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schliessen sind persönliche Gründe oder die politische Aus- strahlung eines Parlamentariers. Anerkannt werden können nur rein sachliche Gründe, wenn zum Beispiel ausserhalb des Parlamentes in der Schweiz keine Person zu finden ist, die über die Fachkenntnisse verfügt, die für den Vorsitz oder die Mitgliedschaft in der betreffenden Kommission erforderlich sind. Dies ist jedoch für keine einzige der heutigen Mitglied- schaften in hinreichender Weise begründet worden.
Der Bundesrat hat in seiner Stellungnahme zu den Feststellun- gen der GPK beteuert, dass er an der geübten, sehr zurückhal- tenden Praxis festhalten werde. Dennoch ist er seinem Vorsatz erst kürzlich wieder untreu geworden, als es darum ging, ei- nen Präsidenten der Nationalpark-Kommission zu bestellen. Auch hier hat er nicht begründen können, dass es ausserhalb des Parlaments keine geeignete Persönlichkeit für dieses Mandat gebe. Offenbar verbindet der Bundesrat mit dieser Wahl die Hoffnung, der Präsident möge seinen politischen Einfluss auch im Parlament geltend machen können. Diese Kritik gilt nicht etwa dem Gewählten, sondern dem Wahlgre- mium. Die GPK hofft, dass sich der Bundesrat noch strenger an die Richtlinien hält oder Ausnahmen sachlich und öffentlich begründet.
Wir werden uns im Jahre 1993 in gleicher Weise über die dann- zumal erfolgten Wiederwahlen informieren lassen und Ihnen erneut Bericht erstatten.
Die Geschäftsprüfungskommission beantragt Ihnen, vom vor- liegenden Bericht und den darin enthaltenen Empfehlungen Kenntnis zu nehmen.
Präsident: Die Kommission beantragt Kenntnisnahme vom Bericht.
Zustimmung - Adhésion
90.692
Postulat Rhinow Leitbild Schweiz Perspectives pour la Suisse
Wortlaut des Postulates vom 18. September 1990
Die Schweiz befindet sich gegenwärtig in einer Phase des Um- bruchs. Der Wandel vieler Werte ist in vollem Gang, die tradier- ten Ueberzeugungen in Staat, Politik und Gesellschaft stehen in Anfechtung und drohen teilweise zu verblassen. Die gegen- seitige Verständigung zwischen den verschiedenen Teilen und Schichten unseres Volkes wird immer schwieriger. Der politische Konsens ist zu einem der knappsten Güter gewor- den. Die persönliche Bereitschaft, Mass zu halten und der Ge- meinschaft zu dienen, nimmt ebenso ab wie die Fähigkeit, Pro- bleme gemeinsam wahrzunehmen und auf neue Entwicklun- gen zeitgerecht zu reagieren.
Unsere Gesellschaft ist den gleichen Grundproblemen ausge- setzt wie andere hochindustrialisierte Länder (zum Beispiel Aids, Drogen, Gefährdungen der Grosstechnologie, organi-
siertes Verbrechen, irreversible Belastung der Umwelt, welt- weite Migration). Staat, Gesellschaft und Wirtschaft stehen vor grossen Herausforderungen auf europäischer und globaler Ebene.
Nach den grossen weltpolitischen Umwälzungen muss die Schweiz ihre Stellung in Europa und in der Völkergemein- schaft sowie ihre aussenpolitischen Zielsetzungen neu defi- nieren. Viele bedrängende, auch die Schweiz zentral berüh- rende Zukunftsfragen, wie etwa Frieden und Sicherheit oder der globale Schutz der Umwelt, sind letztlich nur auf internatio- naler Ebene zu bewältigen. Die Schweiz ist offenbar kein «Son- derfall» mehr.
Zurzeit werden in verschiedenen Bereichen Ueberlegungen zu künftigen Entwicklungen angestellt, Konzepte entwickelt oder Verhandlungen geführt. Zu erwähnen sind gegenwärtig etwa der neue Sicherheitsbericht, die Verhandlungen im Hin- blick auf einen Europäischen Wirtschaftsraum oder die Bemü- hungen um die Reform der Institutionen unseres Landes (Volksrechte, Parlament, Regierung, Bundesgericht). Die Ar- beiten an einer Totalrevision der Bundesverfassung sind nach wie vor im Gang.
Den vorhandenen Planungsinstrumenten von Parlament und Regierung fehlt die längerfristige und tiefgreifende Perspek- tive; sie sind zudem ausschliesslich das Ergebnis politischer und administrativer Instanzen. Was allen diesen Bemühungen fehlt, ist das übergreifende Dach, die mittel- und längerfristige «Vision» oder Strategie der Schweiz, sind die Richtpunkte, auf welche alle Anstrengungen koordiniert auszurichten sind.
Ich lade deshalb den Bundesrat ein, ein «Leitbild Schweiz» zu entwerfen. Zur Mitwirkung sind möglichst viele Kreise aus Ge- sellschaft, Politik, Wirtschaft (auch der Landwirtschaft), Wis- senschaft, Religion, Bildung und Kultur, beider Geschlechter, aller Generationen und Landesgegenden sowie der Ausland- schweizer einzuladen. Dieses Leitbild ist bis Ende 1992 den eidgenössischen Räten zur Kenntnisnahme zu unterbreiten. Dabei geht es nicht um eine neue umfangreiche «Gesamtkon- zeption» bisherigen Zuschnitts oder gar um eine (unrealisti- sche) Planung der Zukunft. Es geht nicht nur um das Ergeb- nis, sondern ebensosehr auch um den Weg zum Ergebnis: um einen breitgefächerten Dialog über die Identität unseres Landes, über die tragenden und verbindenden, überlieferten und neuen Werte, über Optionen und Ziele unseres Landes sowie die (Wieder-)Belebung der gegenseitigen Verständi- gung in Gesellschaft und Politik. Das «Leitbild Schweiz» soll in einer Zeit hoher Unsicherheit und vielfältiger Bedrohungen das Schwergewicht auf unsere Chancen legen und dadurch in ausgewählten, für die Zukunft der Schweiz existentiellen Fra- gen Orientierungshilfen vermitteln. Die 700-Jahr-Feier bildet die willkommene Gelegenheit, einen solchen Prozess in Gang zu setzen.
Texte du postulat du 18 septembre 1990
La Suisse passe par une phase de profond changement. De nombreuses valeurs sont en plein bouleversement: Les nor- mes traditionnelles concernant l'Etat, la politique, la société, sont contestées et risquent de péricliter. La compréhension mutuelle entre les diverses régions et couches de la popula- tion se fait toujours plus difficile. Le consensus politique est devenu une denrée rare. Le sens de la mesure et la volonté de servir la collectivité disparaissent, de même que l'aptitude à af- fronter ensemble les problèmes et à réagir à temps.
Notre société est exposée à des troubles fondamentaux, tout comme d'autres pays fortement industrialisés: sida, drogues, risques technologiques majeurs, crime organisé, ruine irréver- sible de l'environnement, migrations intercontinentales. Etat, société et économie sont confrontés à d'énormes défis, tant en Europe qu'ailleurs dans le monde.
Face à ces bouleversements, la Suisse doit redéfinir sa posi- tion par rapport à l'Europe et à la communauté des nations, de même que les objectifs de sa politique extérieure. Maintes questions pressantes, touchant l'essence et l'avenir de notre pays, la paix, la sécurité, la protection globale de l'environne- ment, ne peuvent être réglées que par la coopération interna- tionale. La Suisse n'est de toute évidence plus un «cas spé- cial».
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Des réflexions sur l'évolution future et des négociations sont en cours dans divers domaines. Mentionnons le nouveau rap- port sur la politique de sécurité, les tractations relatives à l'es- pace économique européen, et les efforts en vue de réformer nos institutions: Parlement, gouvernement, Tribunal fédéral, droits politiques, sans oublier les travaux visant une révision totale de la constitution.
Les instruments de planification dont disposent Parlement et gouvernement manquent d'une perspective générale à long terme. En outre, ils émanent exclusivement des organes politi- ques et administratifs. Ce qui manque à tous ces efforts, c'est une vision globale, une stratégie à moyen et long terme, des objectifs propres à orienter et à coordonner tous les efforts.
Pour tous ces motifs, j'invite le Conseil fédéral à élaborer un «plan directeur Suisse», en faisant appel aux personnes des deux sexes, de toutes les générations, de toutes les régions - sans oublier les Suisses de l'étranger - et des milieux les plus divers de notre société: politique, économie, agriculture, science, religion, enseignement et culture. Ce plan directeur devra être présenté aux Chambres fédérales avant la fin de 1992. Il ne s'agit pas d'échafauder une nouvelle «conception globale», ni une planification de l'avenir qui serait irréaliste. Il ne suffit pas d'énoncer des objectifs, il faut surtout indiquer la voie à suivre pour y parvenir. Il convient d'engager un vaste dialogue sur l'identité de notre pays, sur les valeurs tradition- nelles ou nouvelles qui le fondent et nous lient, sur les options et les buts qui doivent être les nôtres. Il faut enfin raviver et ren- forcer la compréhension réciproque entre les différents sec- teurs de la société et du monde politique. Face aux incertitu- des et aux menaces qui caractérisent notre époque, le «plan directeur Suisse» doit mettre en évidence les chances qui s'of- frent à nous et servir de guide dans les questions fondamenta- les qui se posent pour l'avenir de notre pays. Le 700e anniver- saire de la Confédération helvétique offre une occasion bien- venue pour engager ce processus.
Mitunterzeichner - Cosignataires: Affolter, Béguin, Bühler, Bührer, Cavadini, Cottier, Danioth, Dobler, Ducret, Flückiger, Gadient, Huber, Hunziker, Jaggi, Jagmetti, Masoni, Meier Josi, Miville, Onken, Piller, Rhyner, Roth, Rüesch, Schiesser, Schmid, Schoch, Seiler, Uhlmann, Weber, Ziegler, Zimmerli (31)
Rhinow: Ich habe mein Postulat «Leitbild Schweiz» im Wort- laut ausführlich begründet und möchte mich deshalb auf ei- nige ergänzende Bemerkungen beschränken. Die Schweiz befindet sich zurzeit - wenn ich mich nicht täusche - in einer schwierigen Lage. Wir leiden an gewissen Krisenerscheinun- gen, die uns zu schaffen machen. Viele von uns verstehen die Schweiz nicht mehr oder nur teilweise, sind verunsichert und haben Mühe, den rasanten Wandel, insbesondere den Wan- del der Werte, der Technologien, der Märkte, der Risiken, der Migration, der Umweltbelastungen, zu erfassen, einzuordnen und - vor allem - sich darauf einzustellen. Wir wissen oft auch nicht mehr, was wirklich ist oder was wir für das Wirkliche neh- men. Wir tragen Feindbilder mit uns herum, verlieren zuneh- mend den Geist der Verständigung, des Masses, der Toleranz. Die aufgedeckten konkreten Fehlleistungen haben zwar die Grössenordnung ausländischer Vorkommnisse nicht über- schritten, führten bei uns aber doch zu sehr nachhaltigen Er- schütterungen.
Unsere Mentalitätskrise zeigt sich im Verharren, in der Gedan- kenwelt der Abwehr, der Verteidigung, der Risikoscheu und der Zukunftsangst. Veränderung wird primär als Gefahr und kaum als Chance aufgefasst. Unser Reformbedarf ist gross, doch kommen wir in vielen Bereichen nur sehr schleppend oder gar nicht voran, forcieren unsere Bremsmechanismen. Das vielzitierte Wort meines verehrten Lehrers, Max Imboden, aus dem Jahre 1964 hat immer noch - ja erst recht - seine Gül- tigkeit: «Im 19. Jahrhundert waren wir eine revolutionäre Na- tion, heute sind wir eine der konservativsten der Welt.» Im kürz- lich erschienenen Länderbericht der OECD «Process in Struc- tural Reform» wird ein vernichtendes Urteil über die Unfähig- keit der Schweiz zu dringend nötigen, tiefgreifenden Refor- men abgegeben.
Wir leiden zweifellos an dieser Umbruchzeit, an diesem - wie es oft auch heisst - Paradigmenwechsel. Wir haben Mühe mit unserer Identität, wissen nicht mehr recht, was uns zusam- menhält. Ist es der Wohlstand, die Landschaft, unsere Art, Pro- bleme zu lösen, unser Milizgedanke, das Zusammenleben mehrerer Sprachen und Kulturen, unser Föderalismus, die halbdirekte Demokratie, unser Arbeits- und Perfektionswille oder unsere bewaffnete Neutralität?
Eigentlich ist es paradox: Wir haben einen grossen Reformbe- darf auf vielen Gebieten. Unsere Institutionen aber sind schlecht gerüstet, noch auf den sogenannten Sonderfall mit seiner - im internationalen Vergleich - relativ kleinen Problem- fülle ausgerichtet. Mit ihnen können wir aber diese Sisyphus- arbeit kaum bewältigen. Als müssen wir auch hier ansetzen, beim Parlament etwa, bei der Regierung, beim Gerichtswe- sen. Zudem sollten wir über die Zukunft unseres Landes in Eu- ropa befinden, eine Jahrhundertentscheidung treffen, ja wahr- scheinlich die wichtigste von uns selbst zu treffende Entschei- dung in der Geschichte unseres Bundesstaates überhaupt. All das - materielle Reformen, institutionelle und strukturelle Reformen, europäische Integration - ausgerechnet in einer Zeit der Krisenerscheinungen, Verunsicherungen und Zu- kunftsangst? Ich meine, eine Krise sei auch eine Chance. Und wenn wir die Zukunft bestehen wollen, brauchen wir wieder Ziele, Visionen, Leitwerte. Die Schweiz - und darunter ver- stehe ich die Gesellschaft und das Gemeinwesen - braucht neue Energien, braucht eine wiederbelebte und wiederbele- bende Identität in einem stark veränderten Umfeld, braucht den Aufbruch.
Mein Postulat will den Bundesrat aufrufen, in dieser Suche nach der Schweiz von morgen voranzugehen, im Jubiläums- jahr die öffentliche Diskussion voranzutreiben und zu nähren. Das Leitbild Schweiz soll dazu beitragen, den lähmenden Zweifel, die bange Ungewissheit abzulösen durch Wert- und Zielvorstellungen, welche Energien freizumachen, den Dialog wieder in Gang zu setzen, Vertrauen in unsere Kräfte und die Zukunft zu schaffen vermögen.
Das Leitbild Schweiz soll auch mithelfen, eine Integrität zu fe- stigen, die weniger im Blick zurück auf Verdienste als in der mutigen Leistung heute und morgen gründet. Mit dem Leitbild Schweiz erhält der Bundesrat zudem eine wichtige Chance, seine Führungsaufgaben wahrzunehmen. Eine Aufgabe, in welcher er heute von vielen nicht mehr die besten Noten er- hält. Denn Führung im Sinne dieses reflektierten, mutigen Vor- angehens, des Blickes über die Tagesgeschäfte hinaus, der Entschlossenheit ist in unserer Zeit wichtiger denn je. Wagen wir den existentiellen Sprung vom «Leidbild Schweiz» zum «Leitbild Schweiz»!
Bundeskanzler Buser: Das Postulat von Herrn Ständerat Rhi- now zielt in dieselbe Richtung wie seinerzeit der Vorstoss von Nationalrat Ott vom 8. Oktober 1987. Herr Nationalrat Ott lud damals den Bundesrat ein, mit Blick auf die Zentenarfeier der Eidgenossenschaft eine umfassende Studie über die wünsch- bare und erreichbare Lebensqualität für die Bewohner unse- res Landes im nächsten Jahrhundert zu erstellen, wobei diese als konkretes Leitbild und Hilfsmittel für eine zielgerichtete po- litische Planung in den kommenden Legislaturperioden die- nen soll.
In Behandlung dieses Postulates hat der Bundesrat mit Be- schluss vom 6. Juli 1989 eine ausserparlamentarische Kom- mission unter dem Titel: «Welche Schweiz morgen?» einge- setzt. Bei der Zusammensetzung dieser Kommission wurde auf eine ausgewogene Vertretung der verschiedenen Landes- gegenden und beider Geschlechter geachtet. Die Kommis- sion unter dem Präsidium von Herrn Dr. Christian Lutz, vom Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon ZH, umfasst insge- samt 17 Mitglieder. Es wurde darauf geachtet, dass sämtliche Sachbereiche, welche für zukünftige Entwicklungen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft interessieren, in der Kommission vertreten sind. So finden sich darin die Architektur, die Syntro- pie-Stiftung, die Medizin, die Psychologie, die Theologie, die Chemie, die Volkswirtschaft, die Soziologie, die Politologie, die Medien und andere Kreise mehr. Der von den Postulanten geforderten Mitwirkung möglichst vieler Kreise aus Gesell-
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schaft, Politik, Wirtschaft, der Landwirtschaft, Wissenschaft, Religion, Bildung und Kultur ist somit durchgehend Rechnung getragen worden. Die Problemanalyse, wie sie den Postulaten zu entnehmen ist, entspricht derjenigen, welche die Kommis- sion ihren Untersuchungen zugrunde gelegt hat.
Die Kommission «Welche Schweiz morgen?» hat dem Bun- desrat im März 1990 bereits einen Zwischenbericht vorgelegt und wird auftragsgemäss im Frühjahr 1991 den Schlussbe- richt mit Szenarien unterbreiten. Die zu erwartenden Szena- rien gehen alle von Entwicklungstendenzen aus, welche die Kommission in sieben verschiedenen und als besonders rele- vant erachteten Lebensbereichen analysiert und beschrieben hat. Aufgrund der Kommissionsuntersuchungen wird es we- sentlich vom Verhalten der Bevölkerung, den Entscheiden in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft abhängen, welche dieser Entwicklungstendenzen sich verstärken und durchsetzen wer- den.
Ausschlaggebend für die künftigen Entwicklungen sind somit die Werthaltungen und die hier feststellbaren Veränderungen. Die Kommission beschrieb für die genannten Lebensbereiche je drei verschiedene Optionen, welche sich aus unterschiedli- chen Werthaltungen ergeben. Durch die Verknüpfung ver- schiedener Elemente, welche optimal zueinander passen, ge- langte sie zu vier realitätsnahen, in sich konsistenten Szena- rien.
Gemäss dem der Kommission erteilten Mandat sollen diese Szenarien im Jubiläumsjahr 1991 eine breite öffentliche Dis- kussion über wünschbare respektive nicht wünschbare künf- tige Entwicklungen auslösen. Diese Diskussion wird den poli- tischen Instanzen Anhaltspunkte dafür geben, welche der be- schriebenen möglichen künftigen Entwicklungen in breiten Bevölkerungskreisen auf Zustimmung respektive auf Ableh- nung stossen.
Sie sehen daraus, dass der Bundesrat die Sorge von Herrn Ständerat Rhinow um die Zukunft unseres Landes und ebenso seine Suche nach neuen Leitbildern teilt. Er hält aber dafür, dass mit den bereits eingeleiteten Schritten den wesent- lichen Anliegen des Postulates von Herrn Ständerat Rhinow Rechnung getragen ist, und kommt deshalb zum Schluss, dass dieses Postulat heute als erfüllt zu betrachten ist und des- halb abgeschrieben werden kann.
Rhinow: Ich bin von dieser Antwort zwar nicht überrascht, weil sie im Nationalrat bereits schriftlich ausgeteilt wurde, aber sehr erstaunt. Der Antrag des Bundesrates ist zudem unüblich, zu- mindest für die Gepflogenheiten dieses Rates. Ich nehme dankbar zur Kenntnis und hatte auch zuvor davon Kenntnis, dass der Bundesrat gestützt auf das Postulat von alt National- rat Ott eine Kommission eingesetzt hat, welche - und das war die Zielsetzung - eine umfassende Studie «über die wünsch- bare und erreichbare Lebensqualität für die Bewohner unse- res Landes im nächsten Jahrhundert» zu erstellen hat. Diese Kommission wird im Frühjahr 1991 offenbar den Schlussbe- richt mit Szenarien vorlegen.
Nun ist dies allerdings kein Grund, mein Postulat, das immer- hin von 31 Kolleginnen und Kollegen in diesem Rat unterzeich- net worden ist, abzuschreiben. Und dies namentlich aus fol- genden Gründen: Erstens ist die Stossrichtung meines Postu- lates nicht genau die gleiche wie beim Postulat Ott. Herr Ott war und ist ebenfalls dieser Auffassung, wie er mir persönlich bestätigt hat. Er hat übrigens genau aus diesem Grund das gleichlautende Postulat von Frau Nationalrätin Zölch auch un- terzeichnet. Beim Postulat Ott steht die Lebensqualität des ein- zelnen Menschen im Vordergrund. Mir geht es primär um die Identität der Schweiz, ihren Zusammenhalt im Innern wie ihre Stellung im integrierten Europa und der Völkergemeinschaft. Trotz offensichtlicher Berührungspunkte und Ueberschnei- dungen rechtfertigt sich aus dieser Erwägung heraus das Ab- schreiben nicht. Ich möchte nicht auf den Umstand eingehen, dass es sich beim Postulat Ott nur - das «nur>> bitte ich nicht falsch zu verstehen - um einen nationalrätlichen Vorstoss han- delt.
Zweitens rechtfertigt sich ein Abschreiben erst dann, wenn das Anliegen des Vorstosses effektiv erfüllt ist. Die blosse Ein- setzung einer Kommission gewährleistet noch lange kein Leit-
bild des Bundesrates. Kommissionen hatten wir schon oft, ein Leitbild des Bundesrates noch nie. Mir geht es darum, dass der Bundesrat seine Vorstellungen deklariert. Und ich gebe mich nicht zufrieden mit x-beliebigen Szenarien, wie wir sie schon aus anderen Bereichen gewohnt sind, unter welchen sich jeder und jede ihre Schweiz heraussuchen können.
Gerade hier will sich der Bundesrat offensichtlich nicht festle- gen. Er sagt - und der Bundeskanzler hat es heute auch ge- sagt -, der Bundesrat «könnte» dann ein Szenario als das sei- nige erklären. Er könnte es, aber er muss es nicht. Ich aber po- stuliere, dass er es muss. Ich möchte, dass der Bundesrat dem Schweizervolk sagt, wie die Schweiz aus seiner Sicht aussehen soll. Denn das Schweizervolk erwartet nicht noch mehr alternative Entwürfe, sondern eine klare, zukunftswei- sende Haltung der Landesregierung.
Zum Schluss ein Drittes: Wir können mit der Ueberweisung dieses Postulates ein wichtiges Zeichen setzen, nämlich dass wir vom Bundesrat erwarten, dass er vorausschaut, dass er mutig handelt, dass er führt.
Aus diesen Gründen bitte ich Sie im Namen der 31 Mitunter- zeichner, das Postulat zu überweisen und nicht sang- und klanglos abzuschreiben.
Bundeskanzler Buser: Nur eine Bemerkung wegen des Aus- teilens der Antwort an Frau Zölch. Das ist absprachegemäss. Wenn ein Vorstoss im Nationalrat und im Ständerat mit schrift- lichem Verfahren eingereicht wird, dann wird die Antwort des Bundesrates im Nationalrat, wo das schriftliche Verfahren gilt, am gleichen Tag ausgeteilt, wie hier die mündliche Antwort er- teilt wird. Das ist das normale Vorgehen.
Nun zum Bericht selber. Was kann der Bundesrat anderes tun als eine Kommission einsetzen, die als Grundlage einen Be- richt erstellt? Aufgrund dieses Berichts entfaltet sich dann die Diskussion. Es ist selbstverständlich nicht das Ei des Kolum- bus zu erwarten. Aber von der Kommission ist ein interessan- ter Bericht zu erwarten, nach dem, was man aufgrund des Zwi- schenberichtes weiss. Die Meinung ist, dass dann eine breite öffentliche Diskussion entfacht wird, eine Diskussion, die selbstverständlich auch im Parlament ihren Niederschlag fin- den wird und voraussichtlich auch in neuen Vorstössen an die Adresse des Bundesrates. Daher ist er zum Schluss gekom- men, dass das, was gestützt auf das Postulat getan werden sollte, eigentlich bereits läuft und die breite Diskussion dann beginnt, wenn dieser Bericht der Kommission vorliegt.
Rhinow: Das Unübliche, das ich erwähnt habe, bezog sich nicht auf das Austeilen der schriftlichen Antwort, sondern auf die Empfehlung des Bundesrates, ein Postulat abzuschrei- ben, obwohl die Ziele des Postulates noch nicht erfüllt sind. Das möchte ich als unüblich bezeichnen.
Ich wende mich zudem nicht gegen eine Kommission. Ich bin sogar froh, dass hier gute Vorarbeit geleistet wird. Aber die Kommission erfüllt mein Anliegen eben nicht, weil ich den Bundesrat herausfordern möchte, Stellung zu beziehen. Ich möchte nicht nochmals eine neue Kommission schaffen.
Ueberwiesen - Transmis
Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali
Postulat Rhinow Leitbild Schweiz Postulat Rhinow Perspectives pour la Suisse
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1991
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Anno
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I
Volume
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Session
Januarsession Session de janvier
Sessione
Sessione di gennaio
Rat
Ständerat
Conseil
Conseil des Etats
Consiglio
Consiglio degli Stati
Sitzung
02
Séance
Seduta
Geschäftsnummer 90.692
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Datum 23.01.1991 - 16:00
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