No jurisdiction over prospective venue request

BG.2010.18Bundesstrafgericht / Beschwerdekammer25.11.2010Inadmissible

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The Criminal Chamber of the Federal Criminal Court asked the I. Appeals Chamber to determine, in advance of future federal proceedings, which cantonal coercive-measures court would be competent depending on the language and place of the federal prosecution. The Appeals Chamber held that it was not competent to answer such an abstract prospective question. Its jurisdiction under Art. 279 Abs. 1 BStP in connection with Art. 345 StGB presupposes an actual criminal prosecution and a real inter-cantonal venue dispute resolved through exchange among the cantons. As neither existed, the request was dismissed as inadmissible. No court costs were imposed.

Omnilex-Regeste

Art. 279 Abs. 1 BStP i.V.m. Art. 345 StGB; jurisdiction of the I. Beschwerdekammer in venue disputes: the chamber may intervene only where a person is actually being prosecuted and an inter-cantonal dispute on venue exists, following an exchange of views between the cantons. A merely abstract or prospective request for the future allocation of competence does not satisfy these prerequisites and is therefore inadmissible (consid. 2). In the absence of jurisdiction, no merits determination on the venue rule is made; costs may be waived under the applicable cost provisions (consid. 3).

Gesamter Gesetzestext

Entscheid vom 25. November 2010 I. Beschwerdekammer Besetzung Bundesstrafrichter Tito Ponti, Vorsitz, Emanuel Hochstrasser und Joséphine Contu, Gerichtsschreiberin Andrea Bütler

Parteien

STRAFKAMMER DES BUNDESSTRAFGERICHTS, Gesuchstellerin

gegen

  1. OBERGERICHT DES KANTONS ZÜRICH, ZWANGSMASSNAHMENGERICHT,

  2. ZWANGSMASSNAHMENGERICHT BERN,

  3. TRIBUNAL DES MESURES DE CONTRAINTE LAUSANNE,

  4. GIUDICE DEI PROVVEDIMENTI COERCITIVI LUGANO,

  5. BUNDESANWALTSCHAFT BERN, Gesuchsgegner

Gegenstand Örtliche Zuständigkeit (Art. 279 Abs. 1 BStP i.V.m. Art. 345 StGB)

Bundesstrafgericht Tribunal pénal fédéral Tribunale penale federale Tribunal penal federal Geschäftsnummer: BG.2010.18

  • 2 -

Die I. Beschwerdekammer zieht in Erwägung, dass:

  • die Strafkammer des Bundesstrafgerichts (nachfolgend „Strafkammer“) am
  1. Oktober 2010 mit einem Gesuch an die I. Beschwerdekammer gelangt ist und beantragt, die Zuständigkeit der kantonalen Zwangsmassnahmen- gerichte bei Verfahren vor dem Bundesstrafgericht ab dem 1. Januar 2011 wie folgt festzulegen (act. 1):

„1. Sofern die Verfahrenssprache französisch ist, 1.1 jenes des Kantons Waadt, wenn das Vorverfahren von der Zweignieder- lassung Lausanne oder der Bundesanwaltschaft geführt wurde; 1.2 jenes des Kantons Bern, wenn das Vorverfahren von der Bundesanwalt- schaft am Hauptsitz Bern geführt wurde; 2. Sofern die Verfahrenssprache italienisch ist, jenes des Kantons Tessin; 3. Sofern die Verfahrenssprache deutsch ist, jenes, wo das Vorverfahren geführt wurde (Bern oder Zürich).“

  • die künftigen Zwangsmassnahmengerichte sowie die Bundesanwaltschaft Bern am 2. November 2010 zur Gesuchsantwort eingeladen wurden (act. 2);

  • das Zwangsmassnahmengericht des Kantons Zürich am 8. November 2010 erklärt, sich den Überlegungen der Strafkammer anschliessen zu können (act. 4); die Bundesanwaltschaft mit Schreiben vom 9. November 2010 mit- teilt, keine Bemerkungen zu haben, die vorgeschlagene Lösung aber als sinnvoll erachte (act. 5); sich das Zwangmassnahmengericht des Kantons Bern mit Schreiben vom 12. November 2010 letzterer Einschätzung an- schliesst (act. 7); das Zwangsmassnahmengericht des Kantons Tessin die Frage nach der Zuständigkeit der I. Beschwerdekammer aufwirft; in der Sache die Ansicht vertritt, für die Bestimmung der Zuständigkeit der Zwangsmassnahmengerichte bei Verfahren auf Bundesebene sei in erster Linie gestützt auf Art. 65 Abs. 2 StBOG der Ort des Sitzes derjenigen Bun- desanwaltschaft massgebend, in deren Zuständigkeitsbereich das Verfah- ren geführt werde, wobei die Verfahrenssprache unbeachtlich sei (act. 6); das Zwangsmassnahmengericht des Kantons Waadt auf eine Eingabe ver- zichtete;

  • die Gesuchsantworten den Parteien am 23. November 2010 wechselseitig zur Kenntnis gebracht wurden (act. 8, 9);

  • sich die Zuständigkeit der I. Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts zum Entscheid über Gerichtsstandsstreitigkeiten aus Art. 345 StGB i.V.m.

  • 3 -

Art. 279 Abs. 1 BStP, Art. 28 Abs. 1 lit. g SGG und Art. 9 Abs. 2 des Reg- lements vom 20. Juni 2006 für das Bundesstrafgericht (SR 173.710) ergibt;

  • Voraussetzung für die Anrufung der I. Beschwerdekammer jedoch ist, dass jemand wegen einer oder mehrerer strafbarer Handlungen verfolgt wird; überdies ein Streit über einen interkantonalen Gerichtsstand vorliegen muss, über welchen die Kantone einen Meinungsaustausch durchgeführt haben (SCHWERI/BÄNZIGER, Interkantonale Gerichtsstandsbestimmung in Strafsachen, 2. Aufl., Bern 2004, N. 598 f.);

  • in casu weder eine Person strafrechtlich verfolgt wird, noch ein Streit über einen interkantonalen Gerichtsstand vorliegt; es vielmehr um die Beantwor- tung einer künftig sich stellenden Rechts- bzw. Zuständigkeitsfrage geht; die I. Beschwerdekammer zur Klärung dieser Sache nicht zuständig ist;

  • nach dem Gesagten auf das Gesuch nicht einzutreten ist;

  • vorliegend keine Gerichtskosten zu erheben sind (Art. 245 Abs. 1 BStP i.V.m. Art. 66 Abs. 4 BGG);

  • 4 -

und erkennt:

  1. Auf das Gesuch wird nicht eingetreten.

  2. Es werden keine Gerichtskosten erhoben.

Bellinzona, 25. November 2010

Im Namen der I. Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts

Der Präsident: Die Gerichtsschreiberin:

Zustellung an

  • Strafkammer des Bundesstrafgerichts
  • Obergericht des Kantons Zürich, Zwangsmassnahmengericht
  • Zwangsmassnahmengericht Bern
  • Tribunal des mesures de contrainte Lausanne
  • Giudice dei provvedimenti coercitivi Lugano
  • Bundesanwaltschaft Bern

Rechtsmittelbelehrung Gegen diesen Entscheid ist kein ordentliches Rechtsmittel gegeben.

Schlagwörter

jurisdictionvenue disputeinadmissibilitycoercive measures courtfederal criminal procedurecourt costs

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the appeals chamber had jurisdiction to decide a prospective inter-cantonal venue question under Art. 345 StGB and Art. 279 Abs. 1 BStP.

Extrahierter Entscheid

The chamber lacked jurisdiction because no person was being prosecuted and no actual inter-cantonal venue dispute existed; the request concerned only a future legal question.

Extrahierte Begründung

Jurisdiction under the cited provisions requires an ongoing criminal prosecution and a real venue dispute after inter-cantonal consultation. A purely abstract, prospective determination of competence is not enough.

Kernrechtsfrage

Whether court costs should be charged.

Extrahierter Entscheid

No court costs were imposed.

Extrahierte Begründung

The chamber found no costs should be levied in the circumstances, referring to the applicable cost provisions.

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