W203 1434387-1•BVwG W203 1434387-1
W203 1434387-1Bundesverwaltungsgericht12.01.2015
asylrechtlich relevante Verfolgung, gesamtes Staatsgebiet,<br/>politische Gesinnung, soziale Gruppe, wohlbegründete Furcht
W203 1434387-1/13E
IM NAMEN DER REPUBLIK!
Das Bundesverwaltungsgericht hat durch den Richter Mag. Gottfried SCHLÖGLHOFER über die Beschwerde von XXXX, geb. am XXXX, StA. Afghanistan, gegen den Bescheid des Bundesasylamtes vom 27.03.2013, Zl. 12 01.323-BAG, nach Durchführung einer mündlichen Verhandlung zu Recht erkannt:
A)
Der Beschwerde wird stattgegeben und XXXX gemäß § 3 Abs. 1 Asylgesetz 2005, BGBl. I Nr. 100/2005 idgF (AsylG 2005) der Status des Asylberechtigten zuerkannt.
Gemäß § 3 Abs. 5 AslyG 2005 wird festgestellt, dass XXXX damit kraft Gesetzes die Flüchtlingseigenschaft zukommt.
B)
Die Revision ist gemäß Art 133 Abs. 4 B-VG nicht zulässig.
ENTSCHEIDUNGSGRÜNDE:
I. Verfahrensgang
1. Der Beschwerdeführer (im Folgenden: BF), ein Staatsangehöriger Afghanistans, reiste illegal in das österreichische Bundesgebiet ein und stellte am 30.01.2012 den gegenständlichen Antrag auf internationalen Schutz.
2. Bei der Erstbefragung durch ein Organ des öffentlichen Sicherheitsdienstes am 30.01.2012 brachte der BF im Wesentlichen vor, dass er der Volksgruppe der Paschtunen angehöre und sunnitischer Moslem sei. Er stamme aus dem Dorf XXXX, Distrikt XXXX in der Provinz Nangarhar. Er habe in seiner Heimat eine 12-jährige Schulausbildung absolviert und verfüge über keine Berufsausbildung. Zuletzt habe er in Afghanistan 7 Monate lang als Sekretär im Ministerium für Schulwesen in XXXX gearbeitet. In Afghanistan lebten noch sein Vater XXXX, ca. 60 Jahre alt, und seine Mutter XXXX, ca. 50 Jahre alt, sowie sieben Brüder im Alter von 18 bis 35 Jahren. Sein 22 Jahre alter Bruder XXXX habe gemeinsam mit ihm das Land verlassen und wäre derzeit ebenfalls als Asylwerber in Österreich aufhältig.
Er habe im November 2011 Afghanistan gemeinsam mit seinem Bruder XXXX verlassen, weil ihnen die Eltern nach einem Bombenattentat auf den Vater des BF dazu geraten hätten. Die Taliban hätten versucht, den Vater des BF umzubringen, weil dieser ein wichtiger Mann, der für die Sicherheit in XXXX zuständig war, gewesen wäre. Auch der BF selber sei einmal mittels Brief von den Taliban bedroht worden, in dem sie ihm mitgeteilt hätten, dass er nicht länger der Sklave der Amerikaner sein, sondern für das afghanische Volk arbeiten solle.
3. Am 10.10.2012 wurde der BF vor dem Bundesasylamt niederschriftlich einvernommen. Befragt, was auf den von seinem Bruder XXXX vorgelegten Fotos zu sehen wäre, gab der BF an, dass es sich dabei um Aufnahmen handeln würde, die den Vater des BF sowie Brüder des BF nach dem Bombenattentat auf den Vater des BF zeigen würden. Er wisse nicht, warum die Fotos auf der Rückseite mit Namen angeschrieben wären.
Die Familie des BF hätte in Afghanistan ein gutes Leben mit einem großen, eigenen Haus gehabt. Alle hätten gut verdient und keine Geldprobleme gehabt.
Als Grund für seine Flucht gab der BF an, dass er einmal von den Taliban angeschossen worden wäre, weil sowohl sein Vater als auch er selbst für die Regierung gearbeitet hätten. Nachgefragt gab er an, dass am 02.07.2011 in der Ortschaft XXXX ein Schussattentat auf das Auto, in dem sich der BF und dessen Bruder befunden hätten, verübt worden wäre. Er sei damals wie auch sonst oft nach Dienstschluss um ca. 16.30 Uhr von seinem Bruder mit dem Auto abgeholt worden, und gemeinsam wären sie zum Bazar gefahren, um Einkäufe zu erledigen. Auf dem Heimweg sei in der Ortschaft XXXX um ca. 19.00 Uhr das Attentat verübt worden.
Bereits am 07.03.2011 wäre auf den Vater des BF in der XXXX-Moschee ein Anschlag verübt worden.
Auf den Vorhalt, dass sowohl die Aussagen des BF als auch die seines Bruders zu den Angaben bei der polizeilichen Ersteinvernahme mehrfach widersprüchlich sein würden, gab der BF an, dass er nicht mehr wisse, was er vor der Polizei ausgesagt habe.
4. Mit Bescheid des Bundesasylamtes vom 27.03.2013, Zl. 12 01.323-BAG, wurde der Antrag auf internationalen Schutz bezüglich der Zuerkennung des Status des Asylberechtigten gemäß § 3 Abs. 1 iVm § 2 Abs. 1 Z 13 AsylG 2005, BGBl. I Nr. 100/2005 (AsylG) idgF, abgewiesen (Spruchpunkt I). Gemäß § 8 Abs. 1 iVm § 2 Abs. 1 Z 13 AsylG wurde der Antrag bezüglich der Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigen in Bezug auf den Herkunftsstaat Afghanistan abgewiesen (Spruchpunkt II). Gemäß § 10 Abs. 1 AsylG wurde der BF aus dem österreichischen Bundesgebiet nach Afghanistan ausgewiesen (Spruchpunkt III).
Begründend wurde ausgeführt, dass das Fluchtvorbringen des BF eklatant widersprüchlich und nicht glaubhaft gewesen wäre. So wäre es nicht nachvollziehbar, warum das anlässlich der Einvernahme vor dem Bundesasylamt vorgebrachte Attentat auf den BF und dessen Bruder nicht bereits auch bei der polizeilichen Ersteinvernahme erwähnt worden wäre. Weiters habe der Bruder des BF angegeben, dass er mit dem Motorrad in die Arbeit gefahren wäre, während der BF vorbrachte, er wäre von diesem nach der Arbeit mit dem Auto abgeholt worden. Das zum Tag der Ausreise zeitnahe Ausstellungsdatum der Dokumente wäre außerdem ein Indiz dafür, dass der BF und dessen Bruder das Land geplant und keineswegs fluchtartig verlassen hätten. Weiters lasse der Umstand, dass die vorgelegten Fotos auf der Rückseite beschrieben wären, vermuten, dass der BF die darauf befindlichen Personen zuvor selbst nicht gekannt habe. Es gäbe auch keinen Hinweis auf eine konkrete Gefährdung des BF, insbesondere deshalb nicht, weil die Eltern des BF und dessen Brüder offenbar nach wie vor ohne Probleme in Afghanistan weiterleben könnten.
5. In der gegen diesen Bescheid erhobenen Beschwerde, die der BF am 12.04.2013 eingebracht hat, führte er aus, dass er von Freunden erfahren habe, dass sein Bruder XXXX am 16.01.2013 von den Taliban erschossen worden sei. Das Attentat vom 03.07.2011, das auf den BF und dessen Bruder verübt worden sei, habe er vor der Polizei nicht erwähnt, weil der Dolmetscher gemeint habe, den Grund für die dabei erlittenen Verletzungen solle er erst beim Bundesasylamt ausführlich schildern.
6. Am 15.12.2014 fand vor dem Bundesverwaltungsgericht eine öffentliche mündliche Verhandlung statt, in der der BF im Wesentlichen sein bisheriges Vorbringen wiederholte und Folgendes angab:
Er habe ab dem 27.03.2011 für ca. 8 Monate als Sekretär in einer Zweigstelle des Unterrichtsministeriums gearbeitet, wobei es seine Aufgabe gewesen wäre, für den Büroleiter Anrufe zu beantworten, Termine zu organisieren und Dokumente und Bestätigungen für diesen zu verfassen.
Er habe ca. zweimal im Monat per Telefon oder via Skype Kontakt zu seinem Vater. Dabei würde dieser ihm nichts über die Schwierigkeiten im Land erzählen, weil er nicht wolle, dass sich der BF und dessen Bruder Sorgen machten. Der BF gab jedoch an, dass er wisse, dass sich die Sicherheitslage verschlechtert habe und dass das Leben seiner Familie nach wie vor in Gefahr wäre. Ein Beleg dafür wäre auch, dass sein Bruder Anfang 2013 auf dem Nachhauseweg von den Taliban erschossen worden wäre.
Zu seinen Fluchtgründen gab der BF an, dass sein Vater im 4. Bezirk des Polizeisprengels der Stadt XXXX gearbeitet habe. Im Ortsteil XXXX sei es eines Tages zu einer Explosion gekommen, und nachdem die zu Hilfe gerufene Polizei bereits vor Ort gewesen wäre, zu einer weiteren. Er gehe davon aus, dass der Anschlag gegen die Polizisten gerichtet gewesen wäre. Zum Glück sei dem Vater des BF nichts passiert. Ca. eine Woche später wäre eine Versammlung in der XXXX-Moschee abgehalten worden, bei der es neuerlich zu einem Anschlag gekommen wäre, bei dem mehrere Leute getötet und verletzt worden wären. Nach dem Eintreffen der Rettungskräfte und der Polizei sei es abermals zu einer weiteren Explosion gekommen, bei der der Vater des BF schwer verletzt worden wäre.
Der Bruder des BF, der in seiner Heimat als Lehrer tätig gewesen sei, habe den BF nach Dienstschluss regelmäßig von der Arbeit abgeholt. Eines Tages seien sie dabei um ca. 19.00 Uhr im Ort XXXX beschossen worden. Da es bereits sehr dunkel gewesen wäre, habe der BF keine Personen erkennen können. Er sei bei dem Anschlag am Bein verletzt worden. In der Folge habe der Vater des BF immer wieder Drohanrufe erhalten, sodass der BF und dessen Bruder im November 2011 schließlich das Land verlassen hätten. Im Falle einer Rückkehr würden die Taliban den BF auf der Stelle töten.
Nachgefragt gab der BF an, dass ihn sein Bruder, der als Lehrer in XXXX gearbeitet hätte, öfters mit dem Auto zur Arbeit gebracht und ihn von dort abgeholt habe. Wenn sein Bruder allein unterwegs war, sei er auch oft mit dem Motorrad gefahren. Der BF sei sich sicher, dass der Angriff auf den BF und dessen Bruder von den Taliban verübt worden wäre, weil sie beide so wie ihr Vater für die Regierung gearbeitet hätten. Sie wollten etwas für Ihr Heimatland tun und auf keinen Fall mit den Taliban zusammenarbeiten, sodass die Taliban sie vernichten wollten.
Nachgefragt gab der BF an, er habe den Angriff auf ihn und seinen Bruder auch schon vor der Polizei vorbringen wollen, habe dort aber zunächst über das Attentat auf seinen Vater berichtet und wäre bezüglich des Angriffs gegen ihn selbst auf die "eigentliche" Einvernahme vor dem Bundesasylamt verwiesen worden, weil die Ersteinvernahme kurz zu halten wäre.
Nachgefragt gab der BF an, er wäre auch aufgefordert worden, die Arbeit für die Nichtmuslimen zu beenden und mit den Taliban zusammenzuarbeiten, was er aber stets verweigert habe.
Auf den Vorhalt, warum es zwar nicht dem BF selbst, wohl aber seinem Vater und seinen Brüdern möglich wäre, in Afghanistan problemlos zu leben, gab der BF an, dass das Leben seiner gesamten Familie in Gefahr sein würde. Einer seiner Brüder sei inzwischen bereits getötet worden, und auch die anderen Brüder würden aus Angst vor den Taliban nur unregelmäßig und selten nach Hause kommen. Es hätten aber nicht alle gefährdeten Personen auch tatsächlich die Möglichkeit, zu fliehen. Die Heimatprovinz und der Heimatdistrikt des BF wären fast zur Gänze unter der Kontrolle der Taliban.
II. Das Bundesverwaltungsgericht hat erwogen:
Auf Grund des diesbezüglich glaubwürdigen Vorbringens des BF im Rahmen der polizeilichen Ersteinvernahme, beim Bundesasylamt und bei der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht können folgende Feststellungen getroffen werden:
Der BF ist afghanischer Staatsbürger und stammt aus dem Dorf XXXX in der Provinz Nangarhar. Er gehört der Volksgruppe der Paschtunen und der Religionsgemeinschaft der sunnitischen Moslems an. Er ist ledig, kinderlos, volljährig, erwerbsfähig und gesund.
Er hat vor seiner Flucht nach Österreich in Afghanistan 12 Jahre lang die Schule besucht und war in seiner Heimat als Sekretär im Unterrichtministerium tätig.
Der Vater des BF arbeitet in XXXX als Polizist, ein Bruder des BF namens XXXX war in Afghanistan als Lehrer tätig.
Der BF hat im November 2011 Afghanistan gemeinsam mit seinem Bruder XXXX verlassen.
Die Eltern und die Brüder des BF leben nach wie vor in der Provinz Nangarhar.
Der BF ist schlepperunterstützt illegal in das österreichische Bundesgebiet eingereist und hat am 30.01.2012 den verfahrensgegenständlichen Antrag auf internationalen Schutz gestellt.
Zur Sicherheitslage allgemein:
Die Zahl der im Afghanistan-Konflikt getöteten oder verletzten Zivilisten ist nach Angaben der Vereinten Nationen im ersten Halbjahr 2013 deutlich gestiegen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sind 23 Prozent mehr Opfer gezählt worden. Nach einem zwischenzeitlichen Rückgang im Jahr 2012 gibt es nun eine Rückkehr zu den hohen Zahlen von getöteten und verletzten Zivilisten des Jahres 2011. Von Jänner bis Oktober 2013 wurden insgesamt 2.568 Zivilisten getötet und 4.826 Zivilisten verletzt. Das entspricht einer Erhöhung um 13 Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum im Jahr 2012.
Laut UNAMA sind 75 Prozent der Opfer durch Angriffe von Aufständischen getötet oder verletzt worden. In 10 Prozent der Fälle seien Regierungstruppen verantwortlich, weitere 13 Prozent seien bei Kämpfen zwischen beiden Seiten getötet oder verletzt worden. Die verbleibenden 4 Prozent der Fälle waren demnach keiner Konfliktpartei zuzuordnen und wurden in erster Linie durch Blindgänger verursacht.
(General Assembly/Security Council United Nations, "The situation in Afghanistan and its implications for international peace and security" Rn. 24 vom 6. Dezember 2013; Richtlinien des UNHCR zur Fest-stellung des internationalen Schutzbedarfes afghanischer Asylsuchender vom 6. August 2013, S. 15)
Die Zahlen unterstreichen die schwierige Sicherheitslage in Afghanistan vor dem Ende des internationalen Kampfeinsatzes. Die USA und ihre NATO-Verbündeten wollen bis zum Ende 2014 alle Kampftruppen aus dem Land abziehen. Die Internationale Sicherheits-Unterstützungstruppe (ISAF) wird wie bisher bis zum Ende der Übergangsphase (31. Dezember 2014) die Afghan National Security Forces (ANSF) ausbilden, beraten und unterstützen, jedoch wenn erforderlich auch Kampfunterstützung liefern.
Auf die Abzugspläne der deutschen Bundeswehr haben die veränderten Daten zur Sicherheitslage keine Auswirkungen. Es bleibt bislang auch bei den Absichten, von Ende 2014 an für eine Ausbildungs-und Trainingsmission der NATO zwischen 600 und 800 Bundeswehrsoldaten zur Verfügung zu stellen.
(ORF-online: "Afghanistan: 2013 bereits über 1.300 zivile Opfer" vom 31. Juli 2013; NATO "Internatio-nal Security Assistance Force" vom 1. August 2013; Frankfurter Allgemeine Zeitung: "Bundeswehr korrigiert Statistik über Sicherheit in Afghanistan" vom 31. Mai 2013)
Karzai versucht, Afghanistan vor der Präsidentenwahl und dem Abzug der NATO-Truppen in diesem Jahr zu stabilisieren. Die ausländischen Soldaten übertragen immer mehr der Verantwortung für die Sicherheit in Afghanistan auf die 350.000 Mitglieder der einheimischen Sicherheitskräfte.
(APA: "Afghanisches Parlament feuert Innenminister wegen Gewaltwelle" vom 22. Juli 2013)
Im Juni 2013, eineinhalb Jahre vor Ende des Nato-Kampfeinsatzes, haben die afghanischen Sicherheitskräfte offiziell im ganzen Land die Verantwortung übernommen.
(TAZ: "Afghanen tragen jetzt die volle Verantwortung" vom 19. Juni 2013)
Der Konflikt in Afghanistan beeinflusst nun auch Provinzen, die bisher als die stabilsten im Land betrachtet wurden, wie etwa die Provinz Panjshir. Die Gewalt ist nicht auf Kabul oder allgemein auf städtische Zentren beschränkt. Die Aufständischen in ländlichen Gebieten gehen oft extrem gewalttätig vor.
Die Verbreitung von lokalen Milizen und bewaffneten Gruppen -sowohl pro-und anti-Regierung -im Norden, Nordosten und in zentralen Hochland-Regionen haben eine weitere negative Auswirkung auf die Sicherheitslage für Zivilisten.
(Richtlinien des UNHCR zur Feststellung des internationalen Schutzbedarfes afghanischer Asylsuchender vom 6. August 2013, S. 14)
Die Opfer unter den ISAF-Angehörigen gingen insbesondere aufgrund der Verringerung der Kräfte als auch des gewandelten militärischen Auftrages in den ersten fünf Monaten des Jahres 2013 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 121 auf 60 zurück. Infolge des nahezu abgeschlossenen Aufwuchs der ANSF, der hohen Operationslast als Folge der Übernahme der aktiven Sicherheitsverantwortung und der damit einhergehenden Zielauswahl durch die regierungsfeindlichen Kräfte stiegen die personellen Verluste der ANSF von 499 auf 1.070 in den ersten vier Monaten 2013 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum deutlich an. Auch in Zukunft ist infolge der weiter fortschreitenden Transition mit hohen Verlustzahlen unter ANSF-Angehörigen zu rechnen. Die Hauptursachen für den Anstieg der zivilen Opfer in der ersten Jahreshälfte 2013 waren die vermehrte willkürliche Verwendung von Spreng-und Brandvorrichtungen durch regierungsfeindliche Elemente sowie Selbstmordanschläge und komplexe Angriffe an Orten, an denen sich Zivilisten aufhalten, darunter auch zivile Regierungsgebäude. Wie UNAMA weiters ausführt, hat eine sich verändernde politische und sicherheitsrelevante Dynamik in der ersten Jahreshälfte 2013 den Schutz von Zivilisten behindert und den Zugang zu Menschenrechten beschränkt. Auf die Übertragung der Sicherheitsverantwortung von den internationalen Truppen an die afghanischen Sicherheitskräfte und die Schließung von internationalen Militärbasen haben regierungsfeindliche Elemente mit zunehmenden Angriffen auf die afghanischen Sicherheitskräfte, hauptsächlich an Checkpoints, auf strategisch wichtigen Highways, in einigen Gebieten, die an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben wurden, und in Distrikten, die an Afghanistans Nachbarländer grenzen, reagiert.
(UNAMA, Mid-Year Report 2013, vom Juli 2013, S. 1f)
Die Planungen der NATO für den ISAF Folgeeinsatz Resolute Support Mission schreiten voran. Die konditionierte Zusage Deutschlands für seinen Beitrag zu Resolute Support vom 18. April 2013 bildet den Rahmen für die weiteren Planungen. Deutschland ist -vorbehaltlich der auch künftig jährlich einzuholenden Zustimmung des Deutschen Bundestages -zur Übernahme der Verantwortung als Rahmennation für den Norden von Afghanistan, Bereich Masar-e Scharif, für zunächst zwei Jahre bereit und will mit seinen multinationalen Partnern die Arbeit fortsetzen. Daneben wird ein deutscher Truppen-Beitrag im Großraum Kabul eingesetzt werden.
Aufbauend auf dem im Juni 2013 durch die NATO-Verteidigungsminister gebilligten Operationskonzept für Resolute Support wurde im Oktober mit der Verabschiedung des sog. Strategic Planning Assessment (SPA) eine weitere Weichenstellung für die Planung der ISAF-Folgemission vorgenommen. Das im November 2013 zwischen Afghanistan und den USA verhandelte, aber noch nicht unterzeichnete Bilaterale Sicherheitsabkommen dient als Grundlage für die bereits laufenden Verhandlungen zu einem umfassenden Stationierungsabkommen für die NATO und alle Partnernationen. Letzteres bildet auch eine wesentliche rechtliche Voraussetzung für die neue deutsche Mission.
(Deutsche Bundesregierung, Fortschrittsbericht Afghanistan, vom Januar 2014, S. 16 f.)
Der afghanische Innenminister Umer Daudzai hat laut einem Anfang September 2013 veröffentlichten Artikel bekannt gegeben, dass seit März 2013 insgesamt 1.792 Polizisten getötet wurden -die meisten durch am Straßenrand platzierte Bomben.
(AlertNet: "Afghan police deaths double as foreign troops withdraw" vom 2. September 2013)
Der UNO-Generalsekretär erwähnt in einem Bericht vom März 2013, dass im Zeitraum vom 16. November 2012 bis 15. Februar 2013 insgesamt
3. 783 sicherheitsrelevante Vorfälle verzeichnet wurden. Dies stellt einen 4-prozentigen Rückgang gegenüber dem gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor dar. Die Zahl der zwischen 1. Jänner und 15. Februar 2013 verzeichneten Sicherheitsvorfälle lag allerdings um 6 Prozent höher als im Vorjahr. Wie der UNO-Generalsekretär berichtet, ereigneten sich die meisten der zwischen 16. November 2012 und 15. Februar 2013 verzeichneten Vorfälle auch weiterhin in den Provinzen im Süden, Südosten und Osten des Landes. Die größte Zahl wurde in der Provinz Nangarhar verzeichnet.
(UN-General Assembly Security Council: "The Situation in Afghanistan and its implications for international peace and security" vom 5. März 2013)
In einem Bericht vom Juni 2013 erwähnt der UNO-Generalsekretär, dass im Zeitraum vom 16. Februar bis 15. Mai 2013 insgesamt 4.267 sicherheitsrelevante Vorfälle verzeichnet wurden. Dies stellt einen 10-prozentigen Anstieg gegenüber dem Vorjahreszeitraum dar. 70 Prozent der Vorfälle ereigneten sich im Süden, Südosten und Osten des Landes. Im Osten des Landes ist es zu einem Zustrom von Aufständischen in die Provinzen Nuristan und Badachschan und einem 18-prozentigen Anstieg der Anzahl der Vorfälle gekommen. Bewaffnete Auseinandersetzungen und Spreng-und Brandvorrichtungen machten weiterhin die Mehrzahl der Vorfälle aus.
(UN-General Assembly Security Council: "The Situation in Afghanistan and its implications for international peace and security" vom 13. Juni 2013)
In einem im September 2013 erschienenen Bericht des UNO-Generalsekretärs wird erwähnt, dass die afghanischen Sicherheitskräfte die meisten Operationen durchführen und ihre Opferzahl deutlich angestiegen ist. Berichten zufolge wurden im zweiten Quartal des Jahres 2013 mehr als 3.500 Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte bei Kampfhandlungen verletzt oder getötet. Am 1. Juli 2013 hat der afghanische Innenminister bekannt gegeben, dass zwischen Mitte Mai und Mitte Juni 2013 insgesamt 299 Polizisten getötet wurden. Dabei handelt es sich um einen 22-prozentigen Anstieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.
Im selben Bericht wird angeführt, dass im Zeitraum vom 16. Mai bis 15. August 2013 insgesamt 5.922 sicherheitsrelevante Vorfälle verzeichnet wurden. Dies stellt einen 11-prozentigen Anstieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum und einen 21-prozentigen Rückgang im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Jahr 2011 dar. Laut Bericht haben die Aufständischen ihren Schwerpunkt unter anderem auf Angriffe auf Sicherheitskontrollpunkte und Stützpunkte gelegt, die von den internationalen Truppen an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben wurden. Generell wirkungsvoller Widerstand durch die afghanischen Sicherheitskräfte hat sich auf den Schutz von wichtigen städtischen Zentren, Verwaltungszentren von Distrikten und strategisch wichtigen Transportrouten fokussiert. Die Mehrheit der sicherheitsrelevanten Vorfälle (69 Prozent) ereignete sich weiterhin in den Provinzen im Süden, Südosten und Osten des Landes.
(UN-General Assembly Security Council: "The Situation in Afghanistan and its implications for inter-national peace and security" vom 6. September 2013)
Gemäß ANSO gelingt es den afghanischen Sicherheitskräften nicht, die sich aus dem Abzug der internationalen Truppen ergebenden Lücken zu füllen. Dies zeigt sich insbesondere in den nordwestlichen Provinzen Faryab und Badghis, im gesamten Nordosten und in der südlichen Provinz Paktika. In einigen Gebieten, in welchen die Übergabe in Phase drei erfolgt ist, sind zunehmende Aktivitäten regierungsfeindlicher Gruppierungen zu verzeichnen, während die Aktivitäten der afghanischen Sicherheitskräfte in diesen Gebieten zeitgleich zurückgegangen sind. Mit dem voranschreitenden Abzug der internationalen Truppen haben die regierungsfeindlichen Gruppierungen ihre Angriffe kontinuierlich von den internationalen Zielen weg auf afghanische Ziele fokussiert, d.h. auf die afghanischen Sicherheitskräfte sowie auf afghanische Regierungsangehörige. Dies widerspricht der erwarteten Logik, dass die sinkende internationale Präsenz zu einem Rückgang der militärischen Aktivitäten der regierungsfeindlichen Gruppierungen führen würde.
Die Führung der Taliban ist weiterhin in der Lage, die militärischen Operationen der Bewegung von Pakistan aus strategisch zu lenken sowie die notwendigen Ressourcen zur Unterstützung der operationellen Prioritäten zu beschaffen. Seit 2009 lassen sich drei Entwicklungen erkennen: Erstens wurden auf der strategischen Ebene beträchtliche Anstrengungen hin zu einer stärkeren Zentralisierung der Kommando- und Kontrollstrukturen unternommen, um einer Fragmentierung der Bewegung entgegenzuwirken. Zweitens zeichnet sich eine Militarisierung der Administration ab. Der militärische Druck seitens der ISAF zwang zahlreiche Schattengouverneure in den Untergrund oder zur Flucht nach Pakistan und führte dadurch zu einem verminderten Einfluss dieser. In der Konsequenz ist die Macht der Militärkommissionen gestiegen, die vor Ort präsent sind. Drittens lässt sich auf der taktischen Ebene eine Professionalisierung der Bewegung feststellen.
(Bericht der Schweizer Flüchtlingshilfe, Afghanistan: Update vom 30. September 2013, S. 5 f; ANSO, Quarterly Data Report Q1 2013, S. 12 und 17; ANSO, Quarterly Data Report Q1 2013, S. 11)
Zur Sicherheitslage im Südwesten, Süden und Osten des Landes:
Im Süden waren auch 2012 die meisten zivilen Opfer zu beklagen(46 Prozent). Im Süden und Osten finden die meisten extralegalen Hinrichtungen statt, die überdies um 107 Prozent bzw. 114 Prozent massiv anstiegen. Der Fokus der regierungsfeindlichen Gruppierungen richtete sich jedoch zunehmend auf den Osten, wo die gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Folge rasant zunahmen. Insbesondere in der Provinz Nangarhar haben die regierungsfeindlichen Gruppierungen eine signifikante Eskalation zur Verstärkung ihrer Hochburg im Osten unternommen. ANSO geht davon aus, dass es sich um eine strategische Positionierung im Hinblick auf 2014 handelt. Im Frühjahr 2013 konnten die regierungsfeindlichen Gruppierungen ihre Position im Osten weiter konsolidieren und auch im Süden sind die Angriffe erneut in die Höhe geschnellt. Die am meisten umkämpften Provinzen waren 2012/13 Kandahar, Nangarhar, Helmand, Khost, Kunar und Ghazni.
(Bericht der Schweizer Flüchtlingshilfe, Afghanistan: Update vom 30. September 2013, S. 10)
In Nangarhar stiegen die Zwischenfälle durch regierungsfeindliche Gruppierungen im ersten Quartal 2013 gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres um 81 Prozent an. Ebenso wie in Laghman, wo die Zahl der Zwischenfälle um 250 Prozent anstieg, wurden in Nangarhar die größten Zuwächse an Angriffen der bewaffneten Opposition verzeichnet, die auf die Infiltrationsrouten aus Pakistan und die strategisch bedeutsamen Gebiete angrenzend an Kabul-Tokham-Highway abzielen. Die Provinz Kunar war im ersten Quartal 2013 nach Helmand "Spitzenreiter", was das Ausmaß der Angriffe anbelangt. Die Zahl der Vorfälle erhöhte sich in Kunar um 21 Prozent im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Auch in der Provinz Ghazni geht der Trend bezüglich der Sicherheitslage in Richtung einer Verschärfung: Im ersten Quartal 2013 stieg die Zahl der Vorfälle jedoch im Vergleichszeitraum des Vorjahres um 127 Prozent.
(ANSO, Quarterly Report vom April 2013)
Vorfälle, wie etwa die Entführung von 20 Zivilisten auf dem Weg in die Distrikte Jaghori und Malistan, ereignen sich am häufigsten in den Distrikten Qarabagh und Gilan, wo die Taliban über Einfluss verfügen.
(ACCORD-Anfragebeantwortung vom 14. August 2013)
Die Provinz Wardak liegt strategisch günstig beim westlichen Zugang zu Kabul und wird von regierungsfeindlichen Gruppen als Tor für Angriffe auf die Provinz Kabul genützt.
(Länderinformation der Staatendokumentation vom 28. Jänner 2014)
Im ersten Quartal haben sich die Vorfälle in Wardak um 187 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erhöht. Auch in der Provinz Helmand, wo die Taliban in das soziale Gefüge eingebettet sind, und in der Provinz Kandahar, der traditionellen Hochburg der Taliban, nahm die Zahl der Vorfälle zu.
(ANSO, Quarterly Report vom April 2013)
Helmand und Kandahar sind die Provinzen, wo mit Abstand die meisten Opfer von Bombenanschlägen zu beklagen sind.
(UNAMA-Annual Report vom Februar 2014)
Zur Sicherheitslage in der Provinz Nangarhar:
Im Süden Afghanistans waren auch 2012 die meisten zivilen Opfer zu beklagen (46 Prozent). Der Fokus der regierungsfeindlichen Gruppierungen richtete sich jedoch zunehmend auf den Osten, wo die gewaltsamen Auseinandersetzungen in der Folge rasant angestiegen sind. Insbesondere in Nangarhar haben die regierungsfeindlichen Gruppierungen eine signifikante Eskalation zur Verstärkung ihrer Hochburg im Osten unternommen. ANSO geht davon aus, dass es sich um eine strategische Positionierung im Hinblick auf 2014 handelt. Im Frühjahr 2013 konnten die regierungsfeindlichen Gruppierungen ihre Position im Osten weiter konsolidieren und auch im Süden sind die Angriffe erneut in die Höhe geschnellt. Die meist umkämpften Provinzen waren 2012/13 Kandahar, Nangarhar, Helmand, Khost, Kunar und Ghazni.
(Bericht der Schweizer Flüchtlingshilfe, Afghanistan: Update vom 30. September 2013, S. 10f)
Bei einem Anschlag der Taliban auf Militärfahrzeuge der Nato auf einem Parkplatz eines Stützpunktes am Torkham-Checkpoint in der Provinz Nangarhar am 19. Juli 2014 kamen bei einem Feuergefecht alle drei Angreifer ums Leben. Die Gebäude liegen an einer wichtigen Nachschubroute der NATO.
(Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Deutschland, Briefing Notes vom 23. Juni 2014)
Eineinhalb Jahre vor Ende des Nato-Kampfeinsatzes haben die afghanischen Sicherheitskräfte offiziell im ganzen Land die Verantwortung übernommen. Dies sagte Präsident Hamid Karzai am 18. Juni 2013 in der Militärakademie bei Kabul. Zuvor hatte ein Selbstmordattentäter in Kabul drei Zivilisten getötet. Karzai sprach von einer verbesserten Sicherheitslage, doch hat sich diese laut Experten verschlechtert.
(TAZ: "Afghanen tragen jetzt die volle Verantwortung" vom 19. Juni 2013)
Unter anderem sind Hekmatyars Hezb-e Islami, Taliban, das Haqqani-Netzwerk und die Al Qaida in Nangarhar als regierungsfeindliche Gruppierungen aktiv.
(Bericht der Schweizer Flüchtlingshilfe, Afghanistan: Update vom 30. September 2013, S. 4f)
Der UNO-Generalsekretär erwähnt in einem Bericht vom März 2013, dass im Zeitraum vom 16. November 2012 bis 15. Februar 2013 insgesamt
3. 783 sicherheitsrelevante Vorfälle ver-zeichnet wurden. Dies stellt einen 4-prozentigen Rückgang gegenüber dem gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor dar. Die Zahl der zwischen 1. Jänner und 15. Februar 2013 verzeichneten Sicherheitsvorfälle lag allerdings um 6 Prozent höher als im Vorjahr. Wie der UNO-Generalsekretär berichtet, ereigneten sich die meisten der zwischen 16. November 2012 und 15. Februar 2013 verzeichneten Vorfälle auch weiterhin in den Provinzen im Süden, Südosten und Osten des Landes. Die größte Zahl wurde in der Provinz Nangarhar verzeichnet.
(UN-General Assembly Security Council, The Situation in Afghanistan and its implications for international peace and security, vom 5. März 2013)
Interne Fluchtalternative:
Gemäß UNHCR besteht in umkämpften Gebieten keine interne Fluchtmöglichkeit. Da regierungsfeindliche Gruppierungen wie die Taliban, das Haqqani-Netzwerk oder Hekmatyars Hezb-e Islami über operationelle Kapazitäten verfügen, Personen im ganzen Land zu verfolgen, existiert für von diesen Gruppierungen bedrohte Personen auch in Gebieten, welche von der Regierung kontrolliert werden, keine Fluchtalternative. Die afghanische Regierung hat in zahlreichen Gebieten des Landes die effektive Kontrolle an regierungsfeindliche Gruppierungen verloren und ist dort daher nicht mehr schutzfähig. Betreffend der Verletzung sozialer Normen muss in Betracht gezogen werden, dass konservative Akteure auf allen Regierungsstufen Machtpositionen innehaben und dass weite Segmente der afghanischen Gesellschaft konservative Wertvorstellungen vertreten. UNHCR schließt für alleinerziehende Frauen ohne nahe männliche Angehörige eine innerstaatliche Fluchtalternative aus.
(UNHCR, Eligibility Guidelines, vom August 2013, S.72-78)
Rückkehrfragen:
Freiwillig zurückkehrende Afghanen kamen in den ersten Jahren meist bei Familienangehörigen unter, was die in der Regel nur sehr knapp vorhandenen Ressourcen (Wohnraum, Versorgung) noch weiter strapazierte. Eine zunehmende Zahl von Rückkehrern verfügt aber nicht mehr über diese Anschlussmöglichkeiten.
(Deutsches Auswärtiges Amt, Bericht über die asyl- und abschiebungsrelevante Lage, vom 10.01.2012, S. 28)
Ob ein Schutz in Kabul für Personen aus einer Konfliktregion gegeben ist, hängt sehr von der schwere des Konflikts ab, ob sie oder er in Kabul weiter verfolgt wird. Aufgrund der Stammesgesellschaft mit nahen Familiennetzen ist es kein Problem jemanden zu finden, wenn man es wirklich will. Auch den nationalen Behörden ist es möglich in Kabul Personen ausfindig zu machen. Die Problematik die sich jedoch dabei stellt, ist dass es in Afghanistan keine Registrierung der Adresse gibt.
(Danish Immigration Service, Report from Danish Immigration Service¿s fact finding mission to Kabul, vom 29.05.2012)
Risikogruppen:
In seinen "Richtlinien zur Feststellung des internationalen Schutzbedarfs afghanischer Asylsuchender vom August 2013" geht UNHCR (HCR/EG/AFG/13/01) von folgenden "möglicherweise gefährdeten Personenkreisen in Afghanistan" aus:
•Personen, die tatsächlich oder vermeintlich mit der Regierung oder mit der internationalen Gemeinschaft einschließlich der internationalen Streitkräfte verbunden sind, oder diese tatsächlich oder vermeintlich unterstützen
•Journalisten und in der Medienbranche tätige Personen
•Männer und Burschen im wehrfähigen Alter
•Zivilisten, die der Unterstützung regierungsfeindlicher Kräfte verdächtigt werden
•Angehörige religiöser Minderheiten und Personen, bei denen vermutet wird, dass sie gegen die Scharia verstoßen haben
•Personen, bei denen vermutet wird, dass sie gegen islamische Grundsätze, Normen und Werte gemäß der Auslegung durch die Taliban verstoßen
•Frauen
•Kinder
•Opfer von Menschenhandel oder Zwangsarbeit und Personen, die entsprechend gefährdet sind
•lesbische, schwule, bisexuelle, transgender und intersexuelle Personen (LGBTI)
•Angehörige ethnischer (Minderheiten)Gruppen
•an Blutfehden beteiligte Personen
•Familienangehörige von Geschäftsleuten und anderen wohlhabende Personen
Die Aufzählung ist nicht notwendigerweise abschließend. Je nach den spezifischen Umständen des Falls können auch Familienangehörige oder andere Mitglieder des Haushalts von Personen mit diesen Profilen aufgrund ihrer Verbindung mit der gefährdeten Person inter-nationalen Schutzes bedürfen.
Die Feststellungen zur Person des BF und zu seiner Antragstellung zur Erlangung internationalen Schutzes ergeben sich aus dem Vorbringen des BF im gesamten Verfahren sowie aus dem vorliegenden Verwaltungsakt.
Die Feststellungen zur Situation in Afghanistan stützen sich auf die zitierten Quellen. Angesichts der Seriosität dieser Quellen und der Plausibilität ihrer Aussagen, denen der BF weder innerhalb der eingeräumten Stellungnahmefrist noch in der mündlichen Verhandlung entgegengetreten ist, besteht für das Bundesverwaltungsgericht kein Grund, an der Richtigkeit dieser Angaben zu zweifeln.
Das Fluchtvorbringen des BF wird wie folgt gewürdigt:
Als glaubhaft ist das Vorbringen eines Asylwerbers dann anzusehen, wenn es folgende vier Grunderfordernisse erfüllt (vgl. dazu die Materialien zum Asylgesetz 1991 [RV 270 Blg. NR. 18. G; AB 328 Blg NR 18. GP]):
Das Vorbringen muss genügend substantiiert, konkret und detailliert sein.
Das Vorbringen muss in sich schlüssig, darf also nicht widersprüchlich sein.
Das Vorbringen muss plausibel sein, darf also nicht unmöglich erscheinen.
Der Asylwerber muss glaubwürdig sein, er darf also zB das Vorbringen nicht erst verspätet erstatten.
Die Behörde kann einen Sachverhalt grundsätzlich nur dann als glaubwürdig anerkennen, wenn der Asylwerber während des Verfahrens im Wesentlichen gleich bleibende Angaben macht, wenn diese Angaben wahrscheinlich und damit einleuchtend erscheinen und wenn erst sehr spät gemachte Angaben nicht den Schluss aufdrängten, dass sie nur der Asylerlangung um jeden Preis dienen sollten, der Wirklichkeit aber nicht entsprechen. Als glaubhaft könnten Fluchtgründe im Allgemeinen nicht angesehen werden, wenn der Asylwerber die nach seiner Meinung einen Asyltatbestand begründenden Tatsachen im Laufe des Verfahrens unterschiedlich oder sogar widersprüchlich darstellt, wenn seine Angaben mit den der Erfahrung entsprechenden Geschehnisabläufen nicht vereinbar und daher unwahrscheinlich erscheinen oder wenn er maßgebliche Tatsachen erst sehr spät im Laufe des Asylverfahrens vorbringt (VwGH 6.3.1996, 95/20/0650).
Für das Fluchtvorbringen des BF ergibt sich daraus Folgendes:
Das Bundesasylamt ist bei seiner Entscheidung zu Recht davon ausgegangen, dass das Vorbringen des BF im Verfahren bis einschließlich der Einvernahme vor dem Bundesasylamt mehrfach widersprüchlich und nicht glaubhaft gewesen wäre. Die Widersprüchlichkeit betrifft insbesondere die Nichterwähnung des Angriffs auf den BF selbst und dessen Bruder bei der polizeilichen Ersteinvernahme, die Frage, ob der Bruder des BF für den Weg in die Arbeit einen Pkw oder ein Motorrad benutzt hat, das zeitliche Verhältnis zwischen dem fluchtauslösenden Ereignis und dem tatsächlichen Verlassen des Landes, die Qualität der vorgelegten Beweismittel und die Frage, warum die in Afghanistan verbliebenen Familienmitglieder des BF dort nach wie vor problemlos leben können.
Dem BF ist es im Rahmen der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht gelungen, den Großteil der ihm vorgehaltenen Widersprüchlichkeiten zu entkräften.
So ist nachvollziehbar, dass der BF im Rahmen der polizeilichen Ersteinvernahme tatsächlich chronologisch zunächst das zeitlich frühere Ereignis, nämlich das Attentat im März 2011, bei dem sein Vater verletzt worden ist, geschildert hat, und hinsichtlich der weiteren fluchtauslösenden Ereignisse aus Zeitknappheit der handelnden Behörde aber auf die Einvernahme vor dem Bundesasylamt verwiesen worden ist. Es ist auch nicht auszuschließen, dass der BF unter diesen Umständen und unter Berücksichtigung der emotionalen Ausnahmesituation, in der sich jemand unmittelbar nach Ankunft in einem ihm völlig fremden Land und nach Aufgriff durch die Polizei befindet, die Frage nach weiteren Fluchtgründen verneint und das nicht ganz vollständige Protokoll unterfertigt hat.
Es ist weiters nicht auszuschließen, dass der Bruder des BF für den Weg zur Arbeit je nachdem, ob er auch den BF chauffiert hat oder nicht, entweder den Pkw des Vaters oder ein Motorrad benutz hat. Insofern kann auch dadurch, dass der Bruder des BF bei der Ersteinvernahme davon gesprochen hat, dass er für den Weg zur Arbeit ein Motorrad benutzt hat, während der BF selbst vorgebracht hat, sein Bruder habe ihn gelegentlich mit dem Pkw zur Arbeit mitgenommen und auch von dort abgeholt, dem Fluchtvorbringen insgesamt nicht die Glaubhaftigkeit abgesprochen werden.
Auch aus dem Umstand, dass der BF erst mehrere Monate nach dem vorgebrachten Attentat gegen ihn und seinen Bruder Afghanistan verlassen hat, kann nicht zwingend geschlossen werden, dass er das Land nicht aus Furcht vor asylrelevanter Verfolgung verlassen habe. Zwar bezieht sich das Vorbringen des BF tatsächlich auf zwei einschneidende Ereignisse, nämlich einerseits das Attentat auf seinen Vater und andererseits jenes gegen ihn und seinen Bruder, die im März bzw. Juli 2011 stattgefunden haben, aus den Angaben des BF geht aber auch hervor, dass die Drohungen danach weiter angedauert haben und dass die Situation für die Familie des BF nach und nach gefährlicher geworden wäre. Insofern kann nicht von einem einzigen oder ein paar wenigen fluchtauslösenden Ereignissen gesprochen werden, sondern vielmehr ist davon auszugehen, dass sich die Lage für den BF und dessen Familie sukzessive verschlechtert hat, und dass die beiden genannten Ereignisse nur als die markantesten, aber nicht als die einzigen Ereignisse, die den BF zur Flucht bewogen haben, anzusehen sind. Insgesamt kann auch das Auseinanderklaffen der beiden Zeitpunkte des Attentats gegen den BF und der tatsächlich erfolgten Ausreise die Glaubhaftigkeit des Vorbringens nicht in Frage stellen.
Dass die vorgelegten Fotos auf der Rückseite mit Namen versehen gewesen sind, kann vielerlei Gründe haben, muss aber nicht zwingend als Indiz dafür angesehen werden, dass derjenige, der die Fotos zum Beweis vorlegt, die Identität der darauf ersichtlichen Personen nicht kennt.
Schließlich hat der BF auch im Rahmen der mündlichen Verhandlung vor dem Bundesverwaltungsgericht schlüssig darlegen können, warum nicht auch alle anderen Familienmitglieder in der Zwischenzeit das Land verlassen haben. Einerseits hängt der Grad der Gefahr einer Verfolgung immer vom Einzelfall ab, sodass auch nicht die Mitglieder ein und derselben Familie immer im selben Ausmaß gefährdet sind, andererseits spielt auch die jeweilige Persönlichkeit eines Menschen eine wesentliche Rolle dafür, ob jemand trotz einer gefährlichen Sicherheitslage bereit ist, das Land zu verlassen.
Zusammenfassend ist somit festzuhalten, dass dem Vorbringen des BF trotz einiger zumindest scheinbarer Widersprüche insgesamt nicht die Glaubhaftigkeit abgesprochen werden kann. Was die beruflichen Tätigkeiten des BF, seines Bruders und seines Vaters anbelangt, war das Vorbringen jedenfalls glaubhaft, ebenso wird vom Bundesasylamt nicht in Frage gestellt, dass die genannten Personen für die Regierung gearbeitet haben bzw. immer noch tätig sind, und dass sie eine Zusammenarbeit mit den Taliban strikt ablehnen, und dies auch gegenüber den Taliban zum Ausdruck gebracht haben.
Es ist daher von der Glaubwürdigkeit des Fluchtvorbringens des BF, dem zu Folge er aus Angst vor den drohenden Konsequenzen wegen seiner Weigerung, für die Taliban tätig zu sein, und wegen der insgesamt talibanfeindlichen Einstellung seiner gesamten Familie Afghanistan verlassen habe, auszugehen.
3.1. Zuständigkeit und anzuwendendes Recht:
Gemäß § 75 Abs. 19 AsylG 2005 i.d.g.F. sind alle mit Ablauf des 31. Dezember 2013 beim Asylgerichtshof anhängigen Beschwerdeverfahren ab 1. Jänner 2014 vom Bundesverwaltungsgericht zu Ende zu führen.
Da die Beschwerde gegen den Bescheid des Bundesasylamtes am 12.04.2013 beim Asylgerichtshof eingebracht und diese mit 31. Dezember 2013 noch nicht erledigt worden ist, ergibt sich die Zuständigkeit des Bundesverwaltungsgerichtes zu deren Erledigung.
Gemäß § 6 Bundesverwaltungsgerichtsgesetz, BGBl. I 2013/10 (BVwGG) entscheidet das Bundesverwaltungsgericht durch Einzelrichter, sofern nicht in Bundes- oder Landesgesetzen die Entscheidung durch Senate vorgesehen ist. Gegenständlich liegt somit Einzelrichterzuständigkeit vor.
Das Verfahren der Verwaltungsgerichte mit Ausnahme des Bundesfinanzgerichtes ist durch das Verwaltungsgerichtsverfahrensgesetz, BGBl. I 2013/33 i.d.F. BGBl. I 2013/122 (im Folgenden: VwGVG), geregelt (§ 1 leg.cit.). Gemäß § 58 Abs. 2 VwGVG bleiben entgegenstehende Bestimmungen, die zum Zeitpunkt des Inkrafttretens dieses Bundesgesetzes bereits kundgemacht wurden, in Kraft.
Gemäß § 17 VwGVG sind, soweit in diesem Bundesgesetz nicht anderes bestimmt ist, auf das Verfahren über Beschwerden gemäß Art. 130 Abs. 1 B-VG die Bestimmungen des AVG mit Ausnahme der §§ 1 bis 5 sowie des IV. Teiles, die Bestimmungen der Bundesabgabenordnung - BAO, BGBl. Nr. 194/1961, des Agrarverfahrensgesetzes - AgrVG, BGBl. Nr. 173/1950, und des Dienstrechtsverfahrensgesetzes 1984 - DVG, BGBl. Nr. 29/1984, und im Übrigen jene verfahrensrechtlichen Bestimmungen in Bundes- oder Landesgesetzen sinngemäß anzuwenden, die die Behörde in dem dem Verfahren vor dem Verwaltungsgericht vorangegangenen Verfahren angewendet hat oder anzuwenden gehabt hätte.
Gemäß § 28 Abs. 1 VwGVG hat das Verwaltungsgericht die Rechtssache durch Erkenntnis zu erledigen, sofern die Beschwerde nicht zurückzuweisen oder das Verfahren einzustellen ist.
Gemäß § 3 Abs. 1 AsylG 2005 ist einem Fremden, der in Österreich einen Antrag auf internationalen Schutz gestellt hat, soweit dieser Antrag nicht bereits gemäß §§ 4, 4a oder 5 zurückzuweisen ist, der Status des Asylberechtigten zuzuerkennen, wenn glaubhaft ist, dass ihm im Herkunftsstaat Verfolgung i.S.d. Art. 1 Abschnitt A Z. 2 Genfer Flüchtlingskonvention (GFK) droht. Gemäß § 3 Abs. 3 AsylG 2005 ist der Asylantrag bezüglich der Zuerkennung des Status des Asylberechtigten abzuweisen, wenn dem Fremden eine innerstaatliche Fluchtalternative (§ 11 AsylG 2005) offen steht oder wenn er einen Asylausschlussgrund (§ 6 AsylG 2005) gesetzt hat.
Flüchtling i.S.d. Art. 1 Abschnitt A Z 2 GFK (i.d.F. des Art. 1 Abs. 2 des Protokolls über die Rechtsstellung der Flüchtlinge BGBl. 78/1974) - deren Bestimmungen gemäß § 74 AsylG 2005 unberührt bleiben - ist, wer sich "aus wohlbegründeter Furcht, aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder der politischen Gesinnung verfolgt zu werden, außerhalb seines Heimatlandes befindet und nicht in der Lage oder im Hinblick auf diese Furcht nicht gewillt ist, sich des Schutzes dieses Landes zu bedienen; oder wer staatenlos ist, sich außerhalb des Landes seines gewöhnlichen Aufenthaltes befindet und nicht in der Lage oder im Hinblick auf diese Furcht nicht gewillt ist, in dieses Land zurückzukehren."
Zentrales Element des Flüchtlingsbegriffs ist die "wohlbegründete Furcht vor Verfolgung."
Eine Furcht kann nur dann wohlbegründet sein, wenn sie im Licht der speziellen Situation des Asylwerbers unter Berücksichtigung der Verhältnisse im Verfolgerstaat objektiv nachvollziehbar ist. (vgl. zB. VwGH 22.12.1999, 99/01/0334; 21.12.2000, 2000/01/0131; 25.1.2001, 2001/20/0011). Es kommt nicht darauf an, ob sich eine bestimmte Person in einer konkreten Situation tatsächlich fürchtet, sondern ob sich eine mit Vernunft begabte Person in dieser Situation aus Konventionsgründen fürchten würde. Unter Verfolgung ist ein ungerechtfertigter Eingriff von erheblicher Intensität in die zu schützende persönliche Sphäre des einzelnen zu verstehen. Erhebliche Intensität liegt vor, wenn der Eingriff geeignet ist, die Unzumutbarkeit der Inanspruchnahme des Schutzes des Heimatstaates zu begründen.
Die Verfolgungsgefahr muss ihre Ursache in einem der Gründe haben, welche Art. 1 Abschnitt A Z 2 GFK nennt (VwGH 09.09.1993, 93/01/0284; 15.03.2001, 99/20/0128); sie muss Ursache dafür sein, dass sich der Asylwerber außerhalb seines Heimatlandes bzw. des Landes seines vorigen Aufenthaltes befindet. Die Verfolgungsgefahr muss dem Heimatstaat bzw. dem Staat des letzten gewöhnlichen Aufenthaltes zurechenbar sein (VwGH 16.06.1994, 94/19/0183, 18.02.1999, 98/20/0468).
Nach der ständigen Judikatur muss die Verfolgung, um asylrelevant zu sein, nicht zwingend von staatlichen Institutionen ausgehen. Die Schutzbedürftigkeit ist auch bei Verfolgung durch nichtstaatliche Akteure gleich, da es für den (potentiell) Verfolgten keinen Unterschied macht, von wem die Verfolgung ausgeht, wenn der Staat nicht in der Lage oder nicht willens ist, die Verfolgung zu verhindern. In beiden Fällen ist es dem BF nicht zumutbar, sich des Schutzes des Heimatlandes zu bedienen (vgl. VwGH 22.03.2000, 99/01/0256; VwGH 6.3.2001, 2000/01/0056; VwGH 4.4.2001, 2000/01/0301; VwGH 26.2.2002, 99/20/0509; VwGH 28.10.2009, 2006/01/0793). Dass es bei drohenden Übergriffen durch die Taliban seitens des afghanischen Staates aktuell am Willen bzw. an der Fähigkeit, ausreichenden Schutz zu gebieten, mangelt, ist amtsbekannt und lässt sich aus den aktuellen Länderfeststellungen entnehmen. Die afghanische Regierung ist weit davon entfernt, ihren Bürgerinnen und Bürgern Sicherheit und Schutz vor Menschenrechtsverletzungen bieten zu können. (Vgl. Bericht der Schweizer Flüchtlingshilfe, Afghanistan, vom 30.09.2013).
Gemäß § 11 Abs. 1 AsylG 2005 ist ein Antrag auf internationalen Schutz abzuweisen, wenn Asylwerbern in einem Teil ihres Herkunftsstaates vom Staat oder sonstigen Akteuren, die den Herkunftsstaat oder einen wesentlichen Teil des Staatsgebietes beherrschen, Schutz gewährleistet werden, und ihnen der Aufenthalt in diesem Teil des Staatsgebietes zugemutet werden kann (Innerstaatliche Fluchtalternative). Schutz ist gewährleistet, wenn in Bezug auf diesen Teil des Herkunftsstaates keine wohlbegründete Furcht nach Art. 1 Abschnitt A Z 2 GFK vorliegen kann und die Voraussetzungen zur Zuerkennung des Status des subsidiär Schutzberechtigten (§ 8 Abs. 1) in Bezug auf diesen Teil des Herkunftsstaates nicht gegeben sind. Bei der Prüfung, ob eine innerstaatliche Fluchtalternative gegeben ist, ist auf die allgemeinen Gegebenheiten des Herkunftsstaates und auf die persönlichen Umstände der Asylwerber zum Zeitpunkt der Entscheidung über den Antrag abzustellen (§ 11 Abs. 2 leg.cit.)
Die Verfolgungsgefahr steht mit der wohlbegründeten Furcht in engstem Zusammenhang und ist Bezugspunkt der wohlbegründeten Furcht. Eine Verfolgungsgefahr ist dann anzunehmen, wenn eine Verfolgung mit einer maßgeblichen Wahrscheinlichkeit droht, die entfernte Möglichkeit einer Verfolgung genügt nicht. (VwGH 21.12.2000, 2000/01/0131; 25.1.2001, 2001/20/0011).
Es sei weiters betont, dass die Glaubwürdigkeit des Vorbringens die zentrale Rolle für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft und Asylgewährung einnimmt (VwGH vom 20.06.1990, Zl. 90/01/0041).
Die Wortfolge "glaubhaft zu machen" ist dahingehend zu verstehen, dass der Antragsteller die Behörde von der Wahrscheinlichkeit - und nicht etwa von der Richtigkeit - des Vorliegens einer bestimmten Tatsache zu überzeugen hat (VwGH Zl. 2004/10/0114 vom 09.09.2009, VwGH Zl. 2005/04/0120 vom 15.09.2006).
Wie bereits im Rahmen der Beweiswürdigung ausgeführt, ist es dem BF gelungen, wohlbegründete Furcht vor Verfolgung aus Gründen der GFK glaubhaft zu machen.
Im gegenständlichen Verfahren droht die Verfolgung deswegen, weil der BF nicht bereit war und ist, mit der regierungsfeindlichen Gruppierung der Taliban im Kampf gegen die amerikanische Besatzungsmacht zusammenzuarbeiten, sondern sich - ebenso wie der Rest der Familie - dafür entschieden hat, für die Regierung zu arbeiten. Er wird daher wegen seiner politischen Gesinnung verfolgt.
Als "politisch" kann jede Gesinnung qualifiziert werden, die für den Staat und das Gemeinwesen von Bedeutung ist (vgl. VwGH 12.9.2002, 2001/20/0310). Um dem Schutzgedanken der GFK gerecht zu werden, darf dabei der Begriff "Staat" nicht zu eng ausgelegt werden, sondern es sind dem Staat auch alle Gruppierungen gleichzuhalten, die faktisch im Staatsgebiet oder einem Teil desselben die Macht ausüben und das Gemeinwesen ordnen. In weiten Teilen Afghanistans - unter anderem auch in Nangarhar, der Herkunftsprovinz des BF - üben die Taliban faktisch die Macht aus, sie repräsentieren in diesem Sinne gleichsam den "Staat". Wer durch sein Verhalten oder durch seine nach außen zu Tage getretene Einstellung zu verstehen gibt, dass er mit den Handlungen des Taliban-Regimes nicht einverstanden ist, offenbart damit eine "politische Gesinnung".
Die Furcht vor Verfolgung ist im Falle des BF auch objektiv betrachtet wohlbegründet. Eine Vergleichsperson in der gleichen Lage wie der BF - nämlich der Sohn eines für die Regierung tätigen Polizisten, der selbst seit einiger Zeit für das Unterrichtsministerium tätig ist, und zu erkennen gegeben hat, dass er nicht gewillt ist, mit der regierungsfeindlichen Gruppierung der Taliban zusammen zu arbeiten - würde sich regelmäßig vor der Verfolgung durch die Taliban fürchten. Dies umso mehr, da Nangarhar zu jenen Provinzen des Landes zählt, in denen die Taliban sehr großen Einfluss haben und gleichsam die staatliche Gewalt ausüben. Außerdem gehört der BF als Person, die einerseits für die Regierung tätig ist und andererseits noch dazu für das Unterrichtsministerium arbeitet, also bei der vermutet werden kann, dass sie die Weitergabe und Verbreitung von islamischen Grundsätzen, Normen und Werten in einem Sinn, der nicht der Auslegung durch die Taliban entspricht, unterstützt, gleich in zweifacher Weise zu den gemäß den Länderfeststellungen besonders gefährdeten Personen (vgl. UNHCR [HCR/EG/AFG/13/01], "Richtlinien zur Feststellung des internationalen Schutzbedarfs afghanischer Asylsuchender vom August 2013").
Auch der Umstand, dass zwischen dem auf den BF und dessen Bruder verübten Attentat und dem tatsächlichen Verlassen des Landes 4 Monate verstrichen sind, kann an der Wohlbegründetheit der Furcht nichts ändern. Zwar wird die Voraussetzung wohlbegründeter Furcht in der Regel tatsächlich nach der ständigen Rechtsprechung nur dann erfüllt, wenn zwischen den Umständen, die als Grund für die Ausreise angegeben werden, und der Ausreise selbst ein zeitlicher Zusammenhang besteht (vgl. VwGH vom 19.10.2000, 98/20/0430), da aber der BF glaubhaft angegeben hat, dass der Entschluss zur Flucht nicht allein auf diesem Ereignis basierte, sondern auch auf den in der Folge weiterhin an den Vater des BF gerichteten Drohungen durch die Taliban, kann als "fluchtauslösendes Ereignis" nur die Summe aller Vorfälle, also die Attentate in Verbindung mit den Drohungen, angesehen werden. Bei dieser Betrachtungsweise ist auch im vorliegenden Fall der erforderliche zeitliche Zusammenhang zwischen fluchtauslösendem Ereignis und Verlassen des Landes gegeben.
Dem BF steht auch keine innerstaatliche Fluchtalternative offen, da er weder über ein ausreichendes soziales Netz außerhalb seiner Heimatregion verfügt, noch sich gefahrlos in einer der größeren Städte des Landes niederlassen kann, weil es aufgrund der in Afghanistan vorherrschenden Stammesgesellschaft mit nahen Familiennetzen auch für die Taliban kein allzu großes Problem darstellt, jemanden zu finden, wenn sie es wirklich wollen. (vgl. Danish Immigration Service, Report from Danish Immigration Service¿s fact finding mission to Kabul, vom 29.05.2012).
Anhand der Ermittlungsergebnisse ist daher davon auszugehen, dass sich der BF aus wohlbegründeter Furcht vor asylrechtlich relevanter Verfolgung außerhalb seines Herkunftsstaates befindet und im Hinblick auf diese Furcht nicht gewillt ist, nach Afghanistan zurückzukehren. Es sind auch keine Hinweise auf das Vorliegen von etwaigen Asylausschlussgründen im Sinne des § 6 AsylG 2005 hervorgekommen.
Dem BF war daher gemäß § 3 Abs. 1 AsylG 2005 der Status des Asylberechtigten zuzuerkennen. Gemäß § 3 Abs. 5 AsylG war die Entscheidung über die Asylgewährung mit der Feststellung zu verbinden, dass dem Fremden damit kraft Gesetzes die Flüchtlingseigenschaft zukommt.
Es war daher gemäß Spruchpunkt A) zu entscheiden.
3.3. Zu Spruchpunkt B) (Unzulässigkeit der Revision):
Gemäß § 25a Abs. 1 VwGG hat das Verwaltungsgericht im Spruch seines Erkenntnisses oder Beschlusses auszusprechen, ob die Revision gemäß Art. 133 Abs. 4 B-VG zulässig ist. Der Ausspruch ist kurz zu begründen.
Die Revision ist gemäß Art 133 Abs. 4 B-VG nicht zulässig, weil die Entscheidung nicht von der Lösung einer Rechtsfrage abhängt, der grundsätzliche Bedeutung zukommt. Weder weicht die gegenständliche Entscheidung von der bisherigen Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes ab, noch fehlt es an einer Rechtsprechung; weiters ist die vorliegende Rechtsprechung des Verwaltungsgerichtshofes auch nicht als uneinheitlich zu beurteilen. (vgl. dazu die jeweils zitierten Erkenntnisse des VwGH). Auch liegen keine sonstigen Hinweise auf eine grundsätzliche Bedeutung der zu lösenden Rechtsfrage vor.
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