BGE 46 I 115
BGE 46 I 115Bge01.07.1919Originalquelle öffnen →
114 Staatsrecht. Gesetz damit den hier gegebenen Fall der Vorweisung der Muster im nämlichen Lokale für alle Kunden nicht umgekehrt behandeln und der Taxfreiheit entziehen wollen. Vielmehr sieht man sich einer Fassung des Ge- setzes gegenüber, die eine analoge Anwendung auf den hier vorliegenden, nicht ausdrücklich vorgesehenen. aber rechtlich gleichartigen Tatbestand nötig macht. Damit erweist sich die Anwendung der zürcherischen Bestimmungen über den patentpflichtigen Hausierver- kehr auf die Beschwerdeführerin als bundesrechtswidrig, namentlich auch was die Festsetzung des Betrages der Patenttaxe anlangt. 4. - Ist die Beschwerde schon nach dem gesagten gutzuheissen, so . braucht auf die andern Beschwerde- gründe -Verletzung der Rechtsgleichheit und des Verbotes der Doppelbesteuerung -nicht eingetreten zu werden. Demnach erkennt das Bundesgericht: Die Beschwerde wird gutgeheissen und der Ent- scheid des Regierungsrates des Kantons Zürich vom 20. November 1919 aufgehoben. Politisches Stim-und Wahlrecht. l'4-18. 11 ;) 111. ·POLITISCHES STIMM-UND WAHLRECHT DROIT ELECTORAL ET DROIT DE VOTE 18. Urteil vom !3l J'ebruarlS!30 i. S. !öchli und Kitbttelligte gegen Lusern. (irosBen Bat. Beschwerde wegen Verletzung kantonaler Verfassungsbestim- muugen über die Wabl des Grossen Rates durch diesen bei Erledigung eines Wahlrekurses. Umfang der Kognition des Bundesgerichts. Verteilung der Restmandate bei der Ver- hältniswahl des Grossen Rates nach luzernischem Recht. Wahlzahl als Quorum 'I A. -Das luzernische Verfassungsgesetz (Novelle zu §§ 23,43 und 95 der Staatsverfassung) vom. März 1909 betreffend Einführung der Verhältniswahl bestimmt in § .1, dass die Wahl der Verfassungsräte und der Gross- räte im Verhältniswahlverfahren stattfinde. Jeder der in § 150 des Organisationsgesetzes' von 1899 umschrie- benen Gerichtskreise bildet einen Wahlkreis (§ 2). Die Wählbarkeit ist auf Kandidaten beschränkt, deren Namen auf einer spätestens zehn Tage vor der Wahl beim Statthalteramt eingereichten, mit der Unterschrift von mindestens zwanzig stimmberechtigten Bürgern versehenen und eine deutliche Parteibezeichnung tra- genden Kandidaten-(Wahl-)Liste steht (§ 4). Gültig sind nur die Stimmzettel, deren Bezeichnung einer der ein- gereichten Wahllisten entspricht und die auf mindestens einen der in der betreffenden Liste genannten Kandi- daten lauten, und nur diejenigen Stimmen, welche auf Namen der gleichen Liste lauten; Kumulation ist unter- sagt (§ 5). Ueber die Verteilung der Mandate auf die ver- schiedenen Listen bestimmt § 6 : «Zur 'Ausrechnung des Wahlresultates wird die Zahl
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Staatsrecht.
der abgegebenen gültigen Stimmzettel dw-ch die Zahl
de: zu 'Yählnden Vertreter geteilt. Das Ergebnis dieser
Teung t de Wahlzahl : ergibt die Teilung einen Bruch.
s~ 1st. dIe nachsthöhere ganze Zahl Wahlzahl. Sodann
WI:d die Zahl der auf jede eingelangte Wahlliste gefallenen
tttel durch die Wahlzahl geteilt. Auf eine Wahl-
l!ste
fällt so oftmal ein Vertreter, als die Wahlzahl in
ue: Zahl der für diese Wahlliste abgegebenen gültigen
Stimmzettel enthalten ist. -
«rgibt diese Verteilung nicht so viele Kandidaten als
ge.wählt, als der Wahlkreis Vertreter zu wählen hat so
Wird, wenn ei,ne Wahlliste' die absolute Mehrheit 'der
abggbenen giltigen Stimmen (Stimmzettel) auf sich
vrelrugt hat, das zu vergebende Mandat der Wahlliste
mIt dem
soluten Mehr zugeteilt. Sind noch weitere
Mandate rucht vergeben oder
ist auf keine Wahlliste di
abolute Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimme:
(Stimmzettel) gefallen, so wird der Reihe nach -im
ersteren Falle mit Ausschluss der Wahlliste, welche das
abslute Mehr erreicht hat -denjenigen Wahllisten
b1 denen die Teil'ung der Wahlzahl i~
dl~ ZahlderfürdieListenabgegebenen
S. tIm m end eng r ö s s t e n B r u c her gib t je
em Mandat zugeteilt, bis alle. Mandate vergeben s~d.»
Innert der gleichen Liste gelten die Kandidaten als
gewählt, welche die meisten gültigen
Stimmen erhalten
haben: bei Stimmengleichheit entscheidet die Reihen-
folge, in welcher die Kandidaten auf der Liste stehen
§ 7): « Das Nähere », soheisst es in § 10, « bestimmt die
)eweilen vom Regierungsrat zu erlassende Wahlanord-
nung. )
D am 27. Februar 1919 in Kraft getretene neue Ge-
setz uer ~ahlen und Abstimmungen vom 31. Dezember
1918
gIbt m Abschnitt V « Besondere Vorschriften über
Wahlen:
a) Kantonale Wahlen: 1. Verfassungsrats-und
Grossratswahlen
» diese Bestimmungen ohne Aende-
rungen oder Ergänzungen wörtlich wieder.
Politisches Stimm-und Wahlrecht. N° 18.
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B. -Bei der Neubestellung des Grossen Rates für die
Periode 1919 bis 1923 am 11. Mai 1919 wurden im Wahl-
kreis IV Kriens-Malters 3251 gültige Stimmzettel abge-
geben und zwar für die Liste der ({ konservativen und
christlich-sozialen Partei» 1270, für die liberale Liste
1236, für die sozialdemokratische Liste 635
und für die
Liste der Grütlivereine (sozialdemokratische Volkspartei)
110. Das absolute Mehr betrug demnach 1626 und wurde
von keiner Liste erreicht.
Da der Wahlkreis 16 Vertreter
zu wählen hat, ergab sich als Wahlzahl 3251 : 16
= 204,
sodass bei der ersten Verteilung Mandate erhielten :
Konservative und christlich-soziale
Partei 1270 : 204 =
6 (Stimmenrest 1270 -1224 = 46);
Liberale
Partei 1236: 204 = 6 (Stimmenrest 1236-
1224 = 12) ;
Sozialdemokratische Partei 635 :
204 = 3 (Stimmen-
rest 635-612 = 23);
Sozialdemokratische Volkspartei (Grütlivereine) 110:
204 = 0 (Stimmenrest 110).
Das noch verbleibende 16. Mandat wurde vom Wahl-
bureau der konservativen Partei
« als. Partei mit dem
grÖBsten in Betracht fallenden Bruch » zugeteilt und da-
für der Kandidat mit der siebgrössten Stimmenzahl auf
der konservativen Liste, Albert Arnet
in Kriens, als ge-
wählt erklärt.
Gegen
diese Verteilung ergriffen Adolf Köchli, Mon-
teur in Kriens, und vier weitere stimmberechtigte Ein-
wohner des Wahlkreises Kriens-Malters den Rekurs an
den Grossen Rat des Kantons Luzern mit dem Antrage:
« es sei festzustellen, dass das bei Ausrechnung des W ahl-
ergebnisses hinsichtlich der Mandatsverteilung sich er-
gebende Restmandat nicht der konservativen Partei zu-
falle, sondern der Liste des Grutlivereins (sozialdemo-
kratische Volkspartei) und
es sei demzufolge die Ge-
wählterklärung des Albert Arnet in Kriens zu widerrufen
und an dessen Stelle der mit der höchsten Stimmenzahl
bedachte
Kandidat der Grütlianerliste, Versicherungs-
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Staatsrecht.
gerichtspräsident Albisser in Luzern als gewählt zu er-
klären. » Sie machten geltend, dass die Liste bei welcher
« die Teilung der Wahlzahl in die Zahl der Listenstimmen
den
grössten Bruch ergebe », nicht diejenige der konser-
vativen (26,.), sondern der sozialdemokratischen Volks-
partei (!) sei. Wenn das Wahlbureau gleichwohl das
Restmandat der konservativen Partei zugeteilt habe, so
lasse sich dies
nur aus der Auffassung erklären, dass eine
·Liste, welche die Wahlzahl nicht erreicht habe, auch bei
der Verteilung der Restmandate ausgeschlossen bleiben
müsse. Diese Auffassung sei
aber irrtlilnlich. Nicht nur
kenne das Gesetz selbst eine solche Beschränkung nicht,
sondern es ergebe sich auch aus dessen Entstehungs-
geschichte, dass
man jene, d. h. die Einführung der
Wahlzahl als Quorum bewusst abgelehnt habe.
Am 1. Juli 1919 beschloss darauf der Grosse Rat:
« 1. Die Beschwerde wird abgewiesen. .
« 2. Das von der Wahlvorsteherschaft des Wahlkreises
. Kriens-Malters festgesetzte Resultat wird als richtig
erklärt und die Wahl des Albert Arnet als Vertreter des
genannten Kreises
validiert. »
In den Erwägungen wird ausgeführt : Der letzte Satz
von § 6 des Verfassungsgesetzes spreche vom grössten
Bruch im Zusammenhang mit der Wahlzahl. Ein Bruch
habe zur Voraussetzung ein Ganzes, im vorliegenden
Falle die Wahlzahl : diese sei
aber von der Grütlianer-
partei nicht erreicht worden. "Schon die grammatikalische
Auslegung
der Bestimmung spreche deshalb gegen den
Standpunkt der Beschwerdeführer. Dazu komme, dass
anlässlich
der Beratung der Gesetzesvorlage bei den bei-
den
Hauptparteien, der konservativen und der liberalen
die Meinung geherrscht habe, dass
nur Wählergruppen
von einer bestimmten Stärke, d. h. solche, welche die
Wahlzahl erreichen, eine Vertretung sollten beanspru-
chen können. Dass ein
von Dr. Stocker gestellter aus-
drücklicher dahingehender
Antrag von der vorberaten-
den
Kommission zunächst angenommen, dann aber
Politisches Stimm-und Wahlrecht. NI> 18. "l()
wieder fallen gelassen worden sei, beweise nicht das Gegen-
teil.
Es habe sich eben nicht um ein detailliertes Wahl-
gesetz, sondern
um eine VerfassungsvorIage gehandelt,
in der nur die grundlegenden Bestimmungen Platz ge-
funden hätten. Alles weitere habe man der regierungs rät-
lichen Vollziehungsverordnung oder einer späteren Inter-
pretation durch den Grossen Rat überlassen dürfen. So
lasse sich auch das Schicksal des Antrages Dr. Stocker
erklären. Dem Verfasser des von den Beschwerdeführern
vorgelegten, ihnen günstigen Gutachtens, Dr.
Klöti seien
diese Tatsachen aus
der Entstehungsgeschicbte des Ge-
setzes nicht.
bekannt gewesen, weshalb. es verständlich
sei wenn
er zu einer unrichtigen Auslegung komme.
SChliesslich sprächen auch « allgemeine wahlpolitische
Erwägungen
» für die Abweisung der Becbwerde. Selst
bei Zuweisung des Restmandates an dIe konseratIve
Partei bringe diese für jedes ihrer Mandate noch lmer
eine durchschnittliche Stimmenzahl von 181 auf, wah-
rend die Liste
der Grütlianer in3gesamt nur 110 Stimmen
erhalten habe. Eine andere Lösung hätte zur Folge, dass
selbst schon Gruppen von 40,
30, 20, ja sogar 10 S:immn
zu einer Vertretung kommen könnten, was meht 1m
allgemeinen Interesse liegen würde.
C. -Diesen Beschluss des Grossen Rates haben Adolf
.Köchli
und Mitbeteiligte unter Berufung auf Art. 180
Ziff. 5 OG an das Bundesgericht weitergezogen untr
Wiederholung des im kantonalen Verfahren ges:t
ellten
Beschwerdeantrages. Sie halten daran fest, dass dIe vom
Wahlbureau
und vom Grossen Rat vertretene Auslegung
des § 6 des Verhältniswahlgesetzes
mit dessen Wortlaut
und Zusammenhang nicht vereinbar sei und dass auch
die Entstehungsgeschichte keine andere Deutung
als
die von den Rekurrenten behauptete zulasse. Um Listen,
welche ein gewisses Quorum nicht
errichen. üerhapt
von der Mandatszuteilung auszuschhessen, ware eme
positive Vorschrift nötig. Die
Einführ~ng eines solchen
Grundsatzes
im Wege der Rekursprax!s bezw. der Aus-
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Staatsrecht.
füllung einer angeblichen, in Wirklichkeit nicht vor-
handenen Lücke im Gesetzestext durch
die Rekursbe-
hörde sei
·Willkür.
. D .. ~ Der Grosse Rat des Kantons Luzern verweist
Iß seIßer Vernehmlassung, worin .er Abweisung der Be-
schwerde beantragt, auf die
Begründung des angefochte-
nen Beschlusses und das
Votum des Präsidenten der vor-
beaenden .Kommission für das Verhältniswahlgesetz,
:Vnnger, bel der Behandlung des heutigen Streitfalles
Im Grossen Rate, woraus hervorgehe, dass er den Antrag
auf Ablehnung des Amendementes Stocker seiner
Zeit
ledigl;~~ deshal~ gstellt habe, um die Regelung der Frage
den regIerungsrathchen Vollziehungsvorschriften und
der
Praxis
vorzubehalten. Im Kanton Solothurn habe denn
a:u
ch
der Grosse Rat . keinen Anstand genommen, in
elße verwandten Falle ähnlich zu entscheiden, indem er
erart habe, die Bestimmung des Wahlgesetzes, wonach
bel Erschöpfung aller Kandidaten einer
Liste der Ersatz
der Liste mit der grösseren Anzahl von Listenstimmen
zu
entnehmen sei, finde auf Wahllisten, welche die Wahl-
zahl nicht erreicht haben, 'keine Anwendung.
.E. -In einer auf ihr Verlangen ihnen gewährten Re-
plik
bekpfen. die Rekurrenten die Erklärungen der
Antwort uber dIe Gründe der Ausmerzung des Antrages
Dr.
Stckr und behaupten gegenteils, dieselbe sei das
Ergebms eIßes
Kompromisses zwischen den beiden ver-
hältniswahlfreundlichen Parteien, der konservativen und
der sozialdemokratischen gewesen, indem letztere anderen-
falls die
Zustimmung zum Gesetz zu verweigern gedroht
habe.
Das Bundesgericht zieht in Erwägung:
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Staatsrecht.
sätzlich alle Listen konkurrieren, soweit nicht etwa schon
die vorgeschriebene Rechnungsmethode
an sich den Aus-
schluss
inzelne davon bedingt. Wenn die angefochtene
EntscheIdung dIese
olgerung hier aus der Verwendung
des Ausdruckes
(e TeIlung» herleiten will weil letztere
die Möglichkeit eines Ganzen als
Qnotieten, d. h. das
Vorhandensein einer mindestens gleich hohen Zahl als
Dividend wie als Divisor voraussetze, so
kann dem
icht beigestinunt werden. Eine Division ist, mathema-
tISch gesprochen, natürlich auch möglich, wenn
der Divi-
sor grösser ist
al der. Didend. Wenn dabei das Ergebnis
von den kantonalen Behörden dem § 6, Absatz 2, letzter
Ser en das nämliche, nämlich die Feststellung des
quantItatIven Verhältnisses ist, in dem eine bestimmte Zahl
der Divisor zu einer anderen,
dem Dividenden steht. Diechnung mcht m emer ganzen Einheit, sondern nur
m emem Brucht"eil einer solchen besteht, so ändert dies
an. der Tatsache nichts, dass das Ziel der Operation
in
belde Ftz. d Verfassungsgesetzes gegebene Deutung, legt
thm l denselben etwas anderes hinein, als er besagt,
mdem
SIe als Bruch nur den Rest betrachtet der sich
bei
der Teilung der Wahlzahl in die Zahl d;r für die
betreffende Liste abgegebenen
Stimmen neben einer oder
mehren ganzen Einheiten als· Quotient ergibt, wäh-
rend Im Gesetze nur vom grössten Bruche schlechthin
die Rede ist. Ein Bruch kann aber rechnerisch selbst-
verständlich nicht
nur als Begleitung zu einem Ganzen
sonder? auch selbstndig entstehen. Bei der Anwendun~
gecher Vorschnften über ein Wahlverfahren, das
WIe dIe yerhältniswahl in einem solchen Umfange auf der
HeranzIehung mathematischer Erkenntnisse
und Me-
toden beruht, ist aber solange zu vermuten, dass auch
de verwendeten Ausdrücke im exakten mathematischen
SIne und nicht in einem populären ungenauen gebraucht
se.en,. als nicht unabweisliche Gründe anderer Art die
worthche Auslegung als unzulässig erscheinen lassen.
An solchen fehlt es hier. Die Ausführungen des angefoch-
'I
'1
i
Politisches :S1.'".:.c-und Wahlrecht. N° lil. 1_
tenen Beschlusses und der Beschwerdeantwort über die
Entstehungsgeschichte des Gesetzes können
in dieser Be-
ziehung selbst dann nicht als schlüssig angesehen werden,
wenn der Antrag auf Streichung des Amendementes
Stocker, welches die Wahlzahl
niCht erreichende Listen
ausdrücklich vom Anspruche auf eine Vertretung aus-
schloss, in der vorberatenden Kommission wirklich so
wie
behauptet begründet worden sein sollte. Denn auch
danach wäre diese Streichung nicht etwa erfolgt, weil
man den Zusatz für überflüssig, in der gegenwärtigen
Fassung des
§ 6 Absatz 2 letzter Satz bereits einge-
schlossen angesehen hätte, sondern weil
man die Lösung
der Frage der Zukunft, sei
es im Wege des Erlasses einer
ergänzenden Vollziehungsverordnung, sei
es einer Ent-
scheidung des Grossen Rates in einem konkreten Falle
vorbehalten wollte. Die Ansicht, dass auf diesem Wege
die gedachte Beschränkung immer noch eingeführt wer-
den könne, ist aber nicht haltbar.
Da sich die Aufstellung
irgend eines Quorums, welches Listen
unter einer ge-
wissen Stimmenzahl von der Berücksichtigung aus-
schliesst,
immer als ein Eingriff in das Prinzip der Ver-
hältniswahl darstellt, nach dem jede Wählergruppe im
Verhältnisse ihrer Wahlkraft einen gleichen Anspruch
auf Vertretung haben soll, bedarf
es dazu, wie die Re-
"kurrenten mit Recht geltend machen, einer ausdrück-
lichen Gesetzesvorschrift (vgl: hiezu
z. B. die Gesetze
von Tessin vom
124 Staatsrecht. fochtenen Entscheide zum Schlusse noch angeführt wer-· den, vennöchten höchstens eine Revision des Gesetzes selbst, nicht aber eine dessen Inhalt widersprechende Behandlung des einzelnen Falles ohne solche Revision zu rechtfertigen. Um eine derartige Abweichung vom Ge- setze und nicht um die Ausfüllung einer Lücke in dessen Texte würde es sich aber hier handeln, weil ja das in rlemselben angeordnete Verfahren auch bei der hier ge- gebenen Auslegung nicht lückenhaft ist, sondern eine restlose Verteilung aller Mandate gestattet. Ob der Grosse Rat des Kantons Solothurn bei Auslegung des solothur- nischen Wahlgesetzes einen ähnlichen Standpunkt ein- genommen habe, ist unerheblich, da eine Entscheidung der Bundesbehörden, welche seinen Standpunkt gebilligt hätte, mangels Weiterziehung nicht vorliegt. Dazu kommt, dass die Rechtslage in jenem Falle auch nicht die nämliche war wie hier, indem nach dem solothur- nischen Gesetze die Restmandate der Liste mit den meisten Listenstimmen zugewiesen werden, also einer Liste, welche regeImässig auch die Wahlzahl erreicht haben wird, sodass die Ihterpretation, wonach andere Listen nur unter der letzteren Voraussetzung Anspruch haben, bei Erschöpfung aller Kandidaten einer Liste im Falle von Vakanzen den Ersatz zu stellen, sich offenbar noch im gesetzlichen Rahmen hält. Es mag denn auch der Vollständigkeit halber no<;h darauf hingewiesen wer- den, dass die neueste Abhandlung über die «Verteilungs- systeme der Proportionalwahl »Von POL YA in der Zeitschrift für schweizerische Statistik 1918 S. 363 ff. das Luzerner Gesetz ohne weiteres unter diejenigen einreiht, welche die Restmandate den Listen mit dem stärksten Rest bei der Hauptverteilung nicht berücksichtigter Stimmen zu- weisen, was zeigt, dass die oben vertretene Auslegung des § 6 Abs. 2 letzter Satz diejenige ist, welche sich jedem in die Technik der Verhältniswahl eingeweihten Betrach- ter ohne weiteres als die gegebene aufdrängt. Da nicht bestritten ist, dass bei Zugrundelegung der- Politisches Stimm-und Wahlrecht. ND 18. 125 selben die Liste der Grütlipartei und nicht der konser- vativen Partei es ist, bei welcher die Teilung der Wahl- zahl in die Zahl der gültigen Listenstimmen den grössten Bruch ergibt, ist mithin die Zuteilung des 16. (Rest-) Mandates an die konservative Partei nicht haltbar und müssen der sie schützende Beschluss des Grossen Rates sowie die dadurch bestätigte Verfügung des Wahlbureaus Kriens-Malters aufgehoben werden. Eine unmittelbare Feststellung des richtigen Wahlergebnisses durch das Bundesgericht, wie sie von den Beschwerdeführern bean- tragt wird, ist wegen der bloss kassatorischen Natur der staatsrechtli~hen Beschwerde ausgeschlossen. Es wird Sache des Grossen Rates bezw. des Wahlbureaus Kriens- Malters sein, aus dem Urteile des Bundesgerichts die zu- treffenden Folgerungen zu ziehen. Demnach hat das Bundesgericht erkannt: Die Beschwerde wird gutgeheissen und es werden dem- gemäss der Beschluss des Grossen Rates des Kantons Luzern vom
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