OLG Innsbruck Ds14/14

Ds14/14Oberlandesgericht28.09.2015

Gesamter Gesetzestext

OLG Innsbruck Ds14/14

  • Dokumenttyp: Entscheidungstext
  • Entscheidungsdatum: 28.09.2015
  • ECLI: ECLI:AT:OLG0819:2015:0000DS00014.140.0928.000

Kopf

Das Oberlandesgericht Innsbruck als Disziplinargericht für Richter und Staatsanwälte hat durch den Senatspräsidenten des Oberlandesgerichts Dr. Wolfgang Salzmann als Vorsitzenden sowie den Senatspräsidenten des Oberlandesgerichts Dr. Georg Hoffmann und die Senatspräsidentin des Oberlandesgerichts Dr. Ingrid Brandstätter als weitere Mitglieder des Senats in der Disziplinarsache gegen den Richter des Bezirksgerichts ***** Dr. ***** nach der in Anwesenheit der Schriftführerin RiAA Mag. Dr. Veronika Tiefenthaler LL.M., des Ersten Oberstaatsanwalts HR Mag. Richard Freyschlag und des Disziplinarbeschuldigten Dr. ***** durchgeführten öffentlichen Verhandlung am 28.9.2015 zu Recht erkannt:

Spruch

Dr. ***** ist

s c h u l d i g ,

er hat als Vorsteher des Bezirksgerichts ***** und als Richter des Bezirksgerichts ***** die ihm nach § 57 Abs 1 zweiter Satz RStDG auferlegten Pflichten, die in der Republik Österreich geltende Rechtsordnung unverbrüchlich zu beachten, sowie die Pflichten seines Amts gewissenhaft, unparteiisch und uneigennützig zu erfüllen, dadurch schuldhaft verletzt, dass er im Zeitraum zwischen 22.12.1994 und 21.7.2014 es jeweils - entgegen § 22 GOG und § 182 Geo - unterließ, den Ausschließungsgrund des § 20 Abs 1 Z 2 JN anzuzeigen und stattdessen

1. seine Ehegattin ***** in insgesamt 13 Pflegschaftsverfahren beschlussmäßig zur Sachwalterin bestellte;

2. in insgesamt 53 Angriffen (in 9 verschiedenen Pflegschaftsverfahren) über Antrag seiner Gattin ***** mit Beschluss jeweils „Aufwandersatz“ für die Tätigkeit als Sachwalterin zusprach;

3. am 19.6.2009 seine Tochter ***** im Verfahren P ***** des Bezirksgerichts ***** zur Verfahrenssachwalterin (§ 119 AußStrG) bestellte.

Dr. ***** hat hiedurch ein Dienstvergehen nach § 101 Abs 1 RStDG begangen.

Gemäß §§ 101 Abs 1, 104 Abs 1 lit. b RStDG wird über ihn eine Geldstrafe in Höhe von 3 (drei) Monatsbezügen verhängt.

Gemäß § 137 Abs 2 RStDG hat Dr. ***** die mit EUR 300,-- bestimmten Kosten des Verfahrens zu ersetzen.

Entscheidungsgründe:

Begründung

Dr. *****, geboren am *****, wurde mit ***** zum Richter ernannt und war von ***** bis ***** Vorsteher des Bezirksgerichts *****. Nach dessen Auflösung wurde er mit ***** auf die Doppelplanstelle eines Richters des Bezirksgerichts ***** und des Bezirksgerichts ***** ernannt, seit ***** ist er nur noch beim Bezirksgericht ***** tätig. Sowohl als Vorsteher des Bezirksgerichts ***** als auch nunmehr als Richter des Bezirksgerichts ***** ist er nach der Geschäftsverteilung unter anderem für die Bearbeitung der Sachwalterschaftssachen zuständig. Seine Dienstbeurteilung lautet seit seiner Ernennung zum Richter durchgehend auf „ausgezeichnet“.

Der Disziplinarbeschuldigte ist mit ***** verheiratet und hat zusammen mit ihr eine längst selbsterhaltungsfähige Tochter, nämlich *****.

Die örtliche Zuständigkeit des (ehemaligen) Bezirksgerichts ***** für das o***** in , einem Betreuungszentrum für Menschen mit psychiatrischer Grunderkrankung und/oder geistiger Behinderung, führte zu einem vermehrten Bedarf an geeigneten Sachwaltern. Da im S auch Personen Aufnahme fanden, die ihren Lebensmittelpunkt außerhalb des Gerichtssprengels hatten, war vielfach kein Angehöriger im Gerichtssprengel des Bezirksgerichts ***** wohnhaft und war es auch sonst teilweise schwierig, Sachwalter, insbesondere über einen Verein für Sachwalterschaft, zu finden.

Am 18.9.2014 erstattete der Präsident des Oberlandesgerichts Linz Disziplinaranzeige gegen Dr., weil er zwischen Dezember 1994 und Juli 2014 in zahlreichen Sachwalterschaftsverfahren seine Ehegattin zur Sachwalterin bestellt und über die von ihr in diesem Verfahren beanspruchten Aufwandersätze Beschlüsse gefasst habe. Gleichzeitig teilte er mit, dass gegen Dr. auch bei der Staatsanwaltschaft ***** wegen derselben Vorwürfe ein Strafverfahren wegen des Verbrechens des Missbrauchs der Amtsgewalt nach § 302 Abs 1 StGB geführt werde.

Aufgrund der Anklageschrift der Staatsanwaltschaft ***** vom 12.3.2015 zu ***** St ***** wurde Dr., nachdem das Oberlandesgericht L mit Beschluss vom 20.4.2015, ***** Ns *****, diese Strafsache dem Landesgericht ***** abgenommen und dem Landesgericht ***** zugewiesen hatte, vom Landesgericht ***** mit Urteil vom 15.7.2015, ***** Hv *****, schuldig erkannt, dass er im Zeitraum zwischen 22.12.1994 und 21.7.2014 in ***** und ***** in zahlreichen, ab 1996 jährlichen Angriffen jeweils als Richter des Bezirksgerichts und somit als Beamter mit dem Vorsatz, dadurch einen anderen in seinen Rechten zu schädigen, nämlich die jeweiligen Besachwalteten in ihrem subjektiven Recht auf Sachentscheidung und Prüfung der Anspruchsvoraussetzungen in einem unvoreingenommen geführten Verfahren durch ein nicht ausgeschlossenes (§ 20 Abs 1 Z 2 JN) Organ der Gerichtsbarkeit, seine Befugnis im Namen des Bundes und als dessen Organ in Vollziehung der Gesetze Amtsgeschäfte vorzunehmen, wissentlich missbraucht hat, indem er es jeweils - entgegen § 22 GOG und § 182 Geo - unterließ, den Ausschließungsgrund des § 20 Abs 1 Z 2 JN anzuzeigen, und stattdessen

1. seine Ehegattin ***** in insgesamt 13 Pflegschaftsverfahren beschlussmäßig zur Sachwalterin bestellte;

2. in insgesamt 53 Angriffen (in 9 verschiedenen Pflegschaftsverfahren) über Antrag seiner Gattin ***** mit Beschluss jeweils „Aufwandersatz“ für die Tätigkeit als Sachwalterin zusprach;

3. am 19.6.2009 seine Tochter ***** im Verfahren P ***** des Bezirksgerichts ***** zur Verfahrenssachwalterin (§ 119 AußStrG) bestellte;

und hiedurch das Verbrechen des Missbrauchs der Amtsgewalt nach § 302 Abs 1 StGB begangen hat. Über Dr.***** wurde nach § 302 Abs 1 StGB unter Anwendung des § 43a Abs 2 StGB eine Freiheitsstrafe in der Dauer von fünf Monaten und eine Geldstrafe in Höhe von 90 Tagessätzen zu je EUR 68,--, insgesamt somit EUR 6.120,--, für den Fall deren Uneinbringlichkeit 45 Tage Ersatzfreiheitsstrafe, verhängt, wobei der Vollzug der verhängten Freiheitsstrafe unter Bestimmung einer Probezeit von drei Jahren gemäß § 43 Abs 1 StGB bedingt nachgesehen wurde.

Dieses Urteil erwuchs infolge beiderseitigen Rechtsmittelverzichts sofort in Rechtskraft.

Diesem Schuldspruch liegt zugrunde, dass sich Dr.***** ab 1994 infolge der Schwierigkeiten, Sachwalter zu finden, auch an seine Ehegattin wandte und sie ersuchte, Sachwalterschaften in verschiedenen Pflegschaftsverfahren zu übernehmen, zumal er seine Gattin als sozial sehr engagiert betrachtete. Seine Gattin erklärte sich bereit, Sachwalterschaften zu übernehmen, worauf er sie in nachfolgenden Verfahren zur Sachwalterin bestellte, und zwar:

im Verfahren P ***** BG , Betroffene: Z M*****, am 22.12.1994;

im Verfahren P ***** BG , Betroffener: K R*****, am 21.2.2006;

im Verfahren P ***** BG , Betroffene: M P*****, am 9.4.1997;

im Verfahren P ***** BG , Betroffener: L H*****, am 21.2.2006;

im Verfahren P ***** BG , Betroffener: E P*****, am 2.9.2008;

im Verfahren ***** P ***** BG ***** (vormals P ***** BG ), Betroffener: A V*****, am 21.7.2014;

im Verfahren ***** P ***** BG ***** (vormals P ***** BG ), Betroffene: E E*****, am 21.6.2010;

im Verfahren ***** P ***** BG ***** (vormals P ***** BG ), Betroffener: E P*****, am 5.6.2013;

im Verfahren ***** P ***** BG ***** (vormals P ***** und SW ***** BG ), Betroffene: A S*****, am 12.1.2001;

im Verfahren ***** P ***** BG ***** (vormals P ***** BG ), Betroffener: K R*****, am 22.12.1994;

im Verfahren ***** P ***** BG ***** (vormals P ***** BG ), Betroffener: J K*****, am 2.9.2008;

im Verfahren ***** P ***** BG ***** (vormals ***** P ***** BG ), Betroffener: O N*****, am 21.7.2014;

im Verfahren ***** P ***** BG ***** (vormals ***** P ***** BG ), Betroffene: A B*****, am 21.7.2014.

In neun dieser Pflegschaftsverfahren sprach der Disziplinarbeschuldigte seiner Gattin in insgesamt 53 Angriffen für ihre Tätigkeit beschlussmäßig Aufwandersatz in Höhe von bis zu S 15.000,-- (bis Ende 2001) bzw EUR 1.700,-- pro Jahr jeweils pauschal zu, insgesamt (umgerechnet) mehr als EUR 34.000,--.

Im Verfahren P ***** BG ***** bestellte er am 19.6.2009 seine Tochter ***** zur Verfahrenssachwalterin.

In allen Fällen unterließ es der Disziplinarbeschuldigte, den aufgrund der mit ***** aufrecht bestehenden Ehe gegebenen Ausschließungsgrund nach § 20 Abs 1 Z 2 JN entsprechend § 22 GOG bzw § 182 Geo anzuzeigen; ebenso verhielt es sich bei der Bestellung seiner Tochter zur Verfahrenssachwalterin.

Seit zumindest Anfang 2003 waren regelmäßig Rechtspfleger bzw Rechtspflegerinnen in Außerstreitsachen dem BG ***** zugeteilt. Im Wesentlichen wurde von Dr.***** die Rechtspflegerzuständigkeit gemäß § 19 Abs 2 Z 4 RPflG eingehalten, lediglich bei jenen Pflegschaftsakten, in denen er seine Ehegattin zur Sachwalterin bestellte, negierte er die Rechtspflegerzuständigkeit und bearbeitete die Verfahren ausschließlich selbst, insbesondere was die Rechnungslegung der Sachwalterin sowie den Zuspruch von „Aufwandersatz“ betrifft.

Dr. ***** wusste, dass die Bestellung seiner Ehegattin zur Sachwalterin bzw seiner Tochter zur Verfahrenssachwalterin sowie insbesondere die ausschließlich von ihm durchgeführte beschlussmäßige Zuerkennung von „Aufwandersatz“ an seine Ehegattin unzulässig ist, weshalb er auch die diesbezüglichen Akten, in denen seine Ehegattin zur Sachwalterin bestellt worden war, ausschließlich selbst bearbeitete, obwohl Rechtspflegerzuständigkeit gegeben gewesen wäre.

Diese Feststellungen stützen sich auf die Disziplinaranzeige des Präsidenten des Oberlandesgerichts Linz, des Sonderrevisionsberichts des Leitenden Visitators beim Oberlandesgericht Linz vom 3.10.2014 samt den Nachhängen vom 24.10.2014 und 20.11.2014, den Registerauszügen betreffend die angeführten Akten, in denen er seine Ehegattin zur Sachwalterin bzw seine Tochter zur Verfahrenssachwalterin bestellte, weiters den Akt 11 Hv 49/15h des Landesgerichts ***** sowie den Inhalt des Personalakts des Disziplinarbeschuldigten sowie die Aussage des Disziplinarbeschuldigten im Strafverfahren sowie im gegenständlichen Disziplinarverfahren.

Der Disziplinarbeschuldigte verantwortete sich dahingehend, dass er sich grundsätzlich schuldig im Sinne der ihm gegenüber erhobenen Vorwürfe bekannte und die volle Verantwortung dafür übernimmt, den objektiven Tatbestand gesteht er vollumfänglich zu, in subjektiver Hinsicht leugnet er jedoch die Kenntnis bzw das Bewusstsein seiner Ausgeschlossenheit hinsichtlich der Bestellung seiner Gattin und seiner Tochter zu (Verfahrens-)Sachwalterinnen sowie hinsichtlich der Zuerkennung von „Aufwandersatz“ an seine Ehegattin. Er bestreitet auch jeglichen Schädigungsvorsatz und verantwortet sich dahingehend, dass dies zum Besten der Betroffenen gewesen sei. Dem Disziplinarbeschuldigten mag zuzugestehen sein, dass die Suche nach geeigneten Sachwaltern oft sehr schwierig ist und für ihn zumindest zeitweise auch hier eine gewisse „Notsituation“ bestanden haben mag. Dass ihm jedoch im Zeitraum von 20 Jahren nicht auffiel, dass er hinsichtlich der Bestellung seiner Ehegattin bzw seiner Tochter zu Sachwalterinnen sowie hinsichtlich der beschlussmäßigen Festsetzung der von seiner Ehegattin beanspruchten „Aufwandersätze“ gemäß § 20 Abs 1 Z 2 JN ausgeschlossen ist, ist vollkommen unglaubwürdig, insbesondere wenn man in Betracht zieht, dass der Disziplinarbeschuldigte offenbar ganz bewusst die Rechtspflegerzuständigkeit in jenen Sachwalterschaftsverfahren negierte, in denen er seine Ehegattin zur Sachwalterin bestellte, um ja selbst über den von ihr stets pauschal geltend gemachten „Aufwandersatz“ entscheiden zu können, zumal er in den sonstigen Sachwalterschaftsakten die Rechtspflegerzuständigkeit weitestgehend wahrte. Dieses äußere Verhalten lässt unzweifelhaft den Rückschluss zu, dass ihm sehr wohl bewusst war, dass er in Angelegenheiten seiner Ehegattin von der Entscheidung ausgeschlossen war. Trotz mehrerer Vorhalte war der Disziplinarbeschuldigte jedoch auch in der Disziplinarverhandlung nicht bereit, dies zuzugestehen, sondern bagatellisierte sein Verhalten. Seine Rechtfertigung, nicht in allen angeführten Verfahren die ausschließliche Bearbeitung an sich gerissen zu haben, wobei er hiefür das Pflegschaftsverfahren betreffend E***** P***** anführte (***** P ***** BG *****), geht ins Leere, weil seine dort im Jahre 2013 zur Sachwalterin bestellte Gattin bis (und nach) dem Tod des Betroffenen nie Aufwandersatz begehrte.

In rechtlicher Beurteilung des festgestellten Sachverhalts ist dem Disziplinarbeschuldigten ein Dienstvergehen nach § 101 Abs 1 RStDG vorzuwerfen. Für die zahlreichen Verstöße gegen § 20 Abs 1 Z 2 JN gibt es keine sachliche Begründung und vermag auch der Disziplinarbeschuldigte hiefür keinerlei nachvollziehbare Rechtfertigungsgründe anzuführen. Durch dieses Verhalten, mit welchem er das Verbrechen des Amtsmissbrauchs verwirklichte, hat er dem Ansehen der Justiz, insbesondere der Richterschaft in der Öffentlichkeit starken Schaden zugefügt, weil an Gesetzestreue und Objektivität der Richterschaft dadurch in der Öffentlichkeit erhebliche Zweifel entstanden. Dies führte zu einer gravierenden Beschädigung des Richterbilds in der Öffentlichkeit, zumal dem Disziplinarbeschuldigten auch das Unrechtsbewusstsein fehlt. Allein mit der im Strafverfahren über den Disziplinarbeschuldigten verhängten Strafe, die im untersten Bereich des Strafrahmens angesiedelt ist, ist der disziplinarrechtliche Überhang im Verhältnis zur Straftat keinesfalls abgegolten, sodass die vom Disziplinarbeschuldigten beantragte Strafe eines Verweises keinesfalls in Frage kommt.

Bei den Strafzumessungsgründen wirkt sich als erschwerend aus, dass die Taten über einen langen Zeitraum in zahlreichen Fällen erfolgten, während demgegenüber nur die Unbescholtenheit des Disziplinarbeschuldigten (in disziplinärer Hinsicht) gegenübersteht. Ein Geständnis des Beschuldigten liegt nicht vor, er gibt nur den objektiven Tatbestand zu, der allerdings durch die angeführten weiteren Beweismittel auch gar nicht geleugnet werden kann. Von der subjektiven Tatseite her ist der Disziplinarbeschuldigte nicht geständig, geschweige denn reumütig. Vielmehr versucht er sein Handeln zu bagatellisieren, was auf mangelndes Unrechtsbewusstsein schließen lässt.

In Anbetracht dieser Strafzumessungsgründe ist eine Geldstrafe in Höhe von drei Monatsbezügen schuldangemessen.

Die Entscheidung über die Kosten des Disziplinarverfahrens gründet sich in § 137 Abs 2 RStDG.

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