Complaint against reopening of discontinued criminal case inadmissible

BK 2017 476Obergericht / Beschwerdekammer23.11.2017Dismissed

Von Omnilex extrahiert

Omnilex-Zusammenfassung

The Criminal Appeals Chamber held that the accused's complaint against the prosecutor's order of 15 November 2017, which reconsidered and effectively reopened a previously discontinued case, was inadmissible. The court reasoned that entertaining such a complaint would circumvent Art. 380 StPO, since the Code does not allow a remedy against the initiation or continuation of proceedings. The appellant and the other accused retain the ability to defend themselves against the underlying allegations in the criminal process. Despite the appellant's defeat, costs of CHF 200 were imposed on the Canton of Bern because the challenged order wrongly contained a remedies warning.

Omnilex-Regeste

Art. 380 StPO; admissibility of a complaint against a prosecutorial reconsideration order following discontinuance. A remedy is inadmissible where its practical effect would be to challenge the opening or continuation of criminal proceedings that the Code declares final or unappealable. A prosecutor's reconsideration of a discontinuance does not create a separately appealable decision if the appeal would serve only to resist the resumed prosecution; otherwise the prohibition of remedies under Art. 380 StPO would be circumvented (consid. 2). Erroneous remedies instructions may justify allocating costs to the canton under Art. 417 StPO (consid. 3).

Gesamter Gesetzestext

BesetzungOberrichterin Schnell (Präsidentin), Oberrichter Stucki, Oberrichterin Bratschi

Gerichtsschreiber Müller

VerfahrensbeteiligteA.________

Beschuldigte 1/Beschwerdeführerin

B.________

Beschuldigte 2

Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Bern, Maulbeerstrasse 10, Postfach 6250, 3001 Bern

C.________

Straf- und Zivilkläger

GegenstandAufhebung der Einstellungsverfügung vom 9. Oktober 2017

Strafverfahren wegen Pfändungsbetrugs, evtl. Gehilfenschaft dazu

Beschwerde gegen die Verfügung der Regionalen Staatsanwaltschaft Emmental-Oberaargau vom 15. November 2017

(EO 17 1416)

Erwägungen:

1. Am 9. Oktober 2017 stellte die Regionale Staatsanwaltschaft Emmental-Oberaargau (nachfolgend: Staatsanwaltschaft) das Verfahren gegen die Beschuldigten A.________ (nachfolgend: Beschwerdeführerin) und B.________ (nachfolgend: Beschuldigte 2) wegen Pfändungsbetrugs, evtl. Gehilfenschaft dazu, ein.

Am 20. Oktober 2017 erhob C.________ (nachfolgend: Straf- und Zivilkläger) dagegen Beschwerde (Verfahren BK 17 427). Am 15. November 2017 verfügte die Staatsanwaltschaft, dass sie ihre Einstellungsverfügung vom 9. Oktober 2017 aufhebe und in Wiedererwägung ziehe.

Dagegen erhob die Beschwerdeführerin am 20. November 2017 (Eingang Beschwerdekammer: 22. November 2017) ihrerseits Beschwerde.

Mit Blick auf das Nachfolgende wurde auf die Durchführung eines Schriftenwechsels verzichtet (Art. 390 Abs. 2 Schweizerische Strafprozessordnung [StPO; SR 311]).

2.1 Gegen Verfügungen und Verfahrenshandlungen der Staatsanwaltschaft kann bei der Beschwerdekammer in Strafsachen innert 10 Tagen schriftlich und begründet Beschwerde geführt werden (Art. 393 Abs. 1 lit. a i.V.m. Art. 396 Abs. 1 StPO, Art. 35 des Gesetzes über die Organisation der Gerichtsbehörden und der Staatsanwaltschaft [GSOG; BSG 161.1] i.V.m. Art. 29 Abs. 2 des Organisationsreglements des Obergerichts [OrR OG; BGS 162.11]).

2.2 Art. 380 StPO besagt, dass kein Rechtsmittel nach diesem Gesetz zulässig ist, wenn dieses Gesetz einen Entscheid als endgültig oder nicht anfechtbar bezeichnet. Dies trifft zu auf die Einleitung des Vorverfahrens oder die Eröffnung einer Untersuchung (Art. 300 Abs. 2 und 309 Abs. 3 StPO; Guidon, Die Beschwerde gemäss Schweizerischer Strafprozessordnung, 2011, N. 120 und N. 123 f.).

Wenn die Beschwerdeführerin befugt wäre, gegen die staatsanwaltschaftliche Wiedererwägungsverfügung nach einer (erfolgten aber mit Beschwerde angefochtenen) Verfahrenseinstellung Beschwerde zu führen, würde dies eine Umgehung von Art. 380 StPO darstellen. Auf diesem Weg würde die Beschwerdeführerin die Möglichkeit erhalten, sich gegen die Weiterführung (quasi durch «Wiedereröffnung») des Strafverfahrens zur Wehr zu setzen, was vom Gesetzgeber gerade nicht beabsichtigt war (Art. 309 Abs. 3 Satz 3 StPO analog; vgl. dazu Beschluss des Obergerichts BK 15 75 vom 3. März 2015 E. 2.2; Guidon; in: Basler Kommentar StPO, 2. Aufl. 2013, N. 6 insb. Fn. 24 zu Art. 393 StPO betr. sog. «behördeninterne Vorgäng»; ferner Guidon, a.a.O., N. 2b zu Art. 397 StPO betr. Wiedererwägung).

Das Recht, sich gegen die Anschuldigungen zu wehren, bleibt der Beschwerdeführerin und der Beschuldigten 2 im Übrigen erhalten.

2.3 Auf die Beschwerde kann demzufolge offensichtlich nicht eingetreten werden.

3. Obwohl die Beschwerdeführerin unterliegt, rechtfertigt sich die Auferlegung der Verfahrenskosten an den Kanton Bern, da die angefochtene Verfügung vom 15. November 2017 fälschlicherweise eine Rechtsmittelbelehrung enthält (Art. 417 StPO).

Die Beschwerdekammer in Strafsachen beschliesst:

Auf die Beschwerde wird nicht eingetreten.

Die Verfahrenskosten, bestimmt auf CHF 200.00, trägt der Kanton Bern.

Zu eröffnen:

der Beschuldigten 1/Beschwerdeführerin

der Generalstaatsanwaltschaft

Mitzuteilen:

der Beschuldigten 2

dem Straf- und Zivilkläger

der Regionalen Staatsanwaltschaft Emmental-Oberaargau, a.o. Staatsanwältin D.________ (mit den Akten)

Bern, 23. November 2017

Im Namen der Beschwerdekammer in Strafsachen Die Präsidentin: Oberrichterin Schnell i.V. Oberrichterin Bratschi

Der Gerichtsschreiber: Müller

Rechtsmittelbelehrung

Gegen diesen Entscheid kann innert 30 Tagen seit Zustellung beim Bundesgericht, Av. du Tribunal fédéral 29, 1000 Lausanne 14, Beschwerde in Strafsachen gemäss Art. 39 ff., 78 ff. und 90 ff. des Bundesgesetzes vom 17. Juni 2005 über das Bundesgericht (Bundesgerichtsgesetz, BGG; SR 173.110) geführt werden. Die Beschwerde muss den Anforderungen von Art. 42 BGG entsprechen.

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Schlagwörter

inadmissibilitycriminal complaintreopening of proceedingsdiscontinuancecost allocationremedy instructiondebt-collection fraud

Von Omnilex extrahiert

Kernrechtsfrage

Whether the complaint against the prosecutor's reconsideration/reopening order was admissible

Extrahierter Entscheid

The complaint was inadmissible because allowing it would circumvent the statutory bar on appeals against the opening or continuation of criminal proceedings.

Extrahierte Begründung

Under Art. 380 StPO, no remedy lies where the Code makes a decision final or unappealable. Admitting a complaint against a reconsideration decision after discontinuance would indirectly permit a challenge to the continuation or reopening of the proceedings, which the legislator did not intend.

Kernrechtsfrage

Allocation of procedural costs despite inadmissibility

Extrahierter Entscheid

Costs were imposed on the Canton of Bern because the challenged decision incorrectly contained a remedy instruction.

Extrahierte Begründung

Although the appellant lost, fairness justified charging costs to the canton due to the erroneous indication of legal remedies in the prosecutor's order.

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