Verwaltungsbehörden 07.10.1982 80.504
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Interpellation der sozialdemokratischen Fraktion
geeignet. Ich habe Ihnen dargetan, dass diese Ergänzungs- leistungen um 13,6 Prozent erhöht worden sind; auch die Abzüge für Hypothekarzinsen und die Pauschalabzüge für Heizkosten wurden erhöht. Man hat also von Bundes wegen gezielte Hilfe geleistet und für einmal nicht das berühmte Giesskannenprinzip angewendet. Zu Herrn Daf- flon: Wenn Sie sagen, für die alten Leute würde heutzutage zu wenig getan, dann stimmt das einfach nicht. Leider ist Herr Dafflon nicht da. Die Fälle, die er angeführt hat, lassen sich mit einigen Prozenten Teuerungsausgleich ein Jahr frü- her oder ein Jahr später nicht lösen, das sind Sozialfälle, und für solche Sozialfälle sind nach wie vor die Gemeinden und die Kantone, vor allem aber die Gemeinden mit ihren Fürsorgehilfsmitteln zuständig. Wir sind also der Ansicht, auch angesichts der Drucksachenflut und des administrati- ven Aufwandes bei hundert angeschlossenen Ausgleichs- kassen, dass es nicht richtig ist, diese administrativen Zusatzkosten der AHV und der IV zu belasten.
Deshalb beantragt Ihnen die Mehrheit der Kommission, die Initiative nicht zu ergreifen.
Bundesrat Hürlimann: Wie Sie wissen, durchläuft eine par- lamentarische Initiative ein Zweiphasensystem. In einer ersten Phase wird durch eine Kommission Ihres Rates geprüft, ob auf die parlamentarische Initiative einzutreten sei oder nicht. Erst in der zweiten Stufe wird dann für den Fall, dass Eintreten beschlossen würde, die Stellungnahme des Bundesrates zur Initiative eingeholt.
Wir sind gegenwärtig - wie Sie das vor acht Tagen und jetzt wieder festgestellt haben - in der sogenannten ersten Phase, da Sie jetzt zu entscheiden haben, ob auf diese par- lamentarische Initiative einzutreten sei oder nicht. Der Bun- desrat - ich möchte das ausdrücklich festhalten - hat in dieser Phase und auch bei den Beratungen dieser Initiative in der Kommission keine Stellungnahme abgegeben. Dage- gen wurden für besondere Informationen meine Mitarbeiter vom Bundesamt für Sozialversicherung zugezogen; diese haben im Auftrage Ihrer Kommission auch entsprechende Unterlagen bereitgestellt. Ich kann deshalb der Kommis- sion, ihrer Präsidentin, Frau Spreng, und dem Sprecher der deutschen Sprache, Herrn Hösli, attestieren, dass sie sich diese Frage nicht leicht gemacht haben.
Weil der Bundesrat zu dieser Initiative noch nicht Stellung genommen hat, mögen Sie mir drei persönliche Bemerkun- gen gestatten.
Eine erste: Die Anpassung unserer Renten - es handelt sich um über 1 Million Renten, und die Renten nehmen jähr- lich zu, wie Sie wissen - wurde bis und mit der 9. AHV-Revi- sion immer aufgrund von gesetzlichen Änderungen vorge- nommen und somit durch die eidgenössischen Räte beschlossen. Nach einer eingehenden Beratung - viele unter Ihnen erinnern sich daran - haben wir mit der 9. AHV- Revision eine entsprechende Regelung erarbeitet, wie inskünftig die Renten angepasst werden sollten. Die 9. AHV-Revision ist auf den 1. Januar 1979 in Kraft getreten und erstmals auf Neujahr dieses Jahres ist nun die seiner- zeit von den eidgenössischen Räten erarbeitete und im Jahre 1978 vom Volk in einer Volksabstimmung gutgeheis- sene gesetzliche Regelung bei einer Rentenerhöhung zur Anwendung gelangt. Diese Methode der Anpassung ist auf viel Verständnis gestossen, und es erscheint mir deshalb zweckmässig, zunächst einmal die Erfahrungen mit dieser Methode abzuwarten.
Eine zweite Bemerkung. Es wurde hier schon vor acht Tagen und heute wieder erklärt, dass es natürlich trotz die- ser Anpassung immer noch Rentner in unserem Land gibt, die mit der Rente allein nicht auskommen, ihre Existenz nicht sichern können. Wir haben für solche Fälle, wie Sie wissen, in unserem Sozialwerk die sogenannten Ergän- zungsleistungen vorgesehen, auf die ein rechtlicher Anspruch besteht, wenn die entsprechenden Vorausset- zungen erfüllt sind. Aufgrund von vielen Korrespondenzen stelle ich immer wieder fest, dass die Leute hierüber trotz unserer Aufklärung nicht genügend informiert sind. In bezug auf die Ergänzungsleistungen sind wir nicht an den
Mischindex gebunden, sondern wir können, wie wir das jetzt wieder gemacht haben, beispielsweise die gestiege- nen Kosten für Mieten berücksichtigen. Wir können also den Rentnern, die auf diese Ergänzungsleistungen ange- wiesen sind, auf eine flexiblere Art und Weise entgegen- kommen. Deshalb kann man, wenn man von der Rentenan- passung spricht, nicht nur von der jetzt im Gesetz festge- legten Regel ausgehen, wie diese mehr als 1 Million Renten angepasst werden sollen, sondern man muss diese Ergän- zungsleistungen mit einbeziehen, die, um auf sogenannte soziale Härten entsprechend Rücksicht nehmen zu können, einer anderen Regelung unterworfen sind.
Noch eine dritte und letzte Bemerkung. Wenn man über Änderungen unserer Sozialwerke und über Verbesserun- gen unserer Leistungen diskutiert, muss man einerseits an die Rentner denken, die auf diese Renten Anspruch haben, andererseits muss man auch an jene denken, welche diese Renten finanzieren. Es gibt nicht nur eine Rentnergenera- tion, es gibt auch eine Finanzierungsgeneration. Das sind unsere Arbeitnehmer, das sind die Arbeitgeber, die selb- ständig Erwerbenden, die Wirtschaft, die öffentliche Hand. Diese Finanzierungsgeneration erwartet, dass auch sie spä- ter einmal Anspruch auf solche Renten hat. Diese Zusam- menhänge sind mit einzubeziehen. Persönlich möchte ich deshalb den Antrag Ihrer Kommission unterstützen. Wie gesagt, der Bundesrat hat dazu nicht Stellung genommen, weil es sich hier erst um die Frage handelt, ob auf die Initia- tive eingetreten werden soll oder nicht. Wie aus den Darle- gungen der Kommissionssprecher und der Votanten her- vorgeht, können wir der Initiative im jetzigen Zeitpunkt aus den genannten Gründen keine Folge geben.
Präsidentin: Die Kommission beantragt Ihnen, der Initiative keine Folge zu geben und sie abzuschreiben. Frau Masca- rin hält daran fest.
Abstimmung - Vote Für den Antrag der Kommission Für den Antrag Mascarin
78 Stimmen 33 Stimmen
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Interpellation der sozialdemokratischen Fraktion Jugendpolitik Interpellation du groupe socialiste Politique de la jeunesse
Diskussion - Discussion
Siehe Jahrgang 1981, Seite 1375 - Voir année 1981, page 1375
Mme Deneys: Je suis bien contente que nous traitions aujourd'hui de cette interpellation car j'en étais arrivée à craindre que les jeunes concernés ne deviennent entre temps des grand-pères et des grand-mères.
Je n'ai pas l'intention de vous retenir longuement sur le sujet, à la fois toujours changeant et vieux comme le monde, de la politique à l'égard de la jeunesse, mais les événements de Zurich, de Berne, de Bâle, de Lausanne aussi, laissent des traces dans les mémoires et sur les faça- des. Des sursauts de contestation nous empêchent de les oublier tout à fait.
Ne serait-il pas plus judicieux toutefois de ne pas les entre- tenir, comme on l'a fait apparemment à Berne la semaine précédente, ne serait-il pas plus sage d'effacer en somme l'ardoise et d'amnistier les participants à ces manifesta- tions, maintenant entre les mains de la justice pénale? Telle
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est ma première interrogation. Nous aurons je crois l'occa- sion d'y revenir en détail au cours de la session prochaine. A la suite de ces manifestations, la commission fédérale pour la jeunesse a publié deux rapports sous forme de thèses, dont le destin n'était pas seulement de devenir des succès d'édition. Le deuxième rapport contient un certain nombre de propositions concrètes sur lesquelles le Conseil fédéral est resté muet, ainsi qu'il le fait d'ailleurs lors des publications de la commission pour les questions fémi- nines. Cette manière de faire procéder à des études, sur mandat des chambres parfois, il est vrai, puis de laisser s'écouler le temps comme remède définitif, n'est pas satis- faisante. La Confédération en effet, autant que les cantons et les communes, porte une part de responsabilité à l'égard des jeunes. On le voit bien par exemple lorsqu'il s'agit de protéger la petite minorité des porteurs de maturité - le 10 pour cent en moyenne des jeunes d'une classe d'âge - contre les effets d'une éventuelle application d'un numerus clausus dans les études de médecine.
Or le problème de la formation des jeunes, de la formation des apprentis et des étudiants, dans tous les autres domaines, se pose à nouveau et d'une manière générale, avec acuité. Le problème de la définition et de la réalisation de nouvelles voies de formation adaptées à l'évolution tech- nologique ne peut être abandonné au hasard. J'avais sou- levé cette question à propos de la construction de l'institut de pédagogie destiné à former les enseignants des écoles professionnelles et insisté sur la nécessité de la recherche qu'il faut absolument promouvoir dans ce domaine. Cette tâche est primordiale et d'intérêt national. Le Conseil fédé- ral, en se ralliant pratiquement sans autre, à la solution du Conseil des Etats, ce qui a eu pour effet de dissuader fina- lement notre conseil de prendre une position différente, n'a pas rempli ses obligations à l'égard de la nouvelle généra- tion. Le discours de bonnes intentions qu'il tient dans sa réponse à l'interpellation du groupe socialiste est ainsi contredit dans la réalité. La crédibilité du pouvoir politique ne s'en trouve pas améliorée. Il ne suffit pas de parler de solidarité entre les générations, si les adultes d'aujourd'hui refusent de se donner les moyens de chercher des solu- tions aux problèmes nouveaux de ce temps.
Que va faire le Conseil fédéral et en particulier l'OFIAMT, pour susciter, encourager, développer de nouvelles voies de formation, surtout à l'égard des apprentis? C'est là ma seconde question.
Ceci m'amène tout naturellement à parler d'un autre pro- blème, tout aussi grave et encore plus immédiat probable- ment que le premier, auquel sont confrontés les jeunes, c'est celui de la pénurie totale de logements à des prix abordables dans la plupart des régions du pays. Ici aussi la Confédération peut et doit jouer un rôle autre que de dire - je cite la réponse du Conseil fédéral à l'interpellation du groupe socialiste - qu'«une politique responsable du loge- ment doit tenir compte des besoins spécifiques de la popu- lation de tout âge. Des solutions doivent être trouvées dans le cadre de l'ordre existant, même pour les besoins nou- veaux des jeunes en matière de logement et dans la mesure où ils sont justifiés.» Or les besoins de l'immense majorité des jeunes en matière de logement ne sont ni nou- veaux ni injustifiés. Les jeunes veulent simplement trouver à se loger à des conditions normales par rapport aux revenus dont ils disposent, c'est tout. La proportion croissante de personnes âgées dans la population, le souhait que nous formulons tous et l'intérêt que nous avons que les per- sonnes âgées puissent vivre le plus longtemps possible de façon indépendante dans leur propre appartement, sont des faits qui ne résoudront pas le problème du logement des jeunes s'il n'y a pas une intervention accrue et énergi- que des pouvoirs publics dans ce secteur.
Le Conseil fédéral est-il prêt à faire des propositions concrètes, et dans les plus brefs délais, pour améliorer la situation sur le marché du logement? C'est là ma dernière question. J'en resterai là pour l'instant sur ce sujet, d'autres membres du groupe socialiste traiteront en effet d'autres aspects de cette politique de la jeunesse.
Müller-Aargau: Die Forderung nach zusätzlichen Bundes- massnahmen in der Jugendpolitik ist gefährlich. Sie weist uns eindeutig auf einen Holzweg und wirkt der Zielsetzung, eine sinnvolle Jugendarbeit zu betreiben, geradezu entge- gen.
Dass das Problem nur an gewissen Orten aufgebrochen ist und dass sowohl bei den Detailproblemen als auch im Grundsätzlichen sehr viel Lokalkolorit sichtbar wird, beweist, dass selbst im Grundsätzlichen Massnahmen nach örtlichen Gegebenheiten gestaltet sein müssen. Da für die meisten Schweizer Bundeshilfen ohne Weisungen von oben nicht denkbar sind, würden wir mit einem erhöhten Engage- ment des Bundes allen Einsichten und Vorschlägen der Experten und Betroffenen entgegenwirken: Zentralismus tötet, Zentralismus «vergletschert».
An Stelle einer Zusammenfassung und Kommentierung von Gesagtem und Geschriebenem über die Jugendunruhen verwende ich einen Schlüssel zu allem, gleichsam ein Zau- berwort: «Gemütlichkeit», und zwar nach dem eigentlichen Inhalt des Wortes: «Gemüt» - «lichkeit». Wenn das Fehlen der Gemütlichkeit im eigentlichen Sinne des Wortes als generelle Ursache des heutigen Unbehagens und des Pro- testes der Jugend angesehen wird, wäre es kontraproduk- tiv, zentralistische Massnahmen von seiten des Bundes vor- zusehen.
Was der Bund wirklich kann, aber auch schon getan hat, das ist die vergleichende Analyse des Zustandes, da in gesellschaftlichen Untersuchungen der Vergleich in der Realität des grösseren Raumes unabdingbar ist, vor allem für jene, die frei von Ideologie und frei von grundsätzlicher Ideenkritik die Wirklichkeit betrachten. Sie analysieren und wollen aufgrund von daraus gewonnenen Einsichten für Verbesserungen und Abhilfe sorgen.
Es gibt noch Menschen, die nicht zum voraus wissen, dass alle diese Krisen systemimmanent sind! Sicher sind neue und bessere Zielsetzungen, wie der Bundesrat in seiner Antwort auf die Interpellation der SP-Fraktion sagt, ein Mit- tel, den vorhandenen Idealismus der Jugendlichen einzuset- zen, ihm gleichsam ein «Arbeitsfeld» zu bieten. Aber in die- sem Willen liegt auch eine Gefahr. Engagement beschäftigt, lenkt ab, lässt vergessen. Damit hasten wir einmal mehr mit Betriebsamkeit, zusammen mit unserer Jugend, über die Ursachen hinweg. Denn: mehr als die Zukunft zählt für die meisten Jugendlichen die Gegenwart. Die Befindlichkeit spiegelt sich im Dasein, im «Da-Sein», hier und heute. Geborgenheit, Wärme, Heimat, Natur, Offenheit, Ehrlichkeit, kurz: erstrebt wird ein menschliches Umfeld für jeden Ein- wohner dieses Landes.
Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass diese Massnahmen vor allem mit finanziellen Beiträgen ermöglicht werden. Gerade hier wäre ein Zeichen zu setzen! Geld nützt leider wenig oder nichts. Fehler, die effektiv gemacht worden sind, ver- langen Korrekturen von uns allen, aber im Verhalten, im all- täglichen Tun. Es soll nicht das Gleiche praktiziert werden, was ungeschickte Eltern aus schlechtem Gewissen heraus betrieben haben; nämlich mit Geld das auszugleichen und zu korrigieren, was an Liebe, Zuneigung, Gemütlichkeit, Häuslichkeit, Gespräch, Zuwendung, Mitgefühl und Mitlei- den gefehlt hat. Das aber können wir nicht dekretieren!
Was die Gemeinschaft - ausserhalb der Familie - hier zu verbessern hat, das passiert in erster Linie in der Gemeinde, und dann noch am Rande, etwa bei den Schulin- stitutionen, beim Kanton, aber nicht im entfremdeten Raum im Bund.
Es sollte uns zu denken geben, dass - bei Umfragen -- unsere Jugendlichen die Gemeinden am wenigsten als Gemeinschaft empfinden. Die heutige Debatte soll und kann nicht eine Stellungnahme zum Bericht der Jugend- kommission werden. Als Grundlage für eine Ratsdebatte war er ja gar nicht gedacht. Die Diskussion hat denn auch dort stattgefunden, wo sie hingehört: in den Medien, in Gesprächsrunden, am Familientisch usw.
Ein erhöhtes Engagement des Bundes, auch finanziell, aber mehr noch in der Mitsprache des Dachverbandes der Jugendorganisationen, soll mit meinen Ausführungen nicht
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etwa kritisiert oder gar verhindert werden. Jenes Engage- ment des Bundes hat es bisher schon gegeben. Es soll nach Bedarf sinnvoll ausgebaut und den schwierigeren Ver- hältnissen entsprechend angepasst werden. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Wir leben aber primär in der Gemeinde. Ist dem nicht so, dann ist bereits etwas falsch. Diese Gemeinden haben wir gemütlich zu gestalten. Alles, was in Zukunft dort zu geschehen hat, könnte unter diesem Titel geschehen oder darnach umgeformt werden. Dazu aber braucht es vor allem Einsicht, und die erhöhte Einsicht kann das Resultat dieser Debatte sein. Dazu ist diese Debatte im eigentlichen Sinne notwendig.
Müller-Luzern: Wir sind uns alle im klaren: Die Jugendpro- bleme sind so komplex, dass man sie nicht aus einem Punkt kurieren kann. Sicher aber trifft die Interpellation mit der Feststellung ins Schwarze, dass die Unruhen der Jugend Ausdruck einer Kulturkrise seien. Zu dieser Kultur- krise gehört auch eine Sinnkrise. Viele Junge vermögen kei- nen Sinn mehr im Leben zu erblicken, weil ihnen zu wenig echte Orientierungshilfen geboten werden. Man stellt sie, ohne ihnen beizustehen, vor einen verwirrlichen, chaoti- schen geistigen Selbstbedienungsladen, in dem buchstäb- lich das Widersprüchlichste ohne Gebrauchsanweisung angeboten wird.
Die Antwort auf diesen Zustand kann nicht heissen, mit vor- gefertigten Weltrezepten junge Leute indoktrinieren zu wol- len, wie dies die politischen und pseudoreligiösen Gurus aller Schattierungen tun. Vielmehr müssen wir die Jugend dazu bringen, selbst einen Sinn im Leben zu finden. Dazu müssen aber Voraussetzungen geschaffen werden; eine davon ist die Ausbildung von Jugendleitern, Leuten also, die imstande sind, die Jugend mit aktiven Methoden dazu zu führen, sich selbst zu finden.
Selbstverständlich kann der Staat allein das Jugendproblem nicht lösen. Dazu sind die Familien, die Kirchen und andere gesellschaftliche Gruppierungen aufgerufen. Aber der Staat müsste sich auf allen Ebenen darüber Rechenschaft geben, dass es verheerend ist, stets bei Präventivmassnahmen zu knausern. Es kostet Unsummen, alle Schäden zu heilen, die entstanden sind, weil man leichtfertig auf vorbeugende Massnahmen verzichtete. Was darunter beispielsweise zu verstehen ist, kann teilweise im oft geschmähten Jugendbe- richt nachgelesen werden; es ist nicht möglich, hier auf diese Dinge einzutreten.
Die Jugendprobleme aber sind nur dann auf ein erträgliches Mass zu reduzieren, wenn es gelingt, auf dem politischen Umfeld bewusst zu machen, dass eine ganz andere Einstel- lung der Jugend und der Jugendpolitik gegenüber notwen- dig ist. Man sollte sich nach meiner Meinung darauf besin- nen, was vorbeugend an die Hand zu nehmen ist, statt sich darauf zu spezialisieren, Schäden zu heilen.
Keller: Diese Interpellation ist zu einem Zeitpunkt einge- reicht worden, als das diesbezügliche Klima bedeutend heisser war. Es kann allerdings nicht schaden, auch im nachhinein darüber nachzudenken, denn wir neigen ja eben dazu, immer dann zu diskutieren, wenn die Fragen bereits brennend sind, statt sie im voraus zu erspüren. Es ist sehr schwierig, eine Analyse dieser Unruhen zu geben und damit der Massnahmen, die man politisch daraus ableiten könnte, weil sie in den verschiedenen Landesgegenden sich unter- schiedlich präsentierten oder überhaupt nicht zeigten und auch an vergleichbaren Orten, wie in den grossen Städten, sich unterschiedlich äusserten.
Man kann auf zwei Arten interpretieren, je nachdem, wie man die Dinge betrachtet: Entweder sind diese Unruhen als Ausdruck einer stets sich wiederholenden Unruheäusse- rung der Jugend aufzufassen (die sich seit dem Altertum in allen geschichtlichen Epochen nachweisen lässt) oder als eine besonders einschneidende Krise gerade unserer Zeit. Mir scheint, man dürfe diese Unruhen auf keinen Fall baga- tellisieren. Sie sind tatsächlich Ausdruck einer gewissen Krise, und zwar einer Orientierungskrise, nicht primär der Jugendlichen selbst, sondern der Generation der Älteren,
Ausdruck einer Unsicherheit in bezug auf die Werte, die in unserer Gesellschaft gelten, die in unserer Gesellschaft höher oder tiefer eingestuft sind. Das scheint mir das Grundlegende zu sein.
Unsere Schriftsteller, die wir leider in unserer politischen Praxis kaum je beachten, haben längstens auf diese Erscheinungen des Wertezerfalls hingewiesen. Wenn Sie bespielsweise einmal im Roman von Siegfrid Lenz «Das Vorbild» blättern, dann wird Ihnen dieses Werk zeigen, dass es nicht mehr gelingt, ein Lesebuch herzustellen, in dem vorbildliche Leute dargestellt werden, weil es diese Vorbil- der nicht mehr gibt, oder weil wir uns nicht mehr verständi- gen können über Vorbilder bzw. über vorbildliche Werte. Schauen Sie auch einmal nach in Dürrenmatts Schauspiel «Der Besuch der alten Dame»; hier ist vor vielen Jahren bereits dieser Wertzerfall unserer Gesellschaft eindrücklich zur Darstellung gelangt.
Wir haben auch tatsächlich eine Reihe ungelöster Pro- bleme, die unsere Jugendlichen sehr beschäftigen und für die wir nach ihrer Meinung kaum die entscheidenden Lösungen anbieten, zum Beispiel auf dem Gebiet der Ener- gie, der Rohstoffe, der Umwelt. Unsere Jugendlichen machen uns zu Recht den Vorwurf, dass wir uns in diesen Fragen zu sehr von Sachzwängen leiten lassen und zu wenig unser Handeln auf Grundsätze hin ausrichten. Es fehlt unserer Generation, welche die Macht in Händen hat, an integrierender Kraft in zweierlei Hinsicht. Integration durch verbindliche Werte wie Freiheit, Solidarität, Men- schenrechte, Verantwortung, aber auch Treue, Mut usw. Es fehlt auch an Integration durch überzeugende Kleingemein- schaften. Hier ist vor allem die Familie zu erwähnen, die ihre integrierende Kraft teilweise verloren hat. Eine Politik, die auf dieses Nachlassen der integrierenden Kräfte in unserer Gesellschaft Bezug nimmt, müsste versuchen, unsere Jugendlichen wieder für Werte, für den Wert unserer Gesellschaft überhaupt zu gewinnen. Mir scheint, es müsste vermehrt eine familienfreundliche Politik betrieben werden, vor allem dort, wo die Familie heute ganz beson- ders gefährdet ist, in den städtischen Agglomerationen. Als Beispiel sei nur das Stichwort Wohnproblematik für junge Familien erwähnt. Die Integration müsste aber auch ver- mehrt durch die Schule vollzogen werden. Unsere Schule ist eine Leistungsschule, sie zielt auf Leistung, aber gerade dies führt doch dazu, dass der Schwächere in den Stress des dauernden Misserfolgs hineingeraten kann. Unsere Sorgfalt im erzieherischen Bereich der Schule müsste ver- mehrt auf die Schwächeren gerichtet sein. Eine der zweck- mässigen Massnahmen in dieser Richtung sind kleinere Schulklassen, die vor allem den Schwächeren zugute kom- men. Ich glaube, dass unter den Jugendlichen, die Gewalt anwendeten, sich gerade auch solche befanden, die von der Schule her nicht die erfreulichsten Erlebnisse mitbrach- ten.
Die dritte Integrationsform ist der Arbeitsplatz, und hier geht es mit Blick auf die Zukunft darum, vor allem die Jugendarbeitslosigkeit zu vermeiden. Zu den diesbezügli- chen Anstrengungen muss unter Umständen auch der Staat Hand bieten.
Die vierte Integrationsform ist die Integration der Jugendli- chen in der Freizeit, wo sie unter sich sein können, wo sie sich zusammenfinden. Jugendzentren sind durchaus sinn- voll, sie sollten gefördert werden, wobei sich natürlich die Frage der Selbstverwaltung stellt. Selbstverwaltung lässt sich nur verwirklichen, solange sie einwandfrei praktikabel ist. Auf der Ebene des Bundes sollte im Zusammenhang mit der Freizeitgestaltung vor allem die ausserschulische Jugendarbeit besser unterstüzt werden, damit der Bund einen noch wirkungsvolleren Beitrag in der Jugendpolitik zu leisten vermag.
Gerwig: Ich könnte mich vielem anschliessen, was Herr Kel- ler schon gesagt hat. Ich gehe davon aus, dass unsere Generation möglicherweise einmal daran gemessen wird, wie wir, Politiker und Verantwortliche dieses Staates, mit den Jugendlichen verkehrt haben, wie wir auf sogenannte
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Jugendunruhen reagiert und welche Lösung wir gefunden haben. Eines steht für mich fest: Die relative Ruhe, die wir jetzt haben, ist trügerisch, und wir haben nicht übermässig Zeit, ein neues, normales Verhältnis zu den jungen Men- schen in diesem Lande zu finden, sie verstehen zu lernen. Es wird nicht genügen, auf die grossen Errungenschaften unserer Technik, auf unsere Sozialleistungen, auf die Löhne usw. hinzuweisen und den jungen Menschen zuzurufen, wie schön es jetzt eigentlich bei uns zu leben ist und wieviel schlechter und härter es früher war. Es wird überhaupt nicht ausreichen, wenn wir uns damit beruhigen, was viele tun, dass die Jugend ja viel besser sei, dass es nur Draht- zieher - häufig ausländische - seien, welche die Jugend negativ beeinflussen. Auch der Ruf nach Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung hilft nicht. Auch polizeiliche Hilfs- mittel sind noch kein Ersatz für eine differenzierte Jugend- politik. Man wird das Phänomen der Jugendunruhe in der ganzen Welt vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Verän- derung sehen müssen, die nach mehr und anderem als blosser Abwehr durch die etablierte politische Macht ver- langen.
In der Hinwendung zu Werten, die sich nicht in Franken und Rappen berechnen lassen, stecken bedeutende und unab- weisbare Zukunftsperspektiven. In der ganzen Auseinan- dersetzung seit 1968 hat sich unsere schweizerische Demokratie jedenfalls nicht auf der Höhe ihrer Bekennt- nisse gezeigt. Wer in unserem Land auch nur versucht, differenziert nach Lösungen und nach Verständnis zu suchen, setzt sich häufig schon dem Verdacht aus, der Unterwanderung des Rechtsstaates Vorschub zu leisten. Rechtsstaat ist aber nicht Ruhe und Ordnung, sondern ist ein Mehrfaches, ist Bewahren der Werte und Suchen nach neuen evolutionären Möglichkeiten, diesen Staat wohnli- cher, aktiver, werterfüllter, gerechter und innovativer zu gestalten. Das folgende scheint mir sehr wesentlich in bezug auf die Jugend zu sein: Es gibt gar nicht die Jugend als einen speziell existierenden Teil der Gesellschaft. Was Junge denken, fühlen und tun ist überhaupt nichts anderes, als was wir ältere und alte Menschen ebenfalls denken, füh- len und tun sollten. Nur sind wir älteren und alten Menschen eben nicht ehrlich genug, nicht bewusst genug, vielleicht auch nicht fähig genug, einzusehen, dass, was uns betrof- fen machen, uns erschüttern müsste, die Jugend tatsäch- lich betroffen macht und erschüttert. Junge Menschen - und das ist unabhängig ihres Standes - nehmen gesell- schaftliche Konflikte und Bedrohungen viel schärfer und schneller wahr und empfinden sie intensiver als die Mehr- zahl der älteren. Die Jungen reagieren mit besonderer Sen- sibilität auf die Zukunft, weil sie uns etwas ganz Entschei- dendes voraus haben: Sie haben eine längere Zukunft vor sich, sie leben länger und sie reagieren damit aktiver, viel- leicht auch krasser, vielleicht gewalttätiger, während wir nur negativ abwehrend reagieren. Ich bringe Ihnen hierfür einige Beispiele. Die Jugend hat auch in der Geborgenheit der Schweiz eine sehr grosse Zukunftsangst. Die Welt hängt voll Atombomben, ein Ende des Rüstens ist nicht abzusehen. Und erstmals in der Geschichte der Menschheit ist es denkbar, möglich und vielleicht sogar wahrscheinlich,
Konflikt West-Ost ist drohender als je, die Auseinanderset- zung Nord-Süd hoffnungsloser als je, und es kommt immer wieder auch in meiner Familie vor, dass mich meine Kinder fragen, wie ihre Zukunft noch aussehe; ob sie auch einmal Mutter werden können. Das sind Fragen, die früher nie auf- getaucht sind.
Denken Sie an unsere Ökologie, denken Sie an die Zerstö- rung des Lebensraumes, an unsere «denaturierten» Städte, in denen Jugendliche geborgen aufwachsen sollten. Den- ken Sie an die verfehlten Wohnungen, an den Leistungs- stress unserer Gesellschaft. Auch drohen wieder Rezes- sion und Arbeitslosigkeit. Denken Sie an unsere Familien, die nicht mehr wie früher sind, denken Sie an die Drogen, die eine Möglichkeit der Flucht für junge Menschen darstel- len.
Wir müssen überhaupt nachdenken und dürfen uns nicht
auf das hohe Ross der Älteren setzen. Wir sind nicht bes- ser als die Jungen, nur älter. Ich habe gesagt: Die Jugend ist nichts Spezielles; sie gibt nur klar wieder, was uns selbst bedroht. Ältere und Junge leiden ganz genau gleich unter der Zerstörung der Umwelt und gleich unter der Anonymität der Städte. Alle - alte wie junge - leiden unter dem Abbau der Familie, unter dem Stress und der Einförmigkeit der Arbeitswelt, unter der drohenden Rezession. Auch uns Alten fehlen im Leben Freiräume. Deshalb unterscheidet unsere Situation nichts von jener der Jugend, nur haben wir es ·gelernt, mehr zu verdrängen. Wir wurden gelehrt zu resignieren, wir leiden etwas stiller.
Unsere Fraktion wollte durch diese Interpellation sagen, dass eine humanere Lebenswelt unserer Kinder auch uns zukäme, dass unsere Zukunft von der Zukunft der Jungen abhängt wie auch die Zukunft der Jungen von unserer Erkenntnis. Es wird - auch wenn wir die Zukunft sehr unklar erkennen - unserer Jugend bereits helfen, wenn wir selbst sehen, dass es für alle Menschen nur eine Zukunft gibt, wenn wir erkennen, dass ohne fundamentale Revision unse- rer Grundhaltung zur Zukunft wir alle ohne menschliche Zukunft dastehen müssen.
Bundesrat Hürlimann: Für diese Interpellation und die damit verbundene Diskussion danke ich Ihnen bestens. Dieses Gespräch sollte auch im Alltag nicht abbrechen. Hier beschränke ich mich auf zwei Bemerkungen:
Der Bundesrat hat zu diesem wichtigen Problem - soweit das im Rahmen einer schriftlichen Antwort auf eine Interpel- lation möglich ist - Stellung bezogen. Diese Antwort ist nicht einfach aufgrund eines Antrages erfolgt, es kam viel- mehr zu einer eigentlichen Diskussion innerhalb des Bun- desrates. Sie ist also letztlich das Ergebnis der Beratungen im Bundesrat. Auch nach der heutigen Diskussion scheint mir die Antwort des Bundesrates den Stellenwert des Pro- blems richtig festgehalten zu haben.
Die Diskussion - das ist die zweite Bemerkung - wird aber zu einem Symbol, zu einer Aufforderung zum vermehrten Gespräch. Dies wurde in den Voten mehrmals erwähnt. Ich möchte in diesem Zusammenhang vor allem eine These der Jugendkommission unterstreichen, die immerhin das Ver- dienst hat, dass sie innerhalb unseres Landes und sogar über unsere Landesgrenzen hinaus einiges in diesem Bereich ausgelöst hat: Was bei diesen verschiedenen Generationenproblemen in den letzten Jahrzehnten tat- sächlich zu kurz gekommen ist, ist das Gespräch. Wir spre- chen zuwenig miteinander. Es wurde auch hier vorhin gesagt: Man sollte den Dialog in der Familie, in der Schule, in den Kirchen - ich darf es hier sehr deutlich sagen -, in den Parteien, in den Sportvereinen, in den verschiedenen Kulturzirkeln, aber auch am Arbeitsplatz immer und immer wieder pflegen. Dass hier auch seitens der Kirchen, der Gemeinden und der Parteien ein wichtiger Bereich der Tätigkeit in dieser Richtung tatsächlich vorgegeben ist, das wurde von keinem, der hier ans Rednerpult getreten ist, bestritten.
dass eine apokalyptische Katastrophe alles zerstört. Der · habe die Erfahrung gemacht, dass ich mein Amt als Bun-
Zum Schluss möchte ich lediglich noch eines festhalten: Ich desrat kaum hätte ausführen können, wenn ich nicht stän- dig auch das Gespräch mit der Jugend, mit Vertretern von Jugendverbänden, aber auch das Gespräch mit eigenen oder verwandten Kindern geführt hätte. Ich habe dabei immer festgestellt, dass die jungen Leute echte Probleme haben, dass sie aber auch bereit sind, Argumente zu akzep- tieren, und dass dann durch dieses Gespräch etwas weite- res ausgelöst werden konnte, das in unserem Land, in unserer Gesellschaft nach wie vor ein wichtiges Prinzip des Zusammenlebens ist: nämlich dass wir uns jetzt und Mor- gen in toleranter Haltung mit diesen Problemen, im Sinne eines echten Dialoges, auseinandersetzen.
Le président: Mme Deneys se déclare partiellement satis- faite et attend des propositions concrètes.
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Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali
Interpellation der sozialdemokratischen Fraktion Jugendpolitik Interpellation du groupe socialiste Politique de la jeunesse
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Amtliches Bulletin der Bundesversammlung Bulletin officiel de l'Assemblée fédérale Bollettino ufficiale dell'Assemblea federale
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1982
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Anno
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Herbstsession
Session
Session d'automne
Sessione
Sessione autunnale
Rat
Nationalrat
Conseil
Conseil national
Consiglio
Consiglio nazionale
Sitzung
14
Séance
Seduta
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Numéro d'objet
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Datum
07.10.1982 - 08:00
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