BGE 40 II 266
BGE 40 II 266Bge16.01.1914Originalquelle öffnen →
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Obligationenrecht.
N° 46.
46. Urteil der n. Zivilabteilung vom 29. April 1914 i. S.
Xoch, Kläger, gegen Jung, Wassmer und Genossen, Beklagte.
Haft u n g der vom Chauffeur zu einer Automobilfahrt ein-
geladenen
Personen für den dem Eigentümer infolge Be-
schädigung des Motorwagens entstandenen Schaden ?
A. -Der Beklagte Jung, der als Chauffeur beim Kläger
angestellt war, führte die vier übrigen Beklagten in
der
Nacht vom 6. auf den 7. Oktober 1912 im Automobil
seines Dienstherrn von Derendingen
aus spazieren. Vorher
waren die Beklagten in der Wirtschaft Roth in Deren-
dingen gewesen, wo der Beklagte Kilian Wassmer den
Zeugen Brenckle fragte, ob er sein Automobil zu einer
Fahrt .. bei sich hbe. AlsBrenckle dies verneinte, ging das
Gesprach auf emen andern Gegenstand über; später
sprach die Gesellschaft wieder von Automobilen und
Automobilfahrten, wobei sich KHian Wassmer an den an
enem eentisch sitzenden Chauffeur Jung wandte und
SIch mIt Ihm unterhielt. Welches der Inhalt dieses Ge-
spräches war,
ist aus den Akten nicht ersichtlich. Fest
steht nur, dass Jung die Wirtschaft vor den andern Be-
klagten verliess, die bald nachher ebenfalls aufbrachen.
Bei der
Post, wo sie mit Jung" wieder zusammentraffn
b.estiegen sie das Automobil des Klägers, worauf,
nach
emem kurzen Aufenthalt in der Wirtschaft Wassmer, um
ca.
% 12 Uhr die gemeinsame Ausfahrt angetreten wurde.
In der Nähe von Bätterkinden stiess Jung mit dem Auto-
mobil so heftig
an die steinerne Brustwehr der sog. Kraut-
mühlebachbrücke, dass der Wagen zertrümmert wurde.
Mi~ der :orliegenden Klage verlangt nun der Kläger,
es selen dle Beklagten
unter solidarischer Haftung zur
Bezahlung von 10,000 Fr. nebst Zins zu 5% seit 8. Okto-
ber 1912 zu verurteilen. Zur Begründung dieses Begeh-
rens wird geltend gemacht, der Beklagte
Jung habe das
Automobil auf Anstiftung der Beklagten Wassmer hin
widerrechtlich
benützt und sich zu schnellen Fahrens
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schuldig gemacht. Die Beklagten schlossen auf Abweisung
der Klage
und wandten ein, Jung habe die Gesellschaft
Wassmer aus freiem Entschlusse zur Fahrt eingeladen,
die ihm auch erlaubt gewesen sei. Überdies führten sie
aus, der Unfall sei nicht auf zu schnelles Fahren, sondern
auf eine optische Täuschung zurückzuführen, zufolge
welcher der Beklagte
Jung die weisse, steinerne Brust-
wehr der Brücke als Strassenpflaster gehalten habe.
B. -Durch Urteil vom 16. Januar 1914 hat das Ober-
gericht des Kantons Solothurn erkannt:
(l 1. Der Beklagte Alfred Jung hat dem Kläger eine
I) Schadenersatzsumme von 8000 Fr. nebst Zins zu 5 %
I) seit 8. Oktober 1912 zu bezahlen; die Mehrforderung ist
I) abgewiesen.
)) 2. Hinsichtlich der übrigen Beklagten ist die Klage
» abgewiesen ..... ))
C. -Gegen dieses Urteil hat der Kläger die Berufung
an das Bundesgericht ergriffen, mit den Anträgen, es seien
sämtliche fünf Beklagte unter solidarischer Haftung zur
Bezahlung von 10,000 Fr. zu verurteilen und ihnen die
Gerichts-" und Parteikosten aufzuerlegen.
D. -
In der heutigen Verhandlung hat der Vertreter
des Klägers eine Erklärung abgegeben, aus der geschlossen
werden muss, dass sich die Berufung
nur für den Fall
ihrer Gutheissung gegen die Beklagten Wassmer auch
gegen den Beklagten Jung richtet.
Das Bundesgericht zieht
in Erwägung:
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dass die Bevölkerung von Derendingen der Meinung
gewesen sei,
er dürfe dies tun. Diese Feststellung ficht der
Kläger als aktenwidrig an, weil sie
im Widerspruch zu der
von der Vorinstanz bei Prüfung der Haftbarkeit des
Jung
festgestellten Tatsache stehe. dass es Jung verboten ge-
wesen sei, ohne Wissen seines Dienstherrn über dessen
Motorwagen zu verfügen. Diese Einwendung trifft nicht
zu. Abgesehen davon, dass die Feststellungen der
Vor-
instanz durchaus ohne Widerspruch nebeneinander be-
stehen können. da sich die erSte lediglich auf das interne
Verhältnis zwischen
Jung und dem Kläger bezieht, wäh-
rend die zweite die Frage betrifft, wie die Stellung J ungs
von den aussenstehenden Dritten aufgefasst wurde -ist
zu sagen, dass die Beklagten Wassmer auch dann nicht
haftbar erklärt werden könnten, wenn sie gewusst hätten,
dass
Jung zu der ausgeführten Spazierfahrt nicht berech-
tigt gewesen sei. Denn dann wäre die Haftung der Be-
klagten Wassmer nur begründet, wenn feststände, dass
.Jung von ihnen zur widerrechtlichen Gebrauchsaneig-
nung des Automoblis
angestiftet worden sei. in
dieser Beziehung stellt die Vorinstanz fest, dass Kilian
Wassmer (der allein in
Betracht kommen könnte) den
Beklagten
Jung nicht zur Fahrt aufgefordert hat. Da
-es sich hiebei um eine reine Tatfrage handelt, ist das Bun-
desgericht an deren Beantwortung durch den Tatsachen-
richter gemäss Art.
81 OG gebunden. Fehlt es aber am
Beweis einer Anstiftung, so könnte die Benutzung des
Motorwagens durch die Beklagten Wassmer bestenfalls
als ein Nutzenziehen aus der widerrechtlichen Handlung
-eines andern, also als ein höchstens der Begünstigung ver-
gleichbares Delikt in Betracht fallen. Nach Art. 50 Abs. 3
OR haftet indessen der Begünstiger nur dann und nur so
weit für Ersatz, als er einen Anteil an dem Gewinn emp-
fangen oder durch seine Beteiligung Schaden verursacht
hat. Voraussetzung der Haftbarkeit der Beklagten Wass-
mer wäre daher einmal. dass ihnen aus der widerrecht-
lichen Benutzung des Automobils durch
Jung ein Vorteil
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erwachsen sei. Ein solcher wäre dann gegeben. wen der
Kläger eine Automobilhalterei betreiben würde. Indem
dann gesagt werden könnte. die Beklagten Wassmr
seien um denjenigen Betrag bereichert worden. den SIe
dem Kläger als Vermieter des Motoagens für desen
Benutzung hätten bezahlen müssen. EIn solcher Fall liegt
hier jedoch nicht vor; aus diesem Grunde hat de: Kläger
denn auch selber keine Forderung auf
Ersatz eInes den
Beklagten Wassmer entstandenen Gewinnes einge.klagt.
Es kann aber auch nicht angenommen werden. dIe Be-
klagten Wassmer hätten durch ihre Beteiligung dn
Schaden, der durch die Zertrümmerung des Automobils
entstand. verursacht. Dieser ist vielmehr in seinem ganzen
Umfang ausschliesslich auf die
vertragswide Aneignung
und fahrlässige Benutzung des Automobils
du:ch den
Beklagten
Jung zurückzuführen. Insbesondere hegt auf
Seite der Beklagten Wassmer keine Besitzesanmassung
am Motorwagen des Klägers vor,
da sie die Fahrt als
blosse
Gäste des Jung mitgemacht haben.
2.
_ Ist somit die Berufung gegen die Beklagten Wass-
mer abzuweisen,
so ist, nach der Erklärung, die der Ver-
treter des Klägers in der heutigen Verandlung abgg~ben
hat. das vorinstanzliche Urteil ohne weIteres zu bestätIgen.
Demnach hat das Bundesgericht
erkannt:
Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des
Obergerichts des Kantons
Solothurn vom 16. Januar 1914
bestätigt.
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