a.
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Die Gründung des HEKS muss auch im Zusammenhang mit der Entstehung der Schweizer Spende gesehen werden. Die evangelischen Hilfswerke konn- ten sich die neuen, umfangreichen (und auch dringend benötigten) finanziel- len Mittel der Schweizer Spende nur erschliessen, indem sie sich ihr an- schlossen. Einem allfälligen Beitritt zu dieser vom Bund errichteten Dachor- ganisation musste aber die Vereinheitlichung der evangelischen Kräfte vor- ausgehen. Das HEKS stand in Konkurrenz mit anderen Hilfswerken, die sich bereits ihr Stück vom Kuchen der zu verteilenden Gelder gesichert hatten. «Dadurch ergab sich die Gefahr, dass andere Gruppen bestimmender wären, als die Evangelische Seite»30, gab das HEKS der delikaten Lage später Aus- druck.
Neben diesem strategisch und ökonomisch bedingten Beweggrund erwähnt ein HEKS-Jahresbericht weitere Motive für die Hilfstätigkeit. Der Krieg habe «leibliche und seelische Not» gebracht, womit das Risiko einer «Auflösung aller noch bestehender Ordnungen» entstanden sei31. Die Kirche sei ein Leib, der aus allen Wunden blute. Wer aber «den geschlagenen Mitmenschen sieht und an ihm vorüber geht, wird an ihm schuldig»32. Es sei die Aufgabe, ja die Pflicht der Kirche, zu helfen. Es gelte, den zerstörten Kirchenapparat der Schwesterkirchen im Ausland wieder aufzubauen. «Unser Ziel ist, mitzuhel- fen beim Wiederaufbau und notwendig werdenden Neuaufbau evangelischer Werke und Gemeinden.»33 Die Auslandhilfe galt als Friedensarbeit und Bei- trag zur politischen Versöhnung aus der Perspektive des Evangeliums; es fand eine theologische Neubesinnung statt34.
Wie bei Caritas und SAHW besass der geistige Wiederaufbau Priorität. Wirkliche Hilfe galt nur dann als gewährleistet, wenn sie auch geistige Hilfe sei35. Im Gegensatz zur Caritas stand aber nicht das Individuum, sondern die Kirche als Institution im Zentrum. Das HEKS errichtete Notbaracken, ver- mittelte theologische Literatur (von 1945 bis 1949 für 414'000 Franken), schickte Schweizer Professoren an theologische Hochschulen und vergab an Theologiestudenten Stipendien. In den vier Jahren Hilfstätigkeit bis 1949 machte der Budgetposten «Naturalien» aber fast 70 Prozent des Gesamtwer-
30 10 Jahre HEKS (wie Anm. 28), S. 29.
31 Jahresbericht HEKS 1945/46, S. 1, HEKS-Ar.
32 10 Jahre HEKS (wie Anm. 28), S. 8.
33 HEKS-Mitteilungen 1945-47, Nr. 1-52: Nr. 11, 13.3.1946, HEKS-Ar.
34 SEK Vorstandsprotokoll, 8.9.1943 (wie Anm. 26), S. 72ff.
35 HEKS Mitteilungen, Nr. 14, 3.4.1946, HEKS-Ar.
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tes aller Hilfeleistungen aus36. Das HEKS suchte wie die Caritas die Zu- sammenarbeit mit Angehörigen der Schwesterkirchen im Ausland. Erwäh- nenswert war die Absicht, so weit wie möglich auf Materialien im betroffe- nen Land zurückzugreifen; so verarbeitete das HEKS für Bibeln in Deutsch- land Papier aus dem Lande selbst.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten die drei erwähnten Hilfswerke ständige Dachorganisationen dar, die verschiedene Gruppierungen mit gleichen Zielen und Vorstellungen zusammenfassten. Erst diese Konzentration ermöglichte eine zielgerichtete, flächendeckende Auslandhilfe.
Der ideologische Aspekt der Hilfe offenbarte sich nun, indem politische oder religiöse Hintergründe zu tragenden Elementen wurden und zu entsprechen- den Konzeptionen führten, bei denen alle drei Hilfswerke grosses Gewicht auf die nicht-materielle Hilfe legten. Sie benutzten die humanitäre Hilfe als Medium, um ihre eigenen Werte, Vorstellungen und Ideale zu verbreiten; es ging ihnen um den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten politischen bzw. kirchlichen Kreise, deren anomische Zustände eine Intervention zu legitimie- ren schien. Von der Hilfe profitierten nur diejenigen, die sich mit dem welt- anschaulichen Hintergrund der jeweiligen Hilfsorganisation identifizieren konnten. Ziel war, das soziale Netz der entsprechenden Gruppierung zu stär- ken. Noch bestehende Infrastrukturen von Schwesterorganisationen im Aus- land wurden eifrig genutzt und diesen Aufgaben, wie die Verteilung der Gü- ter, übertragen. Grössere Projekte leiteten die Schweizer selbst oder übten zumindest die Kontrolle aus. Erst nach Beendigung von grösseren Projekten zogen sich die Schweizer zurück und überliessen die Leitung den Betroffe- nen. Neben der Sofort- und Überlebenshilfe, gedacht als Überbrückungshilfe für die ärgste Not, sind erste Ansätze und Konzepte zu einer längerfristigen, planmässigen «Hilfe zur Selbsthilfe» erkennbar. Die materielle und geistige Hilfe (im Gegensatz zur Zwischenkriegszeit bewusst genutzt) gingen inein- ander über und ergänzten sich.
Die Schweizer Spende
Dieser Konzeption der grossen privaten Hilfswerke stellte der Bundesrat mit Botschaft vom 1. Dezember 1944 seine Idee einer in erster Linie schweize- risch geprägten Nachkriegshilfe gegenüber37: «Dem Schweizervolk soll er- möglicht werden, eine Pflicht zu erfüllen, die ihm seine Berufung und seine
36 Jahresbericht HEKS 1949, S. 27, HEKS-Ar.
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Tradition auferlegen ( ... ), dass unsere Hilfe in Zielsetzung und Durchführung den geschlossenen Willen des Schweizervolkes bekunden soll und frei sein müsse von Aufspaltung nach Sympathien. Sie soll sich verwirklichen in ein- trächtiger Zusammenarbeit aller Parteien, Klassen, Sprachen und Konfessio- nen ( ... ). Unsere Hilfsaktion soll selbstlos ( ... ) sein.» Die Schweizer Spende war eine Reaktion auf die aussenpolitische Situation. Nach dem Weltkrieg war die Schweiz international isoliert und angefeindet. Sie hatte sich nicht am Kampf gegen den Faschismus beteiligt und galt als Kriegsgewinnlerin. Das Land befand sich moralisch in der Defensive. Die Neutralität hatte an Glaubwürdigkeit und Glanz verloren und stand unter grossem Rechtferti- gungsdruck. Ein Nichtmitmachen am Wiederaufbau Europas hätte diesen Druck weiter gesteigert. Zudem setzte sich die Erkenntnis der Abhängigkeit vom Wohlergehen anderer durch. Aus neutralitätspolitischen Gründen sowie Prestige-Überlegungen wollte die Schweiz aber nicht bei der UNRRA mit- wirken, sondern eine eigene Aktion aufbauen. Die Schweizer Spende be- zeichnete sich als «das beste Mittel, um den Weg aus einer durch den Krieg bedingten Isolation zu finden!»38
Der Bundesrat stand auch innenpolitisch unter Druck. Stimmen wurden laut, die Regierung solle aus aussenpolitischen Gründen und ethischer Verpflich- tung aktiv werden und aus ihrer Lethargie erwachen. Zudem geisterte die Be- fürchtung herum, gewisse Kreise könnten mit ihren Plänen der Schweiz als Ganzes schaden, so z.B. das «Schweizer Komitee für die wirtschaftliche Be- teiligung am europäischen Wiederaufbau» unter der Leitung des Motor Co- lumbus Direktors Henri Niesz, das den Bundesrat aufforderte, die Schweiz solle der UNRRA beitreten. Nach dem bundesrätlichen Nein prüfte das Ko- mitee, das sich aus Vertretern der Exportindustrie und der Bundesbehörden zusammensetzte, selber die Möglichkeiten, Absatzmärkte im zerstörten Eu- ropa zu erschliessen, «damit die Schweiz in der Nachkriegszeit wieder einen Platz» einnehme39 und Arbeitsplätze in der Schweiz gesichert seien. Der Bund, bestrebt, handelspolitische und humanitäre Ziele auseinanderzuhalten, befürchtete, die Öffentlichkeit könne diesen Plan mit einem offiziellen Re- gierungsprogramm verwechseln. Er sah sich deshalb zu eigenem Handeln gezwungen, zumal der Umfang der Aufbauarbeit die Mittel der privaten Kreise überstieg. So schlug der Bundesrat die Schaffung einer nationalen
37 Botschaft des Bundesrates über die «Schweizerspende an die Kriegsgeschädigten» vom 1.12. 1944, BBI 1944 I 1409-1415.
38 Eingabe der Schweizer Spende an den Bundesrat vom 18.9.1946, BAR E 2001 (E) 1 Bd 143.
39 Schweizerisches Komites für die wirtschaftliche Beteiligung am europäischen Wiederaufbau, Baden 1944, SLB V Schweiz 1786.
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Hilfsorganisation, die Schweizer Spende vor, wie sie übrigens auch ein Vor- stoss von Nationalrat Ernst Speiser gefordert hatte.
Am 6./13. Dezember 1944 stimmten National- und Ständerat der Schaffung der Schweizer Spende zu. Sie stand unter dem Patronat des Bundesrats, blieb aber ausserhalb der Bundesverwaltung. Die Schweizer Spende hatte den Cha- rakter einer Dachorganisation und band bestehende Hilfsorganisationen mit deren Fachwissen als Aktionsträger ein. Diese konnten zu Beginn eigene Projekte zur Begutachtung einreichen. Später schrieb die Schweizer Spende selbst Projekte aus. So kam es zur verwirrenden Situation, dass die Hilfs- werke eigene und parallel dazu Projekte der Schweizer Spende durchführten. Allein an Bundesbeiträgen flossen 1944-1948 153 Mio. Franken in die Kas- sen der Schweizer Spende, die diese Gelder zur Finanzierung der Aktionen an die Hilfswerke weiterleitete 40.
Der Arbeitsausschuss der Schweizer Spende stellte diese Hilfstätigkeit als «Ausdruck des humanitären Helferwillens des gesamten Schweizervolkes» dar: «Das einzige Ziel aller ihrer Aktionen ist selbstlose und praktische Hil- feleistung. Die Auswahl der Empfänger richtet sich nach dem Grad der Be- dürftigkeit. Deswegen dürfen bei einer durch die Schweizer Spende unter- sützten Hilfsaktion politische, wirtschaftliche oder weltanschauliche Ge- sichtspunkte keine Rolle spielen.» Es ging ihm besonders darum, den schweizerischen Charakter der Hilfe zur Geltung zu bringen, um so das ange- schlagene Image der Schweiz im Ausland wieder etwas zu korrigieren. Diese nationale «Aufladung» der Auslandhilfe ging mit einer Entideologisierung der Hilfe einher: Eine wertfreie, neutrale Hilfe sollte im Zentrum stehen. Es ging darum, die Schweiz als Geberland der Hilfe besonders hervorzuheben. Die Hilfstätigkeit einzelner Organisationen, die womöglich noch politisch orientiert war, schadete in den Augen der Schweizer Spende nur. Laut Wegleitung mussten die Aktionen, die mit Mitteln der Schweizer Spende ar- beiteten, «nach aussen deutlich als Aktion der Schweizer Spende»41 gekenn- zeichnet sein. Die Schweizer Spende schuf eine Ambivalenz, die nicht ohne Probleme blieb: Einerseits ermöglichte sie eine Koordination der Hilfe und stellte grosse finanzielle Mittel zur Verfügung, andererseits hemmte sie ei- gene Aktionen der Hilfswerke, die sich in ihrem Handlungsspielraum einge- schränkt fühlten. Deren ideologische Interessen deckten sich nicht immer mit den Grundsätzen der neutralen Schweizer Spende.
40 Tätigkeitsbericht Schweizer Spende 1944-48, Bern 1949, S. 16, 238, SLB V Schweiz 2817.
41 Wegleitung der Schweizer Spende, Allgemeine Grundsätze. Sitzung des Arbeitsausschusses der Schweizer Spende, 21.11.1944, BAR 2001 (D) 3 Bd 487.
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Schlussfolgerung
Eine klare Entwicklungslinie der Auslandhilfe kommt zum Vorschein: War die Hilfe vor dem Ersten Weltkrieg spontan und unkoordiniert, schlossen sich in der Zwischenkriegszeit die losen Gruppierungen mit ähnlichen Welt- anschauungen zu Dachorganisationen zusammen. Nach dem Zweiten Welt- krieg tendierte die Schweizer Spende auf nationaler Ebene zu einem weiteren Zusammenschluss bzw. zur Vereinheitlichung. Der Grundstein für eine In- tervention der Behörden in die Auslandhilfe wurde gelegt.
Die Auslandhilfe der Krisen- und Kriegsjahre kommt unserer heutigen Kata- strophenhilfe gleich. Sie war auf die jeweils aktuelle Notlage ausgerichtet und nur für deren Dauer gedacht. Eine solche Hilfe ist vom Begriff der Ent- wicklungshilfe klar abzugrenzen. Es ging um humanitäre Hilfe, die laut Chri- stoph Graf «während und nach dem Zweiten Weltkrieg einen Schwerpunkt schweizerischer Aussenpolitik auf öffentlicher und privater Ebene, in multi- lateraler und bilateraler Form vor allem als caritative Existenz- und Aufbau- hilfe» bildete42. Um 1950 lässt sich ein Wandel der Hilfe feststellen. Die Katastrophenhilfe, mit dem Ziel der schnellen Linderung menschlicher Not, formte sich mehr und mehr zu einer Anregung und Unterstützung zur Selbst- hilfe um. Konzepte und Ansätze zu einer Hilfe mit Aufbaucharakter für blei- bende Werte wie Lehrwerkstätten, Säuglingsbetreuungskurse und Infra- strukturhilfe für Spitäler entstanden. Die privaten Hilfswerke trachteten da- nach, die physische Hilfe mit psychischer Beeinflussung zu ergänzen, an die Hilfe eine Botschaft zu koppeln und dadurch Werte und Normen zu vermit- teln. Die Schweizer Spende versuchte demgegenüber, diese ideologieträch- tige Hilfe zu neutralisieren, national aufzuladen und die Nachkriegshilfe als aussenpolitisches Mittel der Schweiz einzusetzen.
Die Frage, ob die frühe Auslandhilfe bereits den Kern der Entwicklungshilfe in sich trug, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Vor allem auf technisch- organisatorischer Ebene leistete die Hilfe der Krisen- und Kriegsjahre wert- volle Vorarbeit. Die Hilfswerke legten bereits Gewicht auf eine umfassenden Erkundung vor Ort und auf eine sorgfältige Planung der Aktionen, die Rück- sicht auf die gegebenen Verhältnisse nahm. Die Durchführung überliess man geschulten Mitarbeitern, die auch ihre Arbeitsmethoden situationsbezogen wählten. Die Zusammenarbeit mit einheimischen Kräften wurde angestrebt: «Hilfe zur Selbsthilfe» galt als Motto der Nachkriegshilfe.
42 Christoph Graf: Die Schweiz und die Dritte Welt. Die Anerkennungspraxis der Schweiz ge- genüber dekolonisierten aussereuropäischen Staaten, sowie die Anfänge der schweizerischen Entwicklungshilfe nach 1945, in: Studien und Quellen, H. 12, Bern 1986, S. 88.
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Volksnahe und unmittelbar nutzbringende Aktionen resultierten daraus. Zugleich bekamen die Schweizer Zugang zu anderen Mentalitäten. Anderer- seits weist die Nachkriegs- zur Entwicklungshilfe fundamentale Unterschiede auf. Es handelte sich um das Instandstellen eines ehemals funktionierenden Systems; den Menschen vertraute Lebens- und Produktionsprozesse bedurf- ten lediglich des Wiederaufbaus. Die akute Not wurde bewusst als vorüber- gehend wahrgenommen. Bei der Entwicklungshilfe geht es wohl eher um eine umfassende Neugestaltung und Umstrukturierung von Lebensräumen, die kulturell von unseren verschieden sind. Trotzdem profitierte die spätere Entwicklungshilfe von den Erfahrungen der frühen Auslandhilfe und entwik- kelte sich organisatorisch auf dieser Basis. Viele Entwicklungshilfeorganisa- tionen der späten fünfziger und frühen sechziger Jahren lassen sich auf Hilfswerke für den Wiederaufbau und die Flüchtlingsfürsorge der Nach- kriegszeit zurückführen.
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Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali
Ursprünge der schweizerischen Entwicklungshilfe. Spuren des Entwicklungshilfegedankens in der Auslandhilfe privater Hilfswerke während der Krisen- und Kriegsjahre 1918-1947
In
Studien und Quellen
Dans
Etudes et Sources
In
Studi e Fonti
Jahr
1993
Année
Anno
Band
19
Volume
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Autor
Weidmann, Jörg
Auteur
Autore
Seite
142-156
Page
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Ref. No
80 000 129
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