Beschluss vom 3. September 2019 Berufungskammer Besetzung Bundesstrafrichterin Claudia Solcà, Vorsitzende Petra Venetz und Jean-Marc Verniory, nebenamtliche Richter Gerichtsschreiberin Francesca Pedrazzi Parteien A., Bundesanwalt, Bundesanwaltschaft, Gesuchsteller
gegen B., Beschwerdekammer, Gesuchsgegner
Gegenstand
Ausstandsgesuch B u n d e s s t r a f g e r i c h t T r i b u n a l p é n a l f é d é r a l T r i b u n a l e p e n a l e f e d e r a l e T r i b u n a l p e n a l f e d e r a l
Ges c häft s n um m er: C A . 20 19. 13
2 - Sachverhalt: A. Mit Eingabe vom 27. Juni 2019 an die Beschwerdekammer des Bundesstrafge- richts (nachfolgend Beschwerdekammer) beantragte Bundesanwalt A. den Aus- stand von Bundesstrafrichter B., Präsident der Beschwerdekammer, im Verfah- ren BB.2019.38, welches infolge eines Ausstandsgesuchs von C. gegen Bundes- anwalt A. und sämtliche diesem gegenüber im Verfahren SV.15.1462-REC direkt oder indirekt weisungsgebundenen Mitarbeitenden der Bundesanwaltschaft er- öffnet wurde (S. 1.100.006 f.). Zur Begründung des Ausstandsgesuchs verwies der Bundesanwalt auf das Aus- stands-/Revisionsgesuch der Bundesanwaltschaft vom 27. Juni 2019 i.S. BB.2018.197 und BB.2018.190 + BB.2018.198, das er seinem Schreiben bei- legte (S. 1.100.014 ff.). B. Im Ausstands-/Revisionsgesuch legte der Bundesanwalt Folgendes dar (S. 1.100.016): Am Freitag, dem 21.06.2019, wurde der Bundesanwalt vom Präsidenten der parlamen- tarischen Geschäftsprüfungsdelegation und Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion D. mündlich über nachstehende Kontakte des Präsidenten der Beschwerdekammer B. orientiert. Diese Orientierung bestätigte D. mit E-Mail vom 24.06.2019 gegenüber dem Bundesanwalt. Darnach soll der Präsident der Beschwerdekammer und Vorsitzende des Spruchkörpers der fraglichen Ausstandsentscheide vom 17.06.2019 – kurz zusammen- gefasst – während des hängigen Ausstandsverfahrens (i) am 8.05.2019 während der Sondersession des Nationalrates mit den SP-Mitgliedern der Gerichtskommission sowie der Subkommissionen Gerichte der Geschäftsprüfungs- kommissionen mit Blick auf die Frage einer Empfehlung des Bundesanwalts zur Wieder- wahl zusammengekommen sein; und (ii) am 12.06.2019 im Rahmen des SP-Fraktionsausflugs gegenüber dem Präsidenten der parlamentarischen Geschäftsprüfungsdelegation zum Ausdruck gebracht haben, die Zustände bei der Bundesanwaltschaft seien unhaltbar, und der Bundesanwalt sei seines Erachtens nicht wiederwählbar, wobei er dessen Personalpolitik und die – zwischenzeit- lich medien- und gerichtsbekannten – Treffen mit dem Präsidenten der FIFA kritisiert ha- ben soll. Erstmals summarische Kenntnis von diesen Vorkommnissen hat die Bundesanwaltschaft am 21.06.2019 erhalten, bevor dieselben in Form einer E-Mail vom 24.06.2019 konkret benannt und schriftlich dargelegt wurden. [...] C. Dem Ausstands-/Revisionsgesuch wurde folgende E-Mail von Ständerat D. bei- gelegt (S. 1.100.080):
3 - Von: D. Gesendet: Montag, 24. Juni 2019 16:31 An: A. BA Betreff: B. Sehr geehrter Herr Bundesanwalt, lieber A. Ich beziehe mich auf unser Gespräch vom vergangenen Freitag, den 21. Juni 2019, 09.30 Uhr. Ich kann folgendes bestätigen: Der Präsident der Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts, B., ist am
4 - gegenüber Vertretern des parlamentarischen Wahlkörpers bezogen. So soll er seine Ein- schätzung zur Nicht-Wiederwählbarkeit des Bundesanwalts allgemein mit angeblich un- haltbaren Zuständen bei der Bundesanwaltschaft begründet und dabei konkret die Per- sonalpolitik des Bundesanwalts sowie die fraglichen «FIFA-Treffen» kritisiert haben. Da- mit hat er zum einen in die Organisations- und Verwaltungsautonomie der Bundesan- waltschaft im Sinne von Art. 9 StBOG eingegriffen, die einer bundesstrafgerichtlichen Beurteilung von vornherein gänzlich entzogen ist. Zum anderen beschlägt die Kritik an den fraglichen «FIFA-Treffen» nicht nur einen zentralen Gegenstand der vorgenannten Ausstandsverfahren, sondern auch einen massgeblichen Grund für deren konkrete Ent- scheidung. Bei einer dermassen klaren und dezidierten Festlegung bezüglich der - ent- scheidrelevanten - Unzulässigkeit der fraglichen - undokumentierten - Treffen sowie der daraus mit abgeleiteten angeblichen Nicht-Wiederwählbarkeit des Bundesanwalts ge- genüber parlamentarischen Entscheidungsträgern gleicher Parteizugehörigkeit bestehen bei objektiver Betrachtungsweise hinreichend konkrete Anhaltspunkte für die Annahme, dass der Ausgang der Ausstandsverfahren nicht mehr offen war, und der Vorsitzende des Spruchkörpers seine Meinung mit Blick auf den Verfahrensausgang bereits definitiv gebildet und sich abschliessend festgelegt hatte. Nicht übersehen werden kann sodann der Umstand, dass die fraglichen Ausstandsver- fahren rund ein halbes Jahr gedauert haben, bevor die Beschlüsse vom 17.06.2019 aus- gerechnet am Vortag des ursprünglich auf den 19.06.2019 angesetzten, in der Folge al- lerdings verschobenen Wahltages betreffend Wiederwahl des Bundesanwalts bei den Parteien eingingen und der Öffentlichkeit bekannt gemacht wurden. Gleichzeitig offenbaren das konkrete Vorgehen in Form eines aktiv-direkten Zugehens auf den Präsidenten der Geschäftsprüfungsdelegation, die Argumentation nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Personalpolitik des Bundesanwalts und die Tonalität insge- samt ein aktuell unübersehbar gespanntes Verhältnis des Gesuchsgegners zum Gesuch- steller, welches bei objektiver Einschätzung auf erhebliche persönliche Spannungen und ein nicht mehr ausser Acht zu lassendes Zerwürfnis schliessen lassen muss. Mit Blick auf die Quelle der fraglichen Vorkommnisse steht schliesslich ausser Zweifel, dass es sich beim Präsidenten der Geschäftsprüfungsdelegation D. um einen ebenso langjährigen, wie erfahrenen und besonnen-souveränen Bundespolitiker handelt, dessen Glaubwürdigkeit nicht ernstlich in Frage gestellt werden kann. Hinzu kommt, dass dessen Darstellung gemäss E-Mail vom 24.06.2019 insbesondere im Zusammenhang mit dem Vorfall vom 12.06.2019 zeitnah erfolgt ist, und er sich als Parlamentarier und promovier- ter Jurist sachlich, präzise, gleichzeitig aber auch zurückhaltend und ohne Übertreibun- gen, mithin vorbehaltslos glaubhaft geäussert hat. Vor diesem Hintergrund kommt die Bundesanwaltschaft bei einer gesamthaften Würdi- gung nicht umhin, das Bestehen eines Ausstandsgrundes im Sinne von Art. 56 lit. f. StPO und damit eine Verletzung der verfassungsmässigen Garantie auf ein unparteiliches Ge- richt festzustellen.
5 - E. Am 12. Juli 2019 nahm B. gemäss Art. 58 Abs. 2 StPO zum Ausstandsgesuch Stellung und übermittelte der Berufungskammer des Bundesstrafgerichts (nach- folgend Berufungskammer) die Akten (S. 1.100.001 ff.). Er beantragte bei der Berufungskammer, auf das Ausstandsgesuch nicht einzutreten, da das Aus- standsgesuch verspätet sei und subsidiär beantragte er die Abweisung des Aus- standsgesuchs (S. 1.100.001 ff.). Er begründete sein Abweisungsgesuch wie folgt: (S. 1.100.003 f.): III) Les requêtes de récusation se fondent essentiellement sur les déclarations et obser- vations spontanées adressées par M. le Conseiller aux Etats D. au Procureur général de la Confédération. A leur sujet, je me détermine comme suit :
6 - laquelle l’ABBA avait néanmoins émis des critiques, il a soutenu avec véhémence, que tous les problèmes venaient de M. G. (actuel président de l’ABBA). Il a ensuite ajouté que M. G. avait déjà été membre de l’autorité de surveillance du Ministère public du can- ton de Bâle-Campagne et qu’il avait déjà posé des problèmes au Ministère de ce canton. Il a poursuivi en affirmant que M. G. était maintenant en train de faire la même chose avec le Ministère public de la Confédération. Finalement, il a ajouté que ce n’était pas un hasard que l’ABBA n’avait pas encore pu trouver quelqu’un qui accepte le mandat pour mener l’enquête disciplinaire à l’encontre du Procureur général de la Confédération. À aucun moment le soussigné a mentionné ou fait allusion à des procédures traitées au TPF ou à la Cour des plaintes concernant le Procureur général de la Confédération. À aucun moment de cette brève conversation, je me suis exprimé défavorablement quant à l’élection du Procureur général de la Confédération. Mon interlocuteur ne le prétend d’ailleurs pas en utilisant à ce sujet la formule quelque peu ambiguë « Er gab mir zu verstehn... » IV) Conclusions Il ressort de ce qui précède ainsi que de mon propos en conclusion de la séance du 8 mai 2019, que je n’ai aucun préjugé ou une quelconque prévention que ce soit vis-à- vis du Ministère public de la Confédération ou à l’encontre de la personne du Procureur général de la Confédération. Ce que je viens d’exposer, confirme la neutralité de ma position. Par ailleurs, même si le compte rendu de M. D. était correct, ce que je conteste partiellement à la lumière de ce que je viens d’illustrer, les faits exposés dans son courrier électronique ne parviennent pas à démontrer la vraisemblance d’une prévention de ma part. Ils ne témoignent tout au plus que de ce que M. D. a bien voulu déduire et interpréter de mes mots. Interprétation par ailleurs démentie par ma prise de position du 8 mai 2019. Je relève également que le bref échange de propos entretenus avec mon interlocuteur n’a pas de relation avec les décisions ou les requêtes de récusation de M. le Procureur général de la Confédération dans le cadre desquelles on demande ma récusation. Je réitère ma position de n’avoir fait référence, à aucun moment du bref échange de propos avec mon interlocuteur, aux procédures pendantes auprès du TPF ou de la Cour des plaintes du TPF qui concernent le Procureur général de la Confédération. Il ne subsiste partant aucun motif de récusation. [...] F. Am 12. Juli 2019 teilte die Präsidentin der Berufungskammer den Eingang des Gesuchs und die Zusammensetzung des Spruchkörpers den Parteien mit (S. 1.200.001 f.). G. Am 17. Juli 2019 zog die Vorsitzende die Akten des Verfahrens BB.2019.38 bei (S. 2.100.003). Diese wurden am 23. Juli 2019 von der Beschwerdekammer übermittelt (S. 2.100.004). Aus den Akten des Verfahrens BB.2019.38 geht her- vor, dass die Beschwerdekammer mit Beschluss vom 22. Juli 2019 auf das Aus- standsgesuch von C. gegen Bundesanwalt A. nicht eintrat, da das entsprechende Gesuch verspätet war (BB.2019.38 act. 33).
7 - H. Nachdem die Berufungskammer am 17. Juli 2019 den Gesuchsteller zur Replik eingeladen hatte (S. 2.100.001 f.), hielt er mit Eingabe vom 29. Juli 2019 an sei- nem Ausstandsgesuch fest (S. 2.100.005 ff.). Der Bundesanwalt legte dar, dass allein die Tatsache, dass Bundesstrafrichter B. sich zur Frage der Wiederwahl und damit zur beruflichen Zukunft des Bundes- anwalts in einem politischen Gremium geäussert habe, während er gleichzeitig als Präsident der Beschwerdekammer und Vorsitzender des Spruchkörpers Ein- fluss auf das gegen den Bundesanwalt gerichtete Ausstandsverfahren nehmen konnte, deren Thematik (Treffen mit der FIFA-Leitung) von den zuständigen par- lamentarischen Kommissionen ebenfalls behandelt wurde, nicht haltbar sei und mit den Anforderungen, die an einen unparteiischen, unvoreingenommenen und unbefangenen Richter gestellt werden, nicht vereinbar seien. Bundesstrafrichter B. habe bei dieser Gelegenheit auch nicht der parlamentarischen Oberaufsicht Auskunft gegeben. Mit seinem Verhalten habe Bundesstrafrichter B. das Ver- trauen in seine Unabhängigkeit und Unparteilichkeit sowie das Ansehen des Ge- richts in Frage gestellt. Von einem Bundesstrafrichter sei zu erwarten, dass er sein Amt ohne Voreingenommenheit im Hinblick auf persönliche, gesellschaftli- che oder politische Interessen oder Beziehungen ausübe. Die verlangte ange- messene Zurückhaltung bei der Teilnahme an Aktivitäten einer politischen Grup- pierung liess Bundesstrafrichter B. klar vermissen. In diesem Zusammenhang verwies der Bundesanwalt auf die «Gepflogenheiten der Richter und Richterin- nen am Bundesgericht», Ziff. II.1 und 2. Die Replik wurde am 30. Juli 2019 dem Gesuchsgegner zur Duplik zugestellt (S. 2.100.008). I. Der Gesuchsgegner hielt mit Duplik vom 2. August 2019 an seiner Stellung- nahme vom 12. Juli 2019 fest und legte Folgendes dar (S. 2.100.010 f.): [...] on perçoit mal en quoi le fait de donner suite à une invitation de la fraction de mon parti pour une rencontre technique soit contraire à mon indépendance en tant que juge et encore moins en quoi une telle participation puisse porter atteinte à la réputation du Tribunal pénal fédéral (ci-après: TPF). Si tel était le cas, tout magistrat qui participerait à des rencontres organisées par un parti, même à des fins techniques, s’exposerait aux mêmes critiques. Cela vaudrait également pour l’ancien président de l’ABBA (autorité de surveillance sur le Ministère public de la Confédération) et juge fédéral au Tribunal fédéral (ci-après : TF) qui a également participé à la rencontre du 8 mai 2019. Aussi, à l’en croire la thèse du requérant, ce juge fédéral aurait également contrevenu les « Usages au sein du collège des juges au Tribunal fédéral du 13 juin 2019 » (ci-après : Usages) et porté atteinte à la renommée du TF. Ma présence à la séance du 8 mai 2019 est permise et ne contrevient pas les Usages précités. En effet, si on poursuit la lecture de ce texte au- delà du point II.1, on lit au point suivant : « Les juges fédéraux exercent leur fonction sans
8 - parti pris qui puisse être fondé sur des intérêts ou des liens personnels, sociaux ou poli- tiques. Cela ne les empêche pas d’appartenir à de tels groupes et, avec la retenue qui s’impose, d’y participer de manière active, il en va de même de leur faculté de prendre position dans les débats de société ». En outre, il ressort du point III 1 de mes observa- tions du 12 juillet 2019 que, face à plusieurs parlementaires membres de mon parti, le 8 mai 2019 au Palais fédéral, j’ai fait preuve de la retenue nécessaire. Je ne me suis exprimé sur aucune procédure ni dossiers traités par moi- même, par la Cour des plaintes ou par le TPF et, en conclusion de séance, je me suis même exprimé en faveur d’une réélection. L’objection, manifestement sans fondement, est à écarter. En ce qui concerne le point 6 ch. II de la réplique, il sied de relever que des expressions ambiguës comme « Er gab mir zu verstehen... » correspondent fort mal aux exigences d’un discours ob- jectif et précis pouvant être opposé à mes déclarations. Cela d’autant moins que le locu- teur a montré une forte implication personnelle dans son récit, sans cacher, par ailleurs, dans le ton et le choix des mots de son mail (« lieber A.,.... » « Ich hoffe Ihnen mit dieser Bestätigung gedient zu haben ») un lien d’amitié avec le requérant, ce qui n’a pas été contesté par ce dernier. [...] Die Duplik wurde am selben Tag dem Gesuchsteller zur Triplik zugestellt (S. 2.100.012 f.). J. Der Gesuchsteller hielt mit Triplik vom 7. August 2019 an seinen bisherigen Aus- führungen in formeller und materieller Hinsicht fest (S. 2.100.014 f.). Mit Blick auf die «Gepflogenheiten der Richter und Richterinnen am Bundesgericht» hob er Folgendes hervor: Die «Gepflogenheiten der Richter und Richterinnen am Bundesgericht» halten fest, dass Bundesrichter (und dasselbe muss letztlich auch für Bundesstrafrichter gelten) von jegli- chen Verhaltensweisen absehen, die das Vertrauen in ihre Unabhängigkeit und Unpar- teilichkeit sowie das Ansehen des Gerichts in Frage stellen könnten (Ziff. II.1.). In der Konsequenz hat ein Richter ebenfalls davon abzusehen, in der Öffentlichkeit Erklärungen oder Kommentare abzugeben, die geeignet sind, Zweifel an seiner Unparteilichkeit zu wecken (Ziff. III.1). Es ist – nicht zuletzt angesichts des schweizerischen Wahlsystems für Richterämter an eidgenössischen Gerichten – unbestritten, dass ein Bundesrichter bzw. in casu ein Bun- desstrafrichter einer politischen Gruppierung angehören kann. Eine aktive Teilnahme setzt aber eine angemessene Zurückhaltung bzw. Sensibilität voraus («Gepflogenhei- ten», Ziff. II.2). Diese angemessene Zurückhaltung bzw. Sensibilität hat Herr Bundesstrafrichter B. vor- liegend jedoch vermissen lassen. Er hat an einem politischen Gremium teilgenommen und sich dabei – unbestrittenermassen – zur Person des Bundesanwalts geäussert, ob- wohl er gleichzeitig als Vorsitzender des Spruchkörpers mit Ausstandsverfahren befasst war (und ist), die sich massgeblich gegen die Person des Bundesanwalts richteten bzw. richten. Den an ihn damit zu stellenden, erhöhten Anforderungen an Sorgfalt und Umsicht
9 - («Gepflogenheiten», Ziff. I.1) wurde Herr Bundesstrafrichter B. vorliegend nicht gerecht. Die Wahrnehmung einer parallelen Doppelrolle als Vorsitzender des Spruchkörpers und Berichterstatter in einem parteipolitischen Gremium zum selben Thema (Person des Bun- desanwalts) stellt das Vertrauen in seine Unabhängigkeit und Unparteilichkeit sowie das Ansehen des Gerichts in Frage und erweckt objektiv den Anschein der Befangenheit. Die Triplik wurde am folgenden Tag dem Gesuchsgegner zur Quadruplik zuge- stellt (S. 2.100.016). K. In seiner Quadruplik vom 12. August 2019, die am selben Tag dem Gesuchsteller zur Kenntnisnahme geschickt wurde (S. 2.100.018), hielt der Gesuchsgegner an seinen bisherigen Ausführungen fest (S. 2.100.017). L. Auf die Ausführungen der Parteien wird, soweit erforderlich, in den nachfolgen- den rechtlichen Erwägungen Bezug genommen.
10 - Die Berufungskammer zieht in Erwägung:
1.1 Will eine Partei den Ausstand einer in einer Strafbehörde tätigen Person verlan- gen, so hat sie der Verfahrensleitung ohne Verzug ein entsprechendes Gesuch zu stellen, sobald sie vom Ausstandsgrund Kenntnis hat; die den Ausstand be- gründenden Tatsachen sind dabei glaubhaft zu machen. Die betroffene Person nimmt zum Gesuch Stellung (Art. 58 StPO). Wird ein Ausstandsgrund nach Art. 56 lit. a oder f StPO geltend gemacht oder widersetzt sich eine in einer Straf- behörde tätige Person einem Ausstandsgesuch einer Partei, das sich auf Art. 56 lit. b-e StPO abstützt, so entscheidet ohne weiteres Beweisverfahren und end- gültig die Berufungskammer des Bundesstrafgerichts, wenn die Beschwerde- kammer des Bundesstrafgerichts betroffen ist (Art. 59 Abs. 1 lit. c StPO). Der Entscheid ergeht schriftlich und ist zu begründen (Art. 59 Abs. 2 StPO). Bis zum Entscheid übt die betroffene Person ihr Amt weiter aus (Art. 59 Abs. 3 StPO). 1.2 Ein Ausstandsgesuch muss gemäss Art. 58 Abs. 1 StPO «ohne Verzug» gestellt werden, sobald die Partei vom Ausstandsgrund Kenntnis hat. Nach der Recht- sprechung ist der Ausstand in den nächsten Tagen nach Kenntnisnahme zu ver- langen; andernfalls verwirkt der Anspruch. Nach der Rechtsprechung gilt ein Aus- standsgesuch, das sechs bis sieben Tage nach Kenntnis des Ausstandsgrunds eingereicht wird, als rechtzeitig. Ein Zuwarten während zwei oder drei Wochen hingegen, ist nicht zulässig (Urteile des Bundesgerichts 1B_252/2016 vom 14. Dezember 2016, E. 2.3; 1B_274/2013 vom 19. November 2013, E. 4.1 mit Hinweisen; BOOG, Basler Kommentar, 2. Aufl. 2014, N. 5 zu Art. 58 StPO). 1.2.1 Der Gesuchsteller stellte sein Ausstandsgesuch am 27. Juni 2019, nachdem er mündlich am 21. Juni 2019, bzw. schriftlich am 24. Juni 2019 vom Ständerat D. über angebliche Ausstandsgründe betreffend Bundesstrafrichter B. orientiert wurde. 1.2.2 In seiner Stellungnahme vom 12. Juli 2019 wirft der Gesuchsgegner die Frage auf, ob der Gesuchsteller nicht bereits vor dem 21. Juni 2019 von seiner Teil- nahme an den Treffen vom 8. Mai 2019 und 12. Juni 2019 Kenntnis genommen hatte. Aufgrund der freundschaftlichen Beziehung zwischen dem Bundesanwalt und dem Ständerat, welche aus der E-Mail vom 24. Juni 2019 wahrzunehmen ist, sei sehr unwahrscheinlich, dass der Bundesanwalt erst am 21. Juni 2019 über die angeblichen Ausstandsgründe informiert wurde. Somit wäre das Ausstands- gesuch verspätet und darauf sollte die Berufungskammer nicht eintreten (S. 1.100.002).
12 - 69 E. 3.2; 141 IV 178 E. 3.2.1; 138 IV 142 E. 2.1 S. 144 f.; BGE 5A_701/2017 vom 14. Mai 2018 E. 4.3; TPF 2012 37 E. 2.2 S. 38 f.). Bei der Anwendung von Art. 56 lit. f StPO ist entscheidendes Kriterium, ob bei objektiver Betrachtungs- weise der Ausgang des Verfahrens noch als offen erscheint (BGE 138 I 425 E. 4.2.1 S. 429; TPF 2012 37 E. 2.2 S. 39). Nach der Rechtsprechung vermögen besondere Gegebenheiten hinsichtlich des Verhältnisses zwischen einem Richter und einer Partei bzw. deren Vertreter den objektiven Anschein der Befangenheit des Ersteren zu begründen und daher dessen Ausstand zu gebieten. In solchen Situationen kann die Voreingenom- menheit des Richters indessen nur bei Vorliegen spezieller Umstände angenom- men werden. Erforderlich ist, dass die Intensität und Qualität der beanstandeten Beziehung vom Mass des sozial Üblichen abweicht, wie zum Beispiel beim Vor- liegen von Kameraderie (Urteil des Bundesgerichts 1B_408/2016 vom 7. Februar 2017 E. 2.1 m.w.H.). Blosse berufliche oder kollegiale Kontakte sind, soweit an- derweitige auf eine Befangenheit hindeutende Indizien fehlen, kein Grund zur Annahme eines Ausstandsgrunds im Sinne von Art. 56 lit. f StPO (vgl. hierzu das Urteil des Bundesgerichts 6B_851/2018 vom 7. Dezember 2018 E. 4.2.2 m.w.H.). Bedenken im Hinblick auf die Unparteilichkeit der in einer Strafbehörde tätigen Person können auch von ihr ausgehende Äusserungen in der Öffentlichkeit im Vorfeld oder während eines Verfahrens begründen. Der Anschein der Befangen- heit entsteht, wenn die Äusserungen in unmittelbarem Bezug zum konkreten Ver- fahren stehen und sich der Schluss aufdrängt, die Gerichtsperson habe sich be- reits eine abschliessende Meinung gebildet und sich in Bezug auf das Ergebnis des Verfahrens definitiv festgelegt. Nach der Rechtsprechung bringen auch die vorläufige Einschätzung der Erfolgschancen und der darauf beruhende Antrag des referierenden Richters, die einzig auf den Akten beruhen und sowohl die Gerichtsverhandlung als auch die Meinungsbildung im Richterkollegium vorbe- halten, für sich allein keine Voreingenommenheit zum Ausdruck. Die Mitteilung einer vorläufigen Meinungsbildung des Referenten nach aussen, an Drittperso- nen oder die Presse, kann je nach den konkreten Umständen aber den Eindruck erwecken, der Referent habe sich abschliessend festgelegt und sei für neue Ge- sichtspunkte nicht mehr offen. (BOOG, Basler Kommentar, 2. Aufl. 2014, Art. 56 StPO N. 48 und 50 m.w.H.). 2.2 Gestützt auf die Äusserungen, die Ständerat D. dem Bundesanwalt mündlich bzw. schriftlich mit einer E-Mail vom 24. Juni 2019 (siehe oben E. C) darlegte, macht der Gesuchsteller geltend (siehe oben E. B und D), die Befangenheit ergäbe sich daraus, dass Bundesstrafrichter B. während des hängigen Aus- standsverfahrens an zwei Treffen, die am 8. Mai 2019 bzw. am 12. Juni 2019 stattfanden, teilnahm und sich dabei betreffend Wiederwahl des Bundesanwalts
13 - offenbar deutlich gegenüber Vertretern des parlamentarischen Wahlkörpers äus- serte. Er habe seine Einschätzung zur Nicht-Wiederwählbarkeit des Bundesan- walts allgemein mit angeblich unhaltbaren Zuständen bei der Bundesanwalt- schaft begründet. Damit habe er in die Organisations- und Verwaltungsautono- mie der Bundesanwaltschaft im Sinne von Art. 9 StBOG eingegriffen, die einer bundesstrafgerichtlichen Beurteilung von vornherein gänzlich entzogen sei. Mit seinem Verhalten habe er die Zurückhaltung bzw. Sensibilität, die von einem Bundesstrafrichter bei einer aktiven Teilnahme bei politischen Gruppierungen zu erwarten sind, klar vermissen lassen. Seine Doppelrolle als Vorsitzender des Spruchkörpers und Berichterstatter in einem parteipolitischen Gremium zum sel- ben Thema, insbesondere zur Person des Bundesanwalts, stelle das Vertrauen in seine Unabhängigkeit und Unparteilichkeit sowie das Ansehen des Gerichts in Frage und erwecke objektiv den Anschein der Befangenheit. 2.2.1 An dieser Stelle sei erwähnt, dass die Berufungskammer auf die vom Gesuch- steller in seiner Replik vom 29. Juli 2019 empfohlene (S. 2.100.007) direkte Stel- lungnahme des Ständerats verzichtete, da diese zur Beurteilung des Ausstands- gesuchs nicht notwendig ist. 2.2.2 Diesbezüglich ist zu beachten, dass Art. 59 Abs. 1 StPO gemäss Rechtspre- chung (Urteile des Bundesgerichts 1B_178/2019 vom 15. Mai 2019 E. 4.1; 1B_227/2013 vom 15. Oktober 2013 E. 4.1 mit Hinweis) zwar eine weitere Erhe- bung von Beweisen durch die Berufungskammer – gerade in Fällen, in welchen sich das Ersuchen auf Art. 56 lit. a oder auf Art. 56 lit. f StPO stützt – unter Vor- behalt des in Strafsachen zu beachtenden Beschleunigungsgebotes nicht aus- schliesst; die Berufungskammer hat im Normalfall aber über das Ausstandsge- such «ohne weiteres Beweisverfahren» zu entscheiden. 2.3 Es ist zunächst unbestritten, dass Bundesstrafrichter B. am 8. Mai 2019 an einer Diskussion zum Thema über die Bundesanwaltschaft und die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft (nachfolgend AB-BA), die während der Sonderses- sion des Nationalrates stattfand und an der verschiedene SP-Mitglieder der Ge- richtskommission und anderer Kommissionen anwesend waren, als ehemaliges Mitglied der AB-BA teilnahm und dass er sich dabei in dieser Rolle zum Thema der Wiederwählbarkeit des Bundesanwalts äusserte. 2.3.1 Ständerat D. war gemäss eigener Aussagen am obengenannten Treffen nicht dabei, als Bundesstrafrichter B. zu Wort kam. Hingegen war er dabei, als der ehemalige Präsident der AB-BA, Herr Bundesrichter F., am Vormittag des
Die Vorsitzende Die Gerichtsschreiberin Zustellung an
Beschwerde an das Bundesgericht
Gegen verfahrensabschliessende Entscheide der Berufungskammer des Bundesstrafgerichts kann beim Bun- desgericht, 1000 Lausanne 14, innert 30 Tagen nach der Zustellung der vollständigen Ausfertigung Be- schwerde eingelegt werden (Art. 78, Art. 80 Abs. 1, Art. 90 und Art. 100 Abs. 1 BGG). Für die Beschwerde ans Bundesgericht gelten die Voraussetzungen gemäss Art. 78 - 81 und 90 ff. BGG.
Versand: 3. September 2019