Mistake about victim's age did not exclude liability

BGE 84 IV 102Amtliche Sammlung des Bundesgerichts (BGE) / Band IV04.11.1958Dismissed

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

X. appealed in cassation against a Solothurn cantonal judgment convicting him under Art. 191 StGB for sexual acts with Y., who was 15. He argued that he had asked her age and had assumed she was over 16, so he should be acquitted. The Federal Court held that this did not exclude liability: the decisive point was whether he could have avoided the mistake by due care. Considering her appearance, his age and experience, his knowledge of the protective age limit, and his failure to make timely and reliable inquiries, the court found the lower court had correctly applied Art. 191 Ziff. 3 StGB and dismissed the complaint.

Omnilex-Regeste

Art. 19 Abs. 1 StGB und Art. 18 Abs. 3 StGB in Verbindung mit Art. 191 Ziff. 3 StGB; Irrtum über das Alter des missbrauchten Kindes. Wer irrig annimmt, das Kind sei über 16 Jahre alt, beruft sich nicht auf Sachverhaltsirrtum im Sinne von Art. 19 Abs. 1 StGB, sondern haftet nach Art. 191 Ziff. 3 StGB, wenn die falsche Vorstellung bei pflichtgemässer Vorsicht vermeidbar gewesen wäre (consid. 1). Die erforderliche Vorsicht bestimmt sich nach den Umständen des Einzelfalls und den persönlichen Verhältnissen des Täters; massgeblich sind insbesondere Alter, Erfahrung, Anlass zu Zweifeln und die zumutbaren Abklärungsmöglichkeiten. Eine bloss oberflächliche Erkundigung genügt nicht, wenn weitere Nachfragen oder rechtzeitige zuverlässige Abklärungen naheliegen (consid. 2).

Gesamter Gesetzestext

Urteilskopf

84 IV 102

  1. Urteil des Kassationshofes vom 4. November 1958 i.S. X. gegen Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn.

Sachverhalt

ab Seite 102

A.- X., geb. 1927, stand beruflich in Geschäftsbeziehungen mit dem Wirt eines Restaurants. Bei seinen häufigen Besuchen lernte er dort Y., geb. 13. Juni 1942, kennen, die seit Juli 1957 als Küchenmädchen angestellt und gelegentlich in der Wirtschaft beschäftigt war. Hin und wieder streichelte er deren Brüste, und einmal griff er ihr unter den Rock an den Geschlechtsteil. Ende November/anfangs Dezember 1957 versuchte er anlässlich einer Autofahrt, mit dem Mädchen den Beischlaf zu vollziehen, und ein weiteres Mal beging er andere unzüchtige Handlungen an ihm. Y. sah älter aus, als sie war; beim ersten Ausflug antwortete sie X. auf dessen Frage nach dem Alter, sie sei 16 Jahre alt gewesen.

B.- Am 24. September 1958 verurteilte das Obergericht des Kantons Solothurn X. in Anwendung von Art. 191 Ziff. 1, Ziff. 2 Abs. 1 und Ziff. 3 StGB zu sechs Monaten Gefängnis, bedingt vollziehbar, und zu einer Genugtuungssumme von Fr. 300.--. Es nahm an, der Verurteilte habe in der irrigen Vorstellung gehandelt, das Mädchen sei über 16 Jahre alt, doch hätte er bei pflichtgemässer Vorsicht den Irrtum vermeiden können.

C.- Der Verurteilte führt Nichtigkeitsbeschwerde mit dem Antrag, er sei freizusprechen. Er ist der Auffassung, er habe seiner Vorsichtspflicht durch Befragen des Mädchens genügt; mehr könne ihm nicht zugemutet werden.

Erwägungen

Der Kassationshof zieht in Erwägung:

Der Täter, der irrtümlich angenommen hat, das zur Unzucht missbrauchte Kind sei mehr als 16 Jahre alt, kann sich nicht auf Irrtum über den Sachverhalt (Art. 19 Abs. 1 StGB) berufen, sondern er ist nach Art. 191 Ziff. 3 StGB strafbar, wenn er bei pflichtgemässer Vorsicht die falsche Vorstellung hätte vermeiden können. Die Vorsicht, zu der der Täter verpflichtet ist, hängt von den Umständen und seinen persönlichen Verhältnissen ab (Art. 18 Abs. 3 StGB).

Der Beschwerdeführer kannte das Schutzalter der Mädchen, und er behauptet selber nicht, dass der fünfzehnjährigen Y. ihrer äusseren Erscheinung wegen ein erheblich höheres Alter als das einer Sechzehnjährigen gegeben worden wäre. Schon allein das Bewusstsein, dass das wirkliche Alter des Mädchens nahe der strafrechtlich massgeblichen Grenze liegen konnte, hätte ihn zu besonderer Vorsicht veranlassen sollen. Als Mann von nahezu dreissig Jahren hatte er Lebenserfahrung genug, um wissen zu können, dass die körperliche Entwicklung Jugendlicher nicht immer mit dem wirklichen Alter übereinstimmt, das Aussehen der missbrauchten Tochter infolgedessen keine Gewähr dafür bot, dass sie das Schutzalter überschritten habe. Ebensowenig konnte der Beschwerdeführer aus ihrer beruflichen Stellung einen eindeutigen Schluss auf das Alter ziehen; denn dass Y. als Küchenmädchen und nicht als Serviertochter angestellt war und höchstens gelegentlich diese vertrat, musste ihm als häufiger Gast des Restaurants bekannt sein. Er hatte daher Grund, an deren Alter zu zweifeln, und dies umso mehr, als ihm nach der verbindlichen Feststellung des Obergerichts nicht entgangen sein konnte, dass sie erst im Frühjahr 1957 aus der Schule entlassen worden war. Unter diesen Umständen hätte er sich nach dem Alter der Tochter erkundigen müssen, bevor er sich mit ihr in nähere Beziehungen einliess. Es war leichtfertig, dies erst zu tun, als er sich anschickte, mit ihr den Beischlaf zu vollziehen, und zudem pflichtwidrig unvorsichtig, sich damit zu begnügen, die Zweifel bloss mit einer einzigen Frage zerstreuen zu wollen. Der Beschwerdeführer hätte sich sagen müssen, dass der Altersangabe eines jungen Mädchens, das sich von einem reiferen Mann umworben sieht, nicht blind vertraut werden darf, namentlich nicht, wenn es Abenteuer sucht oder doch an einem solchen offensichtlich Gefallen findet. Zum mindesten hätte er durch weitere Fragen, z.B. über Schulbesuch, abzuklären versuchen sollen, ob Y. wirklich das 16. Altersjahr überschritten habe. Hiezu kommt, dass er sie seit Wochen kannte und darum ohne weiteres Zeit und Gelegenheit gehabt hätte, ihr Alter durch Befragung des Wirtes, mit dem er in enger Verbindung stand, zuverlässig zu erfahren. Die pflichtgemässe Vorsicht verlangte, diese Möglichkeit der Erkundigung rechtzeitig wahrzunehmen. Die Vorinstanz hat den Beschwerdeführer zu Recht nach Art. 191 Ziff. 3 verurteilt.

Dispositiv

Demnach erkennt der Kassationshof:

Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.

Schlagwörter

mistake of factvictim agesexual offencesdue carecriminal liabilitycassation

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the defendant could rely on factual mistake about the girl's age to avoid liability under Art. 191 StGB.

Extrahierter Entscheid

No. A defendant who wrongly assumes the abused child is over 16 is punishable under Art. 191 Ziff. 3 StGB if he could have avoided the mistake by due care.

Extrahierte Begründung

The court held that the relevant question is not abstract mistake under Art. 19 Abs. 1 StGB, but whether the false belief could have been prevented with due care under the circumstances and the defendant's personal situation.

Kernrechtsfrage

Whether the defendant exercised the due care required when he merely asked the girl her age.

Extrahierter Entscheid

No. He should have doubted her statement, asked further questions, and inquired earlier and more reliably, including through the innkeeper.

Extrahierte Begründung

Given the girl's apparent age, the defendant's experience, his knowledge of the protective age limit, and the fact that he had time and opportunity to verify her age, relying on a single question was careless.

Kernrechtsfrage

Whether the conviction and sentence of the cantonal court should be quashed on cassation.

Extrahierter Entscheid

No. The cantonal court correctly convicted him under Art. 191 Ziff. 3 StGB.

Extrahierte Begründung

Because the defendant could have avoided the mistake by proper caution, the conviction stood.

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