BGE 74 IV 199
BGE 74 IV 199Bge21.06.1935Originalquelle öffnen →
198 Strafgesetzbuch. N° 50. lungen gegen das Bahnpolizeigesetz, Handelsreisenden- gesetz, Hausiergesetz usw.) verhängt worden sind, schliesst die Vorins~nz weiter selbst, dass er ein Mensch sei, der sich über die Polizeigesetzgebung leichthin hinwegsetze und Ordnung und Rechtlichkeit nicht zu schätzen wisse. Sogar die Strafe von zehn Tagen Gefängnis, zu der er am · 25. Januar 1946, bedingt mit einer Probezeit von zwei Jahren, durch das Polizeigericht Lausanne wegen Vernachlässigung von Unterstützungspflichten (Art. 217 StGB) verurteilt worden ist, hat ihn nur gerade während dieser Bewährungsfrist vor strafbarem Handeln abgec schreckt. Nur wenige Zeit nachher ist er durch die heute zur Beurteilung stehende Tat neuerdings darein verfallen; Wie unter solchen Umständen von der nochmaligen Bewilligung dieser Wohltat eine nachhaltigere Wirkung zu erwarten wäre, ist schlechterdings nicht zu sehen, und es haben denn auch dafür keinerlei bestimmte Umstände angeführt werden können. Es ist deshalb zweifellos keines- wegs zufallig, dass die Vorinstanz ihren Entscheid nur mit der Annahme begründet, der Verurteilte werde so gut wie die frühere, ihm vom Lausanner Richter be7 stimmte, auch die neue Probezeit bestehen. Vielmehr erklärt sich das augenscheinlich daraus, dass sie selbst eine darüber hinausgehende Erwartung nicht zu hegen wagte. Sie genügt aber zur Anwendung von Art. 41 Zi:ff. 1 StGB nach dem in Erwägung 1 Ausgeführten nicht. Demnach erkennt der Kassationshof : ·Die Beschwerde wird gutgeheissen, das Urteil des Ober-: gerichts des Kantons Aargau vom 29. Oktober 1948 aufgehoben und die Sache zur Verweigerung des beding- ten Strafvollzugs an die Vorinstanz zurückgewiesen. Strafgesetzbuch. No 51. 199 51. Urteil des Kassationshofes vom 15. Oktober 1948 i. S. Czekalla und Genlllond gegen Staatsanwaltschaft Bern-Mittel- land.
200 Strafgesetzbuch. No 51. Initialen H. B. G. trage, spreche häufig bei Minister X. vor. Der Deutsche werde immer vom Diener des Ministers an der Aare abgeholt und durch den Garten von der der Strasse entgegengesetzten Seite ins Haus geführt. Er müsse ein dem Deutschen Reiche feindlich gesinnter Spion sein, da er einmal zu Minister X. gesagt habe, jetzt kämen München, Leipzig und Frankfurt an die Reihe. X. werde ab und zu auch von drei Franzosen besucht, die angeblich aus dem Maquis kämen. Bei ihrem Besuche sei stets auch der amerikanische General Y. zugegen. Der Diener von X. sage, die drei erhielten jeweilen grosse Summen Geldes. Marie Czekalla beschrieb dem Piert die drei. Sie versprach ihm, sie wolle sich überzeugen, ob sie die Initialen im Hute des Deutschen richtig festgestellt habe, und ihm das Er-, gebnis durch Vermittlung der Ida Genilloud melden. Das tat sie denn auch; doch will Ida Genilloud die Meldung nicht weitergegeben haben. Der Deutsche war Hans Bernd Gisevius, der sich als Konsularbeamter oft längere Zeit in Zürich aufhielt. Piert belohnte· Marie Czekalla für ihre Dienste, indem er ihr durch Ida Genilloud dreimal je Fr. 30.-überbringen liess. B. -Das Geschwornengericht des II. Bezirks des Kan- tons Bern nahm an, Marie Czekalla habe durch ihre Mit- teilungen an Piert im Sinne von Art. 272 Zifi. l Abs. l StGB politischen Nachrichtendienst betrieben und Ida Genilloud habe im Sinne von Art. 272 Zifi. l Abs. 2 diesem Dienste Vorschub geleistet. Es verurteilte am 22. Mai 1948 Marie Czekalla zu drei und Ida Genilloud zu vier Monaten Gefängnis und erklärte beide Strafen bedingt vollziehbar. 0. -Beide Verurteilten führen Nichtigkeitsbeschwerde mit dem Antrage, das Urteil sei aufzuheben und die Sache zu neuer Beurteilung an das Geschwornengericht zurück- zuweisen. Marie Czekalla macht geltend, es sei fraglich, ob ihre Mitteilungen die politische Tätigkeit von Personen be- troffen hätten. Da die drei Franzosen nicht identifiziert seien, habe· ihnen aus dem Nachrichtendienst kein Nach- Strafgesetzbuch. No 51. 201 teil erwachsen können. Politischer Nachrichtendienst zum Nachteil von unbestimmten Personen sei nicht denkbar. Die Mitteilungen über die drei Franzosen hätten höchstens als Nachrichtendienst gegenüber Minister X. in Betracht fallen können ; einen solchen Tatbestand habe das Gericht aber gar nicht beurteilt. Fragwürdig sei, ob in bezug auf die Mitteilung über Gisevius der subjektive Tatbestand des politischen Nachrichtendienstes gegeben sei, weil die Beschwerdeführerin nicht eine bestimmte Person habe denunzieren, sondern ganz allgemeine Mitteilungen habe machen wollen. Art. 272 dürfe auch deshalb nicht ange- wendet werden, weil diese Bestimmung ausser den Schwei- zern nur die Einwohner der Schweiz schütze, der Deutsche Gisevius und die drei Franzosen aber nur vorübergehend in der Schweiz gewesen seien. Einwohner im Sinne der genannten Bestimmung sei nur, wer die polizeiliche Erlaub- nis habe, sich in der Schweiz niederzulassen oder dauernd aufzuhalten. · Ida Genilloud bringt vor, Gisevius und die drei Franzo- sen seien nicht «Einwohner » der Schweiz gewesen. Den drei Franzosen habe zudem durch die Mitteilung an Piert kein Nachteil erwachsen können, weil niemand wisse, wer sie seien. D. -Die Staatsanwaltschaft des bernischen Mittel- landes beantragt, die Beschwerden seien abzuweisen. Der Kassationshof zieht in Erwägung :
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Tätigkeit dieser Personen zu ziehen. Wie die Vorillstanz
feststellt, wusste der deutsche Nachrichtendienst, dass das
Haus des Ministers X. Mittelpunkt der alliierten Spionage
in Europa.war. Die Tatsache, dass jemand wiederholt bei
X. verkehrte, dazu noch unter Umständen, wie Marie
Czekalla sie schilderte, berechtigt zur Annahme, dass die
verratenen Personen politisch gegen das nationalsozia-
listische
Deutschland eingestellt und tätig seien.
Dass Marie Czekalla die Verratenen nicht beim Namen
nannte, schliesst die Anwendung von Art. 272 nicht aus.
Die Angabe der Initialen des Deutschen genügte, um auf
die Anwesenheit des Hans Bernd Gisevius bei Minister X.
zu schliessen, und die Beschreibung der drei Franzosen gab
Anhaltspunkte, auf Grund deren diesen Personen weiter
nachgeforscht werden konnte. Nach Art. 272 macht sich
s};rafbar nicht mir, wer den Namen einer bespitzelten
Person preisgibt, sondern jeder, der über die politische
Tätigkeit von Personen Nachrichtendienst betreibt. Das
tut schon, wer bloss eine Teilangabe liefert, die sich eignet,
zusammen mit weiteren Angaben aus der gleichen oder
aus anderer Quelle auf die politische Tätigkeit einer be-
stimmten Person zu schliessen. Diese Auslegung drängt
sich auf, weil Art. 272 darüber hinaus mit Strafe sogar
bedroht, wer einen Nachrichtendienst bloss einrichtet, für
solche Dienste anwirbt oder ihnen Vorschub leistet, d. h.
wer irgendwie den politischen Nachrichtendienst fördert,
ein Glied in die Kette der Handlungen setzt, die gesamt-
haft das Einrichten oder Betreiben eines solchen Dienstes
ausmachen (BGE 65 I 332 ; 66 I 113 und Urteile des Bun-
desstrafgerichts vom 20. Dezember 1947 i. S. Riedweg
S. 139 und vom 7. Mai 1948 i. S. Burri S. 222). Dass tat-
sächlich Nachrichten weitergegeben worden seien, wird
nicht verlangt, und folglich kann auch nichts darauf an-
kommen, ob die Person, auf deren politische Tätigkeit sich
eine durchgegebene Nachricht bezieht, ermittelt werden
kann.
Daran ändert es nichts, dass Art. 272 nur für Nach-
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richtendienst « zum Nachteile » der Schweiz oder ihrer
Angehörigen oder Einwohner gilt. Wie das Bundesgericht
schon wiederholt ausgeführt hat, bedeuten diese Worte
weder, dass dem Staate oder dem einzelnen ein tatsäch-
licher Schaden erwacn, noch dass eine ungünstige
ideelle oder materielle Auswirkung zum mindesten wahr-
scheinlich sein müsse. Sie sagen bloss, dass der Nachrich
tendienst, wie er einerseits « im Interesse » einer fremden
Behörde, Partei oder ähnlichen Organisation betrieben
wird, sich anderseits gegen die Schweiz oder ihre Angehö-
rigen
oder Einwohner zu richten hat, nicht etwa gegen
einen fremden Staat oder ausserhalb der Schweiz woh-
nende Ausländer. Art. 301 StGB, der den militärischen
Nachrichtendienst gegen fremde Staaten mit Strafe be-
droht, verwendet ebenfalls die Worte KZUm Nachteil»,
um den Begriff « gegen » auszudrücken. Dass sie hier nur
diesen Sinn haben, ergibt sich nicht bloss aus dem Rand-
titel (cc Nachrichtendienst gegen fremde Staaten») und
daraus, dass sie in der Wendung cc für einen fremden Staat
zum Nachteil eines andern fremden ·Staates» dem Begriff
« für » gegenübergestellt werden, sondern auch aus der
Überlegung, dass das Gesetz dem Richter unmöglich kann
zumuten wollen, zu untersuchen, ob die Nachricht dem
fremden Staat geschadet habe oder schaden könne ; denn
das weiss nur der fremde Staat selber, und er gibt darüber
nicht Auskunft. Auch in Art. 27 4 StGB deuten die Worte
« zum Nachteile der Schweiz >> einfach den Gegensatz zu
der vorausgehenden Wendung cc für einen fremden Staat »
an. Die Worte (< au prejudice » und cc a pregiudizio » bezw.
«in danno >> in den romanischen Texten der Art. 272, 274
und 301 gehen auf eine Übersetzung zurück, die den Sinn
des deutschen Ausdruckes cc zum Nachteil>> nicht richtig
erfasst {Kassationshof 8. Februar 1946 i. S. Amsler und
3. Mai 1947 i. S. Bremer, Bundesstrafgericht 20. Dezember
194 7 i. S. Ried weg).
2.
-Die Auffassung, Einwohner im Sinne des Art. 272
StGB sei nur, wer die polizeiliche Erlaubnis habe, sich an
204 Strafgesetzbuch. No 51. einem Orte in der Schweiz niederzulassen oder dauernd aufzuhalten, hält nicht stand. Der Zweck der Vorschrift besteht nicht darin, bestimmte Personen vor Denunziation an eine alisländische Behörde, Partei oder ähnliche Orga- nisation zu schützen und andere, weil sie Init der Schweiz nicht als eng genug , verbunden erscheinen, schutzlos zu lassen, sondern darin, den im politischen Nachrichtendienst liegenden Dbergriff fremder Behörden, Parteien oder ähn- lichen Organisationen in die Hoheit über schweizerisches Gebiet abzuwehren. Art. 272 dient, wie sich aus seiner Stellung im dreizehnten Titel ergibt, dem Schutze des Staates, nicht des einzelnen. Den gleichen Zweck hatte schon sein Vorgänger, Art. 2 des Bundesbeschlusses betref- fend den Schutz der Sicherheit der Eidgenossenschaft vom 21. Juni 1935. Auch diese Bestimmung richtete sich gegen den mit der Unabhängigkeit der Schweiz unvereinbaren Spitzeldienst ausländischer Behörden, Parteien oder ähn- lichen Organisationen, gegen ein Vergehen, «das letzten Endes einen Angriff auf die Gebietshoheit der Schweiz bedeutet» (vgl. Botschaft des Bundesrates, BBl 1935 I 743). Ein solcher Angriff liegt in gleicher Weise vor, wenn eine sich bloss vorübergehend in der Schweiz aufhaltende Per- son bespitzelt wird, wie wenn der Bespitzelte hier nieder- gelassen ist. Der Entwurf des Bundesrates zum Bundes- beschluss von 1935 sprach denn auch in Art. 2 einfach von « Nachrichtendienst über die politische Tätigkeit von Per- sonen oder politischen Verbänden». Im Nationalrat wurde dann beschlossen, den Nachrichtendienst «zum Nachteil der Schweiz oder ihrer Einwohner» zu erfassen. Diese Änderung hatte jedoch nicht den Sinn, den Kreis der geschützten Personen einzuengen, sondern wollte den ver- botenen politischen Nachrichtendienst besser charakte- risieren, ihn abgrenzen vom erlaubten normalen inter- nationalen Pressedienst (StenBull NatR 1935 225). Auf einen Beschluss des Ständerates sodann geht die weitere Änderung zurück, dass statt von Nachrichtendienst « zum Nachteil der Schweiz oder ihrer Einwohner» von solchem Strafgesetzbuch. No 51. 205 «zum Nachteil der Schweiz oder ihrer Angehörigen oder Einwohner» gesprochen wurde. Das wurde Init den Wor- ten begründet: « WeD.n wir nur ,Einwohner der Schweiz' sagen, so erreicht man nur den Schutz der Ausländer und Schweizer in der Schweiz, wenn wir aber· sagen ,Ange- hörige oder Einwohner', so wird der Schutz auch ausge- dehnt auf die Auslandschweizer » (StenBull StR 1935 230). Man wollte durch das Wort <r Einwohner» nicht das frem- denpolizeiliche oder zivilrechtliche Verhältnis der sich im Gebiete der Schweiz aufhaltenden Personen kennzeichnen ; die zitierte Äusserung des Berichterstatters im Ständerat zeigt im Gegenteil, dass man einfach an den Schutz « der Ausländer .und Schweizer in der Schweiz » dachte. Wieso dieser Werdegang des Gesetzes nicht sollte be- rücksichtigt werden dürfen, ist umsoweniger zu sehen, als der so erinittelte Sinn dem Zwecke des Gesetzes entspricht und durch dessen Wortlaut gedeckt bleibt. 3. - In subjektiver Hinsicht wird das Urteil bloss von Marie Czekalla angefochten. Allein die Vorinstanz stellt fest, dass die Beschwerdeführerin den Zweck der Fragen Pierts erkannte und sie Init dem Bewusstsein und dem Willen beantwortete, einer fremden Macht Nachrichten zu überinitteln. Gegen diese Feststellungen tatsächlicher Natur ist die Nichtigkeitsbeschwerde nicht gegeben (Art. 273 Abs. l lit. b, Art. 277bis Abs. 1 BStP). Sie tun den Vorsatz dar (Art. 18 Abs. 2 StGB). Die ebenfalls ver- bindliche Feststellung, dass die Beschwerdeführerin sich der Rechtswidrigkeit ihres Handelns bewusst gewesen sei, schliesst sodann die Anwendung der Bestimmung über Rechtsirrtum aus (Art. 20 StGB). Demnach erkennt der K<UJsationslwf : Die Nichtigkeitsbeschwerden werden abgewiesen.
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