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6 octobre 1989
1754
Interpellation Fankhauser
Präsident: Der Interpellant ist von der Antwort des Bundes- rates nicht befriedigt.
89.557
Interpellation Fankhauser Drogenabhängige, Flüchtlinge und Migrantinnen/Migranten. Europäische Abschottungspolitik Toxicomanes, réfugiés et travailleurs migrants. Coopération au plan européen
Wortlaut der Interpellation vom 23. Juni 1989
In verschiedenen Gremien tagen Minister und Staatssekretäre der EG (Stichworte: Trevi, Koordinatorengruppe zur Aufhe- bung der Binnengrenzen) und Teilen davon (Schengen) infor- mell und unter Ausschluss von Parlamenten und Oeffentlich- keit. Sie befassen sich dabei mit sogenannten Ausgleichs- massnahmen zum behaupteten Abbau der Sicherheit inner- halb Europas bei der geplanten Oeffnung der Binnengrenzen auf die Jahre 1991-1993 hin. Die Schweiz, wiewohl direkt nicht beteiligt, hat in mehreren Kontakten seit 1987 (vor allem Juni 1988, November 1988 und Mai 1989) informell an Treffen teil- genommen. Ueber die Gerzensee/Oslo/Wien-Konferenzen ist sie darüber hinaus direkt beteiligt, ebenso über das Europa- rats-Gremium CAHAR.
Wir fragen deshalb den Bundesrat an:
Was wurde anlässlich des Treffens der Schweizer Delega- tion unter Bundesrat Koller in Madrid im Mai am Trevi-Treffen über gegenseitige Zusammenarbeit gesprochen?
Wie könnte eine solche Zusammenarbeit nach heutigem Er- kenntnisstand aussehen?
Ist es grundsätzlich ein Thema, dass die Schweiz spezielle Kontakte mit dem neu eingerichteten Trevi-Zentralbüro (beste- hend aus dem aktuellen Vorsitzenden und den zwei Vorgän- gern und Nachfolgern) einrichtet?
Ist die Schweiz einer Europolizei, wie sie bei Trevi offiziell diskutiert wird, eher gut oder eher weniger günstig gesinnt?
Welche Aufgabe hatte am Treffen in Madrid der Adjunkt der Bundesanwaltschaft, Roland Burkhard, welcher Bundesrat Koller begleitete?
Gibt es Absichten, dass die Schweiz sich dem in Madrid von Trevi vereinbarten dezentralen Informationsaustauschnetz an- schliessen und eine entsprechende Zentrale in der Schweiz . einrichten wird?
Traf sich die Schweizer Delegation in Madrid auch mit der sogenannten Koordinationsgruppe zur Aufhebung der Bin- nengrenzen, welche ein zentrales Gremium der EG ist?
Wurde in irgendeiner Form über einen einheitlichen euro- päischen Asylrechts-Entwurf gesprochen, den diese Koordi- nationsgruppe oder eine andere Gruppe vorbereiten soll? 9. Wenn ja, welches ist genau der Inhalt?
Wie könnte sich die Schweiz daran beteiligen, und bis wann?
Wird die Schweiz am EG-Gipfel in Madrid vom 26./27. Juni 1989 als Zuhörerin ebenfalls dabei sein?
Wenn ja: Sind die unter Ziffern 2-11 erwähnten Ueberle- gungen dabei auch ein Thema?
Wenn ja, inwiefern?
Wird das Parlament in jedem Fall frühzeitig, das heisst noch während allfälligen Vertragsverhandlungen, in die Ueberlegungen und Pläne des Bundesrates einbezogen, und nicht erst bei einer allfälligen Ratifikation?
Gilt dies insbesondere auch für Vorhaben des Europarates (Stichwort CAHAR) und der informellen Konsultationen (Stich- worte: Gerzensee/Oslo/Wien)?
Werden nebst dem Parlament im Fall von Schweizer Ver- handlungen auch Fachleute aus dem Bereich der Flücht- lings-, Migrations-, Entwicklungs- und Menschenrechtspolitik einbezogen?
Texte de l'interpellation du 23 juin 1989
Les ministres et les secrétaires d'Etat de la Communauté euro- péenne se rencontrent au sein de divers comités (TREVI) et souscomités (groupe de coordination traitant des effets de la suppression des barrières douanières, issu des accords de Schengen), ceci de façon informelle et à l'écart du public et des parlements nationaux. Ils s'occupent de mesures d'har- monisation en vue de parer au risque présumé d'insécurité lié à l'ouverture des frontières européennes dans les années 1991 à 1993. La Suisse, malgré qu'elle ne soit pas directement impliquée, a pris une part informelle aux réunions depuis 1987, en particulier en juin 1988, novembre 1988 et mai 1989. Ainsi, elle a assisté aux conférences de Gerzensee, Vienne et Oslo, ainsi qu'aux séances du comité CAHAR du Conseil de l'Europe.
De ce fait, nous posons au Conseil fédéral les questions sui- vantes:
Quels ont été les thèmes de la rencontre, au mois de mai à Madrid, entre le comité TREVI et la délégation suisse conduite par le conseiller fédéral Koller, rencontre consacrée à la coo- pération?
Comment pourrait se présenter cette coopération en l'état actuel des choses?
A-t-il été fait mention des contacts spéciaux que la Suisse a établis avec le nouveau bureau central du TREVI (formé du président actuel, ainsi que de ses deux prédécesseurs et suc- cesseurs)?
Quelle est la position de la Suisse par rapport à la création d'une police européenne telle qu'elle est discutée officielle- ment par le TREVI?
Quelle était à Madrid la fonction exacte de l'adjoint au Minis- tère public de la Confédération, M. Roland Burkhard, qui ac- compagnait M. Koller?
La Suisse envisage-t-elle de se relier au réseau décentralisé d'échange d'informations décidé à Madrid par le TREVI, et d'établir en Suisse une centrale correspondante?
La délégation suisse à Madrid a-t-elle également rencontré le groupe de coordination pour la suppression des barrières douanières intérieures, qui est un des comités les plus impor- tants de la CEE?
A-t-il été fait mention sous quelque forme que ce soit d'un projet de loi unifiée sur l'asile en Europe, que doit préparer l'un ou l'autre de ces groupes de coordination?
Dans l'affirmative, quel en est le contenu?
Comment la Suisse pourrait-elle y prendre part, et ce jusqu'à quand?
La Suisse sera-t-elle présente au sommet de Madrid les 26 et 27 juin 1989 en tant qu'observatrice?
Dans l'affirmative, traitera-t-on des thèmes présentés sous les chiffres 2 à 11?
Si tel est le cas, dans quelle mesure?
Le Parlement sera-t-il informé à temps des intentions du Conseil fédéral durant les négociations et non seulement lors d'une éventuelle ratification?
Ceci vaut-il également pour les projets du Conseil de l'Eu- rope (CAHAR) et les consultations informelles (Gerzensee/ Oslo/Vienne)?
En cas de négociations suisses, sera-t-il également fait ap- pel, en plus des représentants du Parlement, à des spécialis- tes dans les domaines de la politique des réfugiés, de l'immi- gration, du développement et des droits de l'homme?
Mitunterzeichner - Cosignataires: Ammann, Bär, Bäumlin Ri- chard, Bäumlin Ursula, Bircher, Bodenmann, Borel, Braun- schweig, Brügger, Carobbio, Danuser, Hafner Rudolf, Haller, Jeanprêtre, Leuenberger-Solothurn, Leuenberger Moritz, Leu- tenegger Oberholzer, Matthey, Mauch Ursula, Ott, Pitteloud, Rechsteiner, Thür, Ulrich, Zbinden Hans (25)
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Interpellation Fankhauser
Schriftliche Begründung - Développement par écrit
Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, Schweizer Sektion, hat über befürchtete nachteilige Auswir- kungen solcher «Harmonisierungsmassnahmen» in ihrem neuesten «Magazin» grosses Unbehagen ausgedrückt, ebenso die internationale Dachorganisation der nicht-regie- rungsgebundenen Hilfsorganisationen ECRE, die Asylkoordi- nation Schweiz und die Schweizerische Zentralstelle für Flüchtlingshilfe (Tagung Biel Ende April). Auch fortschrittliche Drogenkreise und Migrationsbewegungen blicken mit Un- behagen auf die geheimen Verhandlungen auf EG-Ebene. Be- fürchtet wird insbesondere, dass
Flüchtlinge und Migrantinnen/Migranten nicht mehr auf dem Land- oder Luftweg nach Westeuropa und nach der «Insel» Schweiz gelangen können,
die offiziellen Asylverfahren «nach unten» vereinheitlicht wer- den, womit der Rechtsschutz verschlechtert wird,
die innereuropäischen Wanderbewegungen unterbunden werden, womit die Chance entfällt, sich das relativ humanste Asylland auszusuchen,
die polizeiliche Fahndungs-, Ueberwachungs-, Bespitze- lungstätigkeit sowie die Zahl der Polizeikontrollen zunimmt und sich vermehrt nach subjektiven Kriterien (Wertvorstellun- gen der Polizeibeamten) statt nach objektiven (Grenzkontrol- len für alle) richtet, wie jüngst ein TV-Beitrag der ARD über Eu- ropa gezeigt hat,
die Drogenfahndung sich vermehrt gegen die Drogenkon- sumentinnen und Drogenkonsumenten richtet statt gegen die grossen mafiosen und wirtschafts-vernetzten Drogenstruktu- ren.
Speziell interessiert in diesem Zusammenhang, wie der Bun- desrat die Rolle der Schweiz sieht, die sich offiziell nur im Euro- parat und bei den informellen Konsultationen (Gerzensee/ Oslo/Wien) beteiligen kann, die aber informell Kontakte pflegt.
Schriftliche Stellungnahme des Bundesrates vom 13. September 1989
Rapport écrit du Conseil fédéral du 13 septembre
Eine Reihe von Fragen der Interpellantin betrifft die Organisa- tion Trevi. Diese 1976 von den Innen- bzw. Justizministern der Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft ins Leben gerufene Arbeitsgemeinschaft analysiert auf verschiedenen Organisationsebenen den internationalen Terrorismus, die Betäubungsmittelkriminalität, das internationale Verbrechen und andere sicherheitsrelevante Fragen und erarbeitet geeig- nete Massnahmen und Absprachen zu einer umfassenden Zu- sammenarbeit bei ihrer Bekämpfung. Trevi ist einerseits Kon- ferenz der Innenminister der 12 EG-Staaten, andererseits ein Zusammenschluss der Chefs der Sicherheits- und Polizei- dienste sowie der Experten dieser Länder. Eine sogenannte «Troika» (bestehend aus dem amtierenden Präsidenten sowie dessen Vorgänger bzw. Nachfolger) vertritt die Trevi-Gruppe nach aussen. Sie führt Konsultationen mit einigen gleichge- sinnten Nicht-Mitgliedstaaten, worunter die Schweiz.
1./2. Die Trevi-Troika hat sich in Madrid interessiert gezeigt, die Zusammenarbeit mit den Nicht-Mitgliedstaaten zu intensivie- ren. Der institutionelle Rahmen für eine konkretere und effizi- entere Zusammenarbeit muss aber erst noch geschaffen wer- den. Konkrete Pläne wurden bisher noch nicht vorgelegt. Da die Schweiz als Nicht-EG-Staat Trevi nicht angehören kann, ist es an dieser Organisation, Vorschläge für die Modalitäten ei- ner Zusammenarbeit zu unterbreiten.
Die Schweiz hat bisher an zwei Drittstaatenkonsultationen der Trevi-Troika teilgenommen (in München im Juni 1988 und in Madrid im Mai 1989). Die Schweiz ist interessiert an konti- nuierlichen Kontakten zu Trevi, um über die in diesem Gre- mium geleistete Arbeit und die gefassten Beschlüsse infor- miert zu werden. Unser Land darf nicht infolge der Nichtmit- gliedschaft in Trevi zu einem Raum werden, wo Terroristen, Drogenhändler und andere Kriminelle sich den für den EG- Raum beschlossenen Bekämpfungsmassnahmen entziehen können.
Da der Schweiz bisher keinerlei Pläne über eine Zusam- menarbeit europäischer Polizeien unterbreitet wurden, kann sich der Bundesrat zu diesem Punkte nicht äussern.
Dem Adjunkten der Bundesanwaltschaft Dr. Roland Burk- hard oblag in Madrid die Beratung des Vorstehers des EJPD in sicherheitspolitischen Fragen (namentlich Terrorismus).
Es liegen seitens von Trevi noch keinerlei Pläne für eine ver- tieftere Zusammenarbeit mit den Nicht-Mitgliedstaaten vor. Der Bundesrat kann sich deshalb zu diesem Punkte nicht äus- sern.
Ein Treffen der Schweizer Delegation mit der Koordinations- gruppe zur Aufhebung der Binnengrenzen fand in Madrid nicht statt.
Die Einwanderungsminister der EG haben schon seit länge- rer Zeit Fragen im Zusammenhang mit der Zuständigkeit zur materiellen Behandlung von Asylgesuchen erörtert. In Madrid fand kein diesbezüglicher Meinungsaustausch mit der Trevi- Troika statt. Anlässlich der Gespräche mit der Delegation der Einwanderungsminister wurde dieser Fragenkomplex nicht angesprochen. Die Schweiz ist dennoch interessiert am Fort- gang der Arbeiten, da nur durch internationale Vereinbarun- gen die Probleme des Flüchtlings in einer «orbit-Situation» und der unkontrollierten innereuropäischen Wanderungs- bewegung von Asylsuchenden gelöst werden können.
Ein Entwurf über eine Erstasylkonvention der Einwande- rungsminister der EG liegt zurzeit nicht vor.
Als Nichtmitgliedstaat der EG kann die Schweiz nicht dar- über entscheiden, ob und wann sie sich an Vertragsverhand- lungen beteiligen will. Im Bereiche eines Erstasylabkommens kann sie lediglich ihr Interesse an einer Mitwirkung bekunden, was sie auch getan hat.
bis 13. Die Schweiz hat am EG-Gipfel vom 26./27. Juni 1989 nicht teilgenommen.
Die eidgenössischen Räte wurden in den vergangenen Jahren anlässlich der Behandlung von parlamentarischen Vorstössen, in der Fragestunde wie auch in den Geschäfts- berichten 1986, 1987 und 1988 über die Arbeiten im Zusam- menhang mit einem Erstasylabkommen orientiert. Auf euro- päischer Ebene sind indessen bis heute die Arbeiten nicht ab- geschlossen, so dass sich der Bundesrat darüber noch nicht aussprechen konnte.
Das unter Ziffer 14 Gesagte gilt auch für das Abkommen, das im Rahmen des Europarates ausgearbeitet wurde und ge- genwärtig im Ministerkomitee behandelt wird. Der Bundesrat ist an einem Zustandekommen eines solchen völkerrechtli- chen Instrumentes interessiert, da Probleme im Asyl- und Flüchtlingsbereich zunehmend nur durch internationale Koor- dination gelöst werden können. Was die informellen Konsulta- tionen zwischen dem UNHCR und verschiedenen europäi- schen Aufnahmestaaten, den Vereinigten Staaten, Kanadas und Australiens anbetrifft, so findet in diesen Konferenzen ein breit angelegter Meinungsaustausch über gemeinsam inter- essierende Fragen der Flüchtlings- und Asylpolitik statt. Es liegt aber in der Natur der Konsultationen, dass keine für die Teilnehmer verbindlichen Beschlüsse gefasst werden. Dem- zufolge finden auch keine Vertragsverhandlungen statt.
Im Bereiche des Europarates beauftragte das Ministerko- mitee das aus Fachexperten der Mitgliedstaaten zusammen- gesetzte CAHAR mit der Ausarbeitung eines völkerrechtlichen Vertrages. Im CAHAR sind wohl u. a. das UNHCR, nicht aber nichtgouvernementale Organisationen vertreten. Demzufolge werden Fachleute und interessierte Organisationen nicht zu den Vertragsverhandlungen, wohl aber in das Ratifikationsver- fahren einbezogen.
Präsident: Die Interpellantin ist von der Antwort des Bundes- rates teilweise befriedigt.
Frau Fankhauser: In Sachen Trevi- und Schengen-Abkom- men übt der Bundesrat höchste Diskretion, um nicht von Ge- heimnistuerei zu sprechen. Auch in Europa werden die Parla- mente in diese Abschottungspolitik sehr wenig miteinbezo- gen. Ich erwarte vom Bundesrat, dass er von dieser Haltung der Geheimnistuerei wegkommt und dass er bei künftigen Entscheiden in diesem Bereich das Parlament rechtzeitig in- formiert und mit einbezieht.
In der Beantwortung der Interpellation wurde eine Troika er- wähnt. Glasnost in dieser Sache wäre sehr zu wünschen.
Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali
Interpellation Fankhauser Drogenabhängige, Flüchtlinge und Migrantinnen/Migranten. Europäische Abschottungspolitik
Interpellation Fankhauser Toxicomanes, réfugiés et travailleurs migrants. Coopération au plan européen
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Consiglio
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Datum 06.10.1989 - 08:00
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