Mutual legal assistance refused for lack of substantive prerequisites

RR.2011.120,RR.2011.121,RR.2011.122Bundesstrafgericht / Beschwerdekammer10.08.2011Partially Granted

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

A., B. and C. AG appealed against the St. Gallen public prosecutor's final mutual assistance order granting transmission of evidence to Germany. After the Federal Supreme Court held that the first BStGer ruling had wrongly limited the scope of the complaint and remanded the matter, the court now allowed the complaint in full for items 2d, 2e and 2f. It annulled the challenged transmission order for those items, ordered the return of the seized records, waived court fees, ordered an additional refund of the advance payment, and awarded additional party compensation of CHF 400 including VAT.

Omnilex-Regeste

Art. 74 Abs. 1 IRSG; Art. 5 Ziff. 1 lit. a EUeR; where the factual allegations in the request do not meet the substantive prerequisites for mutual legal assistance, all coercive measures based on that deficient factual core must be refused. After remand by the Federal Supreme Court, the appellate court must grant the complaint to the full extent covered by the common factual basis and order the return of all seized documents concerned (consid. 5). Costs follow the outcome; the prevailing party is entitled to reimbursement of the advance and to necessary, proportionate party compensation under Art. 63 and 64 VwVG in conjunction with Art. 39 Abs. 2 lit. b StBOG.

Gesamter Gesetzestext

Entscheid vom 10. August 2011 II. Beschwerdekammer Besetzung Bundesstrafrichter Cornelia Cova, Vorsitz, Andreas J. Keller und Joséphine Contu, Gerichtsschreiberin Santina Pizzonia

Parteien

  1. A.,
  2. B.,
  3. C. AG, (Rechtsvorgängerin: D. AG)

alle vertreten durch Rechtsanwalt Daniel Holenstein, Beschwerdeführer 1 - 3

gegen

STAATSANWALTSCHAFT DES KANTONS ST. GALLEN, Kantonales Untersuchungsamt, Wirt- schaftsdelikte, Beschwerdegegnerin

Gegenstand Internationale Rechtshilfe in Strafsachen an Deutsch- land

Herausgabe von Beweismitteln (Art. 74 Abs. 1 IRSG) B u n d e s s t r a f g e r i c h t T r i b u n a l p é n a l f é d é r a l T r i b u n a l e p e n a l e f e d e r a l e T r i b u n a l p e n a l f e d e r a l

Ges c häft s n um m er: R R . 20 11. 12 0-122

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Die II. Beschwerdekammer zieht in Erwägung, dass

  • die Staatsanwaltschaft Landshut gegen A. und B. ein Ermittlungsverfahren wegen Steuerhinterziehung führt (Verfahrensakten der Staatsanwaltschaft St. Gallen [nachfolgend „Verfahrensakten Staatsanwaltschaft“], Dossier RH);

  • in diesem Zusammenhang die Staatsanwaltschaft Landshut mit Rechtshil- feersuchen vom 13. Mai 2005 an die Schweiz gelangt ist; sie darin u.a. um Durchführung von Durchsuchungsmassnahmen bei der schweizerischen Gesellschaft E. AG und weiteren Unternehmen sowie um Beschlagnahme jeglicher Gegenstände und Unterlagen ersuchte, welche im Zusammen- hang mit dem untersuchten Vorwurf stehen; des Weiteren die Beschlag- nahme und Herausgabe der Bankunterlagen betreffend die Konten der E. AG und einer weiteren Gesellschaft bei der Bank F. AG in St. Gallen bean- tragt wurde (Verfahrensakten Staatsanwaltschaft, Dossier RH);

  • nach verschiedenen Ergänzungen des Rechtshilfeersuchens das Bundes- amt für Justiz (nachfolgend „BJ“) den Kanton St. Gallen als Leitkanton im Sinne von Art. 79 Abs. 1 IRSG bezeichnete und ihm die Prüfung und Aus- führung des Rechtshilfeersuchens übertrug (Verfahrensakten Staatsan- waltschaft, Dossier RH);

  • die Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen (nachfolgend „Staatsanwalt- schaft“) mit Eintretens- und Zwischenverfügungen vom 5. März 2007,

  1. März 2007, 5. April 2007 und 13. April 2007 auf das Rechtshilfeersu- chen vom 13. Mai 2005 bzw. auf dessen Ergänzung vom 12. Oktober 2006 eintrat und verschiedene Rechtshilfehandlungen anordnete; bei deren Durchführung umfangreiches Beweismaterial sichergestellt wurde, welches auf entsprechendes Begehren hin zum Teil versiegelt wurde; in der Folge das Entsiegelungsbegehren zweitinstanzlich grossmehrheitlich geschützt wurde (Verfahrensakten Staatsanwaltschaft, Dossier RH und Z);
  • mit Schlussverfügung vom 10. März 2010 die Staatsanwaltschaft dem Rechtshilfeersuchen samt Ergänzungen entsprach; sie in Disp. Ziff. 2a bis 2f die Herausgabe verschiedener Beweismittel anordnete (RR.2010.69-75, act. 18.1);

  • gegen diese Schlussverfügung A., B., die E. AG, die C. AG (Rechtsnach- folgerin der D. AG), die G. Holding AG in Liquidation, die H. AG und I. durch ihren gemeinsamen Rechtsvertreter Beschwerde erhoben (RR.2010.69-75, act. 1);

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  • mit Entscheid RR.2010.69-75 vom 9. März 2011 die II. Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts in Dispositiv Ziffer 1 auf die Beschwerde von A. und B. sowie der C. AG gegen die Disp. Ziff. 2d, 2e und 2f der angefochte- nen Schlussverfügung im nachfolgenden Umfang mangels Beschwerdele- gitimation nicht eintrat:

Disp. Ziff. 2d (Bank F. AG, Zürich) betreffend Ordner 1 bis 3 bezüglich [...] betreffend Ordner 4 bis 5 bezüglich [...] bezüglich [...] und bezüglich [...]

Disp. Ziff. 2e (M. AG, Zürich) betreffend Ordner 1 bezüglich D. AG

Disp. Ziff. 2f (N. AG, Zürich) betreffend Ordner 1 bezüglich E. AG;

  • in Dispositiv Ziffer 2 des Entscheids RR.2010.69-75 der II. Beschwerde- kammer des Bundesstrafgerichts vom 9. März 2011 die Beschwerde be- züglich der übrigen Disp. Ziff. der angefochtenen Schlussverfügung gutge- heissen, die Schlussverfügung diesbezüglich (Disp. Ziff. 2a, 2b, 2c und teilweise 2d sowie 2e) aufgehoben und entschieden wurde, dass die si- chergestellten Unterlagen den betreffenden Beschwerdeführern zu retour- nieren seien;

  • die II. Beschwerdekammer in ihrem Entscheid RR.2010.69-75 die Gutheis- sung der Beschwerde, soweit darauf eingetreten wurde, damit begründete, dass die Sachverhaltsdarstellung im Rechtshilfeersuchen samt dessen Er- gänzungen in zentralen Punkten unvollständig, unklar bis widersprüchlich sei; sie zum Schluss kam, dass die Sachverhaltsdarstellung den Anforde- rungen von Art. 5 Ziff. 1 lit. a EUeR nicht genüge, da ihr in der vorliegenden Form weder der Tatbestand der qualifizierten Steuerhinterziehung noch derjenige der Abgabenverkürzung entnommen werden könne (Entscheid RR.2010.69-75 vom 9. März 2011, E. 5.13).

  • A., B. und die C. AG gegen Disp. Ziff. 2d, 2e und 2f der Schlussverfügung vom 10. März 2010 bzw. gegen Dispositiv Ziffer 1 des Entscheids RR.2010.69-75 der II. Beschwerdekammer vom 9. März 2011 mit Be- schwerde vom 21. März 2011 an das Bundesgericht gelangten (RR.2010.69-75, act. 28.1 S. 2); der Entscheid der II. Beschwerdekammer in den übrigen Punkten unangefochten blieb und diesbezüglich in Rechts- kraft erwachsen ist;

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  • das Bundesgericht in seinem Urteil 1C_122/2011 vom 23. Mai 2011 zum Schluss kam, dass die Vorinstanz zu Unrecht auf die Beschwerde (teilwei- se) nicht eingetreten sei (act. 1, E. 6); das Bundesgericht in der Sache festhielt, die Vorinstanz habe zutreffend und mit ausführlicher Begründung festgestellt, dass die materiellrechtlichen Rechtshilfevoraussetzungen nicht erfüllt seien (act. 1, E. 6); dieses grundlegende Rechtshilfehindernis in concreto sämtliche streitigen Rechtshilfemassnahmen betreffe, da diese auf demselben fiskalrechtlichen Vorwurf und derselben Sachverhaltsdar- stellung des Ersuchens basieren würden, und der Entscheid der Vorin- stanz, die Schlussverfügung nicht in seiner Gesamtheit aufzuheben, sich daher als bundesrechtswidrig erweise (act. 1, E. 6);

  • das Bundesgericht im vorgenannten Urteil die Beschwerde von A., B. und der C. AG guthiess, in diesem Umfang den Entscheid der II. Beschwerde- kammer vom 9. März 2011 aufhob und das Verfahren an das Bundesstraf- gericht zur gesamthaften Abweisung des Rechtshilfeersuchens und zur Anordnung der Rückgabe sämtlicher erhobener Unterlagen zurückwies (act. 1);

  • daher auf die Beschwerde der Beschwerdeführer 1 – 3 vom 9. April 2010 gegen die Schlussverfügung der Staatsanwaltschaft St. Gallen vom

  1. März 2010 bezüglich Disp. Ziff. 2d, 2e und 2f (RR.2010.69-75, act. 1) gesamthaft einzutreten ist;
  • die Beschwerdeführer 1 – 3 (wie alle Beschwerdeführer im Beschwerdever- fahren RR.2010.69-75, act. 1) zum einen die Sachverhaltsdarstellung der ersuchenden Behörde rügen und zum anderen einwenden, die Vorausset- zung der doppelten Strafbarkeit würde fehlen (a.a.O., act. 1);

  • dieser Einwand im Entscheid RR.2010.69-75 der II. Beschwerdekammer vom 9. März 2011 eingehend geprüft wurde; hierzu das Bundesgericht in seinem Urteil 1C_122/2011 vom 23. Mai 2011 festhielt, die Vorinstanz habe zutreffend und mit ausführlicher Begründung festgestellt, dass die materiell- rechtlichen Rechtshilfevoraussetzungen nicht erfüllt seien (a.a.O., E. 6); demnach vorliegend vollumfänglich auf die Erwägungen in Ziff. 5 (S. 16 –

  1. des Entscheids RR.2010.69-75 der II. Beschwerdekammer vom 9. März 2011 verwiesen werden kann;
  • die Beschwerde daher gutzuheissen ist und die angefochtene Schlussver- fügung der Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen vom 10. März 2010 hinsichtlich Disp. Ziff. 2d, 2e und 2f – in Ergänzung von Dispositiv Ziffer 2 des Entscheids RR.2010.69-75 der II. Beschwerdekammer des Bundes-

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strafgerichts vom 9. März 2011 – auch im nachfolgenden Umfang aufzuhe- ben und die sichergestellten Unterlagen den betreffenden Beschwerdefüh- rern zu retournieren sind:

Disp. Ziff. 2d (Bank F. AG, Zürich) betreffend Ordner 1 bis 3 bezüglich [...] betreffend Ordner 4 bis 5 bezüglich [...] bezüglich [...] und bezüglich [...]

Disp. Ziff. 2e (M. AG, Zürich) betreffend Ordner 1 bezüglich D. AG

Disp. Ziff. 2f (N. AG, Zürich) betreffend Ordner 1 bezüglich E. AG;

  • bei diesem Ergebnis die weiteren Rügen nicht zu prüfen sind;

  • bei diesem Ausgang des Verfahrens den Beschwerdeführern keine Ge- richtsgebühren aufzuerlegen sind (Art. 63 Abs. 1 i.V.m. Art. 39 Abs. 2 lit. b StBOG); in Ergänzung von Dispositiv Ziffer 4 des Entscheids RR.2010.69- 75 der II. Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts vom 9. März 2011 die Bundesstrafgerichtskasse anzuweisen ist, zusätzlich Fr. 500.--, mithin den gesamten von den Beschwerdeführern geleisteten Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 7'000.-- zurückzuerstatten;

  • die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführer im Umfang deren Obsie- gens für die ihnen erwachsenen notwendigen und verhältnismässigen Par- teikosten zu entschädigen hat (Art. 64 Abs. 1 und 2 VwVG i.V.m. Art. 39 Abs. 2 lit. b StBOG); in Ergänzung von Dispositiv Ziffer 5 des Entscheids RR.2010.69-75 der II. Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts vom

  1. März 2011 eine zusätzliche Entschädigung von Fr. 400.-- inkl. MwSt. als angemessen erscheint.
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Demnach erkennt die II. Beschwerdekammer:

  1. Die Beschwerde bezüglich Disp. Ziff. 2d, 2e und 2f der Schlussverfügung vom 10. März 2010 der Staatsanwaltschaft des Kantons St. Gallen wird – in Ergänzung von Dispositiv Ziffer 2 des Entscheids RR.2010.69-75 vom
  2. März 2011 – im nachfolgenden Umfang gutgeheissen, die Schlussverfü- gung wird diesbezüglich aufgehoben und die sichergestellten Unterlagen sind den betreffenden Beschwerdeführern zu retournieren:

Disp. Ziff. 2d (Bank F. AG, Zürich) betreffend Ordner 1 bis 3 bezüglich [...] betreffend Ordner 4 bis 5 bezüglich [...] bezüglich [...] und bezüglich [...]

Disp. Ziff. 2e (M. AG, Zürich) betreffend Ordner 1 bezüglich D. AG

Disp. Ziff. 2f (N. AG, Zürich) betreffend Ordner 1 bezüglich E. AG.

  1. In Ergänzung von Dispositiv Ziffer 4 des Entscheids RR.2010.69-75 vom

  2. März 2011 wird die Bundesstrafgerichtskasse angewiesen, den Be- schwerdeführern zusätzlich Fr. 500.--, mithin den gesamten von den Be- schwerdeführern geleisteten Kostenvorschuss in der Höhe von Fr. 7'000.-- zurückzuerstatten.

  3. In Ergänzung von Dispositiv Ziffer 5 des Entscheids RR.2010.69-75 vom

  4. März 2011 hat die Beschwerdegegnerin die Beschwerdeführer für das Verfahren vor dem Bundesstrafgericht zusätzlich mit Fr. 400.-- inkl. MwST zu entschädigen.

Bellinzona, 10. August 2011

Im Namen der II. Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts

Die Präsidentin: Die Gerichtsschreiberin:

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Zustellung an

  • Rechtsanwalt Daniel Holenstein
  • Staatsanwaltschaft St. Gallen, Wirtschaftsdelikte
  • Bundesamt für Justiz, Fachbereich Rechtshilfe

Rechtsmittelbelehrung Gegen Entscheide auf dem Gebiet der internationalen Rechtshilfe in Strafsachen kann innert zehn Tagen nach der Eröffnung der vollständigen Ausfertigung beim Bundesgericht Beschwerde eingereicht werden (Art. 100 Abs. 1 und 2 lit. b BGG).

Gegen einen Entscheid auf dem Gebiet der internationalen Rechtshilfe in Strafsachen ist die Beschwerde nur zulässig, wenn er eine Auslieferung, eine Beschlagnahme, eine Herausgabe von Gegenständen oder Vermögenswerten oder eine Übermittlung von Informationen aus dem Geheimbereich betrifft und es sich um einen besonders bedeutenden Fall handelt (Art. 84 Abs. 1 BGG). Ein besonders bedeutender Fall liegt insbesondere vor, wenn Gründe für die Annahme bestehen, dass elementare Verfahrensgrundsätze verletzt worden sind oder das Verfahren im Ausland schwere Mängel aufweist (Art. 84 Abs. 2 BGG).

Schlagwörter

mutual legal assistancetax evasiondouble criminalityseizurereturn of documentsstandingcostsparty compensation

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the challenged parts of the mutual legal assistance decision had to be annulled and the seized records returned.

Extrahierter Entscheid

The complaint is allowed for the challenged items; the closure decision is annulled to that extent and the seized documents must be returned to the appellants.

Extrahierte Begründung

After the Federal Supreme Court's remand, the appellate court had to apply the same reasoning: the request's factual account did not satisfy the substantive mutual assistance requirements, so the measures based on the same deficient allegations could not stand.

Kernrechtsfrage

Whether court fees should be charged to the appellants.

Extrahierter Entscheid

No court fees are imposed on the appellants.

Extrahierte Begründung

Because the appellants succeed, the procedural costs are not charged to them.

Kernrechtsfrage

Whether the appellants are entitled to additional party compensation.

Extrahierter Entscheid

The respondent must pay additional compensation of CHF 400 including VAT.

Extrahierte Begründung

The appellants prevailed and are entitled to necessary and proportionate legal costs; an additional amount was appropriate on top of the prior award.

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